Fangen wir ganz vorne an: Wie ist Natty Vibes entstanden – und wann kam zum ersten Mal die Idee auf, daraus irgendwann Bushland zu machen?

Offizielles Gründungsjahr von Natty Vibes Sound war 2004. Die Liebe zur Reggae-Musik bekam ich von meiner Mama vererbt. Von ihr bekam ich bereits im Alter von 13 Jahren meine erste Bob-Marley-Platte – eine Originalpressung aus den frühen 70ern. Wie viele Jugendliche in dieser Zeit war ich vor allem durch die Deutschrap-Szene der späten Neunziger und frühen Zweitausender geprägt. Durch den Wandel in der Rap-Szene, vor allem den Mangel an gutem Storytelling und „meaningful lyrics“, verlor ich zunehmend das Interesse und wandte mich wieder verstärkt Reggae und der Soundsystem-Szene zu.

Ab etwa 2003 pilgerten wir – im Grunde die spätere Natty-Vibes-Crew – regelmäßig zum Kitchen Club zu den monatlichen Dances von Burn Down Babylon. Dort fand im Oktober 2004 auch der erste Dance statt, bei dem Natty Vibes Sound auf einem Flyer stand. Spätestens ab da war ich vom Reggae-Mythos infiziert.

Zur Aufstockung meines BAföGs arbeitete ich damals im Royal Record Shop in Weiden i. d. Opf., einem der ersten Reggae-/Dancehall-Plattenläden in Deutschland. Hier entstanden erste Kontakte zu Mitgliedern der Twelve Tribes of Israel (TTI). 2004 wurde ich zu meinem ersten offiziellen TTI-Meeting in Weiden eingeladen. Noch im selben Monat starteten mein Bredda Mucki, Mr. Man (R.I.P.) und ich unser eigenes kleines Movement – Natty Vibes Sound war geboren. Von Beginn an war klar: strictly conscious tunes, Selector und MC gemeinsam am Set und Artists, die am Mic auf den entsprechenden Riddim Versions chanten – streng nach dem Vorbild von Jah Love Muzik.

Im Folgejahr wuchs NVS um Selector Naphti Mike sowie Roller B, 3rd Son Levi, Sis. Bluelight, Mama Levi und Ras Niclass am Mic. Wir hatten monatliche Regular Dances und spielten fast jedes Wochenende als Gäste bei anderen Sounds, unter anderem bei Jah Voice Soundsystem. Von dessen Gründer Dreadnut hörte ich zum ersten Mal den Ausdruck „Bushland“. Er erzählte von Jamaika und Orten wie Golden Spring und Stony Hill und meinte sinngemäß: Schau dich um, bei uns sieht es relativ ähnlich aus – auch die Vibes hier.

2006 kam Roller B mit der Idee auf mich zu, ein zweitägiges Festival „von TTI Members, für TTI“ zu organisieren. Ich war sofort begeistert. Roller B kümmerte sich um die Artists, Mucki und ich übernahmen den administrativen Teil. 2007 fand dann das erste Bushland Festival in Rotzendorf statt.

Wenn du an das erste Bushland zurückdenkst: Wie sah das damals aus – und was davon erkennst du heute noch wieder?

Das ist schwer zu vergleichen. Was auf jeden Fall geblieben ist, sind die Vorfreude aller Beteiligten und Gäste, der Vibe und die Energie an diesem Wochenende – und das Gefühl des aufgeladenen inneren Akkus danach. Es gilt immer noch: „scattered but still together“ – und einmal im Jahr nicht nur spirituell, sondern auch physisch.

Nach dem Erfolg des ersten Bushland Festivals war klar, dass es eine Wiederholung geben musste. Im Februar 2008 folgten Roller B und ich der Einladung des jamaikanischen TTI-Branches zum 40-jährigen Jubiläum nach Kingston. Dort lernte ich viele Menschen kennen, die ich bis heute „Breddas und Sistas“ nennen darf und die Teil der Bushland-Family sind: Michael Fabulous, Rassi Hardknocks, Culture Dan (Rest in Powers), Ras Daniel Ray, Micah Shemaiah und viele mehr.

