Manu Chao „Clandestino / Bloody Border“ (Because Music)

Manu Chao
„Clandestino / Bloody Border“
(Because Music – 2019)

Irgendwann war er nicht mehr der alte. Durch seine ausgedehnten Tourneen als Mitglied von Mano Negra, die ihn durch all die Irrwege Latein- und Südamerikas führten, erkannte José Manuel Arturo Tomás Chao Ortega, dass sich sein französisches Banlieue gar nicht so von verarmten Vororten dort unterscheidet. Dieselbe Fäulnis von Ausbeutung und Ungleichheit.

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Also ließ er sich, zum Missfallen seiner Bandkollegen, noch tiefer, nach ganz weit hinten fallen. Und blickte nicht zurück. Er scharte neue Musiker um sich und nahm sein erstes Soloalbum auf. Das vor gut zwanzig Jahren erstmals veröffentlichte Debütalbum “Clandestino” ist von umfassender Melancholie durchzogen, die sich wie der feine Staub unasphaltierter Straßen Lateinamerikas in jeder Pore des Gemüts einnistet. Wie auch von der befreienden Verneinung, von der es insgeheim lebt. Denn der vorsätzliche Verzicht auf das Harte und Schrille, dass den Sound von Mano Negra stets begleitete, hat Manu Chao darin bewusst in Kauf genommen. Stattdessen hat dieser spanisch-französische Abenteuermusiker mit auffallend nasaler Stimme auf puren Anachronismus gesetzt, das auf magischem Realismus von Gabriel Garcia Marquez fußt, als auch auf das Anarchistisch-Revolutionäre eines Subcomandante Marcos und Arcade-Spielautomaten anderseits. Manu Chao bediente sich dabei einer Reihe von Stilrichtungen, die aus dem gängigen Pop-Bewusstsein ausrangiert worden sind.

Straßenmusik als Welterfolg

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Vorwiegend ist es eine Dritte-Welt-Musik, die das gleichzeitige Weinen und Tanzen in sich trägt. Die hölzerne Begleitung einer hoffnungslos verspielten Akustikgitarre, die sich irgendwo zwischen Latino, Chanson, Ska und Reggae heimisch gemacht hat, gibt die Richtung fürs ganze Album vor und wird von verwilderten Straßenfest-Bläsern, sowie schrillen Perkussion und unterschwellig wabernden Bässen begleitet. Eine Musik, die man eigentlich auch an jeder Straßenecke nachspielen – und nachempfinden – könnte. Selbst die spacigen Toneffekte, die durchs Album schweifen, wären mit jedem billigen Casio-Keyboard aus den 90ern leicht nachzuspielen.

Aus Mano Negras Song „King of Bongo“ wurde im Cover von Manu Chao „Bongo Bong“ eine niedliche Reggae-Nummer, die ihre Traurigkeit hinter einem Lächeln zu verbergen vermag. Doch, aus genau dieser, wie aus der Zeit gefallenen Einfachheit, die die schreckliche Romantik des Nicht-Habens auch soundtechnisch manifestiert, entspringt die Magie, die dieses Album immer noch, trotz unserer heutigen Instagram-Welt, ungemindert umgibt. Und seine erschreckende Aktualität anderseits, mit dem Manu Chao den Menschen über eine willkürlich gezogene Grenze stellte. Die Fortsetzung dessen findet im neu hinzugefügten Lied „Bloody Border“, einer kabarettartigen Country-Balade, die die aufgeheizte Lage an der texanisch-mexikanischen Grenze schildert. Auch wenn hier Manu Chao musikalisch nicht an den Rest des Albums anknöpfen konnte, ist seine Message, auch nach zwölf Jahren Abwesenheit, umso stärker geworden.

Zvjezdan Markovic

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About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit über 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben. (E-Mail zvjezdan[at]irieites.de)