Summerjam, Köln, 6.-8.7.18, Vorschau #2 – Memoria, Jahmiel etc. Oder: Wie formt man ein Festival?

Blick auf den Fühlinger See im Norden von Köln. So, etwas bewölkt, verhangen und mit fast andauerndem Sprühregen wie 2017 oder mit heftigen und langen Schauern bei um die 20° C wie 2016 stellen wir uns die Sache besser nicht vor. Eher so wie 2015, als eine Kölner Tageszeitung titelte, auf dem Summerjam sei es heißer als in der Karibik – mit 34° C.

Für alle, die kurz die wichtigsten News wollen: Skarra Mucci “confirmed”, mit Treesha auch Afrika vertreten, ebenfalls “confirmed”. Inzwischen ist das Line Up, zu einem bemerkenswert frühen Zeitpunkt, vollständig. Vielleicht geht es euch auch so, dass ihr schon zu einem Festival gefahren seid, weil ein bis zwei Namen die Aufhänger waren und Ort und Zeit gepasst haben, aber ihr die Fülle der Bands nicht überblicken konntet und dann auch nur wenige Konzerte mitbekommen habt. Ich versuche jetzt mal absichtlich in einem Fließtext, ohne dass man die Namen einzeln anklicken muss, über einige der für das Summerjam gebuchten Künstler/innen zu informieren, über Stil und Herkunft ein paar Worte zu schreiben – und so entsteht vielleicht ein genauerer Eindruck von der 33. Ausgabe dieses Festivals.

In diesem Artikel geht es um vor allem (aber nicht nur) um die lokale Gruppe Memoria aus NRW, um das Klub Kartell, eine Einordnung von Trettmann, und weiteren deutschen Acts und es wird um den jamaikanischen Newcomer Jahmiel. Ein dritter Teil erklärt dann in Kürze das Phänomen Milky Chance allen Nicht-Charts-Kundigen, lässt uns Vorfreude auf Skarra Mucci zelebrieren, kreist qienmal durch Westeuropa, von Dactah Chando aus Teneriffa zum Afrotrap-Phänomen MHD und dem ebenfalls französischen Naâman sowie um den bis nach London reichenden Wirkungskreis des Ghanaers Stonebwoy.

In diesem II. Teil Summerjam-Vorschau unterbreche ich in der Mitte des Features die Vorstellung der Bands durch eine kritische Betrachtung des Line Ups und der Genres und hole in die Geschichte des Festivals aus. Früher war natürlich nicht alles besser, sondern: Vieles, über das heute gemeckert wird, war nie anders. Oder ist im Grunde sehr cool! 🙂 Achtung, dies war nie und ist auch heuer kein reines Roots Reggae-Festival. Man kann darüber jammern, dass es einen ganz anderen Blickwinkel als das “Reggae Jam” (Niedersachsen) hat. Dennoch gibt es das Summerjam schon fast zehn Jahre länger, und es muss kein später entstandenes Festival kopieren.

Überwiegend gräbt der Beitrag sogar am Rande unserer Genres und ist offen für die Auseinandersetzung, aber so lässt sich vielleicht einiges entdecken und in die Entscheidung pro/contra Summerjam-Besuch einbeziehen. Ich werde dort sein! Relevant sind die ausgewählten hier besprochenen Artists für die Entwicklung von Reggae jedenfalls bis auf Milky Chance und einige deutsche Battle-Rapper wohl alle.

Grün eingefärbt im Folgenden all jene Namen, die beim ersten Teil dieses Vorberichts noch nicht bestätigt waren.

Die alphabetische Liste der Acts dieses Mal von hinten:  Ty $ Sign, Trettmann, Treesha, Tóke, Skarra Mucci, Sebastian Sturm*, Stonebwoy, Richie Stephens & Ska Nation, SOJA, The Skints, Jesse Royal, Romano, Rin, Tarrus Riley, Nugat, Naâman, Miwata, Milky Chance, MHD, Memoria, Christopher Martin, Marteria, Ziggy Marley, Lary, Konshens,  (*) Klub Kartell, JONESY, Jahmiel, Jahcoustix*, Jace, J Hus, Yaw Herra, Inner Circle, I Salute, Gentleman, Ganjaman*, Füffi, Dendemann, Dellé*, Dactah Chando, Kelvyn Colt, Chronixx, Chefket, Charly Black, Bausa, Alkaline, Afrob, Ace Tee & Kwam.E, 3Plusss.       

