GENTLEMAN auf der MTV Campus Invasion 2010 in Göttingen

„Put your hand inna di air! The sky is the limit!!!“

Fast 10 Jahre sind vergangen seit sich Tilmann Otto alias Gentleman mit seinem Album „Journey To Jah“ in den Chart-Olymp und damit in die internationale Welt der Populärmusik katapultiert hat. Mittlerweile ist der Köl`sche Jung schon beinahe durch die ganze Welt getourt, vom kleinen Kevin bis zu Oma Ursel nahezu jedem ein Begriff und so fand sich auch zur MTV Campus Invasion in Göttingen am vergangenen Samstag ein buntgemischtes Publikum ein, um an einem heißen Sommerabend um die 35°C ein paar „lässige Reggaeklänge“ zu genießen. Längst reiht sich Gentleman bei einem solchen Großevent, welches an diesem Samstag etwa 8000-9000 Zuschauer umfasst, in eine Reihe illustrer Künstler mit Namen wie Jennifer Rostock, Bonaparte, Madsen und Amy MacDonald ein.

Ich selbst war dabei nicht ganz sicher, ob ich mir das bunte MTV-Treiben denn vor Ort umringt von kreischenden Teenies anschauen, oder dem Ganzen lieber aus dem 600 Meter entfernten Garten meiner Freundin lauschen sollte. Da ich Herrn Otto allerdings das letzte Mal vor etwa 10 Jahren, kurz vor Erscheinung des Albums „Journey To Jah“ live gesehen habe und außerdem neugierig auf die Songs des aktuellen Diversity-Albums, dargeboten von der neu formierten „Evolution-Band“ war, entschied ich mich dann doch für die Show und war letzten Endes recht positiv überrascht…

Gentlemans Auftritt beginnt, nachdem ein „Graf“ und seine Kapelle namens „Unheilig“! das Göttinger Jahnstadion mit „Happy Gothic-Rock“ beschallt haben. Kontrastprogramm vom feinsten. Ich werde mit einer Horde Fotografen in den Graben geführt und schon präsentiert die Evolution-Band ihr rockig-funkiges Intro, welches bereits die Vielseitigkeit der folgenden Show andeutet und neugierig auf mehr macht. Gentleman stürmt nach den ersten Versen zu „Distant Away“ auf die Bühne, hat das Publikum umgehend im Griff und bedankt sich erst einmal höflich, dass trotz des deutschen WM-Spiels so viele Leute zum Konzert gekommen sind. Als kleines Dankeschön gibt der bekennende Fussi-Liebhaber während des gesamten Auftritts zeitnah die Spielstände durch.

Es folgt „The Good Old Days“, ein rootsiger Tune der auf dem neuen Album den kürzlich verstorbenen Sugar Minott featured (R.I.P.) und tatsächlich an die gute alte Zeit erinnert. Weiter geht`s in einem abwechslungsreichen Mix durch`s neue Album, das mit „Diversity“ seinem Namen alle Ehre macht. Von Conscious-Tunes über die neue Worldbeat angehauchte Pop-Single „To The Top“, Stücken mit aktuellen Dancehall-Vibes bis hin zu Hip-Hop-Beat-lastigen Songs und sogar Samples von „The Prodigy“! ist einiges an Vielseitigkeit geboten. Die Evolution-Band macht dabei, bis auf ein paar wenige Schnitzer, die das Ganze aber nur sympathischer machen, einen sehr soliden Eindruck. Johanna (sax), André (bass) und Peter (keys) kennt man noch von der Far East Band. Hinzu kamen Josy (drums, Feueralarm-Band), Bertil (perc), Stahl (guit) und Pollensi (keys). Nicht zu vergessen natürlich die bezaubernden Background-Stimmen von Mamadee und Tamika. „Evolution maaad!“ Zwischen die aktuellen Stücke gesellen sich immer wieder Klassiker aus den 4 Vorgängeralben.

Auffällig sind besonders bezüglich der Tunes aus dem Diversity-Album, dass an vielen Melodien ordentlich gefeilt wurde und einige Ohrwürmer Tage und Wochen durch den Gehörgang schleichen. Bei mir persönlich schwirren da bis heute Songs wie „Got To Go“, eine Ballade über das viele Rumreisen und verlassen der Familie, welche live sehr viel organischer und nicht so digital, wie auf dem Album klingt, wie auch der „Alte-Schule-Tune“ „Good Old Days“ oder die letzte Zugabe des Abends „Nothing A Change“, auf der Deluxe-Edition des Albums leider komplett digital- live ein Kracher. Fragt sich natürlich nur, wie viele der partyhungrigen MTV-Zuhörer den sozialkritischen Text aufgenommen und verstanden haben. Für einige schien die Ballade jedenfalls lediglich der Auftakt zur folgenden Headlinerin Amy MacDonald zu sein. Das bringt so ein Event aber eben mit sich.

Insgesamt macht Gentleman an diesem Abend einen sehr professionellen, gleichzeitig auch entspannten Eindruck und scheint viel Spaß und Freude an seiner Musik zu haben, was die vielen netten Gesten während der energiegeladenen Show deutlich machen. Ob einem jeden dabei die „Diversity“ bis in die scheinbar Reggae-entferntesten Regionen gefällt, oder gerade diese Ausflüge die Große Stärke des Reggae-Export-Schlagers Nr. 1 aus Deutschland sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Von mir gibt`s jedenfalls ein „Big Up & Nuff Respect“ für die vielen Jahre Mut und Durchhaltevermögen auf den großen Bühnen, sowie eine ansehnliche Show mit schönen Ecken und Kanten, die man ihm durchaus abnimmt. „The sky is the limit!“

Text und Fotos: Olli Becker 07/2010

 

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King Toppa - Digital Dub Producer and Musician. i started my music with the irie ites soundsystem in the 90ies going on to produce dub and digital dancehall roots. I am part of the irie ites music label