Ostroda Reggae Festival 2018 – Highlights #2

Ostroda Reggae Festival

Bei so vielen Eindrücken lässt sich das Erlebte kaum in einem Artikel beschreiben, daher folgt hier der zweite Teil des Festivalberichts – den ersten findet ihr hier. Sowohl der Samstag als auch der Sonntag bieten jedes Jahr ein noch vielfältigeres Angebot als die beiden Tage davor.

Samstag, 7.7.18

In der Reggae Universität wurde bereits am Morgen klar, dass sich am Abend eine kleine Sensation anbahnte: die Twinkle Brothers treten gemeinsam mit Trebunie Tutki auf! Das haben sie auch schon vorher getan, nur nicht sehr oft. Und wenn jemand, wie zum Beispiel ich, noch nie etwas von diesem Projekt gehört hatte, so war die Überraschung groß. Kurz zum Hintergrund: Norman Grant berichtete in der Universität, dass er in den 80er Jahren viel in Polen unterwegs war. Dabei ging es neben vielen Auftritten vor allem darum, die damals günstigen Studiokosten für Aufnahmen zu nutzen. Insgesamt seien so acht Twinkle Brothers-Alben entstanden (plus ein weiteres Werk, das bis heute noch nicht veröffentlicht wurde). Irgendwann kam dem Produzenten Włodzimierz Kleszcz die Idee, die jamaikanische Rootsformation mit einer Folkgruppe aus dem Tatra Gebirge, die später zu Trebunie Tutki wurde, zusammenzubringen. Folk aus den polnischen Bergen fusionierte so mit dem Rootsreggae aus Jamaika und wurde erstmal 1992 auf dem Album “Higher Heights – Twinkle Inna Polish Stylee” der Weltöffentlichkeit präsentiert. Das klingt irritierend, funktioniert aber auf eine ganz eigene Art und Weise. Man durfte also gespannt sein.

Am frühen Abend betrat Marla Brown, die Tochter von Dennis Emanuel Brown, die große Red Stage. Ihr sehr sympathisches Auftreten konnte allerdings nicht einen insgesamt mittelmäßigen Auftritt kaschieren. Das lag vor allem an der Band, die etwas zu uninspiriert aufspielte. Viel kraftvoller war der nachfolgende Auftritt von Vavamuffin. Die seit 2003 existierende Band gehört zu den bedeutendsten Protagonisten der polnischen Reggaeszene. Wer sie einmal live gesehen hat, weiß warum: eine bunte Mischung aus Reggae, Ragga und Ska treffen auf Hip Hop und Rock. Und wenn man von polnischen Reggaefans umgeben ist, wird einem schnell klar, dass so ziemlich alle Anwesenden jeden Titel komplett mitsingen können und abfeiern. Toll!

Macka B hatte es da zunächst etwas schwerer. Der Brite wirkte mitsamt seiner Band etwas tourmüde und spielte, zumindest in den ersten 20 bis 30 Minuten, das gewohnte Programm routiniert aber etwas zu gelassen und unmotiviert runter. Im weiteren Verlauf wurde die Stimmung etwas besser und mit Titeln wie “Health Is Wealth”, “Never Played A 45” und vor allem “Warrior Style” hat er das Publikum gekriegt. Ein Mann, der auf eine lange Karriere zurück blickt und seit einiger Zeit mit seinen “Medical Mondays” und “Wha Me Eat Wednesdays” in den sozialen Medien durch die Decke geht.

Ab 23 Uhr konnte das Programm kaum kontrastreicher sein. Das Dancehall Masak-Rah-Team setzte mit einer wilden und trotzdem perfekt choreografierten Show die Green Stage wieder einmal im Handumdrehen in Flammen. Eine derart bunte und abwechslungsreiche Performance habe ich bislang noch nie bei einem deutschen Soundsystem gesehen. Parallel dazu verzückten die Twinkle Brothers mit Trebunie Tutki die Red Stage mit einer wirklich einzigartigen und anrührenden Mischung aus Folk und Rootsreggae, die wider Erwarten ganz hervorragend funktionierte. Beide Stile harmonierten miteinander ohne dabei an Eigenständigkeit zu verlieren. Wirklich beeindruckend! Wer zwischen beiden Bühnen wechselte musste sich gelegentlich zwicken, um einen Realitätscheck vorzunehmen.