Bewegen wir uns von Köln über ganz Deutschland, Süd- und Westeuropa im Kopf nach Afrika und schließlich in die Karibik.

Den Anfang macht das Klub Kartell. Diese Formation ist tatsächlich von Köln aus entstanden. Sebastian Sturm und Mitglieder seiner Band Exile Airline gehören zur Besetzung. Ebenso gehören Leute aus der Soul Fire Backing Band dazu. Der überspringende Funke, die Idee, die Soul Fire-Band zu gründen, soll laut einem Interview der Band beim Summerjam anno 2001 gezündet worden sein.

Aufgrund der breiten Erfahrungspalette beider Bands, Soul Fire und Exile Airline, kann das Klub Kartell so ziemlich alles zwischen Dancehall, Soul, Rock-Reggae, Roots und Deutsch-Hiphop begleiten. Instrumental sind sie dabei mindestens mit zwei (!) Keyboards, Schlagzeug und Gitarre. Die für diesen Sommer geplante Konstellation mit mehreren deutschen Sängern dürfte also von der spielerischen Flexibilität profitieren. Da hätten wir dann einmal den inzwischen auch sehr elektronisch orientierten Seeed-Sänger Dellé.

Aus “NEO”, seinem 2016er-Album, spielte er solo beim Summerjam 2016 zahlreiche Songs. Der Sound kam mir ziemlich hart vor. Schneidende Digital-Beats. Zwischenzeitlich war er auch wieder mit Seeed unterwegs, allerdings nicht auf deutschen Sommerfestivals, sondern in Lateinamerika. Und, wer hat’s gewusst? Dellé ging in Ghana zur Grundschule, machte Bundeswehrradio (als Tontechniker) und war Tonassistent beim deutschen Film “Männerpension”. Mit Seeed war er bereits 2002, 2005 und 2014 in Köln auf dem Summerjam.

Die Exile Airline meets Soul Fire-Fusion namens Klub Kartell begleitet allerdings noch eine weitere Artists, wobei mir noch keine Info vorliegt, ob sie nacheinander, miteinander oder in getrennten Slots auf der Bühne stehen: Ganjaman, Jahcoustix und Sebastian Sturm selbst – logisch, denn es ist ja auch sein hervorragender Keyboarder mit dabei. Dass sie allen Sängern die jeweils auf den Leib geschneiderte Klangfarbe verpassen, ist anzunehmen. Denn das Klub Kartell hat auch schon als Backing Band für Mykal Rose gute Dienste geleistet:

https://youtu.be/E3HSrMAr6LI

Ebenfalls aus dem Raum Köln, genauer direkt aus dem Stadtgebiet, aus dem östlich des Rheins gelegenen Stadtteil Köln-Mülheim, hat sich Memoria in die Reggae- und Skaszene katapultiert. Memoria fielen mir auf, als sie bei einem anderen Festival, dem Ruhr-Reggae-Summer 2017 in Mülheim an der Ruhr der kleinen Tochter von Nosliw geduldig im Backstage-Bereich Autogramme gaben und Aufmerksamkeit schenkten. Sie wissen, dass man den Nachwuchs früh an die Musik heranführen muss. Denn sie selbst gingen aus Probe-Sessions in einem Jugendzentrum hervor. Übrigens, für alle Nicht-Ruhrgebietseinheimischen: Mülheim an der Ruhr ist nicht Köln-Mülheim, dazwischen liegen über 60 Kilometer. Bei der Mülheimer Reggae Night 2018 – und die ist in Köln-Mülheim – lassen sie sich am Samstag, 12.5., gratis erleben.

Die weiblich-männlich gemischte Gruppe hat sich einen gemütlichen Sound zurechtgespielt. Der kann internationalen, heutigen Ska enthalten und von der Saxophon getrieben sein – wie im langen Intro zu “Startline”, das auch ein paar Anklänge an Cumbia-Sound aus Kolumbien oder Venezuela zu haben scheint. Der Sound kann aber auch Keyboards, Drums und Bass in den Vordergrund stellen und als trockener, harter Raggamuffin lospluckern. Memoria führen diese beiden Richtungen z.B. im Song “One Drop” auch zusammen und legen viel Gefühl in ihre Arrangements in mittelschnellem Tempo, z.B. in “Legalize My Mary”:

