Keep It Real Jam 2022

Keep It Real Jam 2022

Nach dem Wegzug des Keep It Real Jams aus Pfullendorf begrüßte das Festival nach drei Jahren Pause erstmalig auf dem Messegelände der Baden-Württembergischen Kleinstadt Balingen seine Gäste. Bei reichlich Sonnenschein, kurzen Laufwegen, drei Bühnen und einer guten Infrastruktur erfreuten sich die Besucher*Innen karibischen und afrikanischen Klängen.
Die Organisator:innen des Festivals haben ein ansprechendes Line Up auf die Beine gestellt, das leider von einigen Absagen betroffen war. Lila Ikés Auftritt wurde im Vorfeld wegen Visa Problemen einiger Bandmitglieder abgesagt, woraufhin Charly Black als Ersatz nachrückte und eine solide Show auf der Rising Stage ablieferte. Die nächste im Vorfeld kommunizierte Absage betraf Konshens, der durch Agent Sasco einen würdigen Vertreter fand und welcher sicherlich zu einem der Highlights des Keep It Real Jams in der Halle auf der Dutty Stage wurde. Eine kurzfristige Absage erteilte Elephant Man. Am Samstagnachmittag, vor seinem geplanten Auftritt, teilte er per Videobotschaft auf Instagram mit, sich am Knie verletzt zu haben und nicht erscheinen zu können. Für die Absage des Energy Gods, konnte kein Ersatz gefunden werden, was jedoch mehr Stagetime für die Fabi Benz, Gringo, Ratigan und Agent Sasco bedeutete. Verständlicherweise waren einige Besucher*Innen über die Absagen enttäuscht, die Enttäuschung bei den Organisator*Iinnen dürfte jedoch noch schwerer gewogen haben, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, um adäquate Alternativen zu liefern.

Gentleman vs Jugglerz – So lautete das Highlight des Auftaktabends. Da beim Keep it Real Jam Soundsystemkultur großgeschrieben wird, wurde bewusst auf die Evolution Band verzichtet. DJ Meska von den Jugglerz lieferte die Riddims für das Kölner Szeneurgestein während einer sehr persönlichen Show, die von Tamika, seiner langjährigen Background-Sängerin begleitet wurde. Gleich zu Beginn deutete Gentleman an, dass er sich eigentlich nicht in der Lage sieht, heute auf der Bühne zu stehen, da er vor dem Auftritt vom Tod seines Freundes und Weggefährten Tolga Özbek aka Mighty Tolga erfuhr. Kurzerhand wurde die Show dem Frankfurter Dancehall Pionier Mighty Tolga gewidmet. Dieser war Ende der 90er Jahre regelmäßig auf Mixtapes präsent und machte u.a. durch Kollaborationen und Features bei Gentleman, Natty Flo und Richie Stephens auf sich aufmerksam.

Dass jamaikanische Musik sehr gut auf Schweizerdeutsch funktioniert, ist schon lange kein Geheimnis mehr, und wurde am Freitagabend von Stereo Luchs bestätigt. Auftritte seinerseits sind in diesem Jahr eine Rarität in der Bundesrepublik. Der sehr bescheiden und entspannt wirkende Stereo Luchs präsentierte u.a. Tunes aus seinem 2021 erschienenen gleichnamigen Album, inklusive der Featuretracks „Alles Ok“ mit Trettmann und „Ide Strass“ mit Phenomdem. Während seines Auftritts gab er persönliches preis und schilderte die Schwierigkeiten, einen Werdegang als Musiker in einem Land mit einem kleinen Musikmarkt, wie der Schweiz, durchzusetzen. S

Zudem zeigte sich Stereo Luchs reflektiert, in dem er deutlich machte, dass es für Ihn keine Selbstverständlichkeit ist, sich in “Black culture” zu bewegen. Er drückt seine Dankbarkeit aus, da ihm die Kultur persönlich sehr viel gibt und er mit seiner Musik wertschätzend einen Beitrag zum Austausch leisten möchte. Damit sprach Stereo Luchs das Thema kulturelle Aneignung an, das kürzlich durch einen abgesagten Auftritt der Schweizer Band Lauwarm in den breiten öffentlichen Diskurs gelangte.

Ein besonderer Moment der Nacht zum Samstag war der Auftritt von Ratigan Era. Im Interview auf IrieItes.de im Mai, wurden die Ambitionen und Träume des jungen Künstlers aus Kampala und seiner Spitfire Crew deutlich, der bis dato den ostafrikanischen Staat noch nie verlassen hatte. Die Ratigan Show wurde von Gringo als Selecta und Back Up begleitet. Gringo ist sicher erleichtert, dass Ratigans Europatour nun doch real geworden ist, die die beiden nach Spanien aufs Rototom Festival sowie zu weiteren Gigs in der Schweiz und Deutschland führt. Gringo hat in die Zusammenarbeit viel Arbeit gesteckt und das Projekt war regelmäßig von Rückschlägen gezeichnet. Schlussendlich wurde kurz vor der Reise sein Lap Top bei einem Wohnungseinbruch gestohlen, der Riddims und Samples für die geplanten Shows enthielt. Am Ende standen die beiden in Balingen auf der Bühne und rockten die Dutty Stage, denn der langwierige Weg endete für Ratigan kurz vor dem geplanten Abflug mit einem Schengen-Visum. Sein Promoter, Back Up und Freund DX hatte leider kein Glück und erhielt wegen einer Formalie eine Visaabsage.

Ratigan Era and Kid Gringo live at Keep It Real Jam 2022

Zum Start der Show motivierte Gringo das Publikum, sich auf etwas Neues einzulassen und den in Europa unbekannten Tunes aus Ostafrika eine Chance zu geben. Daraufhin lieferte er eine Einführung in ugandische Dancehall Hits, bevor Ratigan seine schweißtreibende Show startete. Zu Beginn erklärte er dem Publikum anhand der ugandischen Flagge seine Herkunft und mit der jamaikanischen Flagge die Wiege seiner größten Inspiration. Im Anschluss lieferte er ein souveränes 45 min Power-Programm, das neben den Songs „Nsaba“ und dem auf Boasty Records erschienenen „Fire“ noch zahlreich unbekannte Tunes enthielt. Bei „Up Top“ kletterte er über die Traverse auf die Bühne und performte unter der Hallendecke. Dies brachte Veranstalter*Innen und Bühnentechniker*Innen sicherlich zusätzlich ins Schwitzen, bevor das Mikrofon an Agent Sasco, Bay C von TOK und Deebuzz übergeben wurde, die den metaphorischen Abriss der Dutty Stage fortsetzten.

Der Samstag bot auf der Pinnacle Stage neben einer Wet Soca Party sowie dem anschließenden Soca Workshop, den Soundclash zwischen Mangotree und Splendid, den der polnische Sound aus Breslau für sich entscheiden konnte. Auf der Rising Stage hatten Dubarise aus Stuttgart ein Heimspiel und präsentierten eine stimmige Liveperformance mit Bläsern inklusive guter Laune bei karibischen Temperaturen. Eine sehr gelungene Show und für Gäste, die nicht aus der Region kommen, bestimmt eine tolle Neuentdeckung.



Collie Buddz schloss am Samstag die Hauptbühne des Festivals mit einer überzeugenden Backing Band. Die versprochene große Show des Sängers aus Bermuda blieb nicht aus und das Gelände mit seinen Besucher*Innen wurde durch seine bekannten Songs, positiven Vibes und eine stimmigen Gesamtperformance getragen . Da der Süden Deutschlands nochmals eine andere Welt zu sein scheint, waren Polizei und Ordnungsdienst mit wachem Auge auf dem Gelände unterwegs. Die Frage Collie Buddz an das Publikum nach dem Status einer Legalisierung, der von ihm viel besungenen Pflanze, wurde verneint. Im Anschluss ging es auf der Dutty Stage mit Stylo G und Bunji Garlin noch mal richtig vorwärts und letzte Energiereserven wurden abgerufen.
Die Veranstalter*Innen um die Keep It Real Crew machen deutlich, dass sie sich Ihrer Verantwortung als Ausrichter eines internationalen Festivals bewusst sind und scheuen nicht die Diskussion zu Themen wie Rassismus, postkolonialen Strukturen und Diversity. Neben der Podcast Reihe der Crew, bot das Festival Raum sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Die NGO Asmaras World zeigte mit einem Stand Präsenz, wo sich Besucher*Iinnen über strukturellen Rassismus informieren konnten. Zudem bot die Münchner Crew Busy Bandaloo einen DJ-Workshop für FLINTAs (FLINTA ist ein Akronym für eine Personengruppe, in der sich Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nicht Binäre, Trans und Agender Personen wiederfinden) an. Der Workshop soll es FLINTAs erleichtern, sich eigene Räume zu schaffen, da gesellschaftliche Strukturen, in diesem Fall die Soundsystemkultur, stark durch männliche Dominanz geprägt sind. Das Festival leistet damit einen Beitrag zum Empowerment von FLINTAs und fördert die Diversität der Dancehall Szene. Gleichzeitig wird aber auch eine Plattform des Austauschs geboten, da neben den Besucher*Innen auch die geladenen Künstler*Innen mitbekommen, welche Themen die Szene bewegen und somit zum Austausch und zum Reflektieren angeregt werden. An dieser Stelle können sich Veranstalter*Innen anderer Reggae und Dancehall Festivals gerne ein Beispiel nehmen.
Das Festival wirkte teilweise mäßig besucht, was zum einen mit veränderten Ausgehverhalten nach der Pandemie zu tun haben könnte, welches generell viele Kulturschaffende beklagen. Zum anderen kann der Eindruck entstehen, dass die Dancehall Szene in die Jahre gekommen ist und der Nachwuchs ausbleibt. Hier könnte man die Frage stellen, ob Festivals wie das Keep It Real Jam, die sich in einer Nische bewegen, zukünftig noch mehr neue Musiktrends bei der Zusammenstellung des Line Up in Betracht ziehen sollten. Braucht man noch jamaikanische Artists, die ihren Zenit überschritten haben und im Zweifel sogar absagen oder vielleicht vermehrt etwas Neues wagen und z.B. den Afrobeats und Trends wie Amapiano Platz einräumen?
Schlußendlich werden wohl die meisten die Besucher*Innen auf ein schönes, intensives Wochenende, mit Freund*Innen, Sonnenschein, guten Vibes und einer tollen Organisation zurückblicken.

An dieser Stelle – Big Up and thanks Keep It Real Crew!

Text, Video & Foto: Marius

About Marius

Subculture loving & grateful world citizen from Frankfurt. Grown up in the Eintracht Frankfurt football scene alongside Soundbwoys Destiny and antifascist streetpunk bands like the Stage Bottles. Working many years in Cuba, Panama, Ecuador and Colombia. Now with new tasks in Northern Germany, Finland and East Africa.