P-Town Open Air (12. – 13. Juni 2015) Festival Report

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“Home is where your heart is!” (Tóke)

Samstag, 14 Uhr, auf einem Acker kurz hinter Oldenburg: der Boden dampft noch vom letzten Regenschauer, ein Misthaufen müffelt gemütlich vor sich hin, Hühner gackern scharenweise und weiter hinten lugen 2 Ponys sowie eine Herde urtümlich aussehender Rasta-Schafe samt Lämmchen über bzw. durch den Zaun. In diese ländliche Idylle fallen seit dem Vortag Scharen von bunt gekleideten Menschen ein, um anderen mehr oder weniger bunt gekleideten Menschen zuzuhören, die sich einen Tag und eine Nacht lang auf der eigens aufgebauten Bühne austoben dürfen. Die Rede ist vom P-Town Open Air, das ich heute zum erste Mal erlebe!

Das kleine Festival startete vor 7 Jahren. Damals organisierten sich eine Handvoll Freunde einen großen LKW mit aufklappbarer Ladefläche, stellten dort ein paar Lautsprecher auf und fertig war die Party. Was so mit knapp 80 Leuten begann, hat sich inzwischen verzehnfacht und zu einem richtigen Event gemausert – in diesem Jahr erschienen knapp 800 Besucher aus fern und vor allem nah, um gemeinsam auf eine musikalische Entdeckungsreise zu gehen. Und zu entdecken gibt es hier immer Talente abseits der groß gehypeten Namen, denn das P-Town Line-Up zeichnet sich dadurch aus, dass die Künstler nicht des Geldes oder Ruhmes wegen herkommen, sondern um ihre Musik mit dem sympathischen Publikum zu teilen.

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Mein persönliches Highlight eröffnet gleich um 15 Uhr das Festival: Tóke! Qualitativ eigentlich irgendwo zwischen 20 und 22 Uhr einzuordnen, macht der begabte junge Mann tapfer den Anfang und lockt peu à peu die Besucher aus ihren Zelten. Mit einer kleinen Halb-Akustik-Combo (Gitarre, Gesang, Percussions und Keyboard) gibt er lyrisch und stimmlich höchst anspruchsvolle Stücke preis, die zum größten Teil auf seiner aktuellen EP “Troddin’ With A Vision” zu finden sind. “Sometimes you have to take some time, rewind and reflect on life…” singt er zum Beispiel in Home Is Where Your Heart Is – die “flawless vibrations”, um die es da ebenfalls geht, hat er hautnah auf Jamaika kennen gelernt. “Wenn du in Kingston bist, kannst du halt jeden Tag rausgehen und Musik machen, Leute treffen, Sessions abhalten und so. Du bist einfach 24/7 von Mucke umgeben! Ich hab da zum Beispiel eine Single mit Infinite und Exile Di Brave aufgenommen, die wird auch auf meiner neuen EP drauf sein.”, erzählt er uns nach seinem Auftritt. Und weil er und die Jungs vom EDB-Clan auch auf dem Reggae Jam vertreten sind, dürfen wir uns vielleicht sogar auf eine kleine Überraschung freuen, fügt er verschmitzt lächelnd hinzu. Spannend!

Nach einer kleinen Umbau-Pause geht es um 4 weiter mit Chris Toppa, dessen fast durchgängig in 2-Akkord-Folge gespielten Songs meine Aufmerksamkeit allerdings nicht lange fesseln. So schlendere ich ein wenig über das Gelände und mache an den diversen Ständen halt. Neben den üblichen Reggae- & Rasta-Accessoires gibt es ein Musik-Zelt, in dem man sogar in Platten stöbern kann, und natürlich allerhand Festes und Flüssiges für den geneigten Gaumen. Die neben der Bühne befindliche Dancehall-Area ist grad geschlossen, aber wie man uns erzählt, war da am Freitag zur Warm-Up-Party mit den P-Town Allstars und Sounds wie Melting Pott und Irie Efx schon ordentlich was los.