Da die Welt klein ist, bringen sie biographische Backgrounds aus Peru und Venezuela mit ein und wollen vermitteln, dass ihnen das Nord-Süd-Gefälle, auch die entsprechende Reich-Arm-Kluft ein bewusster Punkt in ihrem Lebensgefühl sind und sie sich mit Liebe an alle wenden wollen. Das Kollektiv ist jenseits des riesigen Prozentsatzes an internationalen und nationalen Einzel-Artists der letzten Jahre eine angenehme Abwechslung. Hier haben alle was zu sagen, zu singen und zu spielen. In die deutsche Szene bringen sie endlich frischen Schwung, nachdem nicht allzu viele Gruppen und Sänger/innen über den Hobbystatus hinaus Ska oder Reggae medienwirksam musizieren.

Eindrücke von der lebenslustigen Truppe und einer Soundprobe bekommt man hier auf ihrem neu eingerichteten Youtube-Channel:

https://youtu.be/FUCvceTJIKI?t=569

Marteria, anders als Memoria, ist keine Band. Die Hälfte seiner bisherigen acht Alben hat der Sänger aus Mecklenburg-Vorpommern unter dem Namen Marsimoto veröffentlicht. Auf dem Weg zu einer Fußballerkarriere wurde er als Model entdeckt. Es war ein biographischer Bruch, im Jahr 2003, als  er die Schauspielschule Reduta in Berlin beim “Vorsprechen” überzeugte – und nutzte die offene Tür für eine Schauspielausbildung. Er lebte zu Zeiten, als diese Bezirke Trendwohngegenden waren, in Berlin-Friedrichshain und Kreuzberg.

Dass eine Schauspielausbildung ausgerechnet in eine Rapperkarriere mündet, kann man in seinem Fall als gelungen betrachten. Allerdings stellt sich die Frage, ob ihm auf der Bühne wirklich Dinge aus seiner Ausbildung nützen. Ich habe ihn noch nicht live gesehen, bin nun aber voller Erwartung. Auf dem großen Splash!-Festival trat er schon vor größeren Menschenmengen auf. Beim Summerjam war er bereits 2012 (als Marsimoto) und 2014 (als Marteria) on stage – insoweit ein Heimspiel. Seither gab es jedoch einige lebensverändernde Ereignisse bei ihm, z.B. ein plötzliches Nierenversagen, der einschneidende Verzicht auf Alkohol, eine Anzeige von PETA, die Teilnahme am Bundesvision Song Contest, eine Songschreiber-Tätigkeit für die Toten Hosen, … Einer seiner bekanntesten Songs heißt “Lila Wolken”, was ich später im Text noch durch das Essen von Wolken toppe. Dass ein Song 37 Millionen Klicks hat bei circa 180 Millionen Menschen, die Deutsch als Mutter- oder Fremdsprache beherrschen, muss jetzt nicht heißen, dass ich – Muttersprachler und Musikkenner – den Song kannte. Zahlen lügen eben doch. Hier sind die “Lila Wolken”:

Deutsch-Rap, Kapitel I

Ebenfalls acht Studio-Solo-Alben gibt es von Afrob bisher. Seit Oktober ist auch ein Akustik-Live-Session-Album hinzugekommen. Afrob, der wie Dellé zum Projekt Brothers Keepers gehörte, der in dieser Besetzung auch seinen bekanntesten Song “Adriano (Letzte Warnung)” hatte, ist ein “Urgestein” des deutschen Hiphop. Aber auch solchen Reggaefans des Summerjam-Festivals, die Hiphop abgeneigt sind, dürfte er etwas zu sagen haben. Seine Texte sind im Sinne von Roots Reggae oft “conscious” und insbesondere das neue Album “Beats, Rhymes & Mr. Scardanelli” strahlt eine angenehme Sensibilität aus. Um Hiphop-spezifische Szene-Merkmale, rollende Beats und Sprücheklopfen geht’s hier so gut wie gar nicht, auch wenn ihm mal punktuell etwas “auf die Eier” geht (“Einfach”) und “Kolchose-Shit” nicht für jeden verständlich ist – dafür wird elegante, melancholische, beschwingte Musik zum Hinhören (“Hey du (Nimm dir Zeit)”) aufgefahren und anteilig sogar Reggae. Vielleicht geht es euch ähnlich, und so ein Sound ist nicht die “Art” von Reggae, die man jetzt als Roots Dub-Fan cool finden muss. Aber es ist Reggae:

Ich finde, Neo-Soul kann er besser:

Joy Denalane, hier im Video zu sehen, war 2017 und bereits zuvor zwei Mal auf dem Summerjam on stage. Afrob hingegen ist, soweit ich das herausfinden konnte und zu meiner Überraschung, erstmals auf dem Summerjam als Künstler dabei. Ich freue mich auf ihn, obwohl selbst mir als Soul- & Funk-Fan diese Art von Deutsch-Soul bis heute etwas fremd ist.

