The Senior Allstars im Interview – Verbalized and Dubbed

TSA

The Senior Allstars im Interview – Verbalized and Dubbed

The Senior Allstars gelten seit Jahren eher als reine Instrumentalband, die sehr versiert und entspannt musizieren. Ihre Kompositionen sind 1A und bezaubern vor allem durch Können und Eleganz. 2010 haben sie sich dazu entschieden, ihre Musik in die Hände von erlesenen Dubproduzenten (u.a. Aldubb und Victor Rice) zu geben und dubben zu lassen. Völlig offen und neugierig auf das, was entstehen würde. Das Album „In Dub“ als Ergebnis dieses Prozesses ließ sich mehr als sehen. Gefolgt wurde dieses Album von „What Next?“ (2012) bei dem die Senior Allstars sich selbst live gedubbt haben. Und die Augenbrauen von Kritikern und Fans gingen gleichermaßen wieder hochachtungsvoll in die Höhe. Doch was dann? Was bleibt noch offen, wenn man diese beiden Wege bestritten hat? Für eine fast reine Instrumentalband na klar Lieder. Und so gab man wieder Stücke in die Welt, ließ sie voicen UND zudem dubben. Es entstanden acht Lieder und ebenso viele Dubs – ein Showcase-Album also. Stilistisch wartet „Verbalized And Dubbed“ (Skycap) mit einem Kaleidoskop an Sounds auf. Diese Vielfalt entsteht vor allem durch die unterschiedlichen Stimmen, die für das Projekt gewonnen werden konnten. Neben dem ehemaligen Weggefährten Dr. Ring Ding treten u.a. Brukky, Tokunbo, Ammoye und Longfingah in Erscheinung und fügen ihren ganz eigenen Stil hinzu. Zudem prägen die versammelten Dubheads, wie Umberto Echo, Dubmatix, Victor Rice und Dubvisionist den Sound des Albums. Herausgekommen ist wieder eine musikalische Perle erster Güte. Thomas Hoppe, der Schlagzeuger der Senior Allstars, stellte sich unseren Fragen…

The Senior Allstars Verbalized and Dubbed

Drei Alben, drei verschiedene Herangehensweisen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, 2010 von eurem nach der Trennung von Dr. Ring Ding bis dato beschrittenen Weg als (fast) reine Instrumentalband abzuweichen? War es Neugier, womöglich Langeweile oder was?

Es ist nicht so, dass wir regelmäßig zusammensitzen und denken: „Was könnte man denn jetzt Neues machen?“. Ich sehe es eher als etwas Organisches, eins ergibt sich aus dem anderen. Beim von dir beschriebenen Album „In Dub“ war ja tatsächlich völlig neu, unsere Sachen aus der Hand zu geben. „What Next?“ ist zwar anders, hat sich aber trotzdem hieraus ergeben: „In Dub“, eigentlich ja so was wie ein Remixalbum außer der Reihe, gefiel uns so gut, dass wir es unbedint in unser Live-Programm einfließen lassen wollten. Deswegen wurden wir live wesentlich dub-lastiger. Und das wiederum gefiel uns – und ich glaube auch dem Publikum – so gut, dass wir diesen Ansatz mit ins Studio genommen haben. Für „What Next?“

Das neue Album „Verbalized and Dubbed“ ist nun sozusagen der zweite Teil von „In Dub“. Heißt also, noch einmal Tracks aus der Hand geben und von anderen bearbeiten lassen. Als neues Element kommen die Gesangsgäste dazu. Vielleicht, weil wir vermeiden wollten, „In Dub“ einfach nur zu wiederholen.

Nach dem Album „In Dub“ seid ihr immer wieder als Live-Dubband aufgetreten und habt euch dabei selbst gedubbt. Es ist sicher nicht einfach, sein Instrument zu spielen und gleichzeitig die Effekte zu bedienen. Verknotet sich dabei nicht auch mal das Hirn? Ist eine enorme Disziplin erforderlich, um das gekonnt hinzubekommen?

Wir treten sogar eigentlich nur noch so auf. Das sich-selbst-Dubben auf der Bühne gehört inzwischen fest dazu. Ich kann mir auch gar nicht mehr vorstellen, das wieder wegzulassen. Du hast recht, einfach ist es erstmal nicht. Für mich als Schlagzeuger war es alleine schon merkwürdig, plötzlich von Steckdosen und Drehreglern abhängig zu sein. Wir lösen das aber nicht mit Disziplin, sondern durch unser Zusammenspiel und vor allem durch gegenseitiges Zuhören. Jeder muss mitkriegen, was der andere gerade macht. Und das Ergebnis klingt jedes Mal ein bisschen anders. Vielleicht steckt hier ein kleines bisschen Jazz, obwohl ich das Wort möglichst meide.
Es gibt ja verschiedene Spielarten des Dub, und natürlich auch verschiedene Arten, Dub zu kreieren. Wir vier mögen das spontane Element. Bei unseren Songs gibt es eine Bassline, ein Thema etc. Aber es ist vorher nicht klar, ob das Lied vier oder sechs Minuten dauern wird, wer wann sein Delay auf Betäubung stellt, wo ein Riddimpart ist und so. Dabei kann natürlich auch mal was nicht klappen. Aber wenn es schön wird, dann wird´s richtig schön!

