Horace Andy – statt in Rente auf Tour (Berlin 13.04. / Dortmund 14.04.)

Wäre Horace Andy im staatlichen deutschen Rentensystem als Angestellter versichert, so wäre er seit 20 Monaten im “Ruhestand”. Seitdem hat er in der Tat auch keine Studioaufnahmen mehr veröffentlicht, sich nur ab & an mal mit Dubplates etwas dazu verdient – aber ganz schön viele Konzerte in England, Holland oder Jamaika gegeben, selten welche bei uns. Am Freitagabend, 13.4 ist er im Yaam; am Samstag, 14.4.18 tritt er in Dortmund auf.

Nun, was muss man sagen?

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  1. Die Dub Asante Band hat er dabei, mit der er in diesem Jahrzehnt immer wieder mal auftrat.
  2. Hatte Hits in den 1970er Jahren, z.B. “Skylarking” und “Lonely Woman”.
  3. Gehörte zu den hauseigenen Künstlern des Studio One, ist einer der Pioniere von Dub-Musik.
  4. Der Typ mit dem Vibrato in der Stimme.
  5. Hatte zuletzt vor allem im Remix-Kontext ein paar Neuheiten, z.B. mit Fogata Sounds (siehe unten) und mit O. B. F. (beide 2016)
  6. War beim Reggaejam 2017 mit dabei und gehört bis heute zu den “Essentials” (ohne die Dub und alle daraus resultierenden Stile von Dubstep bis Jungle nicht nachvollziehbar oder erklärbar wären).
  7. Erzeugt hunderte Treffer an Konzertkritiken bei einer Google-Suche – von taz bis Tagesspiegel.
  8. Gehört für so sehr unterschiedliche Radiosender wie Antenne Bayern, byteFM und Cosmo (WDR ehemals Funkhaus Europa) auf die Webseite. Das Album “Mezzanine” von 1998 taucht in x Bestenlisten und Horace Andy immer wieder in lexikalischen Einträgen wie z.B. Künstleralphabeten auf.
  9. Wurde nicht immer frei von Kritik wahrgenommen, z.B. für seine zwischen den Zeilen, aber nie recht deutliche Sicht auf Gender und Homosexualität (und als ich den Song “Lonely Woman” das erste Mal hörte, dachte ich auch: boah, das klingt ja nach der typischen “Ich-bin-der-große-Maxe-und-beschütze-‘mein’-Mädchen”-Haltung). Andererseits kann man sich auch immer bemühen, Mäuse laufen zu hören, wie der aktuell wieder mal entstandene Streit zwischen Grünen-Bundestagsfraktion und Konzertveranstaltern über eine mögliche Einreise von Bounty Killer offenbart.
  10. Auch in musikalischer Hinsicht blieb die Kritik an Horace Andy nicht immer aus: Seine Zusammenarbeit mit Massive Attack in den `90er und 2000er Jahren konnte nicht jeder nachvollziehen, der ihn zuvor schon als Reggae-Sänger kannte. Andererseits, wären Triphop und Drum’n’Bass – in den CD-Läden der 1990er-Dekade oft die Abteilung irgendwo ganz hinten rechts in einem toten Winkel des Ladens – überhaupt ohne Massive Attack und Horaces Beteiligung so groß geworden? Umgekehrt: Auch Horace wäre wohl in der Versenkung verschwunden geblieben, ohne Massive Attack.

Eingefügt sind die Coverversion von Red Fox und Screechy Dan von “Skylarking” (2016), von einem DJ frecherweise auf YouTube mit Bildern von Horace Andy unterlegt + das spannend-meditativ-visuell klingende “Splitting The Atom” mit Massive Attack + das schräge Teil mit Fogata Sounds.

Text: Philipp Kause

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.