Der Rapper Füffi auf einem Plakat von "Rock am Pferdemarkt" in Lingen in seinem Heimatbundesland Niedersachsen

Der Rapper Füffi auf einem Plakat von “Rock am Pferdemarkt 2017” in Lingen in seinem Heimatbundesland Niedersachsen

Während sich der “Schoß der Kolchose”, um einen alten Terminus der ’90er Jahre zu nennen, irgendwo zwischen Stuttgart und Karlsruhe befindet, hat Afrob auch Teile seines Lebens in Braunschweig in Niedersachsen gewohnt. Und, welch geniale Überleitung: Aus Niedersachsen kommt der nächste Künstler auf dem Line Up – Füffi!

Füffi ist über die Tradition des Battle-Rappens in die Musik gekommen. Klar, der Text steht im Vordergrund, aber nur Freestyle kann man nun auch nicht auf Platte bringen. In der Tat hat er musikalisch noch Nachholbedarf. Seine Lyrics passen oft nicht in den Takt der Reime, in den “Flow”, yo, wie der/die Hiphop-Kenner/in sagt. Positive Vibrations gehen von den Texten auch nicht gerade aus, weil er oft gegen etwas rappt.

Der Stellenwert von Hiphop

Ja, man muss es klar sagen: Das Summerjam ist schon seit sehr langer Zeit auch ein Hiphop-Festival – den Anfang kann man ungefähr 2006 ansetzen. Damals war eine großer Anteil Deutsch-Hiphop und Soul gebucht, wobei der mit Reggae auch etwas zu tun hatte: Culcha Candela, Jan Delay, Joy Denalane. 2007 wurde diese Linie mit den Ohrbooten, Blumentopf und Clueso fortgesetzt und stärker auch Richtung Mainstream-Pop verfestigt. Damals war auch der heute als “Reggae” wahrgenommene Ronny Trettmann mit dabei, wovon man heute preisverhandlungstechnisch vielleicht profitieren kann. Das Summerjam glaubte schon 2007 an ihn!

Summerjam 2007 Line-Up mit u. a. Trettmann, damals noch “Ronny Trettmann” sowie sehr vielen weiteren deutschen Acts, gleichwohl das Motto “Melting culture and styles” lautete – das bislang dem SJ 2018 vergleichbarste aller Summerjam-Line-Ups

Analyse des Line Ups – Zusammensetzung der Musikstile und Herkunftsländer

Allerdings, wie auch immer, denke ich, dass noch nie so viel harter Hiphop, insbesondere deutscher, Teil des Summerjam-Line Ups war.

Jah9 mit Philipp Kause, in ihrer Hand ein Aufnahmegerät

Dabei geht die hohe Anzahl nicht generell zu Lasten des Ska, Reggae & Dancehall, sondern vor allem des Dub (2017: Jah9, 2018: niemand), des Worldbeat (2017: Systema Solar, Dubioza Kolektiv, Bukahara, 2018: niemand), des Gospel & Avantgarde-Hiphop bzw. der Jazz Poetry (2016: Akua Naru, 2017: Faada Freddy, 2018: niemand). Randgebiete wie Elfenbeinküste (2017: Alpha Blondy), Südafrika (2017: Jeremy Loops), Australien (2017: Dub FX, Nattali Rize, Xavier Rudd), Schweiz (2017: Cali P), Bosnien / International (2017: Dubioza Kolektiv), Senegal / Frankreich (2017: Faada Freddy), Nigeria (2017: Kingseyes), Senegal / Israel / Sudan u.a. (2017: Meta & The Cornerstones) werden kaum abgedeckt: Die meisten Artists kommen 2018 aus Jamaika oder Deutschland, wenige aus den USA.

