Dieses Soundsystem-Interview ist ein Teil einer Reihe. Weitere Interviews findest du fortan in unserer Kategorie Soundsystem Culture.


Danubian Dub Soundsystem, Wien

Schon seit einiger Zeit ist das Danubian Dub Soundsystem aus Wien auf unserem Radar. Feine Events mit illustren Gästen, wie z.B. Aba Shanti-I, RadiKal Guru und Indica Dubs, sorgen für Gehör. Daneben engagiert sich die Crew auch als Label mit eigenen Produktionen im Dubuniversum und hat obendrein einen sehr schönen Stack am Start, der auf jeden Fall für mächtig Druck und gute Vibes sorgt.

Seit wann existiert euer Soundsystem und wo wart ihr bislang aktiv? Habt ihr reguläre Dances, womöglich in einer Homebase?

Vielen Dank für das Interesse an unserem Projekt! Angefangen hat alles 2016 am Dub Colony in Kroatien, als Ferdi spontan aber Willens mit Roots, Skinhead Reggae und einer Basskiste aus dem Kofferraum seines VW Busses den Campingplatz bespielt hat. Dies erweckte die Aufmerksamkeit von Bojan aka Kiwi the Kid, einem der Mitwirkenden des Festivals, der ihn kurzerhand bat, doch einen Slot auf Neven’s Vibration Addict Soundsystem zu spielen. Der Name Danubian Dub musste zu dem Zeitpunkt bereits in irgendeiner Weise überlegt worden sein, denn als die Frage kam welcher Act nun announced werden soll, dauerte die Überlegung nicht lange: Danubian Dub Soundsystem (damals natürlich noch ohne Soundsystem).

Nach diesem prägendem ersten Erfolg haben Ferdi und David beschlossen das Projekt offiziell mit einer Facebook Seite zu begründen. Kurz darauf bot sich die Gelegenheit an eine kleine PA Anlage mit einem Freund gemeinsam zu übernehmen. Dabei handelte es sich um 4x Reflex Bässe (18”) und 2 Tops (2×10”, 1,4”) Marke Eigenbau. Dazu alte Eisenschweine und eine DBX Driverack 260.

Mit diesem stolzen ersten Besteck, haben Danubian Dub am 12.5.2017 im Keller der Fee, einem kleinen Gasthaus im 2. Bezirk in Wien, debütiert. Das Event hieß Vienna Dubwise und sollte der erste Gig einer langen Serie werden. Seither waren Danubian Dub in folgenden Ländern aktiv: Österreich, Deutschland, Kroatien, Polen, Tschechien, Slowakei, Schweiz und Italien.

Die Vienna Dubwise Series hat des öfteren die Homebase gewechselt, die Locations waren Fee, Jazzclub 1019 und Einbaumöbel. Aktuell ist unsre Homebase das Loop am Gürtel in Wien.

Wo bzw. wie seid ihr das erste Mal mit dem Thema Soundsystem in Berührung gekommen?

David hingegen ist mit dem Konzept Soundsystem da erste Mal 2014 am Boom Festival in Berührung gekommen. Ein paar Tausend Leute vor einem gewaltigen Funktion One Rig, im Takt tanzend, eine lebensprägende Erfahrung.

2027 sind er und seine damalige Freundin spontan nach Kroatien in den Urlaub gefahren und haben dort rein zufällig ebenfalls Neven (Vibration Addict) kennengelernt. Neven suchte für die Nacht jemanden, der das Mic übernimmt, eine Situation die man sich nicht besser hätte wünschen können. So vervollständige sich eine starke Verbindung zwischen Neven und Danubian Dub.

Haben euch spezielle Events oder andere Soundsystems dazu inspiriert, ein eigenes System in Angriff zu nehmen?

In Österreich gab es zu der Zeit das Rise and Shine Festival in Falkenstein, welches vom Shalamanda Sound organisiert wurde. Zu diesem Event kamen alle Sounds und Crews mit Rang und Namen und man bekam als kleiner Österreicher einen Einblick in die Soundsystem Kultur über die Landesgrenzen hinaus. Nennenswerte Acts waren unter Anderem Black Board Jungle oder Imperial Sound Army.

