Album-Nachlese 2017: Autarchii, Da Fuchaman, Hempress Sativa und Razoof

 

Album-Nachlese 2017

An dieser Stelle geht’s nicht um brandneue Alben, sondern um einige gute Alben aus 2017, die nachträglich besprochen gehören & hier zu gebündelten Besprechungen zusammengefasst sind.

Oft fallen einem gute Sachen erst auf, wenn man nach den “besten” gefragt wird und ein gesamtes Bild vor sich & die stilleren Wochen “zwischen den Jahren” hinter sich hat. Im ersten Album-Paket sind vier Roots-Alben dran bzw. geht es um einige besonders wertvolle Überbleibsel aus 2017:

Autarchii „Land Of The Free“, Da Fuchaman „From The Hills Of Jamaica“, Hempress Sativa „UncoqueRebel“ und Razoof „Kiwafu (Deluxe Version)“.

In weiteren Blöcken folgen dann in späteren Posts jeweils aus thematisch anderen Feldern zusammengeschnürte Bündel.

Autarchii “Land Of The Free” (Indie Rootz Records/Howklear Movement/VPAL Music )

Autarchii ist einer der jamaikanischen Newcomer von 2017, von denen noch viel zu erwarten ist. „Land Of The Free“ ist jedenfalls nach meinem Eindruck bereits ein sehr gelungenes Album. Alle Songs leben von der vom Protagonisten überzeugend empfundenen Traurigkeit in einer auf Wettbewerb ausgelegten Gesellschaft mit vielen Verlierern, die sich bestenfalls an Aufstiegshoffnungen und eine von Gott gegebene Lebensfreude klammern können.

Reizvoll ist, dass die textliche Roots-Klaviatur in allen Geschwindigkeiten und in verschiedenen Instrumentierungen daherkommt und jedes Mal stimmig ist (auf dem Titelsong z.B. nur ein trockenes Raggamuffin-Musikbett zur rhythmischen Untermalung und ein paar Gitarrenakzente, auf anderen Tracks richtig durcharrangierte Melodieschichten mit wirkungsvollen Background-Gesängen). Bei aller scheinbaren Abwechslung (wenn man nur oberflächlich durchhört), ergibt ein kritischeres Hinhören Folgendes:

Dies ist innerhalb seiner vollen Länge von 61 Minuten und zunächst in den ersten 10 Songs ein Raggamuffin-Album mit ziemlich harten Beats, die keinen Zweifel lassen, dass der Sänger alles, worüber er singt, genauso erlebt, gefühlt, durchdacht hat. Das hintere Drittel von Track 11-15 schlägt dann eine sanftere Klangfarbe an, passt aber zum vorderen Teil gut dazu. Einzig das etwas lang(weilend)e „Revolution“ an Position 10, also am Übergang zwischen den beiden Teilen, hätte ich lieber weggelassen, liefert es doch nichts, was man nicht schon zig Mal gehört hätte – ansonsten sind hier keine „Fillers“ und sogar eine ganze Reihe „Killers“ (das textlich ausgeklügelte und subtil abgemischte „Ghetto Life“ zu Beginn, das gospelige „Maumivu“, das nachdenkliche „Winner“, das mitreißende „Keep Your Joy“, das dynamische, harte und textlich kritische „Gangsta Law“, das zurückhaltende und doch schnell eingängige „Leaders Lie“, das luftig-soulige „Flower Girl“).

Besonders hervorheben möchte ich Autarchiis Lied übers Ökosystem, „Ecological Integrity“. Der Song ist erstens wirklich schön in seinem leicht disharmonischen Melodieverlauf, zweitens verführt er schnell zum Mitsingen, wenn man sich drauf einlässt, und drittens hat er einen so simplen wie auch bildstarken Text. Wenn jemand ein so gutes Debüt abliefert, ist die Frage nach der Verwandtschaft naheliegend – nun ja, Dennis Brown war sein Onkel; starb zwar, als Autarchii fünf Jahre jung war – dennoch glaube ich es beim Hören der Stimme sofort. Hier steckt auch etwas vom Timbre des Dennis Brown-Gesangsstils und von der Ernsthaftigkeit seines Musikansatzes drin. Autarchii hat geliefert – hoffentlich holt ihn ein Festivalveranstalter zu uns nach Deutschland!

