Dieses Soundsystem-Interview ist ein Teil einer Reihe. Weitere Interviews findest du fortan in unserer Kategorie Soundsystem Culture.


Dogtown HiFi, Rottweil

Seit nunmehr über zwei Dekaden beschallt das Dogtown HiFi Soundsystem den Süden der Republik. Sie sind u.a. der Resident-Sound beim Blackforest On Fire Festival und erzählen in diesem Interview über ihre Ursprünge und die Entwicklungen bis heute.

Seit wann existiert euer Soundsystem und wo wart ihr bislang aktiv? Habt ihr reguläre Dances, womöglich in einer Homebase?

Unser Soundsystem existiert in verschiedenen Formaten seit spätestens 2004. Seit Anfangszeiten waren wir viel in Rottweil, unserer Homebase, aka “Dogtown” aktiv und in der weiteren Umgebung, wie in Villingen-Schwenningen und dem Schwarzwald-Baar-Kreis oder auch in Balingen und in Richtung Schwäbische Alb. In der letzten Zeit sind wir gerne in der Bodenseeregion anzutreffen, aktuell in Konstanz und Radolfzell. Jahrelang hatten wir unseren eigenen Dance im MuM in Rottweil namens „Dogtown Top Rankin“. Das MuM existiert leider nicht mehr, was es aufgrund von Mangel an Locations sehr schwierig macht, mit einem Soundsystem zu spielen, vor Allem in unserer Kleinstadt!

Wo bzw. wie seid ihr das erste Mal mit dem Thema Soundsystem in Berührung gekommen? Haben euch spezielle Events oder andere Soundsystems dazu inspiriert, ein eigenes System in Angriff zu nehmen?

… längere Geschichte. In Berührung gekommen um die 0er Jahre durch Fotos auf LPs oder Songtexte von jamaikanischen Künstler wie „Ninjaman Number One“ oder „Barrington Levy Two Sounds“. Zu erwähnen auch der Film „Babylon“, der sicher irgendwie geprägt hat. Die Crew hat sich dann jedoch durch gemeinsame Reggae Veranstaltungen gegründet. Simon aka Selecta Stony war in der Region sehr aktiv und auch öfters in Schwenningen im Spektrum gebucht. Die Brüder Richard und Robert alias Mad Monkey und Mr Krabbz hatten eine eigene selbstgebaute Anlage. Damals 4 HD15er und zwei Solton Tops. Diese stand zu Testzwecken im Spektrum in Schwenningen. Schnell stellte sich heraus, dass dies DIE geeignete Anlage war für Reggae und Jungle Musik. Das war der Grundstein, ab sofort war die Anlage bei Bookings und eigenen Veranstaltungen immer öfters dabei. Es wurde über die Jahre getestet, erweitert, umgebaut, zerstört und wieder aufgebaut… Inspiration gab es zusätzlich, als das Internet besser zugänglich wurde, in Foren wie Speakerplans oder Blood&Fire. Zu erwähnen sind noch Dances aus Freiburg im damaligen „Z“, wo wir den Blackwood Sound zum ersten Mal gehört hatten oder ein Festival mit Macka B und dem ZionZoundZyztem auf dem Kandelhof . Im Internet gab’s noch Input vom Crucial B über Nuff-Vibez.com. Bis ca. 2010 gabs aber nicht viele, die ein eigenes Soundsystem in Süddeutschland besaßen, oder wir hatten diese einfach nicht kennengelernt.

Was begeistert euch besonders an der Soundsystem-Kultur?

