Social Media Marketing im Musik-Business – ein Kommentar

Wenn wir Journalisten mit neuer Musik bemustert werden, wird uns gerne ein PDF voller Zahlen übermittelt:

  • YouTube-Kanal-Abonnenten der Band,  
  • Facebook-“Fans” (gemeint sind eigentlich “Likes” zur Hauptseite),
  • Twitter-Follower,
  • Soundcloud-Account-Abonnenten,
  • Abspielzahlen auf dem Streaming-Dienst Spotify.

Mich stört eine solche Auflistung, wenn sie mal eine bestimmte Zahlenschranke überschritten hat. Mich setzt sie unter Druck. Ich soll mich mit etwas befassen, weil andere es bereits toll finden. “Viele” können sich nicht täuschen. Und “fast” jeder Musikhörer soll ja heute angeblich einen Account in jeder dieser Plattformen haben, sie permanent nutzen und alle seine Privatvorlieben dort fleißig kundtun. Mir hingegen kommt immer wieder der Gedanke, wo denn die Newcomer-Förderung ihren Raum findet.

Ein Foto, hier mit Teesy und dem Autor. Interviews braucht man heute gar nicht mehr ohne Selfies zu machen.

Nicht jeder Mensch, der Musik macht, ist fotogen und telegen, um sich auf Instagram ständig vor der Kamera zu zeigen. Und nicht jeder hat das Budget für hochwertig designte Cover-Artworks, also die Bilder auf Vorder- und Rückseite einer CD/LP, zugleich das “Thumbnail”-Bild bei Download-Portalen.

Ein Promoter erläuterte vor kurzem, er biete in einem bestimmten LogIn-Bereich Presseleuten Zugang zu einer Auswahl von Neuerscheinungen. Diese könne man dort downloaden und der gewillte Artist müsse dafür eine Gebühr zahlen. Wenn jemand nicht bereit sei, diese Gebühr zu zahlen, lasse das darauf schließen, dass dessen Produktion sicher auch gar nicht gut genug sei, um im Radio gespielt zu werden oder Radio-DJs angeboten zu werden.

Schluck!

Eine (relativ kleine) Plattenfirma erzählt aktuell diese Woche in einer Pressemitteilung an die Presseleute, ein neues Album werde “MfiT” sein und schreibt in Klammern dahinter “Mastered for iTunes”. Da ich die Firma mit dem Apfel bis zum heutigen Tage gekonnt boykottiere, kann ich anscheinend nicht mitreden. Mich persönlich würde eine Presse-Info mehr beeindrucken, die ich die Chance habe zu verstehen und in die wenig Geld gesteckt wurde, als irgendein fragwürdiger Technologie-Fachbegriff. Möglicherweise vergibt die Apfelfirma für das Einhalten bestimmter klanglicher oder technischer Vorgaben eine Art Zertifikat. Weiter heißt es dann in dem Text der Plattenfirma, dass wir “in a global war” lebten, der jeden betreffe. “Distracted by gossip and vanity” seien wir und verstünden nicht, dass uns eine Elite einen Krieg aller gegen alle schmackhaft machen wolle.

???!!

Die Streaming-Plattform Shazam hat wieder Songs für mich gefunden. Dass ich eine Zeitlang “offline” war, hat sie nicht gestört. Meine Suchanfrage konnte ich “offline” stellen, die Antwort bekam ich “online”. Früher dachte ich naiv, jede App arbeite so und das sei der Sinn einer App.

Entschuldigung, aber wer sind denn die großen Firmen, die “Gossip and vanity” verbreiten? Sind es das selten in unseren Breitengraden erwähnte Shazam, mit dem man so bequem Songs unterwegs entschlüsseln kann und das insofern Information statt Desinformation, Fakten statt “Gossip and vanity” bietet? Ist es Deezer mit seinem großen Songarchiv, das man als Datenbank, als Anregung, zum Entdecken der Veröffentlichungen großer wie kleinster Labels nutzen kann? Ist es Mixcloud, wo DJ(ane)s ihre Sets, Sendungen oder Mixtapes hochladen? Oder Bandcamp mit seinen vielfältigen Dateiformaten von Flac bis Wave, bereitgestellt von Künstler/innen und Labels selbst?