Auf dem neuen Album geht ihr wieder neue Wege. Zum einen treten Sängerinnen und Sänger viel klarer in Erscheinung als vorher, zum anderen werden die entstandenen Lieder im zweiten Gang gedubbt. Die entstandenen Werke schillern geradezu durch ihre persönlichen Noten. Seid ihr zufrieden? Gibt es aus eurer Sicht besondere Highlights?

Wir sind sehr zufrieden, ja! Bei „In Dub“ vor vier Jahren war ja völlig unklar, was uns erwartet. Diesmal war es bei den Vocaltracks natürlich auch so. Und wenn dann ein Lied ankommt, ist das für mich so wie Weihnachten als Kind! Highlights? Schwierig. Gefallen tun mir wirklich alle 16 Stücke. Für mich sticht der Tune von Longfingah heraus – zum einen wegen seines Nyabinghi-Flairs. Zum anderen, weil ich eigentlich nicht mehr so der Dancehall-Fan bin. Aber Longfingah ist großartig! Und Tokunbo auf einem sehr entspannten Track von Umberto Echo ist mein zweiter Favorit. Von meinen Bandkollegen würden aber noch andere genannt…

Die zweite Halbzeit des Albums, also die acht Dub-Versionen, gefallen mir auch sehr gut. Ich mag Dubs mit „Gesangsresten“ sehr gerne. Wir haben uns übrigens bewusst dagegen entschieden, den Dub direkt an den Vocaltrack anzuhängen. Das ist zwar schön und wohl auch der „Normalweg“, aber bei uns entstehen so zwei Teile mit völlig unterschiedlichem Charakter. Besonders natürlich beim Doppelvinyl, wo du ein Vocal- und ein Dubalbum hast.

Wie und wonach habt ihr die beteiligten Personen – vorm Mikro und an den Mischpulten – ausgewählt?

Da gibt es zu jedem eine andere Geschichte. Vielleicht ein paar Beispiele: Victor Rice kennen wir seit Ewigkeiten. Der hat 2001 schon ein Album von Dr. Ring-Ding & The Senior Allstars gedubbt. Victor hat seinen Gesangsgast Pitshu selbst dazu geholt. Zu Tokunbo – früher Sängerin von Tok Tok Tok – gab es eine persönliche Verbindung über drei Ecken. Und ich habe sie zweimal live gesehen und wusste, was für eine großartige Sängerin sie ist. Umberto Echo hatte sich unseren Song „Blackbirds“ zum Dubben ausgesucht. Ich habe ihn gefragt, ob er auch eine Vocalversion dubben würde. So kamen die beiden dann zusammen.

Mit unserem früheren Sänger Richie a.k.a. Dr. Ring Ding sind Markus und Gudze hier ins Studio gegangen. um die Vocals aufzunehmen. Die haben wir dann Dubolik in Zagreb geschickt…

Neben Künstlern, die ganz klar der Reggaewelt zuzuordnen sind, treten auch Sängerinnen und Sänger aus anderen Genres an, wie etwa Sarah Winton und Tokunbo. Wie seid ihr auf sie gekommen? Reichte die Reggaewelt für euer Vorhaben nicht aus?

Die Reggaewelt ist groß, und würde bestimmt ausreichen. Mir gefällt aber auch der Blick über den Tellerrand. Den trauen wir uns ja auch musikalisch, obwohl es immer Reggae bleibt. Warum also nicht bei den Gesangsgästen? Ich hätte da jetzt keinen Dark Metal-Sänger eingeladen. Aber zum Beispiel Tokunbo? Reggae got Soul, oder?
Ganz nebenbei haben wir es so vermieden, die Reggae-Phrasen-Dreschmaschine anzuwerfen, die ja doch auf so manchem Dubalbum verwendet wird.

Wie werdet ihr das Album live vorstellen? Kommen Sängerinnen und/oder Sänger zum Gig dazu?

Wir haben darüber nachgedacht, eventuell ein paar Release-Shows so zu machen. Aber erstens ist es kaum zu realisieren, da die Gäste unter anderem aus Toronto, Sao Paulo, New York kommen. Und zweitens wollen wir ja jetzt nicht eine völlig andere Band werden. Der Focus verändert sich ja schon, wenn da jemand vorne in der Mitte steht. Das ist live auch noch mal deutlich anders als auf Platte. Es wird also wohl keine Gesangsgäste auf der Bühne geben. Und trotzdem hören wir uns „Verbalized and Dubbed“ auch im Hinblick auf künftige Konzerte an…

Drei Alben, drei Wege! What next?

Irgendwie ist es ja doch nur ein Weg, oder? Vielleicht kein ganz gerader. als ich einem guten Freund ein paar Songs des neuen Albums vorgespielt habe, sagte er: „Ist natürlich völlig anders als sonst – und trotzdem erkennt man sofort, dass ihr es seid.“ Das habe ich als sehr schönes Kompliment empfunden. Die Frage What Next? ist schon beantwortet: Es gibt ein nächstes Projekt, wir waren sogar schon im Studio. Es wird wieder anders, und trotzdem hoffentlich wieder nach Senior Allstars klingen…

Interview: Karsten Frehe (04/2014)

www.theseniorallstars.de

Karsten

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM. And, most of all, father of three wonderful kids.