Alborosie “Soul Pirate Acoustic” (Geejam/Evolution)

Alborosie
“Soul Pirate Acoustic”
(Geejam/Evolution – 2017)

“Soul Pirate” war 2008 sein Durchbruch. Mit dem Album hat der mittlerweile seit vielen Jahren auf Jamaika lebende Italiener einen viel beachteten Klassiker hingelegt. Fast 10 Jahre später nimmt er sich einige der Tracks nochmal vor und kleidet sie in akustische Gewänder. Mit diesem Kniff, der spätestens seit den Inna De Yard-Veröffentlichungen weltweit gefeiert wird, schafft er eine sehr relaxte Atmosphäre, die viel Raum für Zwischentöne lässt. Sieben Titel des Originals, von “Herbalist” über “Black Woman” bis hin zu “Kingston Town” finden sich auf dem neuen Album wieder. Zusätzlich kommen “Kingdom Of Zion” und das Cover von Chuck Berrys “Johnny B. Goode” hinzu, das man ja auch schon von Peter Tosh kennt.

Die versammelte Musikerschar liefert sehr feinfühlig ab. Klasse Instrumentierungen, tolle Backgroundvocals und eine angenehme Ruhe zeichnen die neun Tunes aus. Darüber singt und poltert Alborosie mit seiner rauchigen Stimme wie gewohnt. Das ist von seinem Gesang her nicht immer auf der Höhe und wären die anderen Stimmen nicht so fein, würde das nicht funktionieren. Im Zusammenspiel mit den anderen Musikern geraten einige der Songs aber zu echten Hinhörern, allen voran “Black Woman” und “Rastafari Anthem”. Was ich mich allerdings immer wieder frage ist, warum der Sänger so muffelig in die Welt blickt? Auch jetzt guckt er zumeist so, als ob ihm sein letztes Essen nicht geschmeckt hat oder ihn gerade jemand gewaltig nervt – und das sogar auf dem Cover des Albums.

Karsten Frehe

Schon in der “World Music” habe ich mich oft gewundert, wie schnell und effektiv ein paar wenige Leitmedien einen Hype um ein Album oder einen Artist entfachen können. Im Reggae frage ich mich vor allem, mit welcher Gottgegebenheit eher mittelklassig originelle Bands wie Raging Fyah, der charmant lächelnde und lange oft nur auf Durchschnitts-Riddims kontribuierende Chronixx oder eben auch er hier – Alborosie – es zu ihrer Beliebtheit bei Presse, Promotern und Publikum gebracht haben.

Vor kurzem schickte mir ein Freund wohlmeinend eine digitale Kopie seiner Alborosie-Sammlung – damit ich mal richtig eintauchen kann. 140 Songs waren da drin, Kooperationen, Beiträge auf Riddims, ein von Alborosie produzierter Riddim. Unterm Strich überzeugten mich 8 von den 140 Tracks. Wenige Tage später, zufälligerweise, erschien am 1. Dezember das Akustik-Album. Das ist nun wirklich eine schöne Sache. Und damit meine ich weniger die Songs, mehr die Stimmung, den Sound und die Idee.

Weiterhin bleiben mir der Hype um Alborosie, sein Zieren von Titelblättern, sein Fungieren als Headliner verborgen. Ich finde seine Musik weiterhin nicht mal überdurchschnittlich, sorry. Zum Einen finde ich seine Stimme nicht wirklich charismatisch. Bin da recht sensibel – und Stimmen sind ja etwas Trainierbares. Besonders in manchen Kooperationen sticht heraus, wie weit seine eigene Stimme in puncto Timbre und Ausdruckskraft hinter dem Duettpartner zurückbleibt. Was ich aber abgesehen von der Gesangstechnik und der Stimmfarbe bei ihm auch vermisse, sind die zündenden Ideen und die catchy Hook Lines, die direkten textlichen Wagnisse, wenigstens den EINEN großen Über-Song, eine Konzeptidee für eines der Alben, spannende Song-Aufbauten, innovative Instrumentierung, anrührende Harmonien, … Ich vermisse eben genau das, was ich in unserer Wirtschaft, Medienlandschaft und Politik auch schon vermisse:

– Erneuerungswille,
– Frische,
– Energie,
– Saft & Kraft,
– Biss,
– Mut,
– Spannung,
– Experimentierfreude,
– offene & offensive Sprache,
– Sturm & Drang,
– Visionen & Utopien!

Und Kunst soll, da bin ich bei Hellmuth Karasek (R.I.P.), dem “kleinen Mann” dazu dienen, ihn aus dem grauen Alltag in eine bessere Welt zu hieven, “Struggle” Music wie Roots Reggae insbesondere – und das schafft der gute Alborosie leider für meine kleine ganz bescheidene Wahrnehmung … gar nicht. Umso besser, seiner Business-As-Usual-Blubber-Roots-Musik dann im akustischen Gewand näher zu kommen. Da steckt schon viel handwerkliches Können drin, viel Herzblut. Aber Einzel-Songanalyse wirkt mir zu aufgesetzt, denn nach mehrmaligem Hören im MP3-Player finde ich immer wieder: Das klingt einander alles so gleich, bis auf “Johnny B. Goode”, eben ein charakteristischer Song – die obligatorische Cover-Version, die man heutzutage immer als letzten Track aufs Album packt. Selbst in dieser Hinsicht erfüllt Alborosie die gängigen Konventionen, hm. Wenigstens ist dies ein Cover, das es so “reduziert” meines Wissens noch nicht gab – Punkt für ihn!

Nur, es gäbe doch bei dem Sizilianer die Mafia, die Boat People, die Armut, das Chaos, die Korruption, die arbeitslosen Akademiker*innen Italiens, mutmaßlich nicht weniger gravierende soziale Probleme, als seine Wahlheimat Kingston sie hat? Genügend Themen wären meiner Ansicht nach vorhanden, aus denen heraus Wut, Trauer, tiefe Gefühle, Protest und der Wille zur Weltverbesserung ihre Entfaltung finden könnten.

Alborosie ist leider noch einer der viel zu wenigen, die sich trauen, auf “Weniger ist Mehr” zu setzen und die programmierten Beats mal abzuschalten. Den Fact, dass er ein Acoustic-Album macht, kann man ihm nicht hoch genug anrechnen. Einige erschienen in den letzten 30 Monaten, vor allem von Deutschen (Miwata, Solomon Seed, Tóke, Jahcoustix), ebenso auch sehr gelungen von Barrington Levy. Mehr Artists erkennen den Wert des Sich-Konzentrierens auf die Sprache und das Untermischen diskreter Bässe, auch wenn sowas den karibischen Hörgewohnheiten zuwiderläuft. Bugle werkelt ganz geschickt an scheinbar akustischen Arrangements – aber ob Joe Pilgrim & The Ligerians, Lutan Fyah, Anthony B, Fari Di Future, Runkus, Warrior King, Perfect Giddimani, die Dancehaller RDX und Busy Signal, irgendwie wollen doch viele in letzter Zeit mal wenigstens mit ein, zwei Beispielen beweisen, dass sie es akustisch auch könnten.

Ich finde, das könnte ein Verdienst des ausländischen, z.B. des deutschen Einflusses sein, auch der jamaikanisch-deutschen Kooperationen. Das “MTV Unplugged” von Gentleman dürfte hierbei viel ausgelöst haben. Auch im aktuellen deutschen Hiphop geht man schon mal mit verhalteneren Tönen ran, schiebt Namika ein Akustik-Set ein, und Lary oder Ace Tee & Kwam.E auf dem Summerjam 2018 werden uns wohl weitere Lektionen in Sachen akustisch gebautem Deutsch-Offbeat geben. Alborosie ist ja in Jamaika ein Ausländer, und vielleicht hat er mit diesem Album überhaupt die Lanze für die leisen Töne gebrochen. Oder Nattali Rize, die mit “One People” im Januar 2017 sogar eine akustische Single in den Markt schob. Vor 5-10 Jahren war das akustische Genre eine Spielwiese kalifornischer Bands wie Rebelution und Slightly Stoopid, denen die Gitarre näher war als Percussions & Bass. Auf einmal ist “acoustic” cool, und junge, “rising” Artists wie Kazam Davis beherrschen das live auch in der Langstrecke von 30-35 Minuten, ohne dass es fad wird, ohne dass jemand ein Soundsystem vermissen würde.

In diesem Sinne freue ich mich, dass der Italiener wenigstens dieses eine Mal nicht dem 08/15-Schema gefolgt ist, sondern eine Erwartung unterlaufen hat. Sehr gut!

Wie das live aufgeht, könnt ihr am Freitag, 13. Juli 2018, ab 23 Uhr auf dem Sunrise Reggae & Ska Festival in Burtenbach mit erleben: www.sunrisefestival.de

Philipp Kause

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Karsten

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM.