HEY-Ø-HANSEN – Austrodub für Querdenker

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HEY-Ø-HANSEN
Austrodub für Querdenker, oder: Wenn kein Bass im Bauch, dann keine Freude im Herzen.

Selten hat Musik so überrascht, wie die von HEY-Ø-HANSEN. Oder hat vielmehr aufgezeigt, wie festgefahren man vielleicht in seinen Hörgewohnheiten ist. Na egal – ihre Produktionen öffnen die Ohren für ganz andere Klangexperimente im Dub. Gewagt und doch stimmig…

Karsten: Kurz nachdem das Album „Sonn und Mond“ erschienen ist, folgt gleich der nächste Streich mit „We So Horny – Serious Pleasure Riddims“. Insgesamt ist es einen Hauch düsterer geworden als der Vorgänger, da ihr euch immer wieder gerne wummernder, den Magen aufmischenden Dubstepbässen bedient. Wieso jetzt Dubstep als Zutat zu eurer Musik. Was hat euch daran gereizt?

Hansen: Schlägt Austrodub die Brücke vom Dub zum Dubstep ……. war natürlich immer unser erklärtes Ziel.

Hey: Bedient haben wir uns nirgends. Die Bässe haben immer schon unsere Musik zusammengehalten. Jetzt haben wir das halt mal ein wenig poliert und in den Vordergrund gerückt. Das ist so ein physisches Ding, der Bass. Wenn kein Bass im Bauch, dann keine Freude im Herzen. Düster ist das nicht. Also uns gehts nicht um den Step im Dubstep. Höchstens um den Dub. Können wir nur das Zentralorgan der deutschen Reggae-Szene zitieren: ”Der ‘Austrodub’ von Hey-O-Hansen orientiert sich an bestehenden Vorlagen. Für ihr neues Album haben Michael Wolf und Helmut Erler – zwei vor einiger Zeit nach Berlin übergesiedelte Tiroler – Samples von Riddims der 50er Jahre bis zum elektronischen Dancehall der Neuzeit am Computer auseinander genommen und nach Maßgabe Dubstep-typischer Groove-Architekturen neu zusammengesetzt.” No bitte, schön zusammengefasst. Aber im Prinzip muss ich sagen: den Dubstep – also wirklich anhören kann man den eigentlich nicht mehr. Also: forward we go.

Karsten: “Widerspenstig“ ist ein Etikett, das in eurem Zusammenhang gerne verwendet wird. An Konventionen seid ihr definitiv nicht interessiert. Könnt ihr euch hinter oder vor diesem Etikett wiederfinden?

HøH: Ja Holla. Haben wir endlich ein Umfeld. Super. Und das bedient auch noch was. Noch suuperer. So was, was klingt wie Gespenst. Ein Etikett gibts auch. Beestens. Unter. Am liebsten UNTER diesem Etikett. Da sucht man uns am besten. Endlich gibt uns jemand ein Etikett, wo Hey-O-Hansen drunter stecken koennen. Toll. Aber was uns definitiv nicht interessiert – das ist ja interessant.

René: Was ist für euch Dub und was interessiert euch an diesem Genre?

HøH: Dub ist nicht so primär unser Ding. Wehe einer ausser uns sagt das, weil das stimmt natürlich nicht. Wir machen Austrodub. Und Dogma auch dabei: Austrodub zeichnet sich vor allem durch einen großen Enthusiasmus aus, absolute Hingabe an das was man macht, viel Naivität und keine Angst glorreich zu scheitern….punkt. Interessant genug. Zumindest fuer uns und das Gespinst, äh Gespenst, äh Widerspenst. Von Musikstil keine Rede dabei.

René: Welches Ziel treibt euch an?

HøH: Die nächste Show, die nächste Platte, gesund, reich und berühmt bleiben.

René: Wie entsteht eure Musik? Habt ihr eine klare Idee vom nächsten Album, oder gar ein Konzept?

HøH: Natürlich klare Idee. Hilft immer. Klappt nie. Es gibt Monats-, Jahres-, 3jahres-, 5jahres- und Dekadenpläne.

René: Mit euerer experimentell orientierten Einstellung müsstet doch eigentlich Jazz machen. Wie seid ihr auf Reggae und Dub gekommen?

HøH: Was wer wie machen muss, ist wirklich irrelevant – ausser vielleicht auf dem Konservatorium. Wir haben uns in einer Rocksteady-Band getroffen. Da war kein Jazzer. Ich (Helmut) war auch ein Prog-Rocker und Michael (Hansen) ein bildender Künstler. Experimentell ist da halt einfach das Einzige was du machen kannst. Insbesondere, wenn du der Meinung bist: in der Musik gibt es grundsätzlich keine Fehler. Kann es nicht geben. Was es gibt ist Musik. Und Musik ist Sound. Punkt aus. Das ist Dub, wie wir das meinen. Aber sag das mal einer Band, die nichtmal die Instrumente richtig halten kann. Heute bin ich so weit, morgen ein wenig weiter. Das hört nicht auf. Ein steiniger Weg zu dieser Erkenntnis.