Diese Eindrücke haben das Bild von Soundsystemen nachhaltig geprägt und das Konzept dieser Kultur stark verankert.

Was begeistert euch an der Soundsystem-Kultur?

Für uns ist Soundsystem etwas unglaublich komplexes, interaktives. Ein Totem, den die Massive antanzt, mit dem die Massive interagiert, auf den sie eingehen kann und der mit Charakter auch zurück spricht. Das Soundsystem hat historisches Gewicht. Es ist schwer zu transportieren und erfordert Expertise um es zu bändigen. Es ist eine organische Einheit, die im Zentrum stehend wie eine Dampfmaschine arbeitet, eine unangefochtene Autorität.

Als zentrales Element interagiert das Soundsystem mit Crowd und Crew gleichermaßen. Das Schöne an der Dub-Soundsystem Kultur ist hingegen, dass sich alle drei Entitäten auch auf einer Augenhöhe befinden. Eine goldene Mitte sozusagen. An den Extremen dieser Linie finden sich auf der einen Seite zum Beispiel Psytrance Festivals mit Soundsystems aber DJ auf der Bühne. Auf der anderen Seite finden sich Tekk-Soundsystems, wo DJs hinter dem Stack, abgeschnitten von der Crowd performen. In gewisser Weise könnte man bei dieser Soundsystem Kultur von einer besonders rohen Form sprechen, wobei die Bühnenvariante popkulturelle Einflüsse integriert hat.

So oder so ist Soundsystem-Kultur etwas, dass uns Menschen archetypisch anspricht und viele Bedürfnisse von Gemeinschaft, bis hin zu Identifikation helfen kann zu erfüllen. Für uns ist Soundsystem Kultur eine kurzweilige Zeit in einem kurzen Leben.

Habt ihr bei euren Selections Vorlieben? Welche Musik ist bei euren Dances zu hören?

Diese Frage kann man am besten beantworten, indem man auf die Laufbahn in drei Abschnitten schaut. In der Zeit vor den neuen Midtops haben wir hauptsächlich Roots Classics und kleine Schmankerl gespielt. Mit dem Bau der neuen Midtops sind ganz viele dieser Tunes (hauptsächlich Vinyl) nicht mehr an unseren persönlichen klanglichen Mindeststandard herangekommen. Ein trauriges Ausmisten fand statt.

Nun im dritten Abschnitt spielen wir fast immer ausschließlich Danubian Tunes aus eigener Produktion. Als gemeinsamer Nenner lässt sich jedoch eine gewisse Vorliebe für emotionale, treibende oder variationsreiche Musik heraushören.

Gibt es besondere Künstler*Innen, Produzent*Innen oder Labels, die ihr besonders mögt und dementsprechend auch häufiger spielt?

Schwierig zu sagen. Bei Selection-lastigen Auftritten würde man u.a. folgende Artists hören: Ishiban, Vibronics, Miniman, Black Beanie Dub, Alpha Steppa, Dubar Sound, Matic Horns, uvm.. Manchmal spielen wir auch frisch Gebackenes aus dem Freundeskreis.

Mit Danubian Dub Records betreibt ihr ein eigenes Label seit Anfang der 2020er. Was hat euch dazu bewogen, selbst als Label aktiv zu werden?

Das Label dient primär dem Zweck, die eigene Musik unter einem Namen verbreiten zu können. Das Label bietet uns eine Grundlage für weitere Aktivitäten und lässt uns dahingehend die Türen offen. Aktuell sind keine Releases anderer Künstler geplant aber die Möglichkeit würde jetzt mit Danubian Dub Records bestehen.

Kürzlich erschien der feiste Steppers-Tune „Faith“ in Kooperation mit Omega Nebula aus Bristol als 7 Inch bei euch. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Adjua und Dean, die schon seit einiger Zeit durchstarten?

Omega Nebula sind die vergangenen Jahre mit ihrem starken Aufstieg auch uns natürlich nicht entgangen. Im Rahmen der Booking-Überlegungen für unser Dubstetten Festival 2024 haben wir beschlossen, die beiden einfach mal anzufragen. Zum Glück waren Adjua und Dean zu dem Zeitpunkt zeitlich und finanziell noch etwas flexibler und wir konnten sie für uns gewinnen. Im Nachhinein betrachtet war das für unser Festival der letztmögliche Zeitpunkt, da sie in jenem Sommer absolut abgehoben sind.

Die Collab Anfrage kam am Dubstetten und war auf ihren Vorschlag hin, was uns natürlich doppelt ehrt.

Welche Veröffentlichungen stehen aktuell in den Startlöchern?

Aktuell stehen zwei 7” Releases in den Startlöchern, die beide auf Jah Chalice Records im November erscheinen sollen. Dabei handelt es sich um “Jah Guidance” und “Roots and Culture”, einem Tune dessen Instrumentalversion bereits digital auf Micheal Exodus’ Label Bassline Society erschienen ist. “Roots and Culture” wird nun von Timwe gevoiced und auf der Flipside von Tony Wobble geremixed.

Zudem arbeiten wir an einem digitalen Single-Release, der im Dezember noch erscheinen soll. Es werden aller Voraussicht nach zwei Versionen, wobei Kinetical auf einer zu hören sein wird.

Auf eurer Bandcamp-Seite habe ich gesehen, dass ihr mit einem Remix an der 12 Inch-Veröffentlichung von Dubblestandarts „The Third Man“ beteiligt gewesen seid. Paul Zasky/Dubblestandart würde ich mal als Veteranen der Dubszene Wiens bezeichnen. Wenn ihr auf die Szene in eurer Stadt blickt, was würdet ihr als besonders bezeichnen?

Wien ist bereits seit den 90ern eine Club-aktive Stadt. Die damaligen Pioniere der Szene sind auch heute immer noch umtriebig, wenn auch nicht alle als Veranstalter, aber als Gäste. Zu aktiven Legenden zählen High Noon Rockers (vormals Rootikal Vibes, Shalamanda HiFi) oder Peter Hartwig.

Um die Jahre 2016-2018 gab es einen wahren Boom an Neugründungen von Soundsystem Initiativen in Wien und Österreich. Mittlerweile gibts es vier aktive Soundsysteme, die alle mindestens 2x im Jahr Dances organisieren. High Noon Rockers, Riddim Rebels, Kommod Hifi und Danubian Dub. Dazu kommen eine Handvoll Veranstalter, die kein System haben aber sich auch aktiv einbringen. Dazu zählen Hyko (Dubgarden), Michael Rootsmessenjah (Community Dub) Peter Hartwig und Dubson (Donnersdub) und Dora und Ikel (Roots and Culture Promotion).

Die Vibes in der Szene und zwischen den Crews sind absolut positiv und befördernd. Sessions dienen meist als Treffpunkte, wo die Wiener Bubble zusammenkommt und gemeinsam feiert. Zusammenfassend könnte man also sagen, Wien ist gar nicht so besonders. Wie die meisten Städte leidet die Szene auch hier unter teuren Venue-Mietpreisen und nörgelnden Nachbaren aber es funktioniert und wir können uns eigentlich nicht wirklich beschweren. Man tut eben, was man kann und versucht immer gut miteinander auszukommen.

Es gab sicher bei euren bisherigen Veranstaltungen schon viele Gäste? Andere Soundsystems und/oder Künstler*Innen/ Produzent*Innen etc.. Welche Gäste würdet ihr als Highlights bezeichnen?

Der Auftritt von Omega Nebula am Dubstetten Festival 2024 zählt eindeutig zu den intensivsten Momenten, die wir je erlebt haben auf unserem Soundsystem. Aber viele Artists haben absolute Highlightmomente geliefert. Alpha Steppa hat uns 2019 umgehauen, ein anderes Mal saßen plötzlich Indica Dubs, Michael Exodus und Danman in Daves Wohnung und haben Danman beim philosophieren über Obst zugehört. 2024 haben wir für Charlie P am Uprising aufgelegt, das war auch krass. Jetzt im Oktober ist aus dem Nichts plötzlich DubFX aufgetaucht und hat 30 Minuten das Mic bei einer Session gerockt. Momente wie diese bleiben hängen und prägen nachhaltig.

Das Betreiben eines Soundsystems hat neben der Musik viel mit Technik zu tun. Stellt bitte eure aktuelle Hardware für die technisch interessierten Leser*Innen vor.

Im Control Tower von oben nach unten:

Custom Siren (Dub Instruments)
Custom Lickshot+ Delay (Dub Instruments)
Xone 464 Mixer
Lexicon MX200 MultiFX Gerät (für Spring und Delay)
SPL Vitalizer mk3 (Psychoakustischer EQ zwischen Mischpult und Amp, Geheimtipp!)
Crane Song Solaris (Digital-Analog Wandler wenn wir mit Denon Payer spielen oder DJ Sources haben)
Denon Recorder (Sd Recorder für die unkomplizierte Session Aufnehme im mp3 oder wav Format)
Sennheiser D1 Funkempfänger (fürs Funkmic)
Furman Power Conditioner

Die Signalflüsse sind alle Stereo von USB/Vinyl bis Amp und so clean wie möglich.

Im Amprack haben wir:

2x Poweroft X4
1x Powersoft X8
Crane Song HEDD (Analog Digitalwandler)
Mutec MC 2 (AES Splitter von HEDD zu Amps, in Bestellung)

Wir versuchen immer, so wenig wie möglich zu arbeiten, deshalb ist alles auf ultra schnellen Auf- und Abbau ausgelegt. Amprack steht meistens beim Sound. Wir verlegen entweder XLR Kabel von Tower zu Amprack oder Analog over Cat Cat5 Leitung. Vom Amprack zu den Lautsprechern gehts über NL8 Kabel und Breakout Box auf NL4 zu den Bässen und Tops.

Alleine schon logistisch ist ein Soundsystem herausfordernd. Wer macht bei euch was? Wer legt auf, wer macht die Flyer, wer baut auf etc.?

Über die Jahre hat sich ein bisschen herauskristallisiert, wer wo seine Stärken hat. Ferdinand macht viel bürokratische Arbeit, wie Labelwork, Transporter buchen, Hänger fahren, Kommunikation mit Anderen aber auch Handwerkliches, wie Hornaufnahmen bauen, lackieren, Merch-Prints mit Hitze Übertragungsfolie etc..

Dave macht die Kreativarbeit im Studio und alle tontechnischen Angelegenheiten von System Tuning bis FOH mischen. Dave ist Tontechniker von Beruf und Ferdinand Prothesentechniker. Viele der Aufgaben wechseln aber hin und wieder den Hauptverantwortlichen.

Auflegen tun wir als Team aber auch einzeln, wenn jemand mal keine Zeit hat. Für wichtige grafische Angelegenheiten haben wir Martin Engelbogen (Darkwing Dub, Dub der guten Hoffnung) er ist professioneller Grafiker und macht Flyer und Artwork für Releases.

Aufbauen tun wir. Manchmal haben wir aber auch Freunde/Crew am Start, die uns bei kleineren und größeren Gigs unterstützen.

Welche Visionen habt ihr für euer Soundsystem? Was steht demnächst an?

Jetzt steht mal an, das Geschäftsjahr 2025 zu beenden und steuerlich klug zu investieren. Das könnten mitunter auch weitere Bässe sein, wer weiß. Unser langfristiges Ziel ist es, die Soundsystem Kultur weiter voran zu treiben und mit unserem Soundsystem noch größere und anspruchsvollere Bühnen zu bespielen.

Welche besonders wichtigen Tipps habt ihr an diejenigen parat, die derzeit darüber nachdenken, selbst aktiv zu werden?

Das wichtigste ist, Spaß zu haben und in einem guten Team zu sein!

Macht euch gefasst, durch dick und dünn zu gehen, denn ernsthaft Soundsystem zu betreiben ist extrem arbeitsintensiv und verschlingt unter Umständen auch sehr viel Geld. Klarheit schafft Lebensfreude. Außerdem ist es immer ein gute Idee, von der Tontechnik Ahnung zu haben sowie auch handwerklich fit zu sein. Zumindest für den Anfang.

Interview: IrieItes-Crew/Karsten Frehe (11/2025)

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