GReeeN und Iriepathie, Gruenspan, Hamburg, 11.11.18

GReeeN – Ach du grüne Neune!

Was war das denn bitte für ein verrückter Abend am Sonntag? Nicht nur bin ich völlig überraschend vom lieben Syrix ins Gruenspan eingeladen worden, ich durfte dort auch noch einen mir bis dato völlig unbekannten Künstler erleben, dessen Show mir diverse Male buchstäblich den Atem raubte und den Begriff “Abriss” wirklich mal verdient. Die Rede ist von Pasqual Valentin Denefleh aka GReeeN aka Grinch Hill. Und ja, alle drei waren auf der Bühne zu erleben!

Schon das Ankommen war ein Abenteuer für sich. Bis weit in die Simon-von-Utrecht-Straße hinein standen die Fans im Nieselregen auf mindestens 200 Metern Schlange, und die letzten passierten die strengen Einlasskontrollen erst, als das Vorprogramm schon vorbei war. Das bestand übrigens aus einem rappenden Lokalmatador namens 4Tune sowie der österreichischen Band Iriepathie. Charmant und energiegeladen präsentierten letztere Auszüge aus ihrer aktuellen EP “Aroma” (z.B. die Tracks “Kush” und “Rotes Auto”) sowie die Hymnen “10.000 Headz” und “Laut Sein”, während der schonmal alle Anwesenden in die Knie gingen, um danach gemeinsam aufzuspringen. Schönes Intro!

So richtig heiß wurde es dann, als der junge Kerl ins Rampenlicht trat, der als GReeeN ein immer größeres, hauptsächlich jugendliches Publikum in seinen Bann zieht. Entspannt, sympathisch und wortgewandt begrüßt er die ca. 850 Fans, die unisono die ersten Tracks “Hinterm Tellerrand”, “Greeen Sound” und “Meine Jugend” mitsingen und gleich zu Beginn Stimmung machen. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die Venue in eine schweißtreibende Sauna, und schon nach dem vierten Song (“König Der Lügner”) werden “Ausziehen!”-Rufe laut. Diese lässt GReeeN zunächst unbeachtet und konzentriert sich voll auf den Track “Vanilla Sky”, ein klasse interpretiertes Reggae-Cover, das mir viel besser gefällt als das Original von Hanybal & Nimo. Die erste Überraschung betritt beim folgenden “Kommissar” die Bühne – ein ebensolcher, komplett mit Sturm-Uniform und Knarre, und wieder singen alle Anwesenden aus vollem Hals den Refrain mit. “Warum, warum, warum?”

Als der Cop weg ist, bittet GReeeN alle um Licht, das prompt aus Hunderten Handys erstrahlt. Atmo! Der Sänger lächelt, wird dann wieder ernst, schickt eine wichtige Botschaft ins Publikum (“Jeder von euch hat ein Talent, ihr habt es vielleicht nur noch nicht entdeckt!”) und den nächsten Track “Star” gleich hinterher. Nach dieser kleinen Verschnaufpause geht es mit “Süsses Cannabis” weiter, an dessen Ende er erneut die Hitze kommentiert und damit wieder die Forderung “Ausziehen!” provoziert. Bezugnehmend auf einen “running tour contest“ schlägt GReeeN vor, dass alle sich ausziehen, und schon fliegen die ersten BHs (und Shirts und Sweater) auf die Bühne. Am Ende sind es 29, was knapp unter dem bisher in Dortmund erreichten Rekord von 71 liegt. “Eis Essen” verwandelt den Saal dann in einen brodelnden Hexenkessel, und total nassgeschwitzt verlässt GReeeN im Anschluss die Bühne.

Zurück kommen DJ Syrix und er kurze Zeit später völlig verwandelt – Auftritt Grinch Hill! Das böse Alter Ego des Sängers ist ein Gangsta-Rapper, eine Art Schattenseite des sonnigen GReeeN-Gemüts, der mit gruseliger Woll-Maske Tracks wie “David Nine”, “Mahatma Gandhi” und “Schwarze Seite Des Hippie” präsentiert. Was für ‘ne düstere Show! Gut dass gleich danach wieder GReeeN mit dem entspannten “Interstellar” sowie dem kapitalismuskritischem “Geldhai” am Start ist, das zwar eine ziemlich derbe Sprache nutzt, dessen Message sich aber ganz klar gegen Waffen und Gewalt richtet. “Wunderschönes Leben” ist ein positives, aufbauendes Stück, das, den Kommentaren unter dem zugehörigen YouTube-Video nach zu urteilen, seinen Fans unglaublich viel gibt. Mit dem “Arschficksong” ist ein weiteres Reggae-Cover dabei, diesmal von Sido, dem jedoch jeglicher Ernst genommen wird, als im Anschluss ein lustiger Ententanz durch die Reihen geht. “Man muss auch mal den Horst rauslassen!”

Nach einer weiteren Überraschungs-Einlage (auf die Frage, ob jemand beatboxen kann, stellt sich @Bastiibeatbox mutig der Herausforderung – und jaaaa, er kann das!) fallen wieder alle in den Text von “THC” ein und rasten hüpfend total aus. Das will GReeeN sich wohl nicht entgehen lassen, taucht, erneut mit nacktem Oberkörper, in die Menge ab und feiert mit seinen Fans. Das anschließende “Stoned Durch Den Wald” ist nur die Ruhe vor dem Sturm des letzten Tracks “Eismann”, bei dem wieder alle wild im Takt springen. Crazy! Verständlicherweise will an dieser Stelle keiner den Star schon gehen lassen, und die “Zugabe!”-Rufe hört man bestimmt bis zur Reeperbahn. Mit “Oh Gott”, “Voulez Vous” und “Gunpower” findet dieses Ausnahme-Konzert einen würdigen Abschluss, nicht ohne dass noch ein Gruppenfoto gemacht wird.

Ich bin tief beeindruckt. Dieser Künstler macht vielleicht nicht die Art Musik, die hier sonst so vorgestellt wird (er nennt sein Genre “Rappae”), aber GReeeN ist ganz großes Kino und hat das Potential, einer ganzen neuen Genration von Hörern Reggae und Dancehall nahezubringen. Der Typ sieht nicht nur gut aus, er kann auch richtig klasse und ganz ohne Autotune singen und entertainen, hat gute Texte, gute Produzenten, einen Plan und das passende Team um sich rum. Big up Iriepathie, Arthur Rewak Visual Design, Adamovski Visuals und die ganze Tour-Crew! Was vielleicht am Wichtigsten ist: er ist absolut zugänglich, verbringt bis zu einer Stunde nach den Shows mit seinen Fans, um Fotos zu machen, Autogramme zu geben oder einfach nur kurz zu reden, antwortet auf Instagram- und YouTube-Kommentare und schafft somit eine unglaublich authentische Identifizierungs-Basis für die Kids von heute. GReeeN muss man einfach auf dem Schirm haben!!!

Text & Fotos: Gardy Stein

PS: Für alle, die jetzt Blut geleckt haben, geht’s HIER zu GReeeN’s nächsten Gigs der aktuellen “Ach Du Grüne Neune”-Tour.

Gardy

About Gardy

Gemini, mother of two wonderful kids, Ph.D. Student of African Linguistics, aspiring author...