Zeit, sich warme Gedanken zu machen #4 – Lawrence Tavern, Dub Club & Mona Commons

Während ihr im dritten Teil unseres Insel-Reports (nachzulesen HIER) unter anderem Zeugen einer magischen Nacht in Jamnesia wurdet, führt die letzte Ausgabe euch noch einmal kreuz und quer durch die jamaikanische Hauptstadt.

#4 – Lawrence Tavern, Dub Club & Mona Commons

Nach der ganzen Äktschn der vergangenen Tage tut ein wenig Ruhe gut. Einer Einladung der Ankh Family folgend, die in den Bergen nördlich von Kingston ein kleines Community-Zentrum aufbaut, folgen wir gemächlich der sich windenden Straße bis nach Lawrence Tavern. Ein Spaziergang durch den idyllisch zwischen grünen Bergen und Tälern gelegenen Mahoney District erdet und entschleunigt, ebenso wie das anschließende Reasoning mit Prezi. Er erzählt von seinen Bemühungen, einen Treffpunkt für die Menschen der Umgebung zu etablieren, wo die Kids Hausaufgaben machen, lesen und basteln können während die Älteren reden oder Musik hören; ein Versuch also, mit Consciousness und Roots einen Gegenentwurf zur allgegenwärtigen, materiell geprägten Dancehall-Kultur zu wagen, und wie zum Beweis schallt in der aufziehenden Dämmerung ein aggressiver Kartel-Track aus dem örtlichen Soundsystem zu uns hinauf.

Nach einem deftigen Abendessen machen wir uns in der samtigen Dunkelheit auf zum Dub Club. Erleichtert stelle ich fest, dass der Weg dorthin noch immer den Zauber des ersten Mals birgt – die Aussicht auf das nächtliche Kingston raubt mir wieder einmal den Atem! In der bassumspülten Location angekommen erfahren wir, dass heute etwas ganz Besonderes auf dem Plan steht: Max Romeo wird sein neues Video “The Farmer’s Story” präsentieren. Weltpremiere! Und tatsächlich sitzt die Chase-The-Devil-Legende inmitten einiger Familienmitglieder an einem Tisch unweit der riesigen Boxentürme. Gebannt und voller Ehrfurcht folgen die Anwesendem dem Video auf der extra installierten Leinwand, und auch wenn die Romeos sich kurz danach auf den Heimweg machen, verbringen wir den Rest des Abends in bester musikalischer und personeller Gesellschaft.

Die zweite Woche lasse ich ruhig angehen. Einquartiert bei Ash’s “Touch The Road Jamaica”, direkt am Wickie Wackie Beach, gehören wieder Grillenzirpen und Wellenrauschen zur täglichen Aufwach- und Einschlaf-Routine. Und da in den nächsten Tagen erstmal nur ausgedehnte Strand-Spaziergänge, Muscheln sammeln und kurze Wellenritte auf meinem Plan stehen (und die obligatorischen, bereits in Teil 2 beschriebenen Abende bei Sankofa Session und Dub School), spule ich mal auf Freitag vor.

Auf den Besuch im Jah Ova Evil Yard freue ich mich besonders, denn das weitläufige Haus, in dem die Zwillinge Gideon und Selah mit ihren Familien leben und arbeiten, war schon 2016 Keimzelle vieler schöner Begegnungen (wer sich für die Geschichte dieses Clans interessiert, kann HIER nachlesen). Heute bin ich mit Charly B verabredet, um über seine Story und sein Album “Journey Of Life” zu sprechen. Zum Interview (nachzulesen HIER) schlägt der inzwischen in Kingston lebende Franzose mit der geballten Power der Tower Music Media Group auf, und die Jungs versprühen Charme und Lebensfreude (wer jetzt neugierig geworden ist, kann Charly B auf der diesjährigen Reggaeville-Easter-Special-Tour erleben). Als dann auch noch die zauberhafte DJane Yolo die kurzerhand einberufene Dub School bespielt, ist der Abend mal wieder perfekt, bis ein heftiges Tropengewitter die Session beendet.

Träge und sonnig schält sich der Samstag aus den vom Regen hinterlassenen Dampfwolken. Ronnie, eine Mitbewohnerin in Ash’s Guesthouse, schließt sich unserem Tagesplan an, der maßgeblich von Nova bestimmt wird. Ich hab alle Aufträge erledigt und lasse mich an meinem letzten Tag einfach mal treiben, nehme auf der nachmittäglichen Fahrt ins Kingstoner Zentrum die vorbeiziehenden Bilder in mich auf und versuche, die Eindrücke der vergangenen zwei Wochen zu ordnen. Unser erster Stopp ist das Rockstonez Jamaica, ein von Tuff Like Iron gegründetes Ital Restaurant, das mittlerweile auch günstige Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Wir schlagen uns die Bäuche voll und fahren dann weiter zum Mona Commons, ein kleines Wellblech-Viertel unweit der Universität. Dort lässt Nova das Auto checken (es ist während der heftigen Regengüsse ein paar Mal abgesoffen) und zeigt uns den Ort, wo am Abend ein kleiner Dance stattfinden wird. Ronnie lässt sich auf eine Partie Fussball mit einer Gruppe Kids ein, die lautstark protestieren, als wir weiterfahren wollen. Aber es hilft nix, Nova hat noch im Grafton Studio zu tun, wo er für den Aufbau der Anlage und Bühne verantwortlich ist. Während er sich darum kümmert, schlendere ich mit Ronnie durch die Gegend und wir entdecken ein großes Mural von Matthew McCarthy, den wir euch ja schon bei seinem Besuch in Hamburg vorgestellt haben (nachzulesen HIER).

Als die Anlage im Grafton Studio hörbar läuft, holen wir Selah und Don Husky ab, ein aufstrebender Sänger, der mich durch seinen Biss und sein müheloses Changieren zwischen tiefster Ghetto-Youth-Dancehall-Attitüde und der Vermittlung positiver Rasta-Inhalte nachhaltig beeindruckt. Mit dieser Crew schlagen wir kurz nach Mitternacht auf dem Dance im Commons-Ghetto auf, und es dauert nicht lange, bis Husky das Mikro in der Hand hat. Bei seinem Track “Be Grateful” rasten alle total aus, wieder und wieder muss er von vorne anfangen, da von überall gegen die Wellblech-Zäune gehämmert wird. Selah beugt sich zu mir und meint “Das ist einer der Orte, vor denen Touristen immer gewarnt werden. Aber du siehst ja, die Leute hier wollen auch nur Musik hören und ein bisschen feiern, genau wie in den Bars und Clubs uptown!”. Recht hat er – für mich ist das auf jeden Fall einer der atmosphärisch dichtesten Abende überhaupt. Zurück im Grafton Studio kriegen wir noch was vom gemeinschaftlich gekochten Essen ab und bleiben bis in die frühen Morgenstunden. Und dann heißt es schon wieder Abschied nehmen von der schönsten, aufregendsten und musikalischsten Insel der Welt. Bis zum nächsten Mal, Jamaika!!!

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Text & Fotos: Gardy Stein

Gardy

About Gardy

Gemini, mother of two wonderful kids, Ph.D. Student of African Linguistics, aspiring author...