Karsten: Immer wieder ist die Bezeichnung „Austro-Alpine Dub Band“ zu lesen. Ihr stammt aus Österreich und lebt jetzt in Berlin. Als ich eure Musik zum ersten Mal hörte kam mir ein musikalisch ähnlich gelagertes Projekt in den Sinn, dass sich schon vor Jahren mit dem weit gefassten Gebiet der Alpen verbandelte: Alpendub. Das Projekt entstand 2002 um den in Berlin lebenden Kanadier Robert Cummings. Kennt ihr euch?

Hey: Kenn ich nicht persönlich. Alles was ich davon gehört und gesehen und gelesen habe ist langweilig und doof. Eine blöde Anbiederung an noch bloedere Klischees. Pfui.

Karsten: Ihr seid, neben Peter Presto und anderen Dubfricklern, auch auf der 12 Inch mit „Tüdeldub“-Remixen von Jacques Palminger and the Kings Of Dubrock vertreten. Was verbindet euch mit der leicht schrägen Kombo aus Hamburg? Gibt es Artverwandtschaften?

HøH: Mit dem Pudel Club verbindet uns eine große Liebe, die schwierig begonnen hat. Mittlerweile haben wir den Pudel so lieb, dass unsere Gigs dort wirklich grandios sind und auch die Pudel Platten immer geiler werden. Frickler ist ein schwieriges Wort, ich assoziiere Dilletant und Pedant. Zwei unangenehme Fremdworte, die sich im Frickler eingedeutscht wieder finden. Das würde ich keinem der Beteiligten andichten wollen – schon gar nicht Nils oder Sam. Es verfehlt auch grad mal so vielleicht an der Oberfläche die Haltung des Pudel.

Karsten: Frickler war von mir aus nicht negativ belegt …. Auf Peter Prestos Album „Schön, dass du mal wieder reinhörst…“ ist der Track „Mr. Perry hört man gerne“ zu hören. Auch bei euch ist der alte Zausel oft im Geiste anwesend bzw. konkret als Sample bei „Gone Away“ auf dem Vorgängeralbum zu hören. Wieso gerade Lee „Scratch“ Perry. Dubpionieren gibt es doch etliche!?

HøH: Ja. stimmt. Michael ist auch bald alt. Und ich schon lange ein Zausel. Aber nur das kanns nicht gewesen sein. Hör mal. Gute Frage. Was glaubst du denn?

Karsten: Bläser spielen bei euren Produktionen eine sehr wichtige Rolle. Anders als in den meisten gegenwärtigen Dubproduktionen. Woher stammt diese Vorliebe? Hat sie etwas mit der „Tiroler Volksmusik“ zu tun, die ihr immer wieder gerne als Inspirationsquelle anfügt?

HøH: Nein. Die Bläser hatten zum Glück noch Schulden bei uns. Und sind einfach super. Früher konnten wir uns das nicht leisten.

Karsten: Reggaeklischees tauchen bei euch genauso wenig auf wie Artists aus diesem Bereich. Während andere Dubproduzenten hierzulande gerne mal auf Strategen wie Brother Culture oder Earl 16 zurückgreifen, tauchen bei euch keine vergleichbaren Namen auf. Warum nicht?

