On The Beach, Hills And Valleys, Kingston Town – ein jamaikanisches Wintermärchen

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On The Beach, Hills And Valleys, Kingston Town – ein jamaikanisches Wintermärchen

Die Überschrift zitiert nicht nur bekannte Reggae Classics, sondern fängt auch perfekt die drei Etappen meiner Jamaika-Reise im vergangenen März ein. Täglich, stündlich, minütlich regnete es da Eindrücke, die mich in ihrer Intensität vollkommen umhauten. Ich versuche hiermit, einige davon festzuhalten, müsste aber eigentlich ein ganzes Buch schreiben, um allen Facetten dieses Abenteuers gerecht zu werden…

Tag 1

Ankunft in Montego Bay. Nach der spätwinterlichen Kälte in der Heimat ist die Luft hier eine Offenbarung. Wie ein Mantel aus warmem, dunklem Samt umschmeichelt sie uns, obwohl es schon 22 Uhr Ortszeit ist. Wie verabredet halten wir Ausschau nach unserem Fahrer McKenzie, der schon lächelnd wartet und uns auf unsere erste Fahrt durchs nächtliche Jamaika entführt. Im Mount Salem Guesthouse angekommen heißt es nur noch einchecken und ins Bett fallen.

Blick von der Terasse des Mount Salem Guest House

Tag 2

Aufwachen, allein zum Supermarkt gehen und beim Krankenhaus Geld abheben: wir sind stolz auf uns! Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Plantains, Bun & Cheese und Blue Mountain Coffee geht’s (natürlich) erstmal zum Strand. Der erste ist bis auf das herrliche Wasser nicht so schön. Alle 15 Minuten nähert sich ein Flieger im Tiefflug und bringt mehr Touristen ins Land (interessant, wie wir uns schon gar nicht mehr dazu zählen), und als es anfängt zu regnen, gehen wir ein Stück die Straße runter. Wir holen uns ein total überteuertes, aber leckeres Essen und lassen uns damit an einem anderen, viel schöneren Strand nieder. Anfangs halten wir allein die Stellung, wechseln uns mit Baden und Auf-die-Sachen-Aufpassen ab und versuchen, den mehr oder weniger netten Anmachen zu begegnen. Zu Beginn noch relativ höflich und tapfer freundlich lächelnd, nach dem dritten unlauteren Angebot (über Handwerkskunst, Gras und “Jamaican Bamboo” könnten wir so ziemlich alles käuflich erwerben) entsprechend genervt. Amüsiert beobachtet uns ein junger Familienvater, der schließlich die ritterliche Einladung ausspricht, uns zu ihm zu setzen. Wir nehmen dankbar an, gesellen uns zu seiner Familie, und ab da hält sich das Hustling in Grenzen.

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Am späten Nachmittag, auf der Suche nach dem Taxistand. Uns begegnet, wie sich herausstellt, ein Freund unseres Herbergsvaters Sam. Was für ein Zufall! Er erklärt sich bereit, uns zum gesuchten Ziel zu bringen – wie nett! Erst als wir an der dritten Sehenswürdigkeit Halt machen und er uns mit leiser Stimme etwas über die ersten Engländer erzählt, die hier ankamen, schwant uns was… der will Kohle für eine ungebetene Sightseeing-Tour! Höflich aber bestimmt brechen wir an der Stelle ab, drücken ihm einen jamaikanischen 100-$-Schein in die Hand (ca. 1 Euro) und marschieren in die Richtung davon, in der wir die Taxen vermuten. Bingo! Nach einem kleinen Diner-Imbiss besuchen wir die anderen Hostelgäste. Wir lernen Sheela und Summer kennen, eine Amerikanerin, die sich hier von eine Fuß-OP erholt, und zwei Schweizer Jungs, die am nächsten Tag eine Ganja-Farm besuchen wollen.

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Tag 3

Monday, Monday. Mit McKenzie haben wir einen Tagesausflug zu den Ys River Falls besprochen. Wir laden die zwei Ladies vom Vortag ein und sie schließen sich uns gern an. Nach einer guten Stunde Fahrt durch die herrliche Landschaft der St. James und St. Elizabeth Parishes (ich muss mich zusammenreißen, nicht an jeder Straßenbiegung “Stop! I wanna take some pictures!” zu rufen) erreichen wir gegen Mittag die heiß ersehnten Wasserfälle. Leider, leider sind die geschlossen – Montag ist Ruhetag! Die Enttäuschung mischt sich mit Unverständnis (wie, bitte, können Wasserfälle zu haben?), aber einer der Guards hat offensichtlich Mitleid mit uns und weist den Weg zu einer Biegung im Fluss, in der man baden kann. Was wir auch tun! Das sind zwar eher Stromschnellen als echte Fälle, aber dafür ganz umsonst. Und das Wasser ist trotzdem herrlich erfrischend.

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Danach geht’s ab zum Appleton Estate, das nicht weit entfernt ist und von wo der weltberühmte Rum kommt. Wir decken uns im Shop mit flüssigen Kostbarkeiten ein und setzen uns dann an die Bar, um den kostenlosen Rumpunsch zu trinken, der eigentlich den brav zahlenden Estate-Tour-Besuchern vorbehalten ist. Der Barmann schöpft nach dem 3. Nachschlag Verdacht, kann sich unserem geballten Charme aber nicht entziehen und schenkt großzügig auch eine vierte und fünfte Runde aus. Während die Hälfte unserer Reisegesellschaft sich also die Kante gibt, schlendern Summer und ich über das wirklich schöne Firmengelände. Summer versucht, den ebenfalls dahinschlendernden Pfau zum Radschlagen zu bewegen, aber er will nicht. Sieht auch ohne Rad prächtig aus!

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Auf meinen Wunsch hin fahren wir noch kurz durch die Bamboo Avenue – ist das schön! Auf 4 Kilometern ist die Straße zu beiden Seiten mit Bambus bewachsen, dessen Äste sich in der Mitte treffen, so dass ein langer, grüner Tunnel entsteht. Dann geht es zurück Richtung Mobay (dachten wir). Ein kurzer Halt an einer Fischgrillküche am Straßenrand beschert uns volle Bäuche und meiner Freundin ein besonderes Geschmackshighlight: Bammys! Als Glutenallergie-Patientin darf sie ja nix mit Weizenmehl, und Jamaika ist da echt ein Paradies. Bammys zum Beispiel sind flache Fladen aus Cassava-Wurzeln, die man wahlweise toasten, dämpfen oder braten kann. Perfekt!

