Summerjam, Köln, 7.7.18, Tag 2 – Zusammenfassung

Knapp 100 wartende Menschen möchten zu Tarrus Riley am Zelt der Riddim.

Zusammenfassung vom Summerjam-Samstag

Jesse Royal liefert am zweiten Tag des Summerjams einen langen (90 Minuten) Slot mit fast all den Single-Hits bis dato, “This Morning”, die sozialkritischen “Modern Day Judas”, “Generation” und “Cool & Deadly”, aber auch die hervorstechenderen Tracks des Albums (“Lily Of Da Valley”), die Kifferhymne “Roll Me Something” und “Blowing In The Wind”. Die Soundqualität super, die Ansagen deutlich wie zum Beispiel :

“We are the generation who is not governed by a government – it’s we who govern the government!”

Leider reagiert er auf Interviewanfragen nicht. Der Mensch Jesse Royal erscheint auf dem deutschen Markt auch weiterhin nicht so recht deutlich.

Dactah Chando war nach vierzehn Jahren Musizieren mit sechs Alben nun “reif” fürs Summerjam. Auslöser: verstärkte Marketing-Aktivitäten, kaum eine Gelegenheit für Konzerte auszulassen, Songs auf Englisch, dadurch klarere Botschaften.

Chando legt einen Interview-Marathon am Nachmittag hin. Letzte Station ist meine “Rastashock”-Live-Übertragung im Radio. Hier bekundet er, schon immer habe er gerne bei diesem Festival spielen wollen. Er sei sehr glücklich, dass es geklappt habe und er dadurch so viele Leute erreiche.

Tarrus Riley und die Blak Soil Band haben am frühen Samstagabend kaum neues Material dabei. Das Konzert deckt eindeutig die sanfte Seite des Spektrums ab – sehr professionell, gefühlvoll, aber auch etwas einseitig.

Eine unglaubliche Warteschlange an Fans bildet sich für Tarrus Riley und Dean Fraser vor dem Riddim-Stand am Samstag um 20:30 Uhr, zur “Prime Time”.  Dort findet das “Meet & Greet” statt. Einmal ein Selfie mit Tarrus… Das vereinbarte Treffen für Irieites.de kann aufgrund nachfolgender Zeitverschiebung nicht stattfinden.

Das Konzert von Dendemann bekomme ich nicht mit, weil ich live auf Sendung bin. Ziggy Marley spielt ungefähr so, wie er auf dem aktuellen Album “Rebellion Rises” klingt: zappelig, durchaus spannend in den Textaussagen, musikalisch aber recht einheitlicher Roots-Pop.

Für die Veranstalterseite äußert sich Klaus Maack von Contour. Er versuche immer, wie es auch zum Summerjam stets gehörte, neue Erscheinungsformen aufzugreifen. Was sich im Einzugsradius von Reggae bewege, sei interessant fürs Summerjam Festival. Was genau das jeweils sei, habe sich in der langen Zeit seit den mittleren ’80er Jahren deutlich verändert – Rap, Hiphop und Afrotrap seien gerade jetzt die Trends, die das Summerjam einbinde.

Dancehall-Paket am Samstagabend

Der Dancehall-Abend beginnt mit Skarra Mucci, und der sagt über seine Kooperationspartner und über Freundschaften: “Skarra Mucci and Friends”, das wäre ein langweiliger Albumtitel geworden. “… and The One Love Family” sei besser. Warum? Weil “Freunde” nichts Gutes seien, kommen und gehen. Sie täuschten Verlässlichkeit vor und seien dann doch nur flüchtig. “Family”, das würde doch deutlich mehr das Umschließende, Verbindlichere abbilden, auch ehrlicher sein. Familie seien einfach die Leute, mit denen man  sich tatsächlich umgebe und Zeit verbringe.

Auf dem neuen Album “Skarra Mucci And The One Love Family” sind Zusammenarbeiten aus vorangegangenen Alben und Singles gebündelt.

Skarra lebt inzwischen in Deutschland und möchte sich für den hiesigen Markt noch einmal neu oder deutlicher etablieren. Seinen Auftritt habe ich während diverser Zufallsbegegnungen verpasst: Auch das gehört zu einem solchen großen Wochenend-Event, Menschen zu treffen, die die gleiche Leidenschaft teilen. Meine “Family”? 🙂

Der Auftritt von Dancehall-Sänger Jahmiel war für mich ein lange erwartetes Ereignis. Im Gegensatz zu seinen soften Beiträgen auf Riddims, sind die ausgewählten Tunes live auf der Bühne von der härteren Sorte. Zu den rabiaten Beats tritt er mehr mit Shouting als Singing auf und erweckt den Eindruck des rauen Ghetto Rude Boy. Seine Talente genauer auszuforschen – dafür wäre ein Interview-Treffen toll. Jahmiels Management sagt Monate vorher zu, bestätigt eine Woche vorab, bestätigt erneut am Festival-Wochenende – aber… Es scheint kompliziert und könnte so einfach sein. Auch dieses Interview findet nicht statt, wobei nicht einmal eine Ausrede bemüht wird.

Konshens setzt auf die Pull-Up-Songzerfrickel-Methode. Klar, dieses Stilmittel ist ein echter Bestandteil der Dancehall Culture. Konshens steht dieses Jahr noch auf vielen Festivals als Headliner an.

Nach einem Aufstau an Hit-Auswahl aus den letzten Jahren von “Bruk Off You Back” über “Turn Me On”, “Winter” bis “In My Sleep” oder “Bassline” will vieles raus. Es kommt bei mir das Gefühl auf, er habe sich lieber nicht so recht entscheiden wollen, was er spielt und wie er es dramaturgisch aufbaut – will dagegen die gute Stunde auf der Bühne zu bester Slot-Zeit mit möglichst viel Tempo und Krach füllen. Ich erinnere mich, so etwas 2017 mal von Mr Vegas beim RV Easter Special gesehen zu haben.

Die Masse der Leute ist begeistert, auch mehrere Hiphop-Fans berichten mir begeistert – und sogar Besucher/innen, die ich eher bei Gentleman an der anderen Bühne erwartet hätte.

Der späte Samstagabend

Auch bei Gentleman ist es voll. Aber lange nicht so dicht gedrängt wie bei Konshens. Aber durchaus so voll wie bei seinem Auftritt mit Ky-Mani Marley zusammen zwei Jahre zuvor, am Summerjam-Samstag 2016.

Das Konzert verpasse ich weitgehend so wie das von Alkaline, um bei DJ Cem a.k.a. Beatpackers einen wilden Mix aus Funk, Dubstep, Schlager-Dancehall-Mash-Ups, Roots und Hiphop mitzutanzen.

Um 0:40 Uhr treffe ich im Dancehall-Bereich ein, der “Arena” (Sandboden, gut betanzbar) in einer Waldlichtung am Rand des Festivalgeländes. Wir sind knapp 50 Leute, ich zähle 46. Also viel Beinfreiheit! Die Zuströme kommen danach wellenförmig mit den Konzertenden von Alkaline und Gentleman. Auch auf dem P2-Gelände im “Roots Center” geht’s tanzbar raggamuffinesk zur Sache. Bei mir hilft allerdings um 2 Uhr auch mein Lieblingssommernachtsgetränk Kaffee mit Amaretto nicht mehr. Das schwüle Klima lässt mich beim Tanzen schnell lahm werden. Gerade jetzt hätte ich auf Soca Lust, was am Nachmittag schon dran war (Franky Fyah).

Die Stimmung & die Menschen

Ein grundlegendes Gefühl durchzieht die drei Tage: Hier ist so viel und vielseitiges Programm, das drei Tage zu kurz sind und gefühlt rasend schnell verstreichen. Wo immer man hinschaut, die Besucher*innen wirken zwar alle nicht übertrieben euphorisch, aber durchgängig gut drauf.

Die Menschen gehen überwiegend rücksichtsvoll miteinander um (Ausnahme in den Reihen an der Green Stage vorm Sound- und Technikturm, wo punktuell immer wieder sehr laute lange Gespräche, Gedrängel und Geschrei in den späten Abendstunden nerven). Leichtigkeit, Entspanntheit, Ausgeruhtheit dominieren und viele Besucher*innen nutzen dieses Jahr die Wiese am Seeufer abseits der Händlerstände und der Green Stage.

Die gesamte Crowd scheint im selben Stimmungsmodus, in einem ähnlichen Groove zu sein, und das macht das Wochenende sehr attraktiv, verbunden mit der Hoffnung, es möge “never-ending” sein. 🙂

Philipp Kause

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About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.