Becker im Interview

Becker_Nackig_baden_gehen

Becker

Christoph Becker kennt man als langjähriges Mitglied von The Special Guests oder Wood In Di Fire, so man schon länger als Reggaefan unterwegs ist. Zudem war und ist er Kopf des Labels Moanin’, das sich mit unzähligen Veröffentlichungen von Artists wie The Slackers, Longfingah, Vic Ruggiero und Paprika Korps einen Namen gemacht hat. Jetzt steht sein eigenes Soloalbum an – schlicht “Becker” betitelt. Grund genug, ihm ein paar Fragen zu stellen….

Auf deinem ersten Soloalbum gehts du insgesamt eher zart und mit sehr persönlichen Texten ans Werk. Man kann hier schon den Begriff “Lo-Fi” herbeizitieren und von “homemade” sprechen. Dies steht im Gegensatz zu den kraftvollen Produktionen, die du zusammen mit den Special Guests oder Wood In Di Fire gemacht hast. Tatsächlich wurden die Songs ja auch bei dir zu Hause aufgenommen. Wie kommt es zu diesem anderen Ansatz?

Becker: Bei The Special Guests war ich einer von drei, vier Songschreibern und meine Ideen wurden da oft durch so den Fleischwolf gedreht, dass ich auf Facetten, die mir lieb waren, mitunter verzichten musste. Ich glaube, im Ganzen war das immer zum Besseren. Aber in mir gab es immer den Traum davon, wie es wäre, wenn ich ganz allein alles bestimmen könnte. Und bei den Scherben und einigen anderen habe ich erlebt, wie viel eindringlicher und bewegender die Musik sein kann, wenn man deutsche Texte hört. Und da führte bei meinen Bands kein Weg hin. Deshalb habe ich vor gut 10 Jahren entschieden, dann mache ich das halt allein. Und so lange arbeite ich auch schon an den Songs. Die ersten Songideen sind tatsächlich schon 2004/2005 entstanden.

Im Info zu dem neuen Album wird das Etikett “elektrifizierter Deutschpop mit Offbeat-Herzschlag” verwendet. Die Spuren von Reggae sind noch vorhanden, treten aber eher in den Hintergrund bzw. nehmen sich dezent zurück. Warum hast du nicht auf “klassischen” Reggae oder Ska zurückgegriffen?

Becker: Ehrlich gesagt, stand ich am Anfang meiner Zeit als Reggae/Ska-Gitarrist der jamaikanischen Musik ablehnend gegenüber. Ich fand Jimi Hendix geil und hielt diesen Offbeat für öde bis debil, gerade was den Job eines Gitarristen so einer Band angeht. Ich habe erst durch die Kollegen und durch das gemeinsame Spiel vor allem mit Drummer Lukas Leonhardt den Offbeat lieben gelernt und empfinde es heut noch als unschlagbares Gefühl, verzahntes Teil so einer mächtigen Rhythmussektion zu sein. Ich mag viele Reggae-Tunes aber ich war nie so ein richtiger Nerd. Ich habe auch immer davon geträumt, mal was ganz anderes zu machen. Aber die Stärke des Offbeats ist für mich für die Solo-Sachen weiterhin wichtig. Und was ich auch vom Reggae mitgenommen habe ist der Bass, der eben nicht bloß eine tiefe begleitende Frequenz ist, sondern eine ganz eigenständige Melodie, die verzahnt mit den anderen Instrumenten eingesetzt wird. Das Stilmittel hat mich über die Jahre sehr geprägt und begeistert und ist auch auf der Solo-Platte fast in jedem Song vorhanden.

Wie kommt man auf den Titel “Nackig baden gehen?” für ein Album? Und warum mit Fragezeichen?

Becker: Das Fragezeichen kommt vom Grafiker Andreas Hartung, der das Cover (und auch die Videos) gemacht hat. Er fand das toll, weil es dadurch einen Aufforderungscharakter hat. Ich wollte die Platte einfach so ohne Punkt und Komma „Nackig baden gehen“ nennen. Der Titel ist mir eingefallen, weil ich aus dem Osten bin und tatsächlich dieses nackig baden gehen für mich und meine Freunde immer völlig selbstverständlich war und die Begegnung mit Leuten aus Westdeutschland nach der Wende zu lustigen Irritationen bei dem Thema führten. Das ist deshalb immer so ein Dauerthema, wenn es um Unterschiede zwischen Ost und West geht. Und dann sagt der Titel natürlich auch aus, dass ich mich mit der Platte auch nackig mache, weil ich sehr offen in den Texten bin. Und natürlich kann man damit dann auch baden gehen. Das wollte ich mit dem Titel quasi prophylaktisch durch magische Benennung schon einmal bannen: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Becker Every Day

Du selbst beschreibst deinen Gesang als “unprätentiös”. Gehe mal davon aus, dass hier Form und Inhalt Hand in Hand gehen, oder?

Becker: Genau. Ich bin kein toller Sänger. Ich habe auch keine besondere Stimme. Aber es gibt viele Leute, die nicht singen können und es trotzdem zur Begeisterung vieler tun. Es geht hier darum, dass Inhalt und Präsentation passen, dass man dem Sänger die Geschichte abnimmt, bzw. ich das so mache, dass es stimmig ist. Ich bin da aber immer noch nicht entspannt. Ich kann mir eigentlich nicht so gut selbst zuhören. Aber trotzdem habe ich diesen Drang, mich mitzuteilen. Vielleicht kommt der innere Frieden mit mir ja noch.

Wie bereits erwähnt, wurden die Tracks bei dir zu Hause aufgenommen. Hast du auch alle Instrumente selbst eingespielt?