In erster Linie war es immer unser Anspruch, die Musik so wiederzugeben, wie es sich evtl. der Produzent vorgestellt hat bzw. wollten wir nicht auf irgendwelchen seelenlosen Ballermann-Plastik-Ibiza-Kisten Grölmusik spielen. Der Anspruch war und ist immer noch fühlbare Highquality Reggae Musik, bevorzugt in Stereo! Beeindruckend ist vor allem, wenn man die Szene beobachtet, wie diese über die Jahre gewachsen ist. Wie die Einflüsse aus Jamaica über UK kamen und was in Europa die letzten Jahre dadurch entstanden ist. Die Musik und Kultur sind so schön, dass wir das jetzt schwer in Worte packen können: „Who feels it knows it!“

Habt ihr bei euren Selections Vorlieben? Welche Musik ist bei euren Dances zu hören?

Vorwiegend liegt der Fokus auf Reggae, Rub-A-Dub und Jungle sowie alles, was in einen basslastigen Mix mit rein passt. Wir sind auch große Sammler von Vinyl und die Kisten sind tief…

Musikalische Ausflüge gibt’s von early Ska über Hip Hop, Dancehall und zeitgenössischen Dub und Steppers.Gibt es besondere Künstler*innen, Produzent*innen oder Labels, die ihr besonders mögt und dementsprechend auch häufiger spielt?

Die Musik ist einfach zu schön und vielfältig, um sich auf einzelne Labels oder Künstler festzulegen. Prägend waren auf jedenfalls Produktionen von Jah Tubby, King Jammy und Lee Perry. Weitere Produzenten wie Gussie P oder Bunny Lee haben ebenfalls einen großen Einfluss gehabt. In unseren Vinylkisten sind aber auch immer gewisse Tunes zum Beispiel von Donovan Germain und Don Corleone. Modernere Produktionen von Scotch Bonnet oder OBF haben wir je nach Session in den aktuellen Vinylkisten. Alles, was über Greensleeves Records oder Downbeat Records released wurde, haben wir genau so am Start wie Studio One und Techniques. Nach fast bald dreißig Jahren als Music Addict haben wir alte und neue Klassiker auf den Plattenteller…

Es gab sicher bei euren bisherigen Veranstaltungen schon viele Gäste – andere Soundsystems und/oder Künstler*innen/Produzent*innen etc. Welche würdet ihr als Highlights bezeichnen?

Ja, wir hatten schon verschiedene Künstler und Soundsystems bei uns in der Kleinstadt. Zu den Highlights zählen I-Livity I-Fi oder auch Crucial Vibes. Weitere Highlight waren unter anderem The Original Wailers und Inner Circle, die wir in Kooperation mit lokalen Vereinen in Rottweil präsentieren konnten.

Das Betreiben eines Soundsystems hat neben der Musik viel mit Technik zu tun. Stellt bitte eure aktuelle Hardware für die technisch interessierten Leser*innen vor.

Immer zwei Technics 1210er und ein Mixer. Diverse Dubsirenen, Sampler und Lickshots. Wir mixen von Vinyl bzw teils auch mit Timecode von Serato. Wir haben nach vielen Jahren und verschiedenen Setups aktuell 8 X1er . Das sind Infrabässe, die wir nach den Plänen von Rog Mogale (Speakerplans) gebaut haben – mittlerweile modifiziert mit je einen 3kw Neodym 18er. Je nach Stack und Kicks, die wir im Einsatz haben, werden die zwischen 80 und 100 Hz getrennt. Bei kleineren Setups kommen dann als Kickbass zwei PD186 Hörner zum Einsatz. Für den größeren Gebrauch haben wir vier RCF geladene Limmer 215 Kicks. Das ist dann schon sehr brachial. Aus logistischen Gründen haben wir unseren Sound mittlerweile nach dem Motto praktisch quadratisch gut ausgelegt. Deshalb auch unsere besonderen kleinen Tops mit guten 134 db Pegel, gebaut von Soundgear. Die fangen bei ca. 180 Hz an. Der Neodyn 12er dann bei 400 Hz getrennt, darüber dann ein 8“ und 1“ Treiber … auch Neodyn Technik.

