RoryStoneLove presents Samory I “Is It Because I’m Black” (Black Dub)

Diese Single gibt es schon seit dem 14. Juli 2017, doch vor ein paar Tagen erschien das Musikvideo:

Ein gewisser Rory Gilligan lud das Video hoch, auf den ersten Blick eine geheime, mysteriöse Quelle. Beim Herumklicken wird’s schon klarer, denn Rory ist genau der Rory von Stone Love, und der hat das ganze Album des 27-jährigen jamaikanischen Kritikerlieblings produziert. “Is It Because I’m Black” ist eine Cover-Version. Sie ist nicht die erste. Sie ist auch nicht die einfallsreichste. Leider ist sie auch nicht die intensivste, um den schlüsselhaften Text in Szene zu setzen.

Wenn man als relativ unbekannter Künstler auf Ebene des ersten Album eine Cover-Version nach vorne stellt, ist das immer etwas riskant. Für mich legt der Song etliche Schwächen des so umjubelten Samory I offen:

Erste Mangelerscheinung: Fehlende Kraft – bei einem starken Original

“Is It Because I’m Black” wurde erstmals im Herbst 1969 in der Hochphase der Bürgerrechtsbewegung, insbesondere des Black Power Movement veröffentlicht, von einem der Autoren des Titels, Syl Johnson. Das Stück wurde sein bekanntester Titel.

In Sachen Cover-Versionen überboten sich die Sänger des Studio One in Jamaika schnell. Schon nach einigen Monaten traten – Reihenfolge nicht rekonstruierbar – Senior Soul und ein wohl ebenso vergessener Llyod Williams ins Studio und nahmen den Song im Reggae-Gewand auf. Schon wieder näher am Soul war dann 1973 die Fassung von Ken Boothe. Sie muss bis heute allerorten auf Samplern als Paradebeispiel für die Verschmelzung von Soul, Funk und Reggae herhalten.

Die Gruppe The Messengers lieferte Ken Boothe in der Single-Version das instrumentale Backing mit leichten Bläser-Akzenten und einem vorzüglich schlurfenden Bass. Understatement ist hier alles, und das ganze Gewicht des Songs liegt auf den Betonungen im Gesang, bis nach 2’20” ein kurzes Trompeten-Solo einsetzt. Trotz des ausgeklügelten Arrangements wirkt der Song schon damals bei Ken Boothe (folgt am Ende des Artikels) stellenweise herunterproduziert und x Mal geprobt. Es fehlt eine Auseinandersetzung mit jeder Silbe der bedeutungsschweren Lyrics. Nun gut, zu jener Zeit war es durchaus “normal”, auf den teilweise noch gesetzlich verankerten Rassismus in den USA hinzuweisen. Allerdings auch nicht mit diesem expliziten Verweis auf Diskriminierung – so machten das eher die wenigsten Songs. Sarkastische Andeutungen reichten in der Regel:

Nicht nur Elvis Presley, auch Donny Hathaway lokalisierte die Diskriminierung, sang über den Ort, “the ghetto”. Städte wie Chicago, die Stadt, in der Michelle und Barack Obama sich kennen lernten, sind bis heute hochgradig “segregiert” –  Diskriminierung nach Wohnvierteln. Marvin Gaye rückte die Stimmung, den Zeitgeist in den Vordergrund, nannte aber die sozialen Inhalte seltener beim Namen. “Why Can’t We Live Together” von Timmy Thomas rückte das Private in den Vordergrund – unerfüllte Liebe, weil die “dark shade of my skin”, wie es auch in “Is It Because I’m Black” heißt, zum Liebeshindernis wird – gedachte Schubladen.

Zweite Mangelerscheinung: Fehlendes Gespür für den Text

Nach Ken Boothe mit seiner exemplarischen Cover-Version versuchte sich auch Delroy Wilson als Reggae-Sänger an dem Track “Is It Because I’m Black”. Die Thematik mag aus Roots-Reggae-Sicht durchaus zur ganzen Haile Selassie-Geschichtsschreibung passen. Allerdings liefert der Song lediglich eine Bestandsaufnahme und anders als im Roots-Reggae üblich, keinerlei Lösung. Es wird nicht zu “equal rights and justice” aufgerufen, es wird kein “Keep your head up!” empfohlen und auch kein “Stand strong and firm!” Die fiebrige Situation in den USA, die definitiv nicht nur einkommenstechnische Spaltung zwischen Hautfarben anno 1969 (und in manchen der 54 Bundesstaaten auch anno 2018) muss man wohl selbst erleben – wie soll man in einem cleanen Studio in Kingston die ganze Kraft einbringen, gegen die Demütigungen anzusingen, die Syl Johnson nun einmal wirklich als Kind erlebt hat. Syl Johnson, wie gesagt der Autor des Songs, geboren 1936, aufgewachsen am Mississippi. Was ihm als Jugendlicher widerfuhr, als er nach Chicago zog, das erlebte er, “weil ich schwarz war”. Was ihm auch in manchen Aufnahmestudios begegnete, die nicht so aufgeklärt und tolerant wie STAX organisiert waren – all diese Prägungen flossen in die Intensität des Originals.

