Summerjam, Köln, 6.-8.7.18, Vorschau #4 – Dancehall, Afrobeats & Soul – feat. Stonebwoy, Treesha, Dancehall Culture & Co.

Quelle: Summerjam/Contour GmbH

Im letzten und vierten Teil der Vorschau sind die Aspekte Afrika, Soul & Dancehall (auf Bühnen und Tanzflächen) dran.

Afrika beim Summerjam

Stonebwoy

Geboren 1988 in Ghana. Meines Erachtens eine der 100 interessantesten Popkultur-Personalities unserer Zeit. Lernte den angehenden Rapper Sarkodie in seinem Highschool-Abschlussjahr kennen. Studierte Marketing. Nutzt dies erkennbar in seiner Einbeziehung von Social Media-Kanälen und internationalen Kollaborationen. Nutzt Patois-Sprachbrocken in seinen Texten. “Pretty girls like mi ting-a-ting” kommt dabei zum Beispiel heraus. Ich finde seine Musik auf eine gewisse Art süß. Sie ist nicht aufgeregt, aber sie ist auch nicht introvertiert, unnahbar oder cool. Sie kann einen sehr leicht anspringen, wenn man für Dancehall, westafrikanische Musik, Neo-R’n’B, Afrotrap, Electropop, aktuelle Afrobeats oder Deephouse eine Vorliebe pflegt. Sein Musikrezept gilt mittlerweile als Marke. Besonders angetan haben es mir seine Duette bzw. “Features” mit der Soca-Sängerin Fay-Ann Lyons, “Carnival” und “Block The Road”:

Schon vor seinem Studienabschluss hatte Stonebwoy (gerne einfach Stoneboy aussprechen… :-D) sein Debütalbum fertig und auf dem Markt. Drei Alben – 60 Tracks – Output-technisch erinnert der Stonebwoy fast schon an Prince. Hier will jemand unbedingt ganz viele Melodien unter die Leute bringen, schiebt unablässig Neues nach und zielt auf Tanzbarkeit und ungehörte Sound-Effekte. Was vor ein paar Jahren vom Stellenwert her noch Walshy Fire war – ich glaube, die Rolle des Beats-Verzauberers und Verfremders liegt jetzt bei ihm. Aktuelle Single ist das auf Ashanti Twi (hm, so weit ich die Sprache heraushören kann) gesungene “Bawasaaba”. Mit Stonebwoy werden wir, sage ich vorher, auf dem Summerjam 2018 großen Spaß haben. Egal – auch wenn man die Musik spontan nicht mag, lasst sie mal in einer solchen Situation wirken wie bei diesem großen Festival…. Und wenn man neugierig auf der Suche nach neuartigen Klängen ist – Stonebwoy holt einen vielleicht nicht von Moment Eins an ab, aber oft auch nach mehrmaligem Hören. Try & check it out:

Treesha

Treesha brachte 2015 ihre erste CD heraus. “Listen” heißt sie und ist gefühlvoll und smooth.

Mit der oben genannten Evolution Band aus Gentlemans Umfeld war nicht nur Dactah Chando (auch einer der Headliner @Summerjam) für sein neues Album im Studio. Gentleman selbst kommt zum Summerjam. Und Treesha spielte 2015 für Gentleman als Support Act, also im Vorprogramm.

Die Verbindung zu The Evolution ist geblieben. Bei den Münchner Afrika-Tagen steht sie am 14. Juni im Süden auf der Bühne – und beim Summerjam hat sie nun endlich die Gelegenheit selbst auf dem Plakat für ein großes Ereignis in Europa zu stehen. Die Kenianerin brachte vor drei Jahren ihre Debütscheibe heraus.

Den Sprung vom Newcomer zum etablierten Artist könnte sie genau jetzt schaffen – und dazu muss man aber wissen, dass sie eine Vorliebe für Soulpop hat. Wer genuin afrikanische Musik, Reggae oder Dancehall erwartet, kriegt das nur am Rande. Insoweit muss man die Erwartungshaltung dämpfen. Singer/Songwriter-Soul hatte es in Deutschland mit ein paar Ausnahmen (der erfolgreichen Joan Armatrading, der südafrikanischen `90er-Jahre-Hit-Sängerin Des’Ree, der Retro-Soulsängerin Angie Stone) nie so wirklich leicht.

Gentleman brachte Treesha 2015 on Tour mit. Auf dem Summerjam sind sie 2018 ebenfalls beide zu erleben.

Die Sache nur: Leute wie ich mögen Treesha. Für Leute wie mich, die exakt von dieser Musik elektrisiert werden, gibt es selbst in den größten Städten Deutschlands keine passenden Locations. Wir Fans solcher Musik finden nicht so leicht zueinander. Und so ist es auch im Marketing etwas schwierig, genau diese Zielgruppe anzusprechen.

Da ist es noch leichter, über die Reggae-Anteile in der Musik zu gehen. Und wer von euch kann dieser Soul-Röhre, diesem Timbre in der Stimme, diesen Blicken und diesem konzentrierten Gesangsvortrag auf Dauer widerstehen?

Der Song “Don’t Do It” greift den Vorfall des von US-Polizisten grundlos erschossenen Michael Brown auf, der sich noch während der zweiten Amtszeit Obamas ereignete und im Musik-Business große Wellen schlug, so z.B. auch von Kendrick Lamar in umgedrehter Weise verwendet wurde: Warum sich von jedem Einzelfall provozieren und in die Opferrolle drängen lassen?!

Deutschland beim Summerjam

Nugat

Sehr jung, 20. Aus Niedersachsen. Macht HipHop. Beeinflusst auch von Dubstep, wenn man den Anfang von “Panics” hört. Schlägt eine Brücke zu den momentanen Dancehall-Riddims, wenn man das Ende des Lieds hört.

Milky Chance

Popgruppe aus Kassel. Laufen viel im Radio. Hat jeder schon mal im Supermarkt oder sonst wo gehört. Sehr schwankende Klickzahlen. Selten unter 100.000 pro Video. Durchbruch vor viereinhalb Jahren mit “Stolen Dance”. Liebling von Sendern wie Bayern 3 und 1 Live. Touren in Australien, Kanada, Südafrika gemacht. An der Spitze dabei. Stilistik soll angeblich Folktronica heißen. Hat aber nichts mit der Richtung The Notwist / Lali Puna zu tun. Milky Chance machen Electropop mit Mundharmonika und gezielten Gitarrenakzenten. “Firebird” klingt für mich wie die Kreuzung aus Mando Diao, Magic Numbers, TV On The Radio, Florence And The Machine, Crystal Fighters und Empires Of The Sun – nur viel weniger euphorisch/positiv als die einen und viel weniger düster als die anderen … irgendwie mittel. Radiopop!

“Bad Things” hat ein etwas eleganteres Video. So erfolgreich wie die anderen Singles war der Titel vom Ende 2017 bisher zwar nicht – aber einen mitreißenden Dancehall-Remix davon oder eine pulsierende Dub-Version könnte ich mir gut vorstellen. Solche Musik lief bisher mehr beim Melt!-Festival in Sachsen-Anhalt, aber mal schauen, wie sie beim Summerjam ankommen…

Dancehall beim Summerjam

Das Genre ist viel umfassender abgedeckt als 2017. Dabei führen die sehr Erfolgreichen, Alkaline und Charly Black. Im jamaikanischen Radio viel gespielt, auf Riddims oft dabei, in diversen Dancehall-DJ-Club-Charts gelistet. Christopher Martin als Summerjam-Erfahrener und in gewisser Weise auch der eingangs beschriebene Stonebwoy tragen zur Dancehall-Repräsentanz bei. “Klassiker” fehlen zwar – doch bei insgesamt sehr vielen Leuten steckt hier und dort Dancehall drin. Wie kommt das?

Thomas, DJ im Gauloises-Promozelt 2017 gewesen und steter Summerjam-Teilnehmer seit 2006:

Kleines Promo-Zelt mit Gewinnspiel, Tabakversorgung & sehr guten DJs

“Dancehall-Culture ist letztes Jahr explodiert, kommerziell gesehen – wieder … Ein weiteres Mal, nach dem Sean Paul-Hype usw. haben wir’s jetzt mal wieder, Major Lazer halt, so, und ich glaube, wir könnten das aber zu unseren Gunsten machen. Hey, teach them, boomboclaat. Wenn wir, die Leute, die smarten Soundbwoyz da draußen, wenn die sich einfach sagen, pass auf, wir müssen mehr vielleicht auch zusammen gehen mit anderen Konzepten, ‘n bisschen experimentieren – und, hey, Summerjam ist das größte Reggae-Festival in Europa, sagen sie immer, oder? Und wenn sie das größte Reggae-Festival in Europa sein wollen, dann sollten Sie die Culture auch pushen … Dann sollten sie meiner Ansicht nach an die Basis wieder gehen: Mal wieder zu den Leuten, die die Tunes bossen, die die Leute in die Dancehall holen, die die Leute teachen, die den Leuten sagen, wie man das feiert, was die Vorteile dieser Community sind. Boom!”

Der Dancehall wird – so weit die Running Order schon in Umrissen besteht und man das in einschlägigen Online-Gruppen lesen kann – am Samstag stattfinden, eventuell mit mehreren Sängern zugleich auf der Bühne. Man kann zwar sagen, auf allzu dünne Bretter wie Popcaan oder Drake begibt sich der Veranstalter erst gar nicht – aber wäre nicht ein Barrington Levy, eine Tanya Stephens, eine Cecile, ein Johnny Osbourne mit ihren jeweils prägnanten Stimmen reizvoll gewesen? Oder jemand Vergleichbares? Eine Frau, Shenseea oder Ishawna zum Beispiel? Die richtig einheizen können? Jemand von den “poppigeren” aktuellen Acts wie Dexta Daps, Mavado oder Javada? Die mit R’n’B-Musik flirtenden Kranium und Govana oder der schrammelig klingende, originelle Bugle? Oder auch einer aus der Riege der Älteren, um die lange Tradition von Dancehall zu betonen und zu beleben? Oder auch hier eine Dame wie Sister Nancy?

Quelle: Summerjam/Contour GmbH

Immerhin, mit Jahmiel ist ein recht ernstzunehmender Sänger mit anspruchsvollen Texten dabei und mit Konshens ein sehr erfahrener Künstler mit vielen Hit-Singles.

Dancehall Arena

In der Dancehall Arena soll es dann wohl weniger dubsteppig-kaltelektronisch-britisch zugehen als letztes Jahr: Mit den Selectors von Warrior Sound und Talawah Sound lässt man zwei DJs ans Deck, die sonst nicht zusammen auflegen – aber getrennt voneinander in Hamburg und Wuppertal Ähnliches machen, eine monatliche Partyreihe.

Auch zur Dancehall Arena gehören Pow Pow Movement und DJ Cem von der Kölner Partyreihe “Beatpackers” (Link siehe unten). Und, wie üblich sind die Jugglerz mit dabei. Auch bei Deutschrappern wie Bausa haben sie ihr Händchen bereits mit drin und beeinflussen produzententechnisch so etliche der Haupt-Acts. Im Netz tragen sie auch mit dem Upload solcher Tunes wie hier von JONESY zur Fusion von Deutsch-HipHop und Dancehall bei. Und “Montego Bay” liefert im Namen einen Hauch Jamaikas.

Doch wer ist eigentlich die Zielgruppen des Summerjam? DJ Thomas, witzigerweise, legte dort auf, aber fühlte sich zu alt…

Wer tagsüber begeistert gemixten Dancehall suchte, blieb 2017 oft bis 1:11 Uhr hier kleben.

“Ich bin ehrlich zu euch, ich bin hier zum DJing, ich merke das, die Leute hier sind für Dancehall, aber mal ehrlich…: Wo ist hier Dancehall? oder anders, wo ist die Soundsystem-Culture aufm Summerjam? Also für mich ist Summerjam … ich bin das zwölfte Mal hier, ich hab das noch gekannt, da sind die hier mit blauen Säcken voll Gras übers Camping-Gelände gelaufen, und du dachtest, du bist in Jamaica … oder das, was ich dachte, was Jamaica ist.

Aber auf jeden Fall, für mich heutzutage ist das ‘n Pop-Festival. Es ist immer noch in die Kategorie “Reggae” gesteckt, weil da kannst groß da sein, ne … weil gegen Rock am Ring und was weiß ich, das ist was anderes, ne. Aber, aber was mir ‘n bisschen verloren gegangen ist, aber ich bin alt, ich bin auch nicht mehr die Zielgruppe, aber ich hab gemerkt gestern, wie krass heiß die Leute drauf sind, diese original Soundsystem-Culture – Auflegen, Interaktion, Storytelling, you know … everything – so, das haben die Leute richtig aufgesogen gestern! Da waren krasse Vibes!”