2008 fand das Festival erneut statt. Aufgaben wurden verteilt, Teams gebildet – Deko/Art, Security, Parkplatzeinweisung, Fahrer, Catering, Sound – und die örtliche Feuerwehr sowie die ansässige Bevölkerung wurden noch stärker integriert. Die Gäste kamen aus UK, den Niederlanden, Frankreich und aus ganz Deutschland. Zum Line-up zählten unter anderem King Kong, Lyrical Benjie, Ras Daniel Ray, Patrick Jr. und MC Trooper; begleitet wurden die Artists wie im Vorjahr von der 40 Fyah Band aus Berlin.

Trotz sehr guter Besucherzahlen konnten wir die Ausgaben nicht refinanzieren, und das Organisationsteam schrumpfte. Deshalb suchte ich Anfang 2009 nach einer Location für ein kleineres Event mit Soundsystem only. So fand 2009 der erste jährliche „NVS Anniversary Dance“ am Fuchsmühler Badeweiher statt. Das Gathering wuchs Jahr für Jahr. Von 2009 bis heute dabei sind Lyrical Benjie, MC Trooper, Jahmilia Sound und Dubmatic. Seit 2025 findet das Festival offiziell unter dem Namen Bushland Nice Again statt.

Wie gehören die damalige Rastafari- und Twelve-Tribes-Szene in Weiden, Natty Vibes und die Anfänge von Bushland aus deiner Sicht zusammen?

Das ist sehr komplex, und ich müsste viele Namen nennen, um jedem den gebührenden Respekt entgegenzubringen. Ich war in den Anfangsjahren von Natty Vibes Sound oft bei Dreadnut im Studio, um Dubplates mit lokalen Artists aufzunehmen oder einfach Reasonings zu halten. Von ihm durfte ich viel über die Ursprünge von Reggae und Rastafari in Deutschland erfahren – speziell in Bayern und noch spezieller über TTI in Deutschland.

Das war damals ein sehr elektrisierender Vibe: ein Gefühl von Zusammenhalt und Aufbruch in der Bushland-/TTI-Community, getragen von gemeinsamen Idealen, Werten und Visionen. Freitagabends trafen wir uns zu den Friday Evening Vibes, kochten, aßen und diskutierten zusammen. Am ersten Sonntag im Monat fanden die offiziellen TTI-Meetings statt. Dazwischen ging es zum Fußballspielen, Wandern in den Oberpfälzer Wäldern oder ins Studio, um Tunes, Dubplates und Mixtapes aufzunehmen. Letztendlich führte diese Energie zum ersten Bushland Festival 2007. Um es mit einem Wort zu sagen: UNITY!

Rassi Hardknocks sagte über Bushland: „It’s Twelve Tribe!“ – und über eure musikalische Haltung: „Always was the soul! Never played slackness songs!“ Was bedeutet diese Haltung für dich und Natty Vibes?

Big up Rassi Hardknocks, ma bredda bredda! Fambily! „Soul“ ist das Fundament von Natty Vibes Sound. Ich verstand das Soundsystem immer als ein Vehikel, um die Lehren Seiner Kaiserlichen Majestät und die Message des Rastafari-Movements sowie von TTI und Gadman zu verbreiten. Ich habe Natty Vibes immer als ein spirituelles Movement empfunden. Da ist kein Platz für Slackness oder Gewalt. „Be hot or be cold but don’t be lukewarm!“ Big up All Fi One Sound und Jah Voice Sound, die mich auf diesem Weg immer bestärkt haben.

Familie und Freunde kochen, holen Leute vom Bahnhof ab, beherbergen Artists, bauen auf und stehen hinter der Theke. Warum funktioniert das nach so langer Zeit immer noch?