Das Buch der Gesichter weiß genau, mit wem ich mich vor 3 Jahren getroffen habe, und möchte mich daran erinnern. Ich soll meine Erinnerung danach teilen.

Oder ist es nicht gerade die Firma mit dem Apfel als Symbol? Ist es nicht eher die Datenkrake, die das Prinzip der “Likes” erfand, die alle Lebensbereiche vereinnahmen will vom Politischen bis zu dem, was wir essen, von unseren Haustieren bis hin zu den Filmen, die wir mögen? Die unsere Fotos zu ihrem Eigentum erklärt. Die sich jahrelang wehrte, einen Dislike-Button einzuführen. Wo man nur dabei war, wenn man für alles war. Die jetzt einen riesigen Datenmissbrauchs-Skandal am Hals hat. Oder ist es der Kurznachrichtendienst, für den meine Gedanken leider zu lang sind?

Wer verbreitet denn Gossip und Vanity? Eventuell genau die Firmen, die von dieser Plattenfirma hofiert und als Qualitäts-Messinstrumente neuer Musik genannt werden?

Nein, relevant ist doch nicht, wer viele Anhänger nach sich zieht. Denn viele haben viele Anhänger. Der Tag hat aber weiterhin immer nur 24 Stunden. Je mehr Accounts es gibt, auf denen jemand einen Like, ein teils schon automatisch damit ausgelöstes Abo für die Zukunft hinterlässt und die Klickzahlen hochtreibt – desto inflationärer wird das Ganze. Desto kürzer die Verweildauer pro Seite. Kann man austricksen, wenn man hunderte Seiten gleichzeitig am Browser öffnet. Aber dazu bräuchten wir schnellere Internet-Netze und zuverlässigere Betriebssysteme mit größeren Arbeitsspeichern.

Mal zur Qualität: Je mehr Bands und Filme und Produkte und Reiseländer und Marken und Personen und “Freunde” ich abonniere, je mehr Gruppen ich beitrete, deren Geschehen ich verfolge oder sogar kommentiere, je mehr ich retweete und je mehr ich mit einem Herzchen oder Daumen versehe -> desto weniger intensiv die Wahrnehmung. Desto gesplitteter und oberflächlicher die Aufmerksamkeit.

Analog trifft Digital: Links, langgezogen das analoge Mischpult mit 14 Sound-Eingängen – in der Mitte unter dem Mikro eine digitale weiße Funkuhr, wie sie es auch in den 1980er Jahren schon gab – unter dem braunen Mikrofon-Ploppschutz unauffällig ein schwarzer Kasten: ein Mehrfach-USB-Player und die Telefonanlage (bei Radiosendern oft noch ISDN wegen der vielen Anrufe und Endgeräte) – Rechts: drei leuchtende Flachbildschirme der 2010er-Dekade, für Social Media-Accounts sicherheitshalber gesperrt. Access denied! Man will ja nicht jeden alles mitlesen lassen…

 

Die Firmen, die meine Daten auswerten, können mich immer genauer eingrenzen. Sie können zusammensetzen, was mir wichtig ist, was weniger wichtig. Sie können anhand von Algorithmen vorhersagen, was ich eventuell gerne als nächstes hören oder lesen möchte. Was andere gehört oder gelesen haben, die ähnliche Geschmacks- und Interessensstrickmuster haben wie ich selbst. Diese großen Firmen, die “Big Data”-Collectors – sie gewinnen!

Ein Massenmedium, das keine Daten von uns will: Der Videotext ist eine visuelle Plattform, die einen völlig in Ruhe lässt. Auch Musiktipps finden sich dort bei den meisten Sendern. Doch wer nutzt den Teletext noch?

Doch der einzelne Artist auf Soundcloud, den ich abonniert habe abgesehen von noch weiteren 240 Bands und 63 Fans und 12 Radiomoderatoren, die ich vielleicht abonniert habe? Den werde ich kaum gleichzeitig mit all den anderen Materialien hören können, die ständig neu hinzukommen. Eventuell kommt er bei mir als Abonnent niemals an. Weil mir, bevor ich zu ihm per Automat-Steuerung käme, zig andere Ablenkungen im Weg habe, viele andere Vorschläge, andere Songs in der Never-ending Playlist.