Die Ausnahme Dactah Chando aus Spanien sei im nächsten Summerjam-Artikel auf Irieites.de noch besprochen. Stonebwoy, Naâman und MHD sowie Treesha setzen zwar auch musikalische Gegengewichte. Dennoch: 35 von 40 und somit 87% der Artists kommen aus den klassischen Marktländern einschließlich Jamaika, wodurch strukturell die Sprachenvielfalt gemindert wird. Wir werden Englisch und Deutsch hören, Dactah Chando auf Spanisch und MHD auf Französisch. Bemerkenswert, dass aber auch das Musikland UK bzw. Großbritannien nicht dabei ist. Wäre es nicht zu erwarten gewesen, vor den Preisanstiegen, die der Brexit vielleicht mit sich bringen wird (Stichwort: Visum), noch ein paar in England ansässige Acts einzuladen?

Jah9, Line Up von 2017

Faada Freddy

Systema Solar @ Summerjam 2017, Samstagnachmittag, Green Stage

 

Zum Vergleich: Im Vorjahr waren von 43 Bühnen-Acts 15 aus den unüblicheren Ländern, also nicht aus USA, Deutschland oder Jamaika – aus England auch damals keiner, aber entsprechend ein Verhältnis von 65 : 35% bezüglich der Herkunftsländer marktübliche Länder vs. Außenseiter-Nationen. So gesehen, ist hier schon ein leiser Bruch im Charakter des Festivals zu erwarten. Der Hiphop aber, wie gesagt, hat schon vorher umfassend stattgefunden, drängt sich aber nun mehr in den Vordergrund.

Summerjam Festival 2016 Köln Parov Stelar

Summerjam 2016 mit Parov Stelar und dem Motto “Back to the future”

Jamaikanischer Dancehall ist, je nachdem, ob man Jahmiel und Christopher Martin mitzählt, mit vier bis sechs statt wie im Vorjahr nur ein Artist (2017: Beenie Man) vertreten. Hier scheint auf einen vielfach aus dem Publikum z.B. auf Facebook geäußerten Wunsch reagiert worden zu sein. Ganz leicht dürfte es nicht sein, bei einem seiner Grundfarbe nach so vielseitig aufgestellten Festival allen Interessen zu entsprechen. Das Gelände am Fühlinger See lässt die beiden Bühnen, Green und Red Stage zu. Dass man von den Selbstdefinitionen, wie man sich als Summerjam sieht, gerne abweicht, zeigt der Sonntagabend 2016: Parov Stelar auf der Hauptbühne! (Festival-Jahresmotto damals: “Back to the future”)

Summerjam 2009 u. a. mit Jaqee, die am Freitag um 14:30 Uhr ihr Album “Kookoo Girl” vorstellte, und mit den Wüstenrockern Tinariwen aus Mali.Das Line-Up vor knapp zehn Jahren brachte zwar auch viel Hiphop, aber amerikanischen – und keine Battle Lyrics, sondern smoothen Conscious Hiphop mit Arrested Development und Michael Franti & Spearhead, beides erfolgreichen Außenseitern des Genres. Sentinel und Pow Pow Movement gehörten schon damals zu den gebuchten Soundsystems – Pow Pow sind auch 2018 mit dabei. Die Schweizer Elijah und Phenomden erweiterten sprachlich das Line-Up. Die Spanne von den Busters und der Ska-Pop-Gruppe The Beat über Dub-Legenden wie Horace Andy, Sly & Robbie und Pablo Moses, vom senegalesischen Triphopper Baaba Maal zum Latin-Ska- und Cumbia-Orchester Ozomatli reichte denkbar weit. Waghalsig, mit den Dancehall-Toasting-Protoypen Barrington Levy und U-Roy dasselbe Publikum anzusprechen wie mit den deutschen Reggae-Hiphop-Mischmasch-Artists Nosliw und Nattyflo. 25.000 verkaufte Tickets bestätigten den Veranstalter Contour. Vom experimentellen Soul eines Jan Delay oder der frühen Nneka bis hin zu sicheren Festival-Investitionen im Roots-Pop-Segment wie Bunny Wailer, UB 40, Patrice und Groundation war wohl in jeder Hinsicht das Beste geboten.