Becker: Das war alles mein Computer: Drum, Orgel, Bass. Nur die Gitarren sind von mir selbst und natürlich der Gesang. Gastmusiker gibt es bis auf Mr. PC nicht.

Mit “Every Day” hast du bereits 2013 deine erste Single veröffentlich, die nun auch auf dem Album als Opener zu hören ist. Jetzt haben wir 2016, also schon eine ganze Weile später. Würdest du sagen, dass du dir gerne Zeit beim Songwriting und Produzieren lässt?

Becker: Naja, wie so neben Fulltime-Job, Familie und Bands halt so Zeit und Energie bleibt. Seit 2003 sitze ich schon an den Songs, notiere Ideen, spiele daran rum. Irgendwann 2012 hatte ich mit einem Freund Gespräche über das Material und dann fiel der Entschluss, endlich den Sack mal zuzumachen und die Songs als Album zu veröffentlichen. Ich habe dann konzentriert in einigen Wochen die Mixe fertig gemacht und das Mastering machen lassen. Und der Freund – Andreas Hartung – hatte die Idee für drei Videos und mir angeboten, das für mich zu machen. Und dann wollten wir die Videos vorab rausbringen und am Ende die Platte. Die Videos waren zwar mit einfachen Mitteln gedreht. Aber wenn man das zu zweit macht, dauert das – ungefähr über ein Jahr für drei Videos. Dann habe ich noch ein Label gesucht, weil ich mich ungern selbst vermarkten wollte. Leider erfolglos. Und dann kam Ende 2014 mein zweites Kind dazwischen. Da war an Platte-Veröffentlichen erst einmal nicht zu denken. Die fertige Platte lag die ganze Zeit quasi seit Anfang 2013 fertig gemastert auf Halde und jetzt ist sie raus. Endlich.

Wie kommst du zu deinen Songideen?

Becker: Das sind oft unerwartete Momente, meist irgendwo auf dem Fahrrad oder draußen auf der Straße, wenn die Seele baumeln kann. Zum Glück gibt es inzwischen diese Aufzeichnungsfunktion in den Handys. Früher musste ich die Melodie-Idee oft Minuten lang stur vor mich her summen, um sie nicht zu vergessen, bis ich eine Gitarre zur Hand hatte und sie mir auch haptisch einprägen konnte. So extra hinsetzen und sich etwas ausdenken funktioniert für mich nicht oder nur, wenn es schon eine erste Idee gibt, die ich weiterentwickeln kann.

Würdest du dich eher als stillen Beobachter bezeichnen?

Becker: Still, weiß ich nicht. Ich mache mir so meine Gedanken und will darüber natürlich auch mit den Leuten reden. Und natürlich will ich es weitergeben, wenn mich etwas tief berührt oder begeistert hat. Für andere ist es Facebook, für mich ist es ein Lied.

Deine Videos sind zum Teil aus dem Leben gegriffen, gerne aber auch etwas schräg in Szene gesetzt. Immer wieder taucht ein Mann im Wolfskostüm auf – ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Was spielt er für eine Rolle?

Becker: Die Video-Ideen stammen von Andreas Hartung, der sie auch gefilmt und geschnitten hat. Ich habe das einfach geschehen lassen. Wir kennen uns schon 25 Jahre und sehr genau. Und ich habe ihm da vertraut, dass das mit mir irgendetwas zu tun haben wird. So, wie ich verstanden habe, ist der Wolf so ein Alter Ego meinerseits. Im ersten Video begegnen wir uns. Im letzten trennen wir uns. Ich wäre auf den Wolf vielleicht nicht gekommen. Aber irgendwie passt alles ganz stimmig zusammen, finde ich.

Das finde ich auf jeden Fall auch. Wenn ich dich schon mal mit Fragen konfrontiere, würde ich dich als Labelchef gerne fragen, warum es in den letzten Jahren bei Moanin’ deutlich ruhiger geworden ist nachdem ihr eine Zeit lang einen richtigen Lauf hattet?

Becker: Ich habe das Label quasi zugemacht. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich das alles gleichzeitig mit den Kindern, die dann kamen, dem Job, den Bands und dem Label nicht mehr schaffe. Ich musste mich von einigen Sachen trennen und dem ist das Label zum Opfer gefallen. Das Label läuft noch mit dem Download-Vertrieb von selbst weiter. Den CD-Vertrieb haben wir beendet. Ich habe jetzt für die Soloplatte noch einmal alles aktiviert, weil ich kein anderes Label gefunden habe. Weitere Platten plane ich erst einmal nicht.

Wirst du mit dem Album “Becker” auch auf Tour gehen?

Becker: Ich stehe zwar schon 20 Jahre auf der Bühne. Aber die Rolle als Frontmann und Sänger ist ungewohnt und flößt mir Respekt ein. Ich habe letzte Woche mal ein kleines Releasekonzert mit einer Hand voll Lieder in einem Keller in Berlin für die Freunde gespielt. Da war ich extrem aufgeregt. Ich weiß noch nicht, ob ich noch weitere Konzerte spielen werde. Irgendwie reizt es mich, aber es ist auch nicht so eine lockere Sache für mich, gerade weil die Texte so persönlich sind. Das mache ich vielleicht von dem Zuspruch zur Platte abhängig. Wenn ich das Gefühlt habe, es gibt da Leute, denen würde das Spaß machen, könnte ich mir mehr Konzerte vorstellen.

Interview: Karsten Frehe (03/2016)

www.becker-musik.com

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Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM. And, most of all, father of three wonderful kids.