Ach ja, wir haben uns bisher bewusst gegen eine veraltete Technik von Preamp Sound entschieden … aber das ist eine andere Geschichte.Unser Soundsystem wird mit einem Behringer DCX Prozessor betrieben. Hier könnte noch nachgebessert werden, wenn mal das Kleingeld übrig ist. Für die Subs gibts jeweils ein Camco DL3000 Eisenschwein oder aus Rückenfreundlichkeit in letzter Zeit eine Tulun. Weitere Amps sind C/Audio, Crown und Behringer. Von unserer maximalen 36 Kw Leistung sind 28 Kw reiner Subbass.

Alleine schon logistisch ist ein Soundsystem herausfordernd. Wer macht bei euch was? Wer legt auf, wer gestaltet die Flyer, wer baut auf etc.?

Über die Jahre haben wir uns viele Fähigkeiten angeeignet. Wir haben in der Crew viele gute Leute mit verschiedenen Fähigkeiten und einem gemeinsamen Nenner: das Auflegen. Prinzipiell hat jeder von uns schon mal am Teller gestanden. Aktuell stehen Pyro und Selecta Stony die meiste Zeit an den Decks. Die Technik liegt zum größten Teil bei Mr. Krabbz und Stony, die Soundowner und Gründer. Flyer wurden in Vergangenheit vor allem von Mad Monkey und Selecta Stony gestaltet. Pyro ist durch seine regelmäßigen Jamaica Aufenthalte immer up to Date, was auf der Insel gerade los ist. Er ist unser Networker und Good Vibes Only Boy. Da wir aber eigene Veranstaltungen aus privaten Gründen zur Zeit zurückgeschraubt haben und wir vorwiegend Bookings annehmen können, ist der Aufwand mit Flyer und Werbung aktuell weniger geworden.

Seit einiger Zeit haben wir die besten Boxmens der Region am Start: Klippy, DJ Felice, NördieGördie, Tobi, Paul, Joshi und viele mehr, die uns mit ihrer Power, good Vibes und zeitweise auch mit musikalischen Beiträgen immer mehr unterstützen. Wir setzen auf gute Team Arbeit. Es gibt mittlerweile sogar ein zusätzliches Dekoteam.

Welche Visionen habt ihr für euer Soundsystem? Was steht demnächst an?

Nach zwanzig Jahren Soundsystem-Action haben wir schon viel erlebt und gerissen. Die Vision ist sicher, weiterhin die Soundsystem Culture leben zu lassen und wann immer es möglich ist, die Musik fühlbar zu präsentieren und neue Menschen mit Reggae zu infizieren. Die nächste Zeit sind wir am 20.6. in Konstanz zu hören beim Reggae in my Garden Festival, am 25.7. bei Reggae im Herzen in Radolfzell und vom 30.7.-2.8. auf dem Black Forest Festival in Berghaupten. Weitere Dates werden demnächst bekannt gegeben, folgt hier am besten unserem Instagram Account, Telegram oder WhatsApp Kanal.

Welche besonders wichtigen Tipps habt ihr an diejenigen parat, die derzeit darüber nachdenken, selbst aktiv zu werden?

Informiert euch bei den älteren und erfahrenen DJs und Soundsystems, um Tipps zu bekommen. Das Internet bietet viele Möglichkeiten. Schaut auf individuellen Sound und kopiert nicht zum hunderttausendsten Mal die gleiche Boxenwand. Nur die Vielfalt macht das Leben spannender! Probiert was Neues, lasst euch nicht einschüchtern oder verunsichern. Supportet die Artists und Szene. Bezahlt für die Musik! Kauft Vinyl und lasst euch Dubplates produzieren. Zeigt Respekt und zieht euch nicht alles aus dem Internet. Bezahlt den Eintritt auf Veranstaltungen oder helft aktiv mit. Nur so kann die Culture weiterleben.

Stay positiv! Bun Bad mind!

Interview: Christian Bautze-Boeke (5/2026)

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