Dummerweise nur scheinen die Bands besonders leicht weiterzukommen im Wettbewerb, die schon viel mit sozialen Netzwerken gearbeitet haben und sich schon viele Clicks, viel “Traffic” erworben haben.

Nun mal meine Frage: Wieso zählen im digitalen Vermarktungsbereich, die Basismeinungen und sehr freie Auswahl fördern könnten, Klickzahlen als Qualitätsmerkmal per se so viel?

Während Vinyl 2015 einen Boom-Verkaufsrekord erzielte, wird die Cassette kaum mehr verkauft – den Rohling gibt es nur noch von einem einzigen Hersteller. Abspielgeräte finden sich auch nur noch selten in den Läden.

Weshalb werden alle Dinge, die wir online tun, so akribisch getrackt und als Argumente der Plattenindustrie so hoch bewertet oder auch überbewertet? Ein Abspielklick heißt mitnichten, dass einem Internet User etwas gefällt. Möglicherweise stoppt sie/er ein YouTube-Video nach wenigen Sekunden gelangweilt. Dass ihr/ihm das Video vorgeschlagen wurde, ist auf Algorithmen und Push-Mechanismen der Industrie selbst zurückzuführen.

Im WWW musst du schnell sein. Links werden oft deaktiviert.

“Likes”, also “Gefällt mir”-Angaben sind nicht “Fans”. “Fan” zu sein hat eine umfassendere Dimension. Ich beispielsweise bin Fan von vielem, ohne das im Gesichtsbuch zu verfolgen. Denn das, wovon ich “Fan” bin, daran muss mich ein soziales Netzwerk gar nicht erinnern. Ich gehe von mir aus auf die Suche nach Tour-Terminen und Statusmeldungen und neuen Bildern. Dazu brauche ich nichts abonnieren. Abonnieren dient sicher der Bequemlichkeit, und dennoch will ich vielleicht nicht, dass meine “Follower” und “Friends” in jedem Falle wissen, wofür ich mich interessiere.

Immer häufiger schlage ich die berühmten “Einladungen” aus, bei denen jemand möchte, dass man sich für eine Veranstaltung “interessiert” und das bekundet, oder bei denen man eine Seite mit “Gefällt mir” supporten soll. Über diese zahllosen Seiten verliere ich längst den Überblick und ein Lesen der Inhalte findet gerade bei den Dingen, die ich mit Likes markiert habe, schon überhaupt nicht mehr statt.

Jah9 und der Autor vorm Promo-Stand der “RIDDIM”. Der Herr mit dem Cap im Hintergrund möchte hier gerade Abos der Zeitschrift und T-Shirts “merchandisen”. Damit die Zeitschrift regelmäßig erscheinen kann, ist sie auf die Präsenz bei großen Reggae-Festivals angewiesen. An den Stand kommt daher meist alle 60-90 Minuten ein “Star” als Zugpferd.

Die einzige mehrmals im Jahr erscheinende deutsche Reggae-Zeitschrift in gedruckter Form hat die Zahl ihrer Ausgaben anno 2016 auf vier statt sechs im Jahr reduziert. Ich hoffe, dass der Digital-Wahn bald seinen Zenit überschritten hat. Und dass wir danach auch wieder gerne etwas in die Hand nehmen dürfen.

Dass wir nicht durch Push-Up-Meldungen genervt und durch “Anderen gefiel auch XYZ”-Empfehlungen andauernd das Gefühl bekommen, etwas zu verpassen. Ständig müssen wir schnell sein, weil wir nie wissen, wann ein Blog-Artikel, eine Diskussion unter einer Status-Meldung, ein Post, ein Tweet, eine legale Download-Quelle usw. gelöscht werden oder durch Umbenennungen virtuelle Beiträge unauffindbar werden, Links im Buchstaben 404 münden. Nein, ich möchte gerne eine Zeitschrift ins Regal stellen und sie dann lesen, wann ich dafür aufnahmefähig bin, und sie zuklappen, wenn mein Gehirn keine neuen Reize mehr aufnehmen, filtern und scannen will.

Philipp Kause

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.