Radical Dance Faction „Daydream Dystopia“ (Youth Sounds)

Radical Dance Faction
„Daydream Dystopia“
(Youth Sounds – 2018)

Radical Dance Faction (Quelle: Kickstarter)

 

Dass die Zeit sich in großen Zyklen dreht und wiederholt, haben uns schon die alten östlichen Mystiker aus ihrer tiefen Nirvana hinterhergerufen. Doch etwas, das so schön philosophisch und fern klingt, muss die englische Unterschicht auf äußerst schmerzvolle Weise und – geschichtlich gesehen – im rasanten Tempo am eigenen Leib erfahren. Denn, gerade hatte man angefangen die üble Thatcher-Ära zu vergessen, da kamen sie wieder – die Dilettanten und Hasardeure, denen die eigene Eitelkeit wichtiger ist, als das Wohlergehen ganzer Bevölkerungsgruppen. Und die ihre moralischen Defizite durch hoch geschulte Rhetorik überdecken.

Die Jungs von der Radical Dance Faction, angeführt von Chris Bowsher, müssen sich daher gerade wie in einer schlechten Inszenierung von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ fühlen, angesichts dessen, was sich drüben auf der Insel wieder abspielt. Vielleicht deshalb erklingen die Bläser-Fanfaren in dem Eröffnungslied „Old Man‘s Eyes“ des neuen Albums wie Polizei- oder Rettungswagensirenen. Als quasi Ankündigung neuer Unruhen und Straßentumulten. Immer wieder düsen sie an einem vorbei, getrieben vom rastlosen Ska-Offbeat, bis es einem schwindelig wird.

Es ist ein dunkles, unruhiges und zugleich beunruhigendes Album, ihr „Daydream Dystopia“, das eine Wirklichkeit beschreibt, aus der man am liebsten sofort aufwachen würde. Die verstimmten Blässer und die chaotisch verschlungenen Bassgitarrenläufe in „Rogue Trooper“ spiegeln diese verzehrte Realität schmerzhaft wider. Dies ist aber auch Verdienst vom Sänger Chris Bowsher, der wie ein eloquenter, zerlumpter Straßenprediger auftritt. Mit typischem englischen Akzent, als hätte er beim Sprechen Murmeln im Mund, hat er die Dreistigkeit eines John Lyndon und die Subversion eines Joe Strummer. Er singt dabei nicht, er brüllt, manisch die Sätze und Strophen umherwerfend. Zornig und wild, aber verlangsamt, wie etwa bekiffte The Prodigy.

Seine Band, die Radical Dance Faction ist einer dieser wenigen Überbleibsel aus der Blütezeit des britischen Punks und Reggae der siebziger Jahre, gestartet als Anarcho-Reggae Gruppe Military Surplus in den Achtzigern. Als sich die zwei großen Übel der englischen Oberschicht, die Musik der jungen Unterschicht – den in der neuen, schönen kapitalistischen Welt redundant gewordenen „surplus people“ – und den traditionalistisch unterdrückten Einwanderer aus der Karibik zusammenrotteten.

Die Grenzen zwischen Punk, Reggae, Ska und Dub sind folglich auf „Daydream Dystopia“ fließend und verschmiert. Die durchaus erhellenden Reggae und Ska Einlagen erscheinen hier wie Gerippen eines durch metallische Gitarrendistorsion vertretenen desolaten Zustandes, der weitaus Schlimmeres befürchten lässt. Klaustrophobisch durchziehen sich durch die Songs instrumentelle Ausschweifungen der Bläser und Gitarren, versetzt mit Dub-Effekten, wie etwa in „Riverwise III“.

Aber seine wahre halluzinogene Wirkung entfaltet das „Daydream Dystopia“ erst recht in dem beiliegenden Dub-Album, das vom Killing Joke-Bassisten Youth abgemischt wurde, der hier auch als Produzent mitwirkte. Aus einem äußerst subjektivem Album, an dem aber dennoch zwangsläufig viele beteiligt waren, hat er in seiner Hälfte von „Daydream Dystopia“ das ganze auf eine diskrete, quanten- metaphysische Ebene gefiltertes Ein-Man-Werk reduziert, das als einzig verbliebener Fluchtweg aus dieser aussichtslosen Lage zu sein scheint. Und vielleicht ist Dub das letzten Endes ja auch.

Zvjezdan Markovic

Zvjezdan Markovic

About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben.