Prince Alla: Klönschnack mit einer bescheidenen Legende

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Interview mit Prince Alla im Nanook, Kingston

Einige Künstler bedürfen keiner Vorstellung. Zu diesen gehört definitiv Prince Alla, ein Roots-Veteran, der für Klassiker wie “Stone” oder “Lot’s Wife” verantwortlich ist. Bis heute ist der sympathische Sänger aktiv – neben sporadischen Auftritten rund um den Globus hat er gerade das Album “Run Come” veröffentlicht, eine wunderbare Kollaboration zwischen ihm, dem Dubvisionist und 11-7 Records. Wir wollten mal hören, was der Prinz über diese Veröffentlichung und das aktuelle Musikgeschehen so zu sagen hat und trafen ihn in Kingston. Und erfuhren dabei, dass es sein größter Wunsch ist, einmal nach Äthiopien zu reisen…

Du bist momentan sehr aktiv, trittst auf und produzierst auch neue Musik. Es gab ja vor einiger Zeit auch Neuauflagen von älteren Alben, richtig?

Ja, die Blood And Fire Veröffentlichungen! Das hat mich irgendwie wiederbelebt. Das Album “I Can Hear The Children Singing” kam in den Siebzigern raus, und sie haben es wiederaufgelegt – ich liebe es! Dann habe ich auch 2002 mit Jah Warrior zusammengearbeitet, und mit Steve Mosco in England und an einigen anderen Orten. Das ist echt toll.

Wie kam die Idee zu “Run Come” denn auf?

Zuerst mal muss ich sagen, Rastafari, danke für das Leben, für die Kraft, danke dass du hier bist, dass Lennart hier ist, für alle Brüder und Schwestern, die von Rastafari kommen. Dieses Album ist dank Lennart zustande gekommen. Ich glaub ich habe ihn zuerst in England getroffen, bei Freedom Sound. Er ist ein guter bredrin! Wir haben uns vor drei Jahren beim Reggaejam wiedergetroffen, und ein Produzent wollte einen Song von mir, ein Dubplate. Lennart hat das eingefädelt. Als ich kam, um das Dubplate aufzunehmen, hat Lennart mir einige seiner Riddims vorgespielt und hat mir erzählt, dass er auch ein Label hat. Und da ich sowieso Lust auf ein neues Projekt hatte, sagten wir “Lass uns loslegen!”(lacht). Im Ernst, das war eine sehr gute Entscheidung.

Rastafari! Ich hab das Gefühl dass dieses Album eins meiner besten sein wird. Einige Songs fühle ich dermaßen! So wie bei “Stone” damals, ich bin echt dankbar dafür. Und glücklich!

Wie kam denn Felix “Dubvisionist” Wolter ins Spiel, hast du ihn getroffen?

Nein, noch nicht. Er ist ein großartiger Engineer, echt. Nachdem ich die Songs aufgenommen hatte, hat er die Dub-Remixe gemacht.

Kannst du mal was zu den Songs an sich sagen, über deine Inspiration zu den Texten, bei “Pillar Of Salt” zum Beispiel?

Naja, weißt du, als ich jung war hab ich im Bobo Camp gelebt und wir haben jeden Tag die Bibel gelesen. Ich las die Geschichte von Sodom und Gomorrha, von Lot und seiner Frau und seinen Kindern. Sie mussten Sodom verlassen, aber sie besaßen so viel, persönliche Güter. Es geht also darum, nicht gierig zu sein. Sie hatte so viele Besitztümer und dachte darüber nach, was sie alles hinter sich lassen müsste, also schaute sie zurück und erstarrte zu einer Salzsäure. Das steht in der Bibel, die meisten meiner Songs kommen aus der Bibel, weil ich es liebe, dieses Buch zu lesen.

In “Ethiopia” singst du darüber, wie gern du mal dahin reisen würdest. Warst du schon jemals in Afrika?

