Capital Letters featuring JB “Judgement Day” (Sugar Shack Records)

Capital Letters featuring JB
“Judgement Day”
(Sugar Shack Records – 2018)

Man ist erstens geneigt zu denken, die sind doch nur wegen des Geldes wieder zusammen gekommen. Oder haben sich eingeredet, sie wären wieder so gut wie früher, zu ihren besten Zeiten. Aber bedenkt man, dass im Reggae sowieso kein großes Geld (mehr) zu holen ist, können finanzielle Gründe schon mal ausgeschlossen werden. Mit der Hybris wiederum ist es so eine Sache. Ohne sie geht es grundsätzlich in der Kunst nicht, die im Grunde selbst eine Art der Übertreibung ist. Oder aber, sie haben gespürt, dass sie wieder gebraucht werden. Was angesichts der jetzigen Situation im Vereinigten Königreich, Europa und sonst wo, gar nicht so abwegig ist. Schon damals, Ende Siebziger und Anfang Achtziger, haben die Capital Letters in ihren Songs sehr viel Raum für sozial-kritische Themen gelassen. In ihrem Debütalbum “Headline News” aus dem Jahr 1979, das erst sieben Jahre nach der Bandgründung aufgenommen wurde, machten diese Veteranen des britischen Reggae auf sich aufmerksam mit Stücken wie “Unemployed” oder “Daddy Was No Murderer”.

Nach dem zweiten Album “Vinyard” von 1982 versank diese britische Gruppe allmählich in der Vergessenheit. Erst dreißig Jahre später würden sie von dem Bristol Archives Records und dem Tochterlabel Sugar Shack Records wiederentdeckt. Vor vier Jahren kam dann erst das verschollene dritte Album “Reality” zur Veröffentlichung und ein Jahr darauf ein gänzlich neues Album “Wolverhampton”. Auch wenn sich die Geister an dem neuen Album schieden, machten die Capital Letters dennoch weiter, auch wenn sie sich von da an kurzzeitig in zwei gleichnamige Lager spalteten – man denke dabei an die Hybris vom Anfang des Textes. Auf “Judgement Day” sind sie jedenfalls wiedervereint mit neuem Schlagzeuger Harrington Bembridge (ex Selecter, The Specials) und legendärem Bassisten Myki Tuff. Der wiedergekehrte Sänger Junior Brown alias JB erhielt sogar die Ehre, mit seinem Gesicht das Cover der neuen Platte schmücken zu dürfen.

Was auch immer da vorgefallen sein mag, den Capital Letters scheint diese Zwistigkeit wohl bekommen zu sein. Denn im neuen Album geben sie sich unerwartet impulsiv und aufgeladen. Die basslastigen, ungewöhnlich schnellen Beats preschen atemlos immer weiter voran. Die fetten Bässe drängen sich regelrecht nach vorn, vor breit angelegten Bläsern, die mit geschmeidiger Eloquenz die Dynamik der Stücke begleiten. Den Sänger JB, der mit unerträglicher Leichtigkeit Spannung aufbaut und ernste Worte spricht, begleiten dabei harmonische Backvokals. Die Gitarren sind hier, im Vergleich zum Vorgänger “Wolverhampton”, noch komplexer, noch durchlässiger für Funk, Jazz und Rock Einflüsse. So wie die flotten Keyboard-Einlagen, die stellenweise sogar glatte Achtziger-Ästhetik annehmen können. Sie mögen vielleicht alt sein, aber an Kraft und Energie mangelt es den Capital Letters immer noch nicht! Lediglich im letzten Teil des Albums, wo sie sich von ihren gewohnten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Pfaden hin zum Liebes-Gedudel in Form von zupfendem, 2-tone Ska und Rocksteady Ansätzen zuwenden, wirken diese Briten drolliger und nicht ernstzunehmend. Wie auch immer, mit “Judgement Day” schaffen es die Capital Letters dennoch, an die großen beiden Alben aus der Anfangsphase anzuknüpfen. Und das will schon was heißen.

Zvjezdan Markovic

Zvjezdan Markovic

About Zvjezdan Markovic

Langjähriger Reggae Enthusiast, der in Vergangenheit für diverse Musik Portale im Ausland geschrieben hat.