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Die nächste Station ist eine Überraschung unseres Fahrers: McKenzie bringt uns zum Peter Tosh Memorial! Der nach Bob Marley wohl bekannteste jamaikanische Reggae-Star wurde in seinem Haus in Bluefields an der Südküste zur ewigen Ruhe gebettet. Alles sehr gepflegt und ordentlich, und wir zahlen gern den geforderten Obulus. Bevor es weitergehen kann, muss schnell noch ein Reifen gewechselt werden. Wir genießen die Zwangspause am Strand, hüpfen sogar kurz ins Wasser. Himmlisch! Zurück in Mount Salem sitzen wir dann abends wieder entspannt mit der Bethel-Court-Runde – zum letzten Mal!

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Tag 4

Im Busterminal schlagen wir uns wacker. Wir ergattern drei Plätze (zwei für uns, einen für unser Gepäck) in einem lokalen Überlandbus und erleben erstaunt mit, wie dieser Stück für Stück, Platz für Platz vollgepfropft wird. Ein bunter Querschnitt durch die jamaikanische Mittelschicht quetscht sich auf die abgenutzten Sitze: die Oma vom Land mit Kartons und Tüten, ein Mädchen in Schuluniform, ein smartphone-süchtiger Beau, ein älteres Pärchen, ein jüngeres Pärchen (das von einem Muskelprotz getrennt wird, der sich dreist zwischen sie drängelt) und eine aufgetakelte Diva, wegen der sich die Abfahrt verzögert, da sie mit ihrem Platz nicht einverstanden ist. Wir können erst los, als ein vernünftiger Mann aus der ersten Reihe aufsteht und ihr seinen Platz anbietet. Nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen haben, folgen wir der A1, die sich an der nördlichen Küste entlang schlängelt. 100 km sind es ca. bis Ocho Rios, aber die Fahrt wird durch eine Verkehrskontrolle unterbrochen. Alle müssen aussteigen, Taschen werden inspiziert, Leute befragt. Es wird aber nichts gefunden, und so können wir schnell weiter.

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Am Busterminal in Ochi wartet der Bruder einer Hamburger Freundin auf uns. Er begleitet uns zum Reggae-Hostel, das ich auf McKenzie’s Empfehlung hin gebucht habe. Alles in rot-gelb-grün gehalten und an der Rezeption steht sogar eine Gitarre. Direkt einchecken und ab zum Strand! Der ist aber leider nicht so toll. Links von uns ist ein Kreuzfahrt-Terminal, rechts eine Riesen-Baustelle. Man darf auch nicht raus schwimmen (da wo die Absperrung beginnt, kann man noch stehen!) und zu allem Überfluss will dann auch noch so eine blöde Feuerqualle mit mir kuscheln. Au, das brennt! Der Bademeister schickt mich zu einer massiven Sanitäterin, die meinen Arm mit Essig abreibt, etwas Salbe aufträgt und mir für alle Fälle noch einen Schluck rosa Anti-Allergie-Medizin verabreicht. Hilft sofort! Abends schlendern wir zum “Oceans 11”, wo eine Karaoke-Party stattfinden soll. Zum Glück sind wir früh da, denn das Warm-Up ist eine prima 90er-Dancehall-Selection. Das Karaoke selbst ist anfangs erträglich, später peinlich. Eine beleibte Dame im viel zu engen Piratinnen-Kostüm kommt so richtig in Fahrt, aber als ich mich schon fremdschämen will, denke ich daran, wie viel Spaß sie und ihre Freunde haben. Und darauf kommt es ja an!

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Tag 5

Die Rezeption hat uns ein Taxi bestellt, das uns zum sagenumwobenen Blue Hole bringen soll. Meine Freundin besteht auf ihr Wasserfall-Erlebnis, und die Touri-überlaufenen Dunns River Falls wollen wir uns ersparen. Auf dem Weg in die Berge sammeln wir an einer Kreuzung Kevin auf. Er entpuppt sich zufällig als Besitzer / Manager des Blue Hole und gibt uns prompt eine Privatführung. Es ist relativ leer (da die Sonne mal nicht scheint), so dass wir die Schönheit dieses Ortes fast allein in uns aufnehmen können. Und hier verlassen mich die Worte, denn das muss man erlebt haben. Ist das atemberaubend!!!

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Wir durchwaten und -schwimmen die verschiedenen Becken des Flusses (ich traue mich sogar, in das ca. 6 Meter tiefe Loch zu springen, das da ausgewaschen wurde), tauchen durch die Wasserfälle hindurch in Höhlen ab und klettern über große Felsen, Kevin immer vorneweg und mit meiner Kamera in der Hand. Die Sorge um selbige erweist sich als unbegründet; der Mann ist ein ausgezeichneter Schwimmer (auch einhändig) und außer ein paar Spritzern bekommt mein “Baby” nix ab. Dafür haben wir dann einen Haufen Fotos, und während wir uns ächzend hinter ihm her durch ein Loch in einer Seitenwand zwängen, sitzt er schon auf der anderen Seite und knipst grinsend. Noch Stunden nach diesem Erlebnis sind wir wie benommen von so viel Schönheit, und irgendetwas in dem Wasser lässt unsere Haut angenehm prickeln. Zurück in Ochi spazieren wir ein wenig durch die Stadt, holen wir uns was zu essen und fahren abends mit Chris und 3 anderen Hostel-Gästen zum Crates Beach, wo ein DJ-Clash zwischen den Lokalgrößen DJ Asher und DJ Nico BamBam stattfindet.