Ja, ich war schon mal in Afrika, in Abidjan. Aber Äthiopien, das ist ein besonderer Ort… seit meiner Kindheit liebe ich es, weil Seine Majestät Selassie dort geboren wurde. Und ich liebe dieses Land wirklich, ich würde es liebend gern einmal sehen, weißt du. Lalibela und das alles… Darüber denke ich oft nach, ich möchte liebend gern mal nach Äthiopien. Das ist das Land, das von Göttern und Göttinnen bewohnt wird. Es geht nicht nur um den Mann, es geht um Mann und Frau. Deshalb liebe ich Rastafari so sehr, weil es nicht nur vom Mann allein handelt wie andere Religionen, die sagen Gott ist Gott und Mann ist Mann…  Rastafari sagt Mann und Frau, König und Königin, Prinz und Prinzessin, König Alpha und Königin Omega. Ich liebe diese Balance, deshalb liebe ich Rastafari.

Der Song wurde mit Lone Ranger aufgenommen, richtig?

Ja. Wir waren im Studio, ich hab mein Stück aufgenommen, den Refrain und zwei Verse. Einige Takte waren noch übrig und wir dachten, dass ein DJ da gut reinpassen würde. Wir haben uns gefragt, wer das machen könnte, und haben an Jah Youth oder Lone Ranger gedacht. Und dann hat Lennart den Kontakt hergestellt und er kam und… hui, das war toll! Dieser Tune kommt auch auf Vinyl raus, eine Single-Veröffentlichung mit Irie Ites.

Und das alles regelst du ohne Manager? Wie schaffst du es, in die Festival-Line-Ups zu kommen und so?

Das ist Rastafari. Asher Selector, ein bredrin aus der Schweiz, kam eines Tages zu mir und sagte, er hätte mich gern für eine Tour in der Schweiz. Das war so ’95 rum. Aber damals konnte ich nicht kommen, denn ich hatte keinen Pass. Und Asher sagte ‘Was, du hast keinen Pass?’ Damals dachte ich halt, die Musik in Jamaika sei vorbei. Es gab zu viele unanständige Texte, es ging nur noch um Waffen und so. In den Neunzigern gab es kaum mehr Leute, die Roots hörten, die echte Roots-Musik meine ich. Erst als ich nach Europa kam merkte ich, wie kraftvoll die Roots Musik war – ist, nicht war. Aber damals war ich nicht daran interessiert zu reisen, deshalb hatte ich keinen Pass, es schien nicht notwendig zu sein. Asher flog nach Hause und sagte, er würde wiederkommen. Ein paar Jahre später, inzwischen hatte ich einen Pass, kam er noch mal und fragte ‘Na Prince Alla, hast du jetzt einen Pass?’ und ich sagte ‘Yeah man!’ und dann flog ich in die Schweiz. Und ich fragte ihn ‘Welche Band werden wir nehmen?’ und er sagte ‘Keine Band, wir nutzen Tracks!’ Und ich wunderte mich, denn ich hatte ja nur in Studios gearbeitet hauptsächlich, ich war es nicht gewohnt, auf Dances zu singen, mit den Soundsystems. Er sagte so und so machen wir das, und es hat gut funktioniert! Erfahrung, weißt du. Und es war nicht schwer, ich hab das mit Asher Selecta gelernt. Er hat mich sozusagen auf die internationale Bühne gekehrt.

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Hattest du auch Auftritte in Jamaika?

Ja, kleine Shows, im Red Bones und auf dem Land… nicht wirklich sowas wie Sting oder so.

Wie reagieren die Leute dort auf dich, bist du bekannt?

Naja, langsam verändert sich die Musik. Seit den 2000ern gibt es wieder mehr Roots, die Musik wächst wieder. Heute gibt es fast jeden Abend einen Ort, an dem Roots gespielt wird, Vinyl Thursdays am Donnerstag, Dub School am Freitag, am Sonntag Dub Club, also… ja, es wächst!

Und wie war der Empfang in Europa?

Das hat mich echt überrascht. Die Leute haben die Songs mit mir gesungen, sie kannten die Texte! Ich hab gar nicht gewusst, dass das hier so bekannt ist. Um ehrlich zu sein, wenn wir früher Songs aufgenommen haben, war es oft so, dass die Promoter die mit nach Europa nahmen, nach England und so, und uns haben sie gesagt, die laufen dort nicht, die werden nicht veröffentlicht. Ich wusste nicht, dass mich dort so viele Menschen kennen!

Du bist eine Legende!

Echt? (lacht) Das wusste ich nicht, das hab ich erst mitbekommen, als ich da war.

In den Fällen, in denen die Promoter Songs nach Europa geschickt haben, gab es da nie ein Feedback, kam da nie Geld bei dir an?

Also heutzutage schon. Blood and Fire haben mir einen guten Deal gegeben, big up fi life! Steve Mosco auch, Asher Selecta, big up, all diese Leute haben es mir ermöglicht, ein wenig Geld zu verdienen. Ich bin ihnen sehr dankbar, Rastafari.

Also würdest du sagen, dass du jetzt genug zum Leben hast?

Naja, ich kann nicht undankbar sein. Es ist ja der Allmächtige, der uns Talent gegeben hat, also… wenn wir einen halben Zoll bekommen, müssen wir dankbar sein. Dankbar dafür, was ich jetzt bekomme, fürs Überleben.

Aber die Foundation Artists wie du sollten etwas für ihre alten Tage haben, ein Einkommen von ihren Veröffentlichungen, die so bekannt sind!

Ja, weißt du, die älteren Künstler kannten sich nicht so gut aus damit, sich solchen Gesellschaften anzuschließen. Das war damals nicht so wie heute, wo die jungen Leute in alle möglichen Sachen eintreten können und Tantiemen kassieren und so. Das war unser Problem, die Promoter haben ihren Namen unter die Songs geschrieben und sagten, dass sie die geschrieben oder arrangiert hätten oder was. Sie haben alles bekommen und wir wussten davon nichts, sie haben veröffentlicht und wir hatten keine Ahnung. Das ist eigentlich der einzige Unterschied. Heute gibt es das Internet und da kannst du dich umhören, es gibt Handys mit denen du dich informieren und kommunizieren kannst, nicht wie damals, als wir noch Briefe oder Telegramme schrieben. Heutzutage ist das einfacher, leichter zugänglich, so dass jeder erfahren kann, was los ist.

Stimmt, aber trotzdem gibt es einige ältere Künstler… Ich meine, du bist sehr aktiv und machst Auftritte und so, also ist es relativ einfach für Leute, mit dir in Kontakt zu treten und was direkt zu besprechen. Aber andere Künstler können nicht mehr so aktiv sein, weil sie krank sind oder zu alt. Einige Veteranen brauchen dringend Hilfe… Seeco Patterson zum Beispiel, ich hab gehört dass er ernsthaft krank sei.

Ja, oder blind wie Skully…

Genau. Wie könnte denen deiner Meinung nach geholfen werden? Was könnten Fans weltweit tun, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern?

Also, hauptsächlich geht es ja darum, dass sie nicht in diesen Gesellschaften sind, dass sich keiner um ihre Urheberrechte kümmert. Die meisten älteren Künstler haben halt keinen Manager. Die Leute wollen lieber junge Künstler managen, also fühlen sich die älteren ein wenig außen vor. Umso schlimmer, wenn sie nicht mehr auftreten können! Wenn man noch auftreten kann ist es besser, da kommt vielleicht mal jemand aus heiterem Himmel und sagt ‘Hey, ich will dein Manager sein!’ Aber viele sind krank, wie Skully, oder der, den du erwähnt hast, für die ist es echt schwer.

Du glaubst also, dass es ein guter Weg wäre, zu helfen, wenn sie eine Art Assistenten bekämen, der sich um ihre Lizenzen kümmert?