Hey: Sie habens einfach noch nicht versucht – das bei uns Auftauchen. Und das ist fraglich, ob sies wirklich schaffen würden, wenn. Bisher gehts bei uns noch so – es ist einfach noch nicht nötig gewesen, bei denen strategisch irgenwohin zu greifen. Ich mein, das ist ja schon ein Ding, dass hier solche Namen (die ich gar nicht kenne) 1zu1 mit Klischees in einen stinkigen Topf geworfen werden. Sehr sehr sehr richtig und mutig. Ehrlich: Ich möchte eigentlich dann – wenn ich diese Frage les – deren Namen oder Stratgien nicht nachgeschmissen haben, auch und schon gar nicht auf mein Plattencover drauf. Schade, weil vielleicht wärs ja wirklich was Interessantes. Die haben sicher auch was drauf. Ich sag zu dem Verhalten – ohne jetzt im einzelnen jemanden dissen zu wollen – das in Deutschland zum Dub besteht:
Immer noch langweilige Frage: Sind sie der Neger oder sind wir der Neger? Wenn wir mal so denken – bald sind Hey-O-Hansen auch assimiliert zum grossen Ernst der Sache. Dann fragen sie uns: wie ist der Reggae zu euch gekommen? Und wir erzählen dann von unseren ersten Anfängen in den Nebeln der tiroler Berge bei einer Ska & Rocksteady-Band, keiner weiss wie man sein Instrument richtig halten soll, aber covern obskure Tapes ohne irgendwas drauf zu verstehen, der Hunger, die Kälte, die Not, die Lebensgefahr beim Freiklettern, dann Avantgarde und Malerei und die Erfahrung von Jah in der reinen Natur der Berge. Dann der Umzug nach Babylonberlin – wo wir mit Samplern und Elektronik arbeiteten, wie durch ein Wunder kommt da immer noch Musik raus und also werden wir Producer für was weiss ich noch wen nicht alles (am besten hier einige erfundene Namen reinpurzeln lassen) und dann droppen wir noch kurz rein, dass es kein einziges bedeutendes Soundsystem in Deutschland gibt, für das ich nicht schon Plates geschnitten hätte (als die sich das noch leisten konnten) und die langweilige Liste der interessanten Dub/step/leute, deren Platten ich geschnitten habe im mighty D &M Studio – dann sollten wir noch ein paar names droppen weil immer gut und wo war ich stehen geblieben…? PULL UP ach ja – genau Island, das weiße Jamaica, wo wir so viele Freunde haben, dass es praktisch alle sind, die da sind, das ist ja auch eine Dub Insel mindestens. Und am Ende ist alles eins und dann sind wir eh schon bei den Geysiren, mach ma den Nebel noch ein bisschen dichter und magic moments in music jetzt bitte – Gänsehaut – gehts wieder in den Nebel der Berge und – Austrodub – da staubt dir der Bass aus den Rutschen – Semmelbrösel Sintflut dagegen…

René: Welche Reggae-Artists und -Alben mögt ihr besonders?

HøH: Die Guten. Viel von on-U. Und die Roots. Und einiges Neues, Obskures, aus Finnland und Norwegen. Die, die über den eigenen Tellerrand hinaus auch noch was sehen.

Karsten: Dub spielt in Deutschland – im Gegensatz zu anderen Ländern – eher eine marginale Rolle. Was hindert den deutschsprachigen Mitteleuropäer daran, sich dem Dub gegenüber mehr zu öffnen?

HøH: Erstens: stimmt nicht. Zweitens: nichts.

René: Was macht ihr eigentlich hauptberuflich? Von Musik und insbesondere Dub kann man ja nicht leben.

HøH: Falsch, ohne Musik kann man nicht leben. Denk mal drüber nach.

René: Wie oft habt ihr “Sonn und Mond” verkauft?

HøH: Insgesamt ziemlich oft.

René: Interessieren euch kommerzielle Erwägungen?

HøH: Klar. Aber nicht alle.

René: Gebt ihr auch Live-Konzerte, oder ist das Studio euer Zuhause?

HøH: Natürlich. Wir sind hauptsächlich eine Live-Band. Duo oder Big Band – wir spielen überall, wo sie uns haben wollen. Im Herbst auf Tour durch Österreich/Schweiz/Deutschland. Zuhause dann haben wir das Studio.

René: Welche Musik hört ihr privat? Reggae?

HøH: Musik hören wir auch gerne privat. Selten zwar, aber doch. Dann auch gerne Reggae.

René: Wie gefällt euch die Musik von Rhythm & Sound?

Hey: Ich mag Mark und Moritz persönlich sehr. Hat einige Zeit gedauert, bis ich draufgekommen bin, dass die ja auch ein Musikprojekt hatten. Das kannte ich zwar, aber hab nicht gewusst, dass das von ihnen ist. Steht ja auch nicht drauf, auf den Menschen, was die so für Sound machen. Und meistens zum Glück, muss ich sagen. Bei den Beiden aber ist das so: persönlich und musikalisch tip top.

René: Wer ist euer Publikum? Reggae-Fans wohl kaum, oder?

HøH: Die Leute, die bei unseren Konzerten nicht die meiste Zeit auf der Bühne sind, das ist unser Publikum. Wir fragen sie nicht nach dem, wo sie herkommen oder was sie sonst so tun. Geht ja auch zeitlich schon gar nicht – so lange Soundcheck packt kein Mensch – erstmal alle abfragen und wenn Antwort stimmt, Musiker froh. Wenn viel stimmt noch froher – so alla ‘gut gefüllt das Bluserl, Fräulein – da wead si so was machn lassn’. Aber was stimmt: der Austrodub-Fan ist nicht zwangsläufig ein Fan von cheesy Sunshine Reggae.

René: Was bekommen wir als nächstes von euch zu hören?

HøH: Viele Live-Gigs. Und danach eine 12 Inch Vinyl. Aber mehr verraten wir noch nicht.

Interview: René Wynands und Karsten Frehe (7/2010)

Karsten

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM.