Colah Colah “Mission” (7 Worlds/Jack Russell Music Ltd.)

Colah Cover 2018 Album Mission

Colah Colah
“Mission”
(7 Worlds/Jack Russell Music Ltd. – 2018)

“Mental war”, “Trouble everyday”, “Most high Jah”, “Badmindness”, “Corruption”, “Praises”, “Powerful”, “Ghetto”, “Children of Jah”, “People dema suffer”, “Struggle”, “Mama Ethiopia”, “Downpressing the people” – einzelne Stichwörter, hier aus den Texten zitiert, und die Songtitel lassen es erahnen: Klassisches Roots-Album mit den einschlägigen, erwartbaren, “Community building”-Botschaften.

Gesamteindruck: Minimalistisch, monoton, melancholisch

Colah Colah Pressefoto mit Mütze“Mission” ist so gesehen ein Konzept-Longplayer. Musikalisch ist das Album sehr stark aus einem Guss. Das müsste bei einem Konzeptalbum nicht so sein, denn man kann ja eine textliche Geschichte mit verschiedenartigen musikalischen Gestaltungsmitteln durcherzählen. Könnte man. Tut der Jamaikaner, der Verbindungen nach Norwegen und Österreich geknüpft hat, hier nicht.

So entstand ein relativ minimalistisches und trockenes, im Grunde sympathisches, aber auch etwas eintöniges Album. Die Bassläufe sind durchweg dominant. Die Stimme liegt eine Oktave tiefer, als es mir natürlich schiene. Das heißt, seinen ganzen Resonanzkörper schöpft der Sänger nicht aus, sondern klingt etwas zu tief und etwas zu zurückhaltend. Dabei beherrscht er Gesangstechnik ohne Autotuning, klingt sehr fest.

Colah Colah Pressefoto in Jacke an BaumKlingt wie…

Ähnlichkeiten zu Perfect Giddimani im Stil fallen mir hin und wieder auf, wobei seine Stimme ganz anders klingt, näher bei z.B. Amlak Redsquare ist. Auch hat Perfect viel mehr Soul und breitere Melodie-Spielräume. Für Follower von Bugle vielleicht ein interessanter Fall (das Raue stimmt überein)? Weitere Anknüpfungspunkte ergeben sich zu Lion D / David Lion (das mittlere Songtempo und die Textgestaltung), Exco Levi (die schnörkellose Stilistik), Eek A Mouse (das Charisma in der Stimme), IQulah Rastafari (die Attitude). Eine Kooperation mit Dub Inc könnte ich mir für ihn auch vorstellen.

HINWEIS:

Songs aus diesem Album sind in der Irieites-Open-Spotify-Playlist “Irieites – Alles neu macht der Mai” mit Neuheiten aus dem Frühjahr 2018 enthalten.

Im Satz vorher auf -> “Alles neu macht…” klicken, mit “In neuem Tab öffnen” -> dann kommt die Frage, ob ihr euch anmelden wollt.

Aus der Reihe “Songs über Musik”

Colah Colah schaut nach unten, Pressefoto, Dread LocksNach dem super Auftakt-Track “Network Movements”, bereits einem der stärksten Songs hier, ist “You Can Win” vergleichsweise vorhersehbar – ein Kiff-Song in schwermütiger, aber auch zuversichtlicher (“win”!) Stimmung. Song No. 3, “Can’t Stop These Songs” ist das Lied, das ich aus diesem Album für mein weiteres Leben mitnehme. Eine Hymne über Musik, solide produziert, schwungvoll vorgetragen. Colah Colah träumt von Reggae auf VH-1 und MTV (dritte Strophe). Er dankt den Tontechnikern, Klangingenieuren und Produzenten für ihre Arbeit im Business (“engineers” und “producers”, zweite Strophe). Und er benennt als Reminiszenz eine lange Liste von Leuten:

Tosh, Wailer, Garnett Silk, Ziggy Marley, Sly & Robbie, Shabba Ranks, J Dilla, Dennis Brown, Jimmy Cliff, die I-Three – eine kleine, feine Hymne! Der Song ist zwar nun nicht die Neuerfindung des Rades, aber doch irgendwie “authentisch” und dadurch sehr schön.

Roots-Themen von Religion bis Ökologie, Gesellschaft bis Politik

House of Riddim Logo“Every Day” ist ein religiöses Lied voller “praises”, gewidmet “to the most High”. Big up Sam Gilly für den guten Keyboard-Einsatz hier! “Mission”, der Titelsong, geht gegen das Ego (“Selfishness”) und gegen negatives Denken (“Badmindness”). Durch die Klarheit des Sounds und die druckvolle Stimme geht der Titel auf Anhieb “intus”.