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Doch zurück zum aktuellen Bühnengeschehen. Moderator RiGo hat inzwischen das Mikro von Chris Toppa übernommen, den ich noch kurz nach neuen Projekten befrage: “Momentan bin ich am Basteln von neuen Songs. Ich will im Winter eine Akustik-EP rausbringen, die auf jeden Fall sanftere Töne anschlägt als das Album. Also so ein wenig auf Entspannung, Akustik-Style.” Klingt gut. Wer den jungen Mann noch mal live erleben möchte, sollte sich das Weedbeat-Festival oder das interessant betitelte Würg-Open-Air vormerken.

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Stevo Star feiert mittlerweile sich, Risin’ High Sound und die langsam wachsende und immer wieder in “Stevo, Stevo”-Sprechchöre ausbrechende Massive ab. Er ist ein alter Hase und kennt seine Pappenheimer: “Ich hab vor 5 Jahren das erste Mal hier Moderator gemacht, und seitdem hab ich auch jedes Jahr auf dem P-Town einen Auftritt. Das ist klasse, ich komm ja hier aus Oldenburg, und es ist cool, mit vielen Freunden zu feiern. Mit dem Steffen und so, das ist ein Familiending, alle bauen zusammen auf und es hat bisher immer Spaß gemacht. Die Leute sind gut drauf!”

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Das liegt nicht zuletzt sicher am ausbleibenden Regen. Und an der fantastischen Band Boomrush Backup, die als nächstes die Bühne erklimmt und Joseph “Still Cool” Grant den Rücken stärkt. Der seit mehreren Jahren in Berlin lebende Jamaikaner holt erstmal die Leute nach vorne und singt dann nicht nur, sondern spielt nebenbei auch noch Steeldrum (wobei das mit dem “beides gleichzeitig” noch nicht reibungslos genug klappt, um sich wirklich gut anzuhören). Anhören sollte man sich aber auf jeden Fall seine aktuelle Single “Praise Jah” auf dem Berliner GuerillJah Label, seine Live-Show im Club Schokoladen oder die geplanten Releases: “I’m working on a new album as well at the moment, and I’m doing an acoustic album with my steel pan. A nice project. It’s supposed to be finished before autumn, so watch out for it!”

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Machen wir. Inzwischen ist es kurz vor 19 Uhr, und alle sind gespannt auf den “Special Surprise Guest”, der den kurzfristig abgesprungenen Torch ersetzen soll. Es ist Cali P, der im Laufe der nächsten Stunde die Leute zum Tanzen und die Sonne zum Scheinen bringt. Kein Wunder, seine Songs (einige sehr schöne Beispiele sind auf der aktuellen EP Healing Of The Nation zu hören) machen einfach gute Laune. Wer sich davon überzeugen will, sollte mal das seit wenigen Tagen online gestellte Video “Herbalist” anschauen. Aber wie kam es eigentlich dazu, dass er nun hier auf der Bühne steht? “It was really and truly the very last second! You know, I was in Israel and they just called and said they have a space that they want to fill at the P-Town-Festival. And because the band which is involved, Boomrush Backup, they are my brethren with whom I work during my summer tour, so I said of course I will come through and bring the vibes, that’s what it was about!”

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Während wir noch reden, geht es vorne mit Nosliw weiter. Wohlbekannte Tunes wie “Nur Dabei” (auf dem Doctor’s Darling Riddim), “Wie Weit” oder “Nazis Raus” machen Stimmung, aber inzwischen sind wir so Band-verwöhnt, dass der Live-Musik-Faktor fehlt. Von dem profitiert Jahcoustix, der kurz nach 9 loslegt und in der anbrechenden Dämmerung auch die Licht-Effekte auf seiner Seite hat. Besonders berührt mich der Song “Symphony Of Elements”, den ich noch nicht kannte: “This is the symphony of Earth, Wind, Fire and Water, this is the dawning of the exalted, this is the rising of a new movement, this is the beginning of a new conscience!” Passt zur Stimmung! Die wird im Anschluss an den Auftritt von den Moderatoren RiGo und Stevo noch weiter angeheizt mit einer kleinen Wunderkerzen-Aktion (“Alle Hände hoch!”) – hach ja, das ist schön.

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In der letzten Umbau-Pause erwische ich Jahcoustix, der das erste Mal hier war und nach eigener Aussage positiv überrascht ist: “Wenn die mich noch mal haben wollen, komme ich nächstes Jahr