Dub Spencer & Trance Hill „Tumultus II“ (DS & TH)

Dub Spencer & Trance Hill
„Tumultus II“
(DS & TH – 2020)

„Tumultus II“ ist ein Paradebeispiel der universellen Zeitlosigkeit des Dub, aber zugleich auch seiner postmodernen Eigenschaften in denen Begriffe und Ideen von ihren ursprünglichen Bedeutungen entrissen und in neuen, Collage-haften Zusammenhängen gestellt werden. Was war geschehen? Hier wurde dem Kriegsgott Mars huldigende Rom, das neben Babylon verhasste Feindbild der Rastafari schlechthin – und damit des Dub/Reggae – von seinem eigentlichen Sinn befreit und zu etwas ganz Neuem zusammengefügt.

Bekannt für ihren progressiv rockigen und psychedelischen Ansatz in der Dub-Musik, sind diese Schweizer aus Luzern dafür zu antiken Musikpilgern geworden. Sie sind zum alten Rom gereist, oder halt genauer gesagt zum Erlebnispark und Fund-/Musemsstätte Römerlager Vindonissa im Kanton Aargau.

Die Basis dafür lieferte das vor zwei Jahren dort entstandene Album „Tumultus I – Can You Hear It“ von Michael Baumann. Auch hier wurden Aufnahmen von alten, römischen Rüstungen, Musikinstrumenten und Waffen etc. benutzt, mit denen die Geräuschkulisse eines römischen Legionärslagers nachempfunden wurde, mit neuer Musik zusammen geführt. Bedauerlicherweise sind uns römische Musikstücke, wenn überhaupt, nur bruchstückhaft erhalten und alles basiert heute, mehr oder weniger, auf Vermutungen. Doch, eins ist sicher, deren Musik war weitaus emotionaler und lebendiger, als wir es von steifen Römer erwarten würden und war stark von griechischen und asiatischen Einflüssen durchsetzt.

Dub Spencer & Trance Hill mit Umberto Echo (by Manuel Knobel)

Die antike Postmoderne

Aber das kam diesen Schweizern gerade recht, die daraus eine frei laufende und freizügige, stark halluzinogene Ambient-Séance veranstaltet haben. Illustrativ mischt die Band überall Soundsamples von befehlenden Stimmen im Latein, abrasivem Metallgeklirr, marschierenden Soldaten und Hühnergackern, als würde hier eine (altrömische) Neuauflage des Killing Joke in Dub stattfinden.

Die in „Gladiator“ zur Geltung gebrachten Bläserparts haben etwas Wildes und Unbestimmtes, aber auch pompöses, stellenweise sogar auch unheimliches in sich. Die Gemütspalette reicht dabei von meditativen, fließenden Parts wie im erwähnten „Gladiator“, bis zu dionysisch frenetischen oder kämpferisch sinistren Ausuferungen. Es ist so, als würden Einstürzende Neubauten in einem römischen Kolosseum vor zwei Tausend Jahren auftreten – und „Tumultus II“ wäre dann die Reggae/Dub-Version davon.

Die weltentrückten Gitarren, die wabernden Bässe und tranceartige Beats wie z.B. in „Campus“ oder der über vierzehn Minuten langen „Pax Romana“ bilden die Grundlagen, auf denen Dub Spencer & Trance Hill ad hoc-artig die Richtungen wechseln. Mal klingt das Ganze Kraftwerk-artig maschinell („Vindonissa“) und „Scutum“ klingt mit klinischen Drum-Parts am Anfang wie ein verschollener Depeche Mode Song vom Album „Construction Time Again“, bevor eine psychedelische Gitarre und fortreißender Offbeat die Oberhand gewinnen. In „Lupanar“ kommen sogar jazzige Ansätze zum Vorschein mit unruhigen Rhythmuswechseln und einer orientalisch aufgedrehten Gitarre.

Auch wenn das alles teilweise als ein Marketingtrick seitens des Museums Vindonissa angesehen werden könnte, um neue Besucherzahlen zu generieren, ist „Tumultus II“ ein verdammt ansteckendes und sehr experimentelles Album, das alle Alleinstellungsmerkmale besitzt.

Zvjezdan Markovic

Zvjezdan Markovic

About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit über 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben. (E-Mail zvjezdan[at]irieites.de)