Dritte Mangelerscheinung: Fehlender Respekt – angesichts der Vorgeschichte

Schade nun, dass auch Samory I meint, dem Titel aus Reggae-Perspektive etwas Neues abtrotzen zu können. Dabei hat er ihn meines Erachtens gar nicht verstanden und den Hintergrund nicht recherchiert. Auch scheint ihm entgangen zu sein, dass er mit seiner Cover-Version etwas spät dran war. Ken Boothe hat den Tune erst im Jahre 2014 mit dem in politischen Lyrics sehr geübten Tiken Jah Fakoly neu eingespielt und ihm eine ungehörte Soundfarbe, ein Arrangement zwischen “Unplugged” und Bluegrass gegeben. Die Duett-Fassung atmet noch das Staunen (“I wanna know, I wanna know”), über die Traurigkeit und die Dreistigkeit der diskriminierenden Umstände, wenn “something is holding me back”:

Ebenfalls im Jahr 2014 nahmen Gemstone und Ranking Joe in verschiedenen dubbigen Abmischungen ihr Cover auf. Auch dieses nutzt noch die Chance, seine Verbindung zum Entstehungskontext 1969 aufzubauen:

Vierte Mangelerscheinung: Fehlende Selbstkritik

Samory I bekommt eine trockene, reduzierte Unterlage, spartanisch wie ein Riddim aufgebaut. Die Blechbläser sind solide, seine Stimme irgendwie ganz korrekt. Er spricht die Wörter mit leichtem Patois-Akzent aus und will oder soll damit wahrscheinlich seinem Status als süßes Newcomer-Küken mit unschuldigem Blick entsprechen. Wobei Samory I auf Jamaika schon seit mindestens fünf Jahren versucht groß herauszukommen, wenn man mal ältere Berichte z.B. im “Jamaican Observer”, einer der lokalen Tageszeitungen in Kingston, heranzieht. Wenn ich Sänger wäre und damit mein Geld verdienen wollte, würde ich mich niemals trauen, so einen schwergewichtigen Song am Anfang meiner Karriere zu veröffentlichen. Es wäre mir unendlich peinlich, einen solchen Meilenstein ohne spürbares Engagement, ohne Fantasie, ohne Ideen, ohne Leidenschaft aufzunehmen, denn es ist ja nicht “mein” Song. Und ich würde mich erst einmal erkundigen, welche anderen Cover-Versionen es gibt und Kontakt mit dem Komponisten suchen. Oder auch mit dessen Tochter, Syleena Johnson, die auch Sängerin ist:

Diese Cover-Version kam medienwirksam 14 Tage vor der Amtseinführung Barack Obamas im Januar 2009 auf den Markt, als Element eines mehrteiligen Konzeptalbums.

Fünfte Mangelerscheinung: Fehlendes Bewusstsein für Lizenzrechte und die Würde des Urhebers

Syl Johnson lebt übrigens noch. Er hat zahlreiche Urheberrechtsprozesse gegen Rapper geführt, die aus seinen Songs Teile herausschnitten, sampelten, verwursteten, darüber scratchten und sich die Lorbeeren für den erzeugten Wohlklang einheimsen wollten. Cypress Hill griff bei “Is It Because I’m Black” zu, der Wu-Tang Clan und zahlreiche andere bei weiteren seiner Songs.

Traurig, dass RoryStoneLove auf YouTube keine Querverweise zum Urheber verrät. “Tribute to the civil rights movement”, steht darunter. Das ist deutlich zu schwach.