Da Fuchaman “From The Hills Of Jamaica” (Yam & Banana)

Man könnte erwarten, dass die Hälfte der Songs mit Gästen die stärkere wäre, wenn Da Fuchaman schon so viele einlädt – aber so vorhersehbar geht’s hier nicht zu. „Free your mind from mental slavery“ und vergleichbare Versatzstücke aus der Textzitatkiste lassen das gesamte Album textlich nicht allzu sehr herausstechen. Nach musikalischen Kriterien sind die interessanten Tunes „Open Your Eyes“ (Track 3), „Say You What You Wanna Say” feat. T. Relly (die 5), „Rasta Summer” feat. Uri Green aus Spanien (die Nummer 7), “Don’t Let Me Down” feat. Celestine (Track 9), „Cry No More“ (Nummer 12), „Hypocrites“ feat. Perfect Giddimani (Track 13), „Put Up Your Lighters“ (Track 14), „Bruck Out“ (die 15) und „Babylon Feeling“ (Nummer 16), also immerhin eine durchgehende Strecke am Ende.

Unter diesen Songs fällt auf, dass Da Fuchaman seine Spielwiese vor allem in Uptempo-Musik zu sehen scheint. Dass er hingegen wirklich singen kann, hat er zuletzt auf Perfects „Kenyakibera Riddim“ bewiesen, mit dem langsamen und gefühlvollen „River Jordan“. Diese soulige Richtung fehlt auf dem Album hier völlig, Langsamkeit ist hier mit gehauchtem Gesangsstil und Kitsch gleichzusetzen – schade, denn Da Fuchaman hätte es eigentlich drauf. Außer im Umfeld von Perfect und den Giddimani Records arbeitet er übrigens mit dem französischen Team von Reggae Livication Records und hat laut seinem Soundcloud-Profil auch schon in der einstigen Drum’n’Bass-Hauptstadt Bristol Fuß gefasst.

Der Mann von den Hügeln macht entsprechend ziemlich urbane Musik – Tracks 7 und 14 entsprechen hippem Dancehall; und „Don’t Let Me Down“ klingt nach großem amerikanischem Pop. Während manche Songs mit Gästen einfach verpuffen, langweilig oder ansatzweise lächerlich sind (Track 8), pumpt Perfect auf seinem Beitrag eine erstaunliche Gangsta-Rap-Ästhetik mit entsprechend geheimnisvollen Synthie-Loops und einer „dirty“ Toasting-Stimmlage hinein. „Tell the police and I’ll be gone till November“ heißt es darin, und ein Angriff auf die Scheinheiligen ist es – der einzige Song, der nicht bemüht, sondern leichtfüßig daher kommt. Die letzten beiden Tunes sind sehr tanzflächengeeignet und reißen einiges gegenüber der zu vorsichtigen, zu zaghaften Gesamtproduktion heraus. Die Songs, die am wenigsten mit Roots-Style zu tun haben, sind hier eindeutig die kraftvollsten.

Das Album zum Durchskippen (Audio): https://soundcloud.com/yam-banana/da-fuchaman-from-the-hills-of-jamaica-album-medley – und die ganz ordentliche Kooperation mit Celestine (Video):

Hempress Sativa “UnconqueRebel” (Conquering Lion Records)

Über die Hempress wurde schon vieles gesagt, und sie führte die Kritiker-Charts mit ihrem Album an. Dabei ist es einerseits von uns Meinungsbildnern noch mal angebracht zu hinterfragen, mit welchem Recht fast alle europäischen Reggae-Festival-Line-Ups zu 90 Prozent oder mit noch höherem Anteil männlich besetzt waren. Die Frontpersonen männlich, die Bandmitglieder in der Regel auch, die Tourmanager sowieso. Verbindet uns im Reggae- & Dub-Bereich nicht der Kampf gegen die „White Man’s Oppression“, Betonung auf „White“ genauso wie auf „Man“?