So war es schon immer. Uns ging es von Anfang an darum, einen Wohlfühlort zu schaffen. Das hat scheinbar funktioniert und dazu geführt, dass Besucher und Gäste aus den ersten Jahren immer wieder kamen und das Gathering stetig wuchs – noch immer ohne Werbung: „who feels it knows it and who knows it feels it“.

Mit dem Wachstum nahm auch die Arbeit zu. Das Team und die Familie wuchsen mit, Verantwortungen wurden aufgeteilt und das Orga-Team größer. Meine Schwester Melli und Mama Irmi kümmerten sich um einen Großteil der Essens- und Getränkeversorgung und -organisation. Deep Rockers wurde Resident Soundsystem und Co-Organizer – big up Matze. Als mich private Gründe zu einer kleinen Auszeit zwangen, übernahmen Matze und meine Schwester für zwei Jahre die Organisation des Gatherings. Ohne diese überwältigende, mit Geld nicht aufzuwiegende Unterstützung gäbe es heute kein Bushland Nice Again.

Warum funktioniert es immer noch? Ich bin fest davon überzeugt, dass es an jedem Einzelnen liegt, der Jahr für Jahr zum Badeweiher pilgert und so das Bushland Nice Again macht. Wir erfahren an diesem Wochenende so viel Liebe und möchten auch etwas zurückgeben. Deshalb unterstützen die Buschländer seit mehreren Jahren Hope for Ethiopia e. V. so gut es geht und tragen diese Arbeit in die Bushland-Community.

Nach all den Jahren muss es unzählige Geschichten geben. Welcher Bushland-Moment ist dir persönlich bis heute am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Sorry, da muss ich mehr als einen nennen. 2007 sollte unser Fahrer Zebi Lyrical Benjie vom Bahnhof in Weiden abholen. Dummerweise hatte er keine Ahnung, wie Lyrical Benjie aussieht, und verwechselte ihn mit einem am Bahnhof wartenden Dreadlock namens Samson Benji – damals ein noch unbekannter Besucher aus Freiburg. „Greetings! Are you Brother Benjie? Coming for Bushland Festival? Yes. Alright, let’s go.“ So fuhr er ihn in der Annahme, unseren Headliner an Bord zu haben, zum Festivalgelände. Samson freute sich über den Drive, war von Anfang an beim Aufbau dabei und gehört seitdem zum inner core der Bushland-Family.

Von 2008 sind mir ebenfalls mehrere Momente geblieben: King Kong pflückte der Besitzerin des Hotels einen Blumenstrauß aus ihrem eigenen Garten; ich erlebte das Bushland Festival zusammen mit meinem Vater (R.I.P.); und da war das „8 da Hard Way“-Dubplate mit King Kong, MC Trooper, Ras Daniel Ray und anderen.

Und dann natürlich der Moment, für „da late, great“ Culture Dan zusammen mit Ras Daniel Ray – beide Jah Love Muzik Member –, Lyrical Benjie und MC Trooper Riddim Version zu spielen und zu mixen. Und noch viele mehr …

Stell dir vor, Bushland gibt es noch einmal zwanzig Jahre: Was sollte dann unbedingt noch genauso sein wie heute?

Meine Mama Irmi, meine Schwester Melli und ihr wunderbares Team an Helfern. Die Begeisterung, Vorfreude und Unterstützung aller Helfer und Gäste. Roller B und die ganze Bushland-/TTI-Family an meiner Seite. Lyrical Benjie mit Freude sagen zu hören: „Ich bin ein Bushländer.“ Meine Kinder Noah und Hannah Natty-Vibes-Dubplates spielen zu hören und zu sehen, wie sie sich das ganze Jahr auf dieses eine Wochenende freuen.

Danke SeenJAH für das Interview und alles Gute für die Zukunft.

Interview: Christian Bautze-Boeke

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