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Tag 6

Auf nach Spanish Town! Einer spontanen Eingebung folgend haben wir den Freund eines Bekannten von mir, dem wir ein Päckchen aus Hamburg übergeben sollen, telefonisch gefragt, ob wir eine Nacht bei ihm übernachten könnten, denn in Kingston werden wir erst morgen erwartet. Nach anfänglichem Zögern (es war ihm wohl unangenehm, dass er in ganz einfachen Verhältnissen lebt und nichts der Komforts aufzuweisen hat, die in seinen Augen Touristen wohl brauchen) ließ er sich darauf ein, uns zu beherbergen, und vergnügt checken wir aus und marschieren in Richtung Busbahnhof. Wir finden einen guten Platz im Bus und zuckeln die folgenden 90 Minuten durch die jamaikanische Vegetation. Wieder innerliche Aaaahs und Oooohs am laufenden Band und mehr Motive, als ich festhalten kann. Hier ist einfach jeder Quadratzentimeter bewachsen! In Spanish Town angekommen warten wir erstmal auf Dash, gehen noch kurz einkaufen, und fahren dann mit einem klapprigen Taxi in die Berge. Immer höher hinauf schraubt sich die Straße, bis sie kurz hinter Point Hill zu Ende ist und wir zu Fuß weiter kraxeln. Dashs Schwester und deren Töchter, die gerade von der Schule kommen, begleiten uns. Nach 15 Minuten erreichen wir die Spitze des Hügels, wo Dash und seine Schwester wohnen. Wir laden unsere Sachen in der Hütte ab und sind sogleich wieder draußen, um erneut Augen, Ohren und Nase in der unbeschreiblichen Herrlichkeit der Natur schwelgen zu lassen. Dash gibt uns zunächst eine umfassende Führung über seine Farm, gräbt hier eine Knolle aus, pflückt dort ein paar Blätter ab und lässt uns Früchte wie Jamaican Apples oder Jackfruit kosten. Paradiesisch!

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Dash entspannt sich inzwischen – die Begeisterung, die dieses Stückchen Erde in uns hervorruft, ist wohl allzu offensichtlich. Für ihn ist es sicher auch das erste Mal, Ausländer zu erleben, die auch ohne fließend Wasser, TV und WLAN rundum zufrieden sind. Dann macht der junge Mann sich auf der offenen Feuerstelle ans Kochen, und bald duftet es verführerisch nach Ackee, Saltfish, Gemüse und gerösteter Brotfrucht. Als das Essen um den Sonnenuntergang rum fertig wird, haben wir wirklich Hunger, aber nicht nur deswegen schmeckt es himmlisch. Als wäre das extra für uns inszeniert, schiebt sich ein riesiger Vollmond über den Horizont, und in dessen Licht sitzen wir bis weit nach Mitternacht um die Feuerstelle herum und reden und reden und reden, bis wir irgendwann müde und glücklich ins Bett fallen.

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Tag 7

Aufstehen zu den Klängen der Natur: die Hühner glucken vor sich hin, diverse Vögel zwitschern, in der Ferne bellt ein Hund. Ich verlasse den kühlen Schatten des Hauses und stehe sogleich im hellen Sonnenlicht. Vor meinen Augen landet ein Kolibri auf einer knallroten Blüte und holt sich sein Frühstück ab. Das unsrige besteht aus den Resten von gestern, die Dash uns mit gerösteten Brotfrucht-Scheiben serviert. Besonders für meine Freundin ist das ein Traum – kein glutenverseuchtes Brot, keine Brötchen, nix was sie nicht essen kann. Wir erkunden erneut die nähere Umgebung, besuchen den Nachbarn und lassen uns zum Mittag noch einmal von Dashs Kochkünsten verwöhnen. Halb 3 sind wir mit dem Taxifahrer von gestern verabredet, der uns nach Kingston bringen wird, so dass wir nach dem Essen zusammenpacken und schweren Herzens von der Farm Abschied nehmen. Verzögert wird die Abreise durch eine Schuhputz-Aktion – die weißen Chucks meiner Freundin wurden von der rotbraunen Erde arg in Mitleidenschaft gezogen, und, so Dashs kopfschüttelndes Urteil, so kann man sich auf keinen Fall in der Hauptstadt blicken lassen. Also Schuhe aus, unter fachkundiger Anleitung gesäubert und dann so gut wie neu wieder an die Füße. Jamaikaner sind allesamt Schuhfetischisten!

Die Taxifahrt verläuft gedämpft, denn wir freuen uns nicht sonderlich darauf, uns von Dash zu verabschieden. Auch wenn wir uns erst seit gestern kennen, ist doch schon eine tiefe gegenseitige Freundschaft entstanden, und uns ist klar, dass die nächsten Tage in der Hauptstadt ein krasses Kontrastprogramm zu der in den letzten Stunden erlebten ländlichen Idylle bedeuten.

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Gute zwei Stunden später erreichen wir den mit unserer nächsten Gastgeberin vereinbarten Treffpunkt im Bankenviertel von Kingston. Vor einem KFC halten wir an, und ich öffne erwartungsvoll die Autotür – zu schnell, wie sich herausstellt. Kurzzeitig hatte ich den Linksverkehr vergessen, und leider suchte sich ein Edel-Jeep genau diesen Moment aus, um heimtückisch am Taxi vorbeizuschleichen. Ganz leicht schrammte nun erwähnte Tür erwähntes Auto, und eventuell war da sogar ein kleiner Kratzer zu sehen… Ich versank vor Schreck erstmal wieder im Rücksitz, während unser Taxifahrer versuchte, den Besitzer des silbernen Jeeps zu beruhigen. Nachdem ich mich wieder gesammelt hatte, setzte ich mein freundlichstes Lächeln auf, ging zu den immer noch lautstark diskutierenden Fahrern und entschuldigte mich herzlich. Ob das nun etwas gebracht hat oder ob des Taxifahrers emsiges Polieren den Ausschlag gab, auf jeden Fall durften wir unbehelligt von dannen ziehen. Also schnappten wir uns unsere Taschen, verabschiedeten uns von Dash, umarmten die inzwischen eingetroffene Gastgeberin Ruby und fuhren mit ihr nach Harbour View, ein Stadtteil ca. 20 Minuten östlich von Kingston. Auf dem Weg dorthin holten wir noch ihren 3-jährigen Sohn vom Kindergarten ab. Wir bezogen glücklich das geräumige Gästezimmer (Doppelbett!) und lernten Sonny kennen, Rubys Neffe, der uns in den nächsten Tagen gegen ein Taschengeld als City Guide zur Verfügung steht. An diesem Abend kochte er ein fantastisches Essen (irgendwie verstehen sich prozentual mehr jamaikanische Männer aufs Kochen als deutsche) und wir machten es uns mit Ruby auf der Couch und später mit Sonny und Schäferhund-Dame Greta im Hinterhof gemütlich.