“Colah” bezieht sich übrigens nicht auf die Cola, sondern auf “Colour”.

 

 

 

“This World” (No. 6) geht so:

“This world is a wonderful world, powerful world, beautiful, powerful.”

Aha?! Irgendwo im Positive Thinking-Bermuda-Dreieck zwischen Bobby McFerrin, Al Jarreau & Jimmy Cliff gelandet, zwischen Tchaka!-Seminar und “Wir schaffen das”-Kanzlerinnen. Ein Lied wie eine Blumenwiese im Mai. Hätte Chancen auf eine Karriere als Werbesong für zarten Streichkäse von glücklichen Kühen für rosig-backige Kinder, die von der Extra-Portion Milch in strahlende Wesen verwandelt wurden …

“Walk on the water”, “Shake the trees”, “River flows”…

Wirklich so…

“Elevation” ist Teil der Single-Charts 2017 des Autors und wird separat besprochen. Der Song steht etwas aus dem Album heraus, weil er auf einem (sehr guten) skandinavischen Riddim von Ole Sweder entstand und nichts mit House of Riddim zu tun hat. Hier gibt’s das Album im Schnelldurchlauf:

Fazit & Verbesserungswünsche

Auf die Kategorie “Roots Reggae” betrachtet, hat das Teil schon seine 3,6 von 5 Sternen verdient, wobei auch Roots-Musik durchaus innovative Ansätze ausspielen darf/dürfte, meiner Ansicht nach. Insgesamt hängt es aber sehr vom Standpunkt ab, wieviel man mit diesem Werk anfangen kann. Es enthält einige Highlights und eine neue Wortschöpfung namens “Jilly Wees”. Allgemein betrachtet würde ich dem Album nur 2,2 von 5 Sternchen geben.

Colah Colah mit Schal, Press Pic

Mir fehlen Spezialtracks, z.B. ein Live-Mitschnitt, ein Featured Guest / Duette mit abweichendem Stimmklang, ein Remix oder eine Dub-Version (live bestimmt passend). Andererseits würde er mir diesen Wunsch sicher gerne erfüllen, denn er hatte auf dem Vorgängerwerk “Togetherness” zahlreiche Gäste versammelt.

Mir fehlen hier innerhalb der 13 Songs mal eine andere Intonation, eine Präzisierung der sehr allgemeinen Rasta-Rhetorik, die im Philosophischen, Religiösen und teils Romantisierten kleben bleibt. Andererseits sich Colah Colah z.B. im “Jamaican Climate Change Project” und hätte sehr präzise Anwendungsbeispiele beizusteuern – einzig die Verbindung zwischen Theorie und Praxis könnte noch etwas Schwung vertragen.

Der Sänger liefert ein sehr konsequentes Album, ohne den Mut sich mal zu verjazzen (Jazz als Wurzel von Ska & Rocksteady würde jede Berechtigung liefern es zu tun): Soli wären mal gut, die Instrumente – von House of Riddim auf gewohnt hohem Level eingespielt – als einzelne Mitwirkende im Vordergrund zuzulassen, ihnen eine Bühne zu geben (statt z.B. mit einem fantasiefreien Fade-Out rauszugehen).

Femininer Beistand hätte der Produktion gut tun können. Sicher nett, mal ein puristisches Teil ohne Dub-Verfremdungen und ohne Hiphop-Fusionen. Roots Reggae findet aber nicht unter einer Käseglocke statt. Er ist in die DJ-Culture, in Wortkunst und Soul- & Gospel-Kontexte eingebunden.

Colah Colah live on stageColah Colah Pressefoto, mit Streifenhemd, WesteDie Texte könnten mehr Verbreitung innerhalb der Szene finden und Colah Colah bekannter werden, wenn z.B. “This World” nicht nur Bäume besingen würde, sondern das konkrete Beispiel benennen würde, etwa die Rodung von Wäldern (und da ließe sich dann eine lyrische Kette vom Hambacher Forst in NRW über den Amazonas in Brasilien bis zu Regenwäldern auf indonesischen Inseln aufmachen, der Heimat der Orang-Utans, man könnte den Lebensraum der Pygmäen, einer auf Holz angewiesenen Ethnie, im Kongo besingen usw.).

Ein Album über die Bedeutung des “Most High” in Zeiten, in denen der Mensch Gott spielt, ist eine stumpfe Waffe, und selbst für Idealist*inn*en dröge. Handwerklich und konzeptionell gut, hat sich diese Platte aber selbst in einen Käfig eingesperrt. Let’s think out of the box!

Philipp Kause

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.