Touré Kunda “Lambi Golo” & “Paris – Ziguinchor Live” (Soulbeats Records)

Touré Kunda
“Lambi Golo” / “Paris – Ziguinchor Live”
(Soulbeats Records – 2018)

Afrikanische Musik wird oft mit spitzen Fingern weggelegt. Sie hat es schwer. Oder als exotische Zutat zum Sommer nebenbei gestreift.

Wer cool ist, hört irgendwelche englischsprachige Hipstermusik, um sich subkulturell abzugrenzen: Indie-Alternative-Electro irgendwie, so die Schiene. (Gäbe es auch aus Afrika, by the way…) Oder R’n’B, Lounge, Soul. (Gäbe es ebenfalls aus Afrika, nur so am Rande…) Oder man hört Hiphop. (Jede Menge aus Afrika bleibt dabei unberücksichtigt…) Oder man hört “alles”. (Es gibt alles in Afrika…!) Oder “alles, was im Radio läuft”. Gut, da läuft ja nicht mehr viel Verschiedenes. Aber – aaah, Alarm! Da laufen Touré Kunda – oder zumindest einige ihrer Instrumentalisten – dauernd. Obwohl… inzwischen nur noch in den Oldiessendern.

Auf der Suche nach Musik aus Afrika

Ich erkenne, da habe ich eine echte Herausforderung angetreten: “‘was Afrikanisches? Das muss ja dann Weltmusik sein, ne?!” Und von Uralt-Heroes… “Also, ähm, die ’80er waren schon cool, ne?!” Ja, Musik aus Afrika, das gab’s mal so ‘ne Zeit lang, das ist einigen Leuten ein Begriff. Aber ich versuche es trotzdem, weil wir ja hier quasi auf Irieites.de unter uns sind und keiner mithört. Außer Freund Zuckerberg. Und ich mich hier für meine Vorliebe für afrikanische Musik nicht schämen muss. Also, pssst: Geheimtipp! Hier kommen die coolsten “Weltmusiker” unter der Sonne, Pioniere des Geschäfts.

Ohne sie hätte es womöglich viel länger gedauert mit den ganzen “Afrika”-Festivals … die keine sind. Oder mit den “Afrika-Karibik-Festivals”, von denen manche sich heute eines Rea Garvey als Headliner berühmen, Düster-Deutschrap vorladen oder Popcaan als typisch für Afrika & Karibik beherbigen. In den 1980er und ’90er Jahren traten unter den Slogans “Reggae”, “World” und “Africa” konsequent auch afrikanische Acts auf. Touré Kunda zogen damals die Linie zwischen Reggae und “Weltmusik”. Sogar noch früher, 1979. Da gab’s das Wort “Weltmusik” noch nicht. Oder es war ungebräuchlich.

Reggae aus Afrika finden

Die Linie, die sie zogen, war keine Trennlinie, sondern eine Verbindungslinie. Was wurde doch in Afrika damals schon alles für Reggae gehört! Und Step by Step, sukzessive, auch gemacht.

Etliche Musizierende in Ländern wie der Elfenbeinküste (Alpha Blondy, Tiken Jah Fakoly) oder Südafrika (Lucky Dube) sprangen auf diese karibischen Rhythmen schnell an, die ja geschichtlich noch recht neu waren. Calypso und seine Connection zur kongolesischen Rumba hatte es ja andauernd seit den ’50er Jahren gegeben. Afro-Karibik, zu diesem Oberbegriff wurden seither viele Bücher geschrieben – nicht zuletzt von einem erfolgreichen Sänger, Harry Belafonte.

Mit Touré Kunda fand “die” afrikanische Musik jedoch nicht mehr in Afrika statt; das war die zweite wesentliche Neuerung. Neben dem Reggae-Offbeat. Sondern: Die senegalesischen Musicians wanderten nach Frankreich aus. Trafen dort auf weitere Exilanten und auf Franzosen mit offenen Ohren und Jazz-Gespür. Sie gossen die Musik zusammen zu einem heißen Cocktail auf. 1979 platzte der Hit “E-Ma” heraus. “Eeee-Ma, Eeee-Ma”…

Hit-Recycling

“Ema” bzw. “E ma” oder “Emma” traf einen Nerv. Wurde zum Hit! Dem Reggae Classic von damals gewinnen sie heute, vier Jahrzehnte später, viel Frisches ab:

a) Sie dehnen ihn auf 6:30 Minuten-Format.

b) Sie verpassen ihm ein Intro, mit dem er sich nicht gleich als “E-Ma” zu erkennen gibt.

c) Sie jagen E-Gitarren durch den Tune, dass es nur so knistert und wummert und der Track vor Spannung fast platzt. Die Ursache: Ein Santana-Sturm bricht über den Song herein. Gestatten, Santana, Carlos Santana!

Luxus-Recycling

Weltmusik, bevor es “Weltmusik” gab?

Die zweite veröffentlichungstechnische Bombe ist: Sie packen das Hammer-Live-Album “Ziguinchor” von 1985 noch zum neuen Album dazu. Diese Package-Variante lohnt sich. Das Live-Album ist eines der Essentials der Konzert-Alben-Geschichte. Es ist vergleichbar mit Classics wie Simon & Garfunkels “Central Park”-Doppelscheibe, Peter Framptons “Frampton Comes Alive”, Thin Lizzys “Live And Dangerous” oder Roger Waters “The Wall – Live In Berlin”. Konzertsounds aus einer Ära, 1975-1990, als in Live-Alben richtig investiert wurde.

The Art of Live Albums

Ein schönes Thema, wenn man an Lucky Dube, “Live In Uganda”, Bob Marley & The Wailers, “Babylon By Bus”, oder aus diesem Jahrhundert an Tiken Jah Fakoly, “Live À Paris” denkt.

Tiken Jah Fakoly ist das immer aktive Pendant zu Touré Kunda, auch ein Westafrikaner, der in Paris erfolgreich seine Reggae-Laufbahn – aber als Solo-Artist – entwickelte. Auch einer mit Tendenz zu überlangen Songs. Auch einer mit Hang sowohl zu afrikanischer Musik als auch zu Jazz, Pop und Reggae.

Gelungene Live-Alben muss man gründlich suchen, doch wird man hier auf “Paris – Ziguinchor Live” mit extra-langen Fassungen und einer fiebrigen Atmosphäre und mit Feeling beim Zuhören elektrisiert. Wenn man sich darauf einlassen kann.

Klick-Tipp:

Songs aus diesem Release sind drin in der Irieites-Open-Spotify-Playlist “Irieites – Alles neu macht der Mai” mit Neuheiten aus dem Frühjahr 2018.

Im Satz zuvor auf “Alles neu macht…” klicken -> auf “In neuer Registerkarte öffnen” -> Spotify-Anmeldemaske

The Art of Namedropping

Der dritte kluge Schachzug soll wohl die Gästeliste sein. Also, nicht die Gästeliste bei Konzerten in Deutschland; da geben sie nämlich gar keine. Nein, ich meine die Liste der Gäste auf dem neuen Longplayer: Santana, Manu Dibango, Kiddus I uuuuund — Trommelwirbel — Lokua Kanza!

Manu Dibango schuldet mir noch einen Radio-O-Ton. 22 Sekunden. Ich reagiere auf Snobismus und Arroganz höchst empfindlich, auch wenn ein M. D. sich das vielleicht leisten kann. Daher kann ich den Eröffnungstrack mit dem 83-jährigen Kameruner Star-Saxophonisten, der schon von Rihanna und Michael Jackson gesampelt wurde, nicht neutral beurteilen. Bei allem Respekt für sein Lebenswerk!

Santana, oben schon erwähnt, erfüllt seinen Auftrag an strategisch wichtiger Stelle: Den einzigen Hit, der mit dem Namen Touré Kunda verknüpft blieb, neu aufpeppen und zu einer Salsa, einer scharfen Soße crémig rühren: “Emma Salsa”!

Lokua Kanza wurde für den deutschen Markt von Peter Maffay entdeckt. “Wapi Yo” hieß der Hit anno 1998.

Track to try: “Mister Farmer”

Für die Jamaika-Fans, denn Frankreich ist nun mal nicht das Reggae-Land schlechthin, noch nicht: Kiddus-I! Kiddus I trägt auf “Mister Farmer” zu genau dem Song bei, der in 2018 bisher mein Lieblingssong quer durch alle Genres ist. Der beschwingte Tune wird sicher all denen gefallen, die für folgende Namen einen Sinn haben: Richard Bona, Monty Alexander, Ernest Ranglin.

Aber auch wer Beres Hammond & Harmony House schon mal live gesehen hat oder Dean Fraser, Tarrus Riley & Blak Soil Band gut gefunden hat, könnte ein bisschen was von deren Stimmungen, diesen Grooves, der entsprechenden Luftigkeit hierin wiederfinden.

Wer war gleich nochmal Kiddus I? Hier ist er drin:

African & Non-African Styles

Pic Ngoni (Wikipedia Common Media)

Die Ngoni, zuletzt durch den malischen Rockmusiker Bassekou Kouyaté bekannt geworden.

Auch wenn man auf “Ka Badiyassi” zwar die Texte nicht verstehen wird – sounds good! Hier sind das nach Ngoni-Harfe klingende, tragende akustische Instrument, der hart angeschlagene, treibende Rhythmus mit meisterlich klassigem Schlagzeug, die psychedelische E-Gitarre und die Solo-Einlagen ein Diamant einer seltenen Spezies:

Jazzrock-Reggae!

Track to try: “Fatou yow”

In Bezug auf “Fatou yow” rechne ich damit, dass genau dieser Track die (wenigen) Radio-Airplays bekommen wird. Dabei klingt dieser Song für mich so, als ob er auf die Kinderlieder-Platte von Cat Stevens mit dem lachenden Apfel 2017 super gepasst hätte.

Das ganze Album “Lambi Golo” ist heterogen und abwechslungsreich. Wer nun sagt, “für Alben hab ich keine Zeit; ich stell mir meine Lieblings-MP3s fürs Auto zusammen – was sind denn die drei besten Tunes?”, dem entgegne ich:

Die drei besten Songs

  1. “Sene Bravo”, ein wilder Ritt auf Funk-Rhythmik. Mit zündenden weiblichen Background Vocals, ein Song, der vom ersten Ton an “funktioniert” , wenn man für Jazz, Rock und/oder Funk offen ist.
  2. “Mister Farmer”, wie beschrieben.
  3. “Soif De La Liberté”, ein Pop-Titel mit starken Bass- und Bassdrum-Läufen, auf Französisch. Ein Song mit Klangwand, recht dick aufgetragen (was auch zum Gast Lokua Kanza passt), rhythmisch leicht, in entscheidenden Spuren westafrikanisch, ein bisschen ’80er-Synthie-Rock-nostalgisch, irgendwie auch smooth, Easy Listening – und dann doch nach 3:03 Minuten bereit, Brüche zu riskieren, Verlangsamung, Beschleunigung, E-Gitarren-Schlagwerk-Gewitter, Spoken Word, Kakophonie. Der Track handelt von der Regenzeit in einer Region des Senegal, der Casamance – die schon wieder einen eigenständigen Artikel wert wäre.
Lokua Kanza on stage (älteres Bild)

Lokua Kanza aus dem Kongo, aktiv in Paris. Im April 2018 gerade 60 geworden. Quelle: discogs.com

Einordnung ins Musiklexikon – File under > Important > Fusion > Pioneers

Klar, das Album ist kein Reggae-Album. Doch Touré Kunda waren die erste erfolgreiche Reggae-Gruppe, deren Herkunft nicht Jamaika oder England war. Im Bereich der afrikanischen Rhythmen und Stile machen sie anfangs, vor allem mit Track 2, “Oustache” noch klassische Griot-Musik – Musik der Liedemacher/innen Malis. Bei “Deuk N Do”, No. 11, sind hingegen die Keyboards die dominierende Kraft.

Ich meine sogar Flöten- oder Klarinettentöne zu hören. Dieser Tune ist wohl der innovativste, den man außerdem bestimmt auch in einem Hiphop-Song gut sampeln könnte.

Der Schlusssong, “O Sotolal” ist etwas für Fans afrikanischer Trommelmusiken. Mbalax klingt an, ein Stil aus dem Senegal (populär durch Youssou N’Dour). Im Grunde auch wieder ein schöner Song.

Zeitlos schön?

Und wenn man sich was gönnen möchte und es sich hoffentlich auch leisten kann, kann ich das Studio-Neu- & Live-Alt-Double-Package bedenkenlos empfehlen. Das wird man auch im Jahr 2047 noch hören. Es wird bleibenden Wert in der Platten- oder CD-Sammlung haben.

Touré Kunda auf einem knallroten Sofa

Touré Kunda – aktuelles Pressefoto ©Audran Sarzier – Quelle: Soulbeats Rec.

Warum ich mir dessen so sicher bin?

Einige Mitglieder von Touré Kunda waren am Hit “Lambada” unter dem Namen Kaoma beteiligt – ein Welthit aus dem Jahre 1989.

“Lambi Golo” und die “Lambi Golo”/”Ziguinchor”-Doppel-Edition erscheinen am 25.5.18 und sind vorbestellbar. Vinyl ist ab 22.6. erhältlich.

Link:

Touré Kunda auf Instagram (wo auch Irieites.de vertreten ist): https://www.instagram.com/Tourekundaoff/

PS: Für die Nostalgiker/innen hier unten die Maxi-Single des ersten Hits.

Philipp Kause

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.