Es ist auch unvollständig und unpräzise dahingehend, dass die Civil Rights Movement, die Bürgerrechtsbewegung, noch weit mehr umfasste als das Black Power Movement. Schließlich, wie der Name sagt, ging es bei den Civil Rights um konkrete Rechte, um Gesetzgebung und Rechtsprechung. Mit dem Civil Rights Act hatte diese Bewegung im Jahr 1968 ihr Hauptziel erreicht gehabt, die gesetzlich festgezurrte Trennung nach Hautfarben abzuschaffen. Ungleichwertige Behandlung war also bereits kurz vor Syl Johnsons Song für gesetzeswidrig erklärt. Die “Black Power”-Strömung zielte auf die gesellschaftliche Verwirklichung dieser juristischen Änderungen –  ein länger währender Vorgang.

Rasch erschienen an US-amerikanischen Universitäten damals Bücher, in denen die Gleichstellung der Hautfarben in einen weiter gehenden Kontext gesetzt wurde. Der dem Sozialismus nahe stehende und vor dem NS-Regime aus Wien nach Chicago geflohene Psychologe Rudolf Dreikurs veröffentlichte 1972 kurz vor seinem Tod das Buch “Social Equality. The Challenge Of Today”, im Deutschen unter dem Titel “Selbstbewusst” erschienen. Darin definiert er den Begriff der sozialen Gleichwertigkeit und dekliniert ihn Kapitel für Kapitel an den Begriffspaaren “Kind – Eltern”, “Frau – Mann”, “Schwarz – Weiß” usw. durch.

Über solches Hintergrundwissen scheinen zwar Tiken Jah Fakoly und Ranking Joe zu verfügen oder es zu erahnen, aber nicht Samory I und sein Produzent.

Soziale Gleichwertigkeit bedeutet im Umkehrschluss, dass der Nachgeborene auch seine Vorfahren und das von ihnen Errungene als etwas Wertvolles, ihm Anvertrautes behandelt, und nicht ungefragt als sein Eigentum und als verwurstbares Allgemeingut. Soziale Gleichwertigkeit bedeutet, gegenüber dem Urheber die “Credits” zu nennen statt den Teenagern auf YouTube einen Song von 1969 um der eigenen Karriere willen als Eigenschöpfung vorzulegen. Insbesondere dann, wenn der Urheber am Leben ist, seine Tochter die Rechte verwaltet, den Song selbst schon mit wesentlich mehr Herzblut aufgenommen hat und es den Urhebern offensichtlich noch etwas bedeutet. Und insbesondere dann, wenn schon zahlreiche Gerichtsverfahren über die Urheberschaft anhängig waren.

Samory I als Spiegel einer Zeitströmung

Dieses fehlende Geschichtsbewusstsein, im Musikbereich die Schlampigkeit in Bezug auf Originale und Cover (z.B. die stete und verbreitete Behauptung “Bam Bam” sei von Sister Nancy komponiert – 1965 von Toots Hibbert geschrieben…), dieses ausbleibende Gespür für Zusammenhänge, Kämpfe, Werte und den Wert von Kunst im Spezifischen, scheinen mir typisch für eine Strömung in unserem Zeitgeist zu sein. Sie ist aus demselben Holz geschnitzt, das Digital vor Analog, Neu vor Alt setzt und Geklautes vor Erarbeitetes.

Fazit

Ich finde diese Cover-Version von Samory I & RoryStoneLove überflüssig. Sie ist respektlos und entwürdigend gegenüber allen, die diesen Song zuvor in der Hand hatten. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein wurde hier eine blutleere Aneignung eines Soul-Titels in die angebliche Conscious-Reggae-Attitude dieses Sängers vorgenommen. Doch für mich ist Samory I aus den geschilderten Gründen überhaupt nicht “conscious”, sondern oberflächlich. Er reiht sich damit ein zwischen ein paar andere Gefeierte, die gerne mit dem “Roots Reggae Revival” verwechselt werden. Mit Exile Di Brave, Kazam Davis, Aza Lineage, Jah9, Protoje, Hempress Sativa, Xana Romeo und etlichen weiteren, die sich mit sozialen Zusammenhängen wirklich auseinandersetzen, hat dieser Samory I allerdings bisher kaum etwas zu tun. Obwohl der Album-Titel “Black Gold” so schön plakativ ist.

Aber er könnte uns auch mit der Nase darauf stoßen, dass es nur um Farben und Äußerlichkeiten geht. Samory I ist für mich ein “Fashion Dread”, der sich musikalisch und musikgeschichtlich gerne mehr Mühe geben darf.

Einige Versionen von “Is It Because I’m Black” finden sich nachfolgend im Mix von DJ Algoriddim.

Philipp Kause

 

 

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.