Das Finale des Tages wurde auf der Red Stage von Earthkry bestritten. Die noch recht junge jamaikanische Band konnte mit einem sehr deepen Sound und tollen Harmoniegesängen mächtig punkten. Blöd nur, dass ihr Auftritt ein wenig später im Regen unterging und nur von denen, die Unterschlupf gefunden hatten, aus einiger Entfernung genossen werden konnte.

Sonntag, 8.7.18

Der Morgen in der Reggae Universität gehörte ganz und gar Macka B. Im Gespräch mit Bartosz Wójcik, dem Host der Veranstaltungsreihe, erzählte der britische Reggaekünstler von seiner Karriere. Und selbstverständlich ging es auch um sein Engagement für gesundes, veganes Essen als “Lyrical Chef”. Gegen Ende der Sitzung ließ er sich sogar überreden, “Cucumba” vor und mit den anwesenden Besuchern anzustimmen. Jedes Jahr bietet die Reggae University viele interessante Einblicke in Themen rund um die Musik. Dabei geht es nicht nur um polnische Sichtweisen und Persönlichkeiten, sondern weit darüber hinaus. Ein ähnliches, gut vorbereitetes Programm wäre auch (wieder) bei deutschen Festivals wünschenswert.

Als internationale Gäste waren Christopher Martin und Gentleman auf der Red Stage zu sehen. Mr. Martin setzte auf die gewohnte Karte und bezirzte das anwesende, weibliche Publikum mit einem zunehmend aufgeknöpften Hemd. Auch wenn er verdammt gut singen kann und aussieht, sind seine Auftritte qualitativ zwar gut aber nicht elektrisierend – mag aber sein, dass das weibliche Teenager und junge Frauen anders sehen.

Ein großes Highlight war der Auftritt von Gentleman & The Evolution, die zuletzt vor drei Jahren in Ostroda zu Gast waren. Tilmann Otto aka Gentleman zählt mitsamt seinen Mitmusikern zu den angesagtesten Liveacts im Reggaebusiness – und das auf jeden Fall zu Recht. Musikalisch einwandfrei präsentieren alle Beteiligten eine ganze Reihe von Hits (u.a. “Dem Gone”, “Superior” und “Warn Dem”), die auch im Ausland bekannt sind und mitgesungen werden. Zudem ist Gentleman ein feinsinniger und sympathischer Entertainer, der auch den Kontakt zum Publikum nicht scheut. So auch an diesem Abend in Ostroda. Gentleman kam, sah und unterhielt prächtig.

Als finaler Headliner auf der Red Stage traten Tabu auf. Tabu und Vavamuffin sind gleich alt und haben in der polnischen Reggaeszene über die Jahre deutliche Spuren hinterlassen. Sie mischen in ihre Version von Reggae viel Ska und gelegentlich Balkan-Elemente. Das liegt vor allem an einer unglaublich tight aufspielenden Brass-Section gepaart mit vorantrabenden Beats, die extrem professionell auf die Bühne gebracht werden. Insofern verwundert es nicht, dass die Band zu einem Dauergast in Ostroda wurde. Auch der Auftritt in diesem Jahr setzte markante Zeichen.

Und wenn man dachte, es geht nicht wilder und verrückter, so sah man sich bei dem Jubiläumsauftritt des Joint Venture Soundsystems aus Warschau eines Besseren belehrt. Seit 30 Jahren setzen sich Maken und Co. für Reggae in Polen ein. Aus diesem Anlass wurde am Sonntagabend auf der Green Stage mächtig gefeiert. Zuvor hatte das Roots Revival Soundsystem zusammen mit Danman aus England bereits die Massive bestens eingeheizt.

Maken betrat als Priester die Bühne, mit Godzilla-Maske auf dem Kopf (später trug er eine Totenkopf-Maske). Dazu ertönte “Fly Away” von Dellé und stimmte sanft auf das ein, was noch kommen sollte: ein Feuerwerk an Eindrücken und Stilen. Die jahrelange Erfahrung war dem Team dabei wahrlich anzumerken – und der Einfluss von On U-Sound. Insofern verwunderte es auch nicht, dass als Special Guest Ghetto Priest eingeladen wurde, der einen mehr als exzentrischen Auftritt hinlegte. Als weitere Gäste waren für diesen Anlass Damian Syjonfam und Mr. Reggaenerator von Vavamuffin am Start. Eine mehr als würdige Show für das Jubiläum.

Text und Fotos: Karsten Frehe

 

Karsten

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM. And, most of all, father of three wonderful kids.