The No-Maddz „Heaven on Earth“ (The Nommadic Movement)

The No-Maddz
„Heaven on Earth“
(Nommadic Movement – 2019)

Den Reggae wieder in den Mainstream zu führen ist ihre Agenda. Mit Wehmut erinnerten sich Sheldon ‚Sheppie‘ Shepherd und Everaldo ‚Evie‘ Creary, die zwei verbliebenen No-Maddz Mitglieder, an Zeiten als Reggae ein globales Phänomen war. Wer ist der neue Bob Marley, wer der neue Peter Tosh? – fragten sich die beiden während ihres Besuchs in New York, wo auch ein vielsagendes Interview für das Magazin Rolling Stone zustande kam. Darin lamentieren diese Jamaikaner darüber, dass Reggae zu einer Nischenmusik verkommen sei. Mit ihrem neuen Album „Heaven on Earth“ wollen sie das wieder rückgängig machen. So der Plan.

Walshy Fire von Major Lazer (by Krd – Own work/ Wikimedia)

Ein Widerspruch in sich, wie sich aber herausstellt, denn für dessen Verwirklichung haben sie sich mit MC Walshy Fire von Major Lazer zusammengetan, einem Musikprojekt, das dafür bekannt ist, abgespeckte Derivate jamaikanischer Musik charttauglich zu verarbeiten. Mit großem Erfolg, der sich aber nicht unbedingt an Qualität, sondern lediglich und ausschließlich an hohen Chartplatzierungen bemisst. Was die beiden Angestellten der jamaikanischen Wirtschaftskammer, die sich als Entertainer und ihre Musik als Produkt bezeichnen, zu vergessen scheinen: Reggae war damals, in seiner Blütezeit in den 70ern, nicht als Teil des Mainstreams zum Erfolg gekommen, sondern als eine Gegen- und Protestmusik, die sich nicht durch Zugeständnisse, sondern vielmehr durch ihre Radikalität auszeichnete.

Sheldon ‚Sheppie‘ Shepherd

Wie auch immer, ihr neues Album ist eine Mischung aus Dub Poetry und Dancefloor-Ästhetik, das sich hauptsächlich an ein Publikum richtet, das eher als Autotune-Cheerleader dem globalen Hedonismus und Dekadenz frönt, als sich für Belange von Entrechteten und Unterdrückten zu interessieren. Und als solches funktioniert es sogar sehr gut. Im Grunde austauschbare, großkotzige Beats wechseln sich ab, während die No-Maddz nichts unversucht lassen, sich als geistreiche Revolutionäre und panafrikanische Prediger zu inszenieren.

Alles nur gespielt

Mit schweren Geschützen steigen die beiden in den Ring. In dem Eröffnungslied „Chant“ wird das atmosphärische Nyabinghi-Drumming herangezogen. Der ‚Sheldon‘ Shepherd gibt sich hier mit seiner durchdringenden Stimme so aufgeladen und theatralisch wie Mutabaruka. Und in „Hold It“ werden himmlische Bläser-Parts eingesetzt, die eine umschlungene Bass-Linie und treibenden Rhythmus begleiten. Es fallen Stichwörter wie Blut, Schweiß und Tränen, die aber jegliche Authentizität vermissen lassen. Das Titelstück ist ein Paradebeispiel eines perfekt organisierten Geschichtenerzählens mit dramatischen Höhepunkten, das Elemente einer Kabarett-Aufführung mit Afrobeat. Funk und Gospel verbindet.

Everaldo ‚Evie‘ Creary

Anderorts zeigen sich die No-Maddz mitten im Zeitgeist mit Hip-Hop Stücken wie dem tanzbaren „Babylon Paper“ und schläfrigen „Beat Dem Down“. Oder steigen in die moderne, Autotune behaftete Dancehall-Sparte mit „Clarkz Like Dis“ und schweifen in Disco-Nostalgie mit der funkigen „Wretched of the Earth“, die (zu) sehr nach Daft Punk klingt. Sich in Szene setzten können diese beiden gut. Ein Vorteil, wenn man ursprünglich vom Theater kommt. Das Album wird somit zu einem Bühnenstück – in etwa wie „König der Löwen“; in „Mountain Lion“ wird die erwähnte Drama-Komponente noch deutlicher mit afrikanischer Trommel-Imitation und filmreifer Chor-Choreografie. Die einzelnen Songs gehören zu Abschnitten einer schrillen Theateraufführung, die auf dem Prinzip eines Kinder-Überraschungs-Eis basiert – mit Spiel, Spaß und Spannung drin. Die No-Maddz werden mit ihrem neuen Album den Reggae nicht in den Mainstream zurückbringen, höchstens sich selbst. Für ihren Ego und Kontostand wäre das sicherlich auch keine schlechte Nachricht.

Zvjezdan Markovic

Zvjezdan Markovic

About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit über 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben. (E-Mail zvjezdan[at]irieites.de)