Die Wüstenrocker Tinariwen kamen im Jahr 2009 (siehe orangefarbenes Plakat). Und brachten einen völlig andersartigen Sound, der zwischen Reggae, Dancehall, Latin und Rap etwas schräg gewirkt haben mag oder zumindest seitens der den Krieg im Norden Mali befürwortenden Tinariwen nichts mit dem Motto “Keeping the good vibes” gemein hat, aber eben damals im Trend lag und öffentlichen Stellenwert hatte.

Nneka, Individualistin par excellence, gehörte sogar in dichter Abfolge 2009, 2012, 2014 und 2015 zum Festival. Der Witz ist, dass sie sogar recht unterschiedliche Konzerte, mit Fokus auf Soul, Hiphop und zuletzt Dub/Dubstep spielte.

Die Sängerin Jaqee, selbst dort die Künstlerin des Eröffnungskonzerts am Freitagnachmittag 2009, sagt über das Summerjam und deutsche Festivals:

“Yeah, the first time I was in Germany, I opened Summerjam, they … they let us through – and I really didn’t know much about this festival, you know. For me it was like: I get thrown into situations where I’m like “Where am I?”, “What just happened?”, you know, and they like “You’re opening Summerjam?”, and I’m like “Yeah, okay, cool!” and it was really nice, it was very, very nice. I always think about these places, that they are very important for my development, you know – every place I’m playing. Yesterday we played in Murnau for 50 people, the day before we’re playing for thousands. And it’s like … it’s so much … All these places are so important for an artist, that’s what we do. That’s our job: We play music for and we bring it to the people. And it doesn’t matter where you play – as long as you’re bringing music to the people, I think this is really important.

Jaqee @ Sunrise Reggae & Ska 2017, einem anderen Festival, mit Philipp Kause, dem Autor des Artikels

So Summerjam is for me one of these places that has a good presentation space for the artist, to come and present their music and say what they wanna say, you know. And it’s for me, it’s a place that I loved going to. I haven’t been there for, I think, four years now.

Deutsch-Rap, Kapitel II 

Es gibt noch mehr deutschen Hiphop auf dem 33. Summerjam, denn auch Dendemann wird mit an Bord sein. Von ihm gab es lange keine neuen Veröffentlichungen. Auch dabei: Nugat! Nugat hat bereits Füffi produziert, Füffi war bereits “Featured Guest” bei Yaw Herra. Yaw Herra kommt auch. Insofern ist da ein Cluster von miteinander bekannten Artists vertreten, wie auch die vier Klub Kartell-Sänger ein Bündel von miteinander bekannten deutschen Reggae-Künstlern sind. Den Herrn Nugat – auch er wie so viele ein Einzel-Artist ohne Band – schreibt man tatsächlich ohne “o”. Nugat kommt aus Niedersachsen.

Neben dem Dendemann wird ein anderer “-mann”, Trettmann, eine zentrale Rolle auf dem Festival spielen. Dendemann dagegen, heute nicht mehr so im Mittelpunkt, kommt aber eine historisch wichtige Rolle zu: Er war einer der ersten dieser deutschen Einzel-Rapper, nachdem in den Anfängen des deutschen Hiphop eher die Gruppen wie Fanta 4, Beginner, Freundeskreis, Rödelheim Hartreim Projekt, Die Firma, Fettes Brot, Massive Töne, Sons of Gastarbeita, Advanced Chemistry, Fünf Sterne deluxe, Spektacoolär, City Nord, Kinderzimmer Productions, Tic Tac Toe, Sprachlabor, Die Coolen Säue oder zumindest das Duo-Format DJ & Rapper wie bei Zentrifugal verbreitet waren.

Zwischen Hiphop/Rap und Reggae/Dancehall

Trettmann transzendiert eigentlich die Trennung zwischen den Szenen Rap und Reggae. Damit ist er weder aus deutscher noch aus jamaikanischer Sicht der erste. In Deutschland ist weder bei Seeed, Culcha Candela noch Nosliw wirklich klar, wo die Grenzlinie zwischen den Stilen und auch textlich zwischen den Kulturen verläuft. Auf deutscher Ebene ist nun 2017 auch Jahfro als weiterer Vertreter dieser Stil-Melange hinzugekommen. Von Jamaika aus muss man daran erinnern, dass Protoje am Hiphop geschult ist. Viele der unter 35-jährigen Roots-Künstler/innen sind mit Hiphop aufgewachsen. Dass eine/r auf die Frage nach der ersten selbstgekauften Platte ein Album des Wu-Tang Clan nennt, damit ist selbst im innersten Kern des Roots Reggae Revivals zu rechnen.

Ein paar Querverweise weg vom Summerjam raus in die aktuellen anderen Trends: Kabaka Pyramid, Leno Banton oder Blvk H3ro gehen den Weg Richtung düsteren Rap (Kabaka: “Armageddon”), Mellow Flow Hiphop-Reggae-Fusion (Leno Banton: “REMSZN”-Mixtape) oder Soul-Reggae (Blvk H3ro: “The Herb Connoisseur”-Mixtape).

Das Phänomen Ronny Trettmann – oder: Dancehall aus Chemnitz in Köln

Zurück nach Köln an den Fühlinger See: Trettmann ist zur Zeit in Deutschland auf Tour, vielerorts ausverkauft. Auf dem Summerjam bekommen die leer Ausgegangenen nun eine neue Chance. Der Sänger ist ein sehr gutes Beispiel dafür, warum es Blogs wie Irieites.de braucht. Die nächsten beiden Absätze sollen nicht nur in einem englischsprachigen Magazin stehen, sie gehören auf Deutsch formuliert, denn es geht um Deutschland. Und sie halten mal kurz die Zeit an, was ich mir hier in diesem Feature-Format erlaube. Im reinen Teasing-, Schlagzeilen-, Verlautbarungs-, Service- und PR-Journalismus des Mediums Radio (ca. 90% der Sendezeit der meisten deutschsprachigen Programme) geht das nicht. Ich will mehr tun als Festival-Plakate posten. Gerne auch provozieren.

Grauer Beton – und ein Sänger, der Farbe bekennt

Ronny Trettmann hat mit dem Titel “Grauer Beton” sozialkritische Lyrics mit einem tristen Riddim-Bett unterlegt. Das Riddim klingt nach Dancehall. Der Text nicht. Um den Tune zu verstehen, muss man mit offenen Augen durch die BRD gehen, von der vormaligen Existenz der DDR wissen und vom Versprechen “dass wir […] blühende Landschaften erleben werden.” Heute veröden Städte und Dörfer in Sachsen-Anhalt, zahlen Begrüßungsgelder für neue Studentinnen/Studenten, die sich als Mieter/innen niederlassen, fehlen Pflegekräfte für die alternde Bevölkerung, fühlen sich Arbeiter/innen in den Bergwerken der Region Oberlausitz von der Politik nicht anerkannt, werden Arbeitsleistungen aus der DDR nicht korrekt für heutige Rentenbezüge angerechnet, gelten Dörfer wie Jamel (nicht Jahmiel, das ist ein Sänger hier im Artikel, Jamel ein Ort in Mecklenburg-Vorpommern), Tröglitz, Torgelow und Borken als in der Hand der NPD oder rechtsextremer Bürgerinitiativen.

Der heute in der Tagespolitik viel und kontrovers diskutierte “Solidaritätszuschlag Ost” überließ mittels einer Art intransparenten Subventionssystems Städte in NRW wie Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg oder Mülheim an der Ruhr, alle nicht weit weg vom Summerjam, sich selbst. Der “Soli” entwickelte sich ironischerweise zu einem Stück Planwirtschaft: 1991 für ein Jahr eingeführt, danach beendet, 1995 wieder eingeführt mit Zielzeitraum bis 2019 (!). Seit 2006 sind bereits drei Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen eingegangen, ob die Abgabe noch rechtens sei. Die letzte Klage schwebt seit zweieinhalb Jahren.

Derweil ließ das Umverteilungsmodell im Ruhrpott nahe unserem Summerjam den Wohnungsmarkt unbeachtet verkümmern. Callcenter und Shopping Malls brachten zwar ein paar Jobs, aber keine gut bezahlten und keine adäquaten zu den in Industrie und Bergbau weggebrochenen. Was sie brachten, war “Grauer Beton”. Parkhäuser, Park- & Ride-Anlagen usw. Und dann der Osten: Ronny Trettmanns Heimat “Karl-Marx-Stadt” hieß bis 1953 und heißt seit 1990 wieder Chemnitz. Trettmann, geboren 1973, gehört genau zu der Generation, der die Wiedervereinigung Hoffnung gab. In einem Alter, in dem man sich vorstellt, wie offen die Welt vor einem liegt und was man mit seinem Leben alles anfangen kann, erlebte Trettmann den Systemwechsel.

Ich empfehle mal eine Fahrt mit einem grün angestrichenen Bus eines erfolgreichen Start-Up-Unternehmens von Berlin in Richtung Süden. Auf manchen Strecken hält der Bus eine Viertelstunde lang in Chemnitz. Man wird einmal quer durch die Stadt gefahren. Besonders nachts ist der graue Beton eindrucksvoll. Ich fand ihn beängstigend, habe nichts Lokales, nichts über Jahrhunderte Gewachsenes gesehen. Eine Stadt, die mich beim Durchfahren an einen utopischen Donald Duck-Comic über das Leben im Jahr 2070 erinnerte. Kein Ort zum gemütlichen Verweilen. Die Tristesse in Trettmanns Song kann ich zutiefst nachfühlen.

Dass Trettmann heute in diese Wunden sticht, kann man ihm nicht hoch genug anrechnen. Es ist auch gar nicht schlimm, dass die Reggae-Zutaten vom Kiffen (“medication”), von Sunshine Feeling und von “all people unite” und One Love hier fehlen.

Er erzählt das, was er erzählen muss, weil es sonst niemand so lakonisch-poetisch tut. Seine Zusammenarbeiten mit z.B. Megaloh, Haiyiti, Marteria oder dem Kitschkrieg-Produktionsteam deuten zwar auf Hiphop hin. Damit wäre das Phänomen Ronny Trettmann aber unzureichend besprochen. Sowohl die Klangästhetik einzelner Songs erinnert stark an jamaikanischen Dancehall – man vergleiche mal sein Lied “Grauer Beton” mit Jahmiel, der auch zum Summerjam kommt, mit der Single “Dem Too Hype”.

Newcomer Jahmiel

Dieses Beispiel (siehe unten beide Videos) zeigt, dass hier zwei junge Männer unterschiedlicher Generationen (Trettmann 1973 und Jahmiel 1992 geboren) in zwei ähnliche Richtungen einmünden und auch in ihrer Poesie ähnliche Aussagen treffen. Beide Lyrics sind lakonisch, beide beklagen überspitzte, hochnäsige Ansprüche oder stellen zumindest fest, dass man mit ihnen in unserer Welt erst mal erfolgreich ist. Beide entlarven diese Haltung als betrüblich, erinnern daran, dass viele Menschen eben keinen Anlass dazu haben, die Nase hoch zu tragen, sondern in eher schlichten Verhältnissen leben und aus diesen auch gerade wegen der Arroganz der Mächtigen nicht herauskommen. So würde ich die beiden introvertierten Stücke jedenfalls deuten:

Jahmiel, geboren am 30.8.1992, gehört zur “Future Generation of Jamaica”. Er ist ein klassischer Frühstarter: Laut manchen Interviews hatte er mit vier oder mit sieben Jahren seine ersten Auftritte. Mit zehn oder wahlweise mit zwölf, je nach Quelle, soll er seinen ersten Song geschrieben haben. Allen jungen, talentierten Artists, die auf irgendwelchen Riddims ihren Gesangs- bzw. Toastingbeitrag leisten, wünscht er viel Selbstbewusstsein. Im (jamaikanischen) Radio würden die kaum gespielt, meint er – nur die bekannten Namen. Diese Zustände will er ändern, Connections hat er, u. a. angeblich zum Manager von Beenie Man. Seine Musik würde er Uplifting Dancehall nennen. Ich will es nicht verbergen: Für mich wird er der interessanteste Act auf dem Summerjam 2018 sein. Denn von ihm habe ich kaum Vorstellungen, was live zu erwarten ist. In jedem Fall bringt er bereits Substanz mit, gute Texte, eine reflektierte Grundhaltung und eingängige Melodien. “Da darf man gespannt sein”, um die beliebteste Floskel deutschsprachiger Veranstaltungspromotion zum Schluss des Textes zu verbraten.

Im dritten Teil der Summerjam-Vorschau sind dann Milky Chance, Dactah Chando, Naâman, MHD, Stonebwoy, Treesha, Ty Dolla Sign, Dancehall-DJ Thomas vom “Gauloises”-Promozelt auf dem Summerjam 2017 und Skarra Mucci sowie das Geschehen in der Dancehall Arena dran.

Text & Köln-Fotos: Philipp Kause

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.