Bob Marley & The Wailers - Catch A
Fire
Classic Albums DVD (Eagle - DVD 2003) 60min
Diese Dokumentation
zeichnet die Entstehung des gleichnamigen Albums nach, das den Wailers,
aber vor allem Bob Marley 1972 den weltweiten Durchbruch bescherte.
"Catch A Fire" nimmt eine besondere Stellung in der Reggae-Geschichte
ein, da es zugleich ein Meilenstein wie ein Kuriosum ist. Zum einen
war es ein weiteres (wenn nicht sogar das) Ereignis, das dem Reggae
außerhalb Jamaikas etablierte (nach den Singles "Isrealites"
von Desmond Dekker, "The Return of Django" von Lee Perry &
den Upsetters oder dem Film "The Harder They Come" mit Jimmy
Cliff); zum anderen war das Album in seiner auf Island veröffentlichten
internationalen Version genau genommen kein echter Reggae mehr, wie
er 1972 auf Jamaika gemacht wurde, sondern eine ‚gezähmte' Version,
die von Produzent und Labelchef Chris Blackwell und Bob Marley durch
Hinzuziehen von weißen Studiomusikern an die Hörgewohnheiten
vor allem des amerikanischen Marktes angepasst wurde (was Marley im
Jahr zuvor mit der Single "Reggae On Broadway" für CBS
bereits versucht hatte - allerdings erfolglos). Das Resultat war, dass
vor allem weiße Mittelstands-Kids auf die neue Musik abfuhren,
ein Dilemma, das Marley nicht vorhergesehen hatte und das seine Musik
in den folgenden Jahren immer wie einen Balanceakt zwischen schwarzen
Messages und weißer Käuferschicht erscheinen ließ.
Wer wissen will, wie "Catch A Fire" vor seinem Aufenthalt
auf der akustischen Beautyfarm klang, ist mit der vor ein paar Jahren
erschienenen Deluxe-2CD des Albums gut beraten, die sowohl die jamaikanische
Urversion wie auch die ‚remixte' internationale Version enthält.
Die vorliegende DVD ist quasi die visuelle Umsetzung dieser Doppel-CD.
Neben fast allen (über)lebenden Musikern (Bunny Livingston, Aston
‚Family Man' Barrett, Robbie Shakespeare, etc. auf jamaikanischer Seite,
John ‚Rabitt' Bundrick und Wayne Perkins von den Session-Musikern) kommen
auch Produzent Chris Blackwell und Toningenieur Tony Platt zu Wort.
Sie erzählen Anekdoten und demonstrieren am Mischpult was Original
und was Overdub ist, wie die einzelnen Elemente zusammenspielen etc.
Man sieht Blackwell förmlich an, wie er die ganze Zeit versucht,
das Wort ‚abgeschwächt' bei der Beschreibung des Remixes zu vermeiden,
es schließlich aber doch benutzt. Gespickt wird das Ganze mit
Ausschnitten aus zwei TV-Konzerten (die üblichen, von denen man
bereits in den Marley-Dokus "Time Will Tell" und "Rebel
Music" Ausschnitte gesehen hat) und (ausgiebiger) von einem Live-Konzert
in London 1973 (s/w-Material, das mir bisher unbekannt war). Interessant
auch die vielen Homevideo-Ausschnitte aus den frühen 70ern aus
London und Jamaika, mit denen schon Rebel Music verblüffte - Marley
mit Akustikgitarre, im Auto, beim Baden... unwillkürlich fragt
man sich, wer da so viel gefilmt hat und wozu? Vielleicht hat Blackwell
bereits die Kostbarkeit solchen Materials 30 Jahre später geahnt...
womit wir wieder bei einer zentralen Aussage auch dieses Films wären:
Es wird klar, dass es europäische Geschäftsmänner waren,
die den Handelswert einer afrikanisch-karibischen Kultur erkannten und
diese auch zu vermarkten wussten; das war vor dem Reggae bereits im
Jazz, Blues und Calypso so gewesen. Aber man erfährt auch, was
man schon oft gelesen oder zumindest immer geahnt hat: Dass Marley all
die Kompromisse bewusst einging. Auch wenn Blackwell hier selbst zugibt,
dass er die jamaikanische Urversion des Albums lieber hört, so
kommen ihm und Marley aus der Retrospektive der Verdienst zu, damals
eine Tür aufgestoßen zu haben, die den Reggae ins Bewusstsein
einer breiten Schicht brachte. Auch meine erste Reggae-Platte war ein
Marley-Album. Warum das so sein musste, ist mir seit dieser Dokumentation
klar.
Ralf Bei der Kellen