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Tag 8

Wir machen uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg nach Trench Town, denn dort steht mein erstes Interview mit dem Sänger Torch auf dem Plan (nachzulesen HIER). Treffpunkt ist die dortige Polizei-Station, und mit Sonny im Schlepptau warten wir, bis Torch uns abholt. Er wohnt nur eine Straßenecke weiter, und nach ein wenig Small Talk setzen wir uns unter den Mango-Baum im Hof und los geht’s. Seine süße Tochter ist die ganze Zeit dabei, meine Freundin macht prima Fotos und überhaupt ist das ein gelungener Auftakt in diese zweite Jamaika-Woche.

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Nachdem wir noch eine Weile neue Songs gehört haben, gehen wir wieder zur Straßenecke und warten auf den vereinbarten Abholer Sty, ein Freund von Dash. Nach mehreren Telefonaten klappt das tatsächlich auch, und wir fahren weiter zum Haus von Micah Shemaiah, der als nächstes auf meiner Interview-Liste steht. Sein Domizil an der Clifton Road ist ein typischer “Yard”, also ein Wohnhaus plus Arbeitshaus (in dem Fall ein Studio) samt Hof mit Zaun drum. Im Hof sitzen schon einige Besucher, bei denen Micah sich erstmal umständlich entschuldigt, und dann nimmt er unter einem ausladenden Baum neben mir Platz und wir fangen an zu reden. Was für ein angenehmer Zeitgenosse!

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Auf dem Heimweg machen wir noch kurz auf dem Markt halt und kaufen was fürs Abendbrot (uns allen knurrt inzwischen ordentlich der Magen), und nach einer angenehmen Fahrt im klimatisierten städtischen Bus zaubert Sonny uns ein deftig-leckeres Abendmahl. Nach dem Essen schlendern wir zu einem kleinen Verdauungsspaziergang an den nahe gelegenen (allerdings nicht sehr schönen) Strand, wo ich mich trotz heftiger Wellen kurz ins Wasser begebe. Die geballte Aufmerksamkeit einer Gruppe Jungs vertreibt uns schließlich, aber immerhin finden wir durch sie heraus, dass man auf der anderen Seite viel angenehmer (weil ohne die heftigen Wellen) baden könne. Ich gebe vor, den sich anschickenden Sonnenuntergang zu fotografieren (was ich auch wirklich tue!) und irgendwann ziehen die Jungs ab, so dass wir unbehelligt nach Hause schlendern können. Wir sind ziemlich erledigt von diesem aufregenden Tag, so dass wir nach einem kurzen Erlebnisbericht an Ruby relativ früh ins Bett sinken.

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Tag 9

Sonntag! Ruby und ihr Sohn kränkeln, so dass aus dem geplanten Familienausflug leider nix wird. Rubys Freund nimmt uns dafür am frühen Nachmittag mit zum Wickie Wackie Beach, der keine 2 Meilen entfernt liegt. Dort genießen wir das herrliche Wasser und angenehme Konversation mit einigen Studenten der hiesigen Uni (samt Besuch von irgendwo). Auf dem Strandgelände herrschen entspannte Vorbereitungen für eine geplante Veranstaltung am Abend – Hektik verbreitet hier keiner. Gegen 16 Uhr fahren wir zurück, um uns für erwähntes Event umzuziehen und erneut in Sonnys Kochkünsten zu schwelgen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir es an diesem Abend zum Kingston Dub Club schaffen, aber erstmal geht’s zurück zum Strand, den wir gerade noch rechtzeitig für einen spektakulären Sonnenuntergang erreichen.

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Sobald es ganz finster ist, wird ein großes Feuer entzündet, während der DJ die milde Abendluft mit karibischen Klängen füllt. Das Publikum besteht hauptsächlich aus Mittelständlern in Rubys Alter, die sich ordentlich die Kante geben. Wir hängen mit Sonny rum und tanzen eher zurückhaltend, als ein paar Biker (ja, Biker!) aufkreuzen. Allesamt gut aussehende junge Kerle, die uns prompt einladen, uns zum Dub Club zu bringen. Aber da wir dann immer noch nicht wissen, wie wir wieder nach Hause kommen würden (und vor allem weil wir sooo naiv nicht sind…), lehnen wir, schweren Herzens zwar, dankend ab. Wie zum Trost kommt daraufhin Sonny mit der Ankündigung um die Ecke, dass ein Freund von ihm gleich in Harbour View einen Street Dance veranstalten würde. Street Dance! Meine Freundin hat förmlich Herzchen in den Augen, und kurze Zeit später gehen wir die Straße rauf zu einem kleinen “Corner Shop”, eine Art Kiosk, wo es alles gibt, was man so braucht. Inklusive Musik!

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Es herrscht Volksfeststimmung. Das Bier bzw. der Rum fließt in Strömen, die Musik dröhnt und irgendwer betreibt eine Jerk-Chicken-Tonne. Drei Jungs, die bis dahin jeder für sich getanzt haben, legen auf einmal eine Choreographie hin, dass mir der Mund offen stehen bleibt. Sind die toll! Zu späterer Stunde kreist dann noch – nein, nicht die Flasche und auch kein Joint, hier baut irgendwie jeder seinen eigenen – das Mikro, und jeder der will und sich traut, darf sein Können als Sänger oder Rapper unter Beweis stellen. Wir genießen die Vorstellungen, begeben uns aber irgendwann nach Mitternacht auf den kurzen Heimweg.

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Tag 10

Wir waren mit Sty verabredet, der uns erstmal schön an der Captain’s Bakery (Orange Street) warten ließ, aber das war nicht weiter schlimm, da wir so hautnah mal den Kingstoner Alltag miterleben konnten. Der Coronation Market fängt nämlich an dieser Kreuzung an, und dementsprechend busy ist die Ecke. Ein paar Minibusse standen rum und wurden von rabiaten “Busbegleitern” so schnell wie möglich mit Passagieren gefüllt. Dabei zerrten sie schon mal jemanden am Arm mit sich, bis der- oder diejenige sich beschwerte und alle ganz laut wurden. Als dann ein Polizeiwagen erschien, zischten alle Minibusse plötzlich ab. Sonny erklärte und, dass die da eigentlich gar nicht stehen dürfen. Schließlich tauchte unser Fahrer auf, und wir kamen mit einer knappen halben Stunde Verspätung in Havendale an. Das war aber kein Problem, da mein Interviewpartner, Exile Di Brave, ebensoviel zu spät war. Was für ein netter Kerl! Endlich hab ich auch mal seine Managerin Jacky French kennengelernt – mit ihr hatte ich bisher nur per Mail Kontakt. Das Interview selbst lief super (übrigens wieder unter einem Baum, nachzulesen HIER), viel schöner war aber das Hangout danach. Da kam dann noch der japanische Soundkollege von Exile’s King Harar Sound, Naoto, sowie ein Ungar namens Greg, der mit Handkuss, ewig langen Dreads und strahlend türkisfarbenen Augen mächtig Eindruck hinterließ.

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Wir verabschiedeten uns von Exile und fuhren direkt zurück nach Harbour View, um in Ruhe zu essen, uns umzuziehen und dann erneut aufzubrechen zum Protoje Album Launch. Durch Zufall hatten wir auf dem Weg nach Spanish Town im Radio gehört, dass er heute in Kingston seinen Release feiert, und nach kurzer Rücksprache mit Reggaeville hatte ich einen Reportage-Auftrag in der Tasche. Also in Schale geschmissen, Sonny geschnappt und hin da! Es ging zum Pegasus Garden Hotel, in dessen Gartenanlage die Feierlichkeiten stattfanden. Super organisiert, mit Willkommensdrink (umsonst!) und Pressemappe samt Album. Den Ablauf selber erspare ich euch, der geneigte Leser kann selbigen jedoch HIER nachlesen.

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Nach diesem Empfang nahmen wir uns ein Taxi und fuhren zum Inner City Dub, eine montägliche Veranstaltung mitten in Kingston. Mitten im Ghetto von Kingston, um genauer zu sein, an der Spanish Town Road zwischen dem berüchtigten Tivoli Gardens und Trench Town (also hätten wir vorher gewusst, was die Leute uns im Nachhinein darüber erzählt haben, wären wir da wohl nicht hin…). Es ist auch ein Street Dance, nur ein wenig eindrucksvoller als der in Harbour View. Mehr Leute, größere Boxen(-türme!), lautere Musik, ein Feuer…. Wir treffen Pete und Ellen, die Herausgeber des Riddim-Magazins, und Exile Di Brave wieder und haben eine gute Zeit. Neben den üblichen Straßenverkäufern findet man bei solchen Events auch immer Buch-, Schmuck- und Klamottenstände, die alle mehr oder weniger aus dem Rasta-Netzwerk kommen. Eine effiziente Art und Weise, sich gegenseitig zu unterstützen!

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Irgendwann ergriff eine junge Frau das Mikro und fing an zu singen, und die Gäste setzten sich in Richtung DJ-Pult in Bewegung, um zuzuhören. Wir machten uns auch auf den Weg, als plötzlich ein ganzes Bataillon schwer bewaffneter Soldaten aus dem Nichts erschien, hinter den Boxentürmen an der Wand entlanglief und auf der anderen Seite wieder ins Nichts verschwand. Das war ein ziemlich surrealer Moment, und als wir Sonny fragten, was da los sei, war die lapidare Antwort: “Nichts weiter, da ist sicher wieder irgendwo eine Schießerei.” Uns war dann doch etwas mulmig, und kurze Zeit später riefen wir den Taxifahrer unseres Vertrauens an und fuhren zurück nach Hause (in Jamaika läuft das generell so, dass man 2-3 Nummern von befreundeten oder zumindest bekannten Fahrern hat, die man dann kurzfristig zu sich bestellt, wenn man ein Taxi braucht – funktioniert prima!).

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Tag 11

Nach einem langen, erholsamen Schlaf machten wir uns am frühen Nachmittag wieder auf den Weg zu einem Interview, dieses Mal zu den Big Yard Studios (in denen schon Shaggy aufgenommen hat), wo uns Denver Smith aka Feluké erwartete. Ich habe ihn als Percussionist auf Tour in Deutschland kennen gelernt; nun startet er solo durch. Es war sein erstes richtiges Interview (nachzulesen HIER) und er war ein wenig nervös, aber nach ein paar Minuten hat er sich entspannt und zu scherzen begonnen. Auf dem Weg nach draußen machte mich meine Freundin darauf aufmerksam, dass da Fambo im Hof saß, der Sänger, der mit “I’m Drinking Rum and Red Bull” 2010 einen absoluten Smash-Hit gelandet hatte.

Feluké

Auf dem Weg zum zentralen Busbahnhof machen wir kurz beim Coronation Market Halt, um fürs Abendessen einzukaufen. Das bunte Treiben ist herrlich, und wir gehen von einem Stand zum anderen. Während Sonny hier einen Bund Zwiebeln und dort etwas Gemüse einkauft, bestaunen wir die feilgebotenen Waren: exotische Obst- und Gemüsesorten (von denen ich zum Teil noch nicht mal den Namen kenne), Kleidung, Batterien, Strohbesen – Dinge des alltäglichen Bedarfs eben. Die Sonne steht schon ziemlich tief, was perfektes Fotolicht liefert, aber auch zur Heimkehr mahnt. Den Abend verbringen wir ganz entspannt bei Ruby zu Hause. Meine Freundin hatte sich wohl bei unseren Gastgebern mit dieser komischen 3-Tage-Grippe angesteckt und fühlte sich ein wenig fiebrig, so dass sie früh schlafen ging. Ich nutze die Gelegenheit, den Artikel über den gestrigen Album-Launch zu vollenden und abzuschicken und falle dann auch ins Bett.