J Hus (Video Shot: Mixtape Madness)

Wahre Dancehall Culture ist wahrscheinlich so zeitlos wie das “Revolver”-Album der Beatles. Hier noch ein paar Dancehall-Bits & Pieces, aufgeschnappt im HipHop-Milieu:

J Hus

Zwar ein Rapper aus England. Geboren 26.5.1996. Hat’s auch in sehr jungen Jahren zum Headliner geschafft. Abseits vom HipHop-Anspruch sind Dancehall-Mittel dabei. Junger Typ mit Migrationshintergrund. Mama kommt aus Gambia, hat ihn alleine erzogen.

Dendemann

Rin

“Ich find es passt, was ich mach. Es ist Donnerstag, ich kauf die ganze Stadt. Ich kauf mir eine Million Kisten Bier und hab kein Geld für’n Ticket.” Rin stellt in den Videos gerne den Loser-Typen nach vorne. Der inzwischen salonfähige “Alles-kaputt-Stimmung-aber-gut-Modus” ist hier zur Vollendung gereift. Denn die Musik entscheidet sich gar nicht. Was ist das, Slow-Motion-Dubstep? Triphop? Soll man drauf tanzen? Geht das? Dancehall? Klingt auch wie manche Riddims? Aber dann ist so viel Geschepper drin. Einfach Bass-Musik? Wie der Name sagt? Naja, so basswummernd ist das nicht gerade. Trap? Nö.

Beim nächsten Beispiel ist der Weg zu Trettmann (auch @Summerjam 2018) und Stereo Luchs nicht mehr weit. Das Intro in den Song klingt den Dancefloor-Hits der heißen Phase 1995/96 abgelauscht (Todd Terry, Olive, Shawna Davis, …).

Mir zeigt das Beispiel: Ich mag vielleicht Reggae, Jazz oder Soul mehr mögen als Deutschrap. Wenn Musik aber mit Seele gemacht wird und eine authentische Stimmung rüberbringt, kann sie über Genregrenzen hinweg verbinden. Bei solchen Songs werde ich doch gleich zum Rin-Fan und vielleicht sogar zum Deutsch-Rap-Follower 😀

Alexis Troy, geboren 1982, ist ein deutsch-griechischer Tontechniker mit Vorlieben für die unterschiedlichsten Soundquellen – Klassik, Filmmusik, HipHop, Phil Collins, Breakbeat und Trap, der den Rapper Kollegah in die Top 10 pushte.

Soul auf dem Summerjam?

Yaw Herra

In seinem HipHop sind die Soul-Spuren deutlich zu hören, wie wir das von Megaloh, Afrob, Jan Delay, Advanced Chemistry, Sons Of Gastarbeita etc. kennen. Migrationshintergrund: Eltern sind aus Ghana. Da kennen wir nun einige, so auch Ace Tee & Kwam.E (auch @Summerjam 2018), Akua Naru (@Summerjam 2016) oder den in Ghana lebenden Stonebwoy (siehe oben). Die Soul-Quote wird in der Regel von 1-2 Acts auf dem Summerjam gehalten, letztes Jahr war’s Joy Denalane.

Quelle: Summerjam/Contour GmbH

Alles mögliche aufm Summerjam

Das Summerjam war immer und ist wieder ein Festival für offene Ohren. Immer waren dort Acts, die man “Mainstream” nennt, immer auch solche, die Musik gegen den Strich bürsten. Immer waren dort elektronische und weltmusikalische Fusion-Klänge zu erleben, auch wenn das gegenüber dem gleichnamigen “Fusion”-Festival in Brandenburg (14 Tage vorm Summerjam) nur einen Akzent setzt und nicht die Hauptsache ist. Songs wie der abschließende hier von Marteria feat. Yasha zeigen: Musik entwickelt sich weiter.

⇒ Ich melde mich dann hier auf irieites.de wieder zum Thema, sobald die Running Order feststeht. Besucht mal DJ Cem und seine broken Beats auf seinem Soundcloud-Profil!

Text: Philipp Kause / Fotos: summerjam.de/Contour GmbH (Festivalgelände) sowie Mixtape Madness (J Hus)

Links:

DJ Cem / “Beatpackers”-Partyreihe (Köln) mit Interviews & Mix-Cuts: https://soundcloud.com/beatpackers

Summerjam-Website mit allem drum & dran: https://summerjam.de/

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.