Hempress Sativa wurde immerhin zum Reggae Geel nach Belgien eingeladen – wir berichteten darüber. Ansonsten konnte man die beliebte Sängerin mit ihrem durchaus profunden und sicher auch live-tauglichen Songmaterial nicht erleben. Man muss „UnconqueRebel“ nicht zu den stärksten Alben des Jahres 2017 zählen – auf jeden Fall war es Platz 1 in einer Hinsicht: der Reihenfolge der Veröffentlichungen. Kerida, die sich „Hempress Sativa“ nennt, ist ein Mensch der Symbolik und wollte mit dem Album – ihrem ersten – am äthiopischen Nationalfeiertag (7. Januar) vor einem Jahr unter die Leute. Mit Haile Selassie und seiner „Imperial Majesty“ nervt sie denn auch textlich auf dem Album (z.B. auf Track 5) und hält eine Geschichtsstunde ab.

Bemerkenswert finde ich weniger, dass die Sängerin ihre Songs selbst komponiert und viele in sich stimmige, gut abgemischte Songs hier drauf sind, die in Sachen Arrangement und Sound Engineering nur wenige Wünsche offen lassen. Denn für dieses Album hat sie sich auch vier Jahre lang Zeit gelassen. Richtig bemerkenswert finde ich hingegen, dass sie ein echtes A.l.b.u.m. in its true sense macht, mehr als eine Sammlung von Einzelsongs. Wie (wenig) innovativ man es auch finden mag, das Ganze ist ein Konzeptalbum in textlicher Hinsicht und dekliniert die Zutaten der Roots Culture durch. Zusätzlich liefert es aber auch einen wichtigen Abriss des musikalischen Spektrums und etlicher rhythmischen und stilistischen Zutaten, mit denen man heute in der jamaikanischen Musik rechnen kann.

Auf „Fight For Your Rights“ erleben wir eine schlichte Drum-/Bass-Instrumentierung, auf „Boom (Wah Da Da Deng)“ zieht sie das Tempo deutlich an, sie toastet in einer näselnden und coolen Stimmlage, die Tanya Stephens und Nadine Sutherland ins Ohr rufen. „Skin Teeth“ entspricht dem gängigen Niveau von Riddims, nur das der Text und Gesang etwas bissiger sind als für gewöhnlich. „Heathen Wage“ ist vom Neo-R’n’B geprägt – man könnte sich vorstellen, dass die Hempress privat Erykah Badu und Artverwandtes hört.

„Made I Whole“ am Ende sind Lounge-Percussions für Sonnenuntergänge am Wasser mit einer etwas verschlafen und unbewaffnet klingenden, aber doch sehr leidenschaftlichen Sängerin, die wie eine Stammesanführerin ihre Strand-Community zusammentrommelt und nochmal zur Meditation versammelt. Toll, wie sie zwischen den Oktaven springen kann ohne so angestrengt wie Kelissa zu klingen (übrigens kleiner Surftipp am Rande, unofficially). „Black Skin King“ ist eine handwerklich schön austarierte, bei aller Süßlichkeit doch rau bleibende Soul-Ballade. „Rock It Ina Dance“ ist was für alle, die dem Dancehall der 80er und frühen 90er verhaftet sind, enthält aber auch verspielte, neue Elemente. Also insgesamt ein Album, das eine vergleichsweise breite Palette, ein offenes Angebot bereithält. Und deswegen will ich Hempress Sativa nun endlich live hier haben. Nach Paris kommt sie Ende März, und wie schaut es hierzulande aus? Fürs nächste Album tippe ich mal darauf, dass sie sich dem Dubstep und den Afrobeats zuwendet – wandlungsfähig genug dafür wäre sie jetzt schon.