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Tag 12

Heute stehen zwei Interviews an, die jedes für sich ein besonderes Highlight sind. Vormittags fahren wir zu den UIM Studios, wo uns Bugle empfängt, ein Artist, den ich letztes Jahr für mich entdeckt habe. Ich war beauftragt, ein Review für sein Debut-Album Anointed zu schreiben, und seine Musik hat mich einfach umgehauen. Wenig verwunderlich also, dass diesmal ich nervös war. Im imposanten Studio wurden wir kurz begrüßt, dann setzten wir uns in den Hinterhof (diesmal ohne Baum) und ich ratterte meine Fragen runter, wobei sich das Gespräch von einer relativ formellen Situation schnell hin zu einem freundschaftlichen Small Talk entwickelte. Am Ende war Bugle soweit aufgetaut, dass er uns noch mal mit ins Studio nahm und uns seine neuesten, damals noch unveröffentlichten Songs vorspielte. Einige davon sind jetzt draußen und werden weltweit gefeiert.

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Nach diesem aufregenden Einstieg geht es nahtlos über in das Treffen mit einer weiteren Legende: Ken Boothe! Sein Manager Philipp, mit dem ich das Interview arrangiert hatte, empfing uns im Vorgarten der eindrucksvollen, wunderschön bemalten Stadtvilla, und kurz darauf stieß auch Mr. Boothe zu uns. Er war derart leger gekleidet (in weißem T-Shirt und Shorts, nicht viel mehr als gemütliche Unterwäsche), dass ich vorsichtshalber fragte, ob wir denn auch Fotos machen dürften – durften wir. Daraufhin entspann sich eine angeregte Diskussion, die viel mehr war als ein bloßes Interview. Wir sprachen über die Situation der “Foundation Artists”, jener Künstler also, die in den 60er und 70er Jahren unglaublich schöne Titel aufnahmen, aber in vielen Fällen nicht die richtigen Verträge unterschrieben und somit keinen Cent der immer noch munter sprudelnden Tantiemen sehen. Viele von ihnen leben heute in bitterer Armut und haben oft nicht einmal das Geld, einen Arzt zu bezahlen – obwohl sie in bestimmten Szenen wie Helden gefeiert werden! Ich erzählte ihm von einer Engländerin, mit der ich in Kontakt stehe. Sie hat eine Petition ins Leben gerufen, die die jamaikanische Regierung und auch die großen Musikkonzerne auffordern will, an dieser Situation etwas zu ändern (HIER unterzeichnen). Ken war begeistert und dankbar und führte uns im Anschluss des Gesprächs durch sein hauseigenes Museum, das Fotos von Reggae-Legenden, Auszeichnungen und goldene Platten beinhaltet. Nachhaltig beeindruckt und tief bewegt traten wir den Heimweg an.

32b

Inzwischen waren wir schon ein wenig besser mit dem Verkehrsnetz vertraut und nutzen anstatt der teuren Taxen die lokalen Busse. Das schont zum einen die Urlaubskasse, beschert uns zum anderen so manche Begegnung mit den Kingstonern. So auch auf der Rückfahrt nach Harbour View: ein kleines Mädchen in der Sitzreihe vor uns war sichtlich interessiert an uns und plapperte ohne Scheu drauf los. Sweet!

Nach einem erneut leckeren Abendbrot werden wir von DJ Paul abgeholt (der Freund von Sonny, der den Harbour View Street Dance beschallt hat) und fahren in die Tiki Hut zum Dubwise Wednesday. Das ist nun völlig nach meinem Geschmack: ein gemütliches, naturbelassenes Ambiente, ein toller DJ namens Yaadcore, auftretende Reggae-Größen wie Jah Bouks und Jah Mason und nette Leute. Unter ihnen ein befreundeter Filmemacher (Jonas Schaul, der gerade mit Kollege Oliver Becker den Dokumentarfilm “Kingston Crossroads” fertig gestellt hat), mit dem ich hier verabredet bin.

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Gemeinsam verbringen wir ein paar angenehme Stunden, bevor gegen 23 Uhr eine heulende Sirene die Stimmung trübt. Uns wird erklärt, dass diese absichtlich von den Nachbarn “abgefeuert” wird, um den Gästen den Spaß an der Party zu vermiesen und den Besitzer zu veranlassen, keinen Reggae mehr zu spielen. Fiiiies! Nach einer Weile wird es uns zu viel und wir tingeln weiter zur nächsten Party, der berühmten Weddy Weddy Stone Love.

Dancehall time! Das ist ein ganz anderer Schnack: hier zählt das Aussehen, und die meisten Anwesenden haben offensichtlich viel Zeit und Energie in ihr Outfit und Styling gesteckt. Wieder kommt der schon erwähnte Schuh-Fetischismus der Jamaikaner zum Vorschein: ein Kameramann filmt munter die langsam eintreffenden Gäste, zoomt erst aufs Gesicht und dann ausnahmslos am Körper herab auf die Schuhe. Das wäre alles nicht so wild, würde das Ganze nicht auf Großbildleinwand live übertragen! Wir als bis dato einzige Weiße ziehen natürlich seine Aufmerksamkeit auf uns, und ich würde am Liebsten mit dem Schatten in der Ecke verschmelzen. Galant ziehe ich mich aus der Affäre, indem ich einen mir zuvor zugesteckten Flyer in die Linse halte… phew, meine abgewetzten Treter hat keiner gesehen!

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Auf der Heimfahrt erwischen wir einen aufgebrachten Taxi-Fahrer, der ein wütendes Telefonat mit irgendeinem Japanese Girl führt. Als er auflegt, legt sich direkt Sonny mit ihm an (nur weil der Mann kurz eine Pinkelpause macht, was mich nicht sonderlich stört, unseren Begleiter aber schon), und je mehr der Fahrer flucht, desto schneller und halsbrecherischer fährt er. Ich bitte erst Sonny, mit der Provokation aufzuhören (erfolglos), greife dann beschwichtigend ein und lenke das Gespräch (erfolgreich) auf ein anderes Thema, und sichtlich entspannter wird sogleich die Fahrweise. Leider wird der Fahrer das Opfer einer Straßenkontrolle kurz vor Harbour View – ihm fehlt offensichtlich irgendeine wichtige Lizenz oder so. Sonny kommentiert den Vorfall trocken damit, dass die Polizisten nur ein kleines Bakshish kassieren wollten – somit wird der von uns bezahlte Trip für den Taxifahrer zur Nullrunde. Nicht sein Tag. Dafür war der unsrige umso schöner, und erschöpft aber glücklich sinken wir in unser Bett.

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Tag 13

Unser Urlaub neigt sich langsam dem Ende zu – Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergangen ist! Heute steht nichts weiter auf dem Plan als ein Abend bei den “Vinyl Thursdays”, eine Veranstaltungsreihe um das Künstler-Camp von Exile Di Brave. Ich hatte schon einiges darüber gehört und war begierig darauf, alles mit eigenen Augen zu sehen. Vorher hatte ich mich noch mit einer Studentin verabredet, die gerade ein kleines Freizeit-Zentrum für Kinder und Jugendliche aufbaut. In dem einfach eingerichteten Untergeschoss eines kleinen Hauses gibt es die Möglichkeit zum Basteln und Malen, eine noch im Wachsen begriffene Bibliothek und vor allem Platz für Diskussionsrunden der jungen Kingstoner Intelligentsia. Während meine Freundin draußen mit einigen Kids spielt und sich mit den betreuenden Volunteers unterhält, spreche ich mit der Studentin über Foundation Artists (ich bin auf sie gekommen, weil ich beim diesbezüglichen Recherchieren auf einen Artikel von ihr gestoßen bin), Bildung und die fehlende staatliche Unterstützung für Zentren wie das ihre.

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Als die Dämmerung hereinbricht, verabschieden wir uns und wollen zu Fuß zum Busbahnhof zurück, an dem wir auch angekommen waren. Ganz allein übrigens, denn nach der katastrophalen Taxifahrt gestern waren wir ziemlich sauer auf Sonny und fühlten uns inzwischen durchaus in der Lage, selbst klarzukommen. Eine Mitarbeiterin des Centers bot uns an, uns bis zum Regal Plaza mitzunehmen – eine kluge Entscheidung, denn es war weiter, als es auf der Karte ausgesehen hatte. Nach einer kurzen Suche fanden wir dann auch den alten Bauwagen, in dem das “Veggie Meals on Wheels” logiert, ein vegetarisches Restaurant, auf dessen Gelände die Vinyl Thursdays stattfinden. Es war erst kurz vor 19 Uhr und alles noch im Aufbau begriffen, so dass wir nach einer freudigen Begrüßung durch Exile erst einmal ein kleines Abendbrot aßen, serviert in Kokosnussschalen.

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Das Event ist wirklich eine Institution, und außer uns schwirren noch diverse andere Ausländer herum, unter ihnen ein sympathischer junger Mann namens Toké aus Buxtehude bei Hamburg (der, so sollte sich mit der nächsten Ausgabe des Riddim-Magazins herausstellen, auch ein Musiker “on the rise” ist).

Es wurde einer der schönsten Abende überhaupt, zu dem die entspannte Atmosphäre, die netten Leute (Micah Shemaiah kreuzte später auch noch auf) und natürlich die fantastische Musik beitrugen, die von den von wechselnden DJs bespielten Plattentellern schallte. Unter jenen war auch eine junge Lady namens Marshmellow, die unter viel Jubel auflegte – Frauen sind in dem Business eher selten. Immer wieder ergriff mal jemand das Mikro – Kazam Davis, Infinite und andere – und an der Stelle wurde klar, was Exile im Interview gemeint hatte: viele seiner Songs entstehen einfach hier, beim gemeinsamen Jammen, und werden dann, manchmal direkt am nächsten Tag, im Studio aufgenommen! Ich treffe Debo wieder, der Ex-Tontechniker der Band Raging Fyah (die hatte ich bei ihrem ersten Auftritt in der Hamburger Fabrik mal kennen gelernt), und er organisierte uns dann auch ein Taxi nach Hause.

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Tag 14

Tick tack… der Countdown läuft. Bei aller Vorfreude auf ein Wiedersehen mit meinen Kids bin ich doch traurig, dass dieser Urlaub fast zu Ende ist. Gewillt, den vorletzten Tag noch einmal voll auszukosten, haben wir uns viel vorgenommen. Während meine Freundin mit Sonny einen kleinen Shopping-Bummel startet, treffe ich mich am Vormittag mit Dudley Sibley, einer jener Foundation Artists, die bettelarm sind. Er hatte das Glück, dass seine Tochter ihm irgendwann einen Laptop schenkte, mit dessen Hilfe er nun weltweit agieren kann. Über eine eigene Facebook-Seite trat er sogar in Kontakt mit europäischen und südamerikanischen Fans, die ihn begeistert um Dubplates baten sogar eine kleine Tour in Südamerika für ihn organisierten. Er sagte, neben dem kleinen Einkommen, das diese Aufträge ihm bescherten, war es für ihn unglaublich heilsam zu erfahren, dass seine Musik noch immer gespielt und geschätzt wird.

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Weniger heilsam ist die Luft über Kingston. Sonny erzählt uns, dass seit dem gestrigen Abend die größte städtische Müllhalde in Flammen steht. Und da man sich in Jamaika weder um Mülltrennung noch um adäquate Sondermüll-Entsorgung schert, brennen da eben auch munter chemische Abfälle und Autobatterien vor sich hin. Wir entschließen uns trotzdem, den geplanten Ausflug zum uns mehrfach empfohlenen Hellshire Beach zu machen, und besteigen zu dritt den Linienbus. Die Fahrt führt ziemlich nah an eben beschriebener Müllhalde vorbei, und der Nebel aus Rauch wird immer dichter. Da jedoch der Wind (für uns) günstig landeinwärts weht, herrscht am Strand blauer Himmel und Sonnenschein. Und was für ein schöner Strand das ist! Sonntags, so sagt man uns, pilgert wohl halb Kingston hierher, aber im Moment ist es relativ leer. So kommen wir in den Genuss, die lokalen Fischer beim Einholen ihrer Beute zu beobachten. Sobald die Boote in Küstennähe sind, kommen alle Imbiss-Buden-Besitzer angelaufen, um direkt frisch aus dem Meer ihr Tagesmenü in Empfang zu nehmen. Fische in allen Farben und Größen, Langusten und Krebse wechseln den Besitzer, und wir freuen uns auf unser schon bestelltes Mahl aus gebratenem Fisch, Bammys und Pommes.