Ich glaube, das wäre ein sehr persönliches Ding, dass da jemand kommt und sich kümmert. Viele sind ja auch schwer zu finden, da sie nicht mehr so im Alltagsgeschehen sind. Du fragst nach ihnen und die Leute sagen dir ‘Keine Ahnung, wo der ist!’ Seeco zum Beispiel, ich weiß nicht, wo der ist. Ich kenne ihn, aber ich weiß nicht, wo er steckt. Ich treffe Skully manchmal, aber die meisten anderen stehen ja nicht mehr im Rampenlicht und geraten in Vergessenheit.

Manche wie Ken Boothe… manche hatten echt Glück. Vielleicht nicht unbedingt Glück, aber sie wurden für ihre Arbeit belohnt. Leute wie Stranger Cole, Ken Boothe, The Melodians, Max Romeo… vielleicht hat jemand ihre Lieder gecovert und sie haben davon profitiert, weißt du, aber wenn jemand auf sich allein gestellt ist, das ist schwer auf Jamaika.

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Hast du denn je darüber nachgedacht, mit jüngeren Künstlern zusammenzuarbeiten?

Ja! Manchmal kriege ich solche Anfragen von den jungen Künstlern. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Es sollte ja nicht so sein, dass die alten Künstler hausieren gehen, wirklich nicht. Wir haben mit Asante Amen gesprochen, ein junger Sänger, und wir wollen was mit ihm machen, mit Exile Di Brave auch… das ist ein Anfang!

Ja, und ich finde es liegt auch in der Verantwortung der jungen Künstler, die jetzt erfolgreich sind. Sie kommen ja von einer Basis von Künstlern, denen sie auch was zurückgeben sollten, die sie unterstützen sollten.

Hast du denn noch Kontakt zu dem Rasta Camp, in dem du gelebt hast?

Oh, da war ich lange nicht mehr. Es liegt bei Bull Bay, in den Bergen, das ist ganz schön weit für mich, aber es ist immer noch aktiv. Der Leiter, Prince Emmanuel I, starb vor vier oder fünf Jahren, also geh ich da nicht mehr so oft hin. Aber es ist noch da! Und ich bin dankbar für die Zeit, die ich dort verbracht habe.

Würdest du sagen, das hat dich auf deinem Weg beeinflusst, dir geholfen?

Ja! Denn die meisten meiner Songs habe ich dadurch empfangen. So wie “Daniel In The Lion’s Den”, “Stone”, “Lot’s Wife”, “Heaven Is My Roof”… viele Songs, weil wir jeden Tag die Bibel gelesen haben und morgens Messe gehalten haben und jeden Samstag Sabbath, das hat mir wirklich geholfen, die Bibel zu verstehen. Nicht alles, aber das meiste, manches ist echt schwer zu verstehen! (lacht)

Wenn dich jetzt jemand kontaktieren möchte, wie geht das am besten?

Eigentlich über Lennart… ich habe keine persönliche Email-Adresse oder sowas, ich habe nur eine Handynummer. Über Lennart Tacke kann man mich gut erreichen.

Oder sie kommen einfach zu deinen Auftritten. Ist denn eine Tour geplant?

Ja, im Juli bin ich auf einem Festival in Frankreich, das Dub Camp Festival. Und dann hab ich noch ein paar Shows in Holland, mit Thomas Roadblock, das kommt jetzt im Sommer, darüber bin ich sehr froh.

Zu guter Letzt: hast du noch eine Botschaft an die jungen Leute?

Was ich der Jugend wirklich sagen möchte: liebt zuerst euch selbst. Wenn du dich selbst liebst, dann kannst du auch andere lieben. Und haltet euch aus ethnischen Konflikten oder politischen Kriegen und so raus, bringt euch nicht gegenseitig um. Der den du heute tötest könnte derjenige sein, der dir morgen geholfen hätte. Es geht um Liebe und Einheit, das ist alles was ich zu sagen habe, Liebe und Einheit. Obwohl es manchmal schwierig ist – je heißer der Kampf desto süßer der Sieg. Manchmal ist ein Kampf dazu da, um dich stärker zu machen!

Interview & Fotos: Gardy Stein

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Gardy

About Gardy

Gemini, mother of two wonderful kids, Ph.D. Student of African Linguistics, aspiring author...