Die Künstlerin in einem Promo-Video mit den Promi-Gästen prahlend, die zu ihrer Album-Veröffentlichung “antanzten”:

Razoof “Kiwafu (Deluxe Version)” (Poets Club)

Zum Abschluss dieser Roots-Runde noch ein deutsches Produkt mit karibischen Gästen: Razoof hat schon mal vier Jahre zuvor eine Art Album oder Sammlung mehrerer Riddims gemacht, die hier auf IrieItes.de damals besprochen wurde. Auch damals war als Gesangsgast Naptali vertreten, und der kommt aus dem Umfeld von Luciano und macht soliden Roots-Reggae. Die wirklichen „Tracks to try“ connecten den Kölner Produzenten Razoof aber:

  1. mit Kanada (Exco Levi, stringentes Lied: „Hosanna“),
  2. mit Mallorca (Hermano L an der Seite des in Spanien, Frankreich und ein bisschen in München tätigen Jah Chango auf dem scharfe Beats anschlagenden und entspannt saxophonierenden „Adiario“)
  3. und mit Uganda (Lady Slyke, Hinhör-Tune: „Bonna Bagambe“; Biga Yute und das raue, triphoppige „Gal Mi Love“; Blessed San mit dem faszinierend schlichten, eingängigen „Nyingi Nai“).
  4. Ostafrika ist auch durch die Dub-Musikerin Binti Afrika aus Kenia sehr gut vertreten, die sich selbst eine „African Queen“ nennt.

5. Connection sind Jamaikas Newcomer: Da der Producer auch noch die drei weniger im Rampenlicht stehenden Roots Revival-Hoffnungsträger-Camps versammelt (neben Zincfence mit Zugpferd Chronixx, neben In.digg.nation rund um Protoje herum und neben den Bebble Rockers, dem Kollektiv von Kabaka Pyramid wird da besonders intensiv in den Soundküchen des EdB-Teams, der Lineage Family und der Red Square Rebel(nation)s gemixt), ist das Album ein guter Querschnitt durch den Reggae von morgen. Denn siehe da, Razoof hat hier ganz gute Tunes mit Amlak Redsquare, Exile di Brave und, vor allem – that’s a real big tune, mit Aza Lineage produziert: „Let me tell you ‘bout the reggae show, this is where all the good vibes grow, the music’s playing and will sooth your soul. I’ll take you a place where people feel free, reggae music-a-play, you can smoke, you can steam. Just settle down […] there’s no fuss and fight, when the music shine bright.”

Eine noch völlig unbekannte Sista Nanni geht in einem Song als Duettpartnerin an den Start, „Music A Play“; mit „Cosmic Forces“ wird ein Ethnopop-Instrumental aufgefahren – bevor es mit Jaja Kalanda noch einmal ugandisch und sehr verträumt wird. „Spiritual Designer“ ist endlich mal wieder ein gutes Stück Spoken Word Poetry. Das Album wird durch drei eher geerdete Tracks zusammengehalten, die am Anfang stehen (Keida, „A Plan“), nach dem ersten Weltreiseblock in der Mitte (Jahcoustix Beitrag „Elbow“) und „Love Jah“ am Ende (Prince Alla singt). Diese drei Tunes laufen eher nebenbei mit und bieten einen Kontrapunkt zu den teilweise sehr frischen Sounds aus allen Ecken der Welt. Innerhalb Deutschlands scheint Razoof besonders gute Kontakte zum Label Soulfire zu haben, so dass wir getrost von weiteren Alben ausgehen können – denn da wären bestimmt noch weitere Artists verfügbar, die dem Produzenten ihre Stimmen leihen können.

Besonders verdienstvoll an diesem Album erscheint mir die Aufarbeitung der schwer zugänglichen ugandischen Reggae-Szene (Jaqee verweigerte mir in einem Interview jede Aussage dazu und riet: „You just have to go there.“) und das Einbeziehen der spanischen Sounds inklusive von Dactah Chando aus Teneriffa, der hier aber den farblosesten Beitrag abgibt. Cool jedenfalls, wenn man einerseits genau weiß, wer auf Jamaika angesagt ist und dann so kreativ ist, sich damit nicht zufriedenzugeben und sich in andere Ecken zu vernetzen. Big up! Oder Hut ab! Die Deluxe-Version liefert dann noch einmal mit einer Ausnahme alle Titel als Instrumental-Dubs.

Links:

https://www.howklear.com/about (Autarchii)

http://www.yamandbanana.org/ (Da Fuchaman)

https://soundcloud.com/conquering-lion-5 (Hempress Sativa)

http://www.reggaegeel.com/en (Reggae Geel Festival in Belgien)

http://www.poetsclubrecords.de/ (Razoof)

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.