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Haufenweise Vögel (vor allem Möwen und Pelikane) streiten sich um die am Strand verstreuten Reste, und einigen Glücklichen gelingt es sogar, die von den Fischern zu ihren Kollegen am Strand geworfenen, kleineren Fische zu ergattern. Als die Boote weg sind, schwelge ich noch einmal im herrlichen Wasser des Meeres und schwimme so weit raus, dass dies bei einigen Beobachtern am Strand Besorgnis hervorruft. Meine Freundin hat trotz des stark ausgeprägten Beschützer-Instinkts unseres Begleiters (“Die sind beide meine Freundinnen!”) mit einem jungen Mann am Strand Nummern getauscht und eine Verabredung für den Abend getroffen. Um diese einhalten zu können, packen wir gegen 18 Uhr langsam zusammen und machen uns auf den langen Weg zurück nach Harbour View. Duschen, umziehen, essen, und direkt wieder los zum zweiten Street Dance in der Nachbarschaft. Wieder legt DJ Paul auf, wieder gibt es einen bunten Mix aus Hausfrauen, agilen Tänzern und coolen Mackern. Am einzigen Tisch wird irgendein Kartenspiel gezockt und meine Kette erregt die Aufmerksamkeit eines kleinen, ca. zweijährigen Mädchens, das tapfer bis 22 Uhr mitfeiert.

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Einer Einladung von Jonas folgend, ihn in seinem Feriendomizil zu besuchen, drängen wir Sonny und den DJ zur Abfahrt, und irgendwann kurz vor Mitternacht setzen wir uns tatsächlich in DJ Pauls Auto in Bewegung. Wir genießen die herrliche Aussicht auf der Dachterrasse (das Haus, in dem Jonas wohnt, steht an einem Berghang am Rand von Kingston, so dass man die ganze Stadt überblicken kann), trinken das mitgebrachte Bier und verabschieden uns nach einer guten Stunde Small-Talk wieder, denn wir müssen ja noch eine Verabredung einhalten. Leider klappt das aber alles nicht so wie geplant, unser Fahrer und Sonny sind entweder eifersüchtig oder überbesorgt oder einfach nur zickig und wollen am vereinbarten Treffpunkt nicht 10 Minuten auf die Jungs warten. Nach einem hitzigen Wortwechsel werden wir nach Harbour View zurück bugsiert, wo wir am Rondell aussteigen und uns trotzdem mit der Hellshire-Beach-Bekanntschaft treffen, die uns auf telefonische Instruktionen hin kurzerhand gefolgt sind. Zusammen gehen wir auf eine in der Nähe stattfindende Studentenparty (oder so), und bleiben dort bis zum Curfew, das auf allen von uns hier besuchten Partys übrigens von der Polizei forciert wird. Nach Hause ist es ja nicht weit, und ein letztes Mal sitzen wir vor dem Schlafengehen im Hinterhof, streicheln Greta und lassen den Tag Revue passieren.

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Tag 15

Heute ist relativ früh Aufstehen angesagt, denn um 09:30 Uhr fährt unser Bus nach Mobay. Ruby höchstpersönlich bringt uns zum Busterminal, und auf dem Weg dorthin gelingt uns sogar das vereinbarte Treffen mit Dash, der einen Potato Pie (Kartoffelkuchen) für seinen Kumpel gebacken hat (den wir bitte mit nach Hamburg nehmen sollen). Den Gefallen tun wir ihm natürlich gern, auch wenn das Teil total schwer ist, ziemlich sperrig und nach Holzfeuer riecht. Wenn das mal durch den Zoll geht!

Herzliche Abschiede später sitzen wir im klimatisierten Bus, fahren erneut durch dicke Rauchschwaden (in der heutigen Zeitung lesen wir, dass gestern wegen des Brandes etliche Schulen schließen mussten und zahlreiche Leute mit Atembeschwerden und Asthma-Anfällen in die Krankenhäuser eingeliefert wurden) und verlassen Kingston schließlich in nördlicher Richtung. Wir tauchen ein in die grüne Vegetation der Insel und kurze Zeit später in einen leichten Schlummer, aus dem wir beim ersten Stopp kurz vor Ocho Rios aufgerüttelt werden. Toilette, Snack, weiter geht’s. Gegen 13 Uhr kommen wir in Mobay an, wehren uns erfolgreich gegen ein Taxi und laufen die Viertelstunde zum Doctor’s Cave Beach. Das ist zwar ein Bezahl-Strand, aber dafür ist er bewacht und es gibt keine nervenden Händler oder sonstige Schnacker. Wir lassen unsere Sachen dort und machen einen kurzen Ausflug zum nahe gelegenen Crafts Market (da gibt es billigen Touri-Kitsch, aber auch schöne Schnitzereien und so), wo wir uns mit ein paar Souvenirs eindecken. Dann zurück zum Strand: ein letztes Mal baden, ein letztes Mal lecker essen, einen letzten Sonnenuntergang – das nenne ich einen gelungenen Abschied.

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Gegen 19 Uhr sammelt McKenzie uns ein, wir machen kurz in einem Supermarkt Halt (meine Freundin möchte unbedingt Bammys mitnehmen) und dann geht es schweren Herzens zum Flughafen. Jamaica, farewell!

Text & Fotos: Gardy Stein

Gardy

About Gardy

Gemini, mother of two wonderful kids, Ph.D. Student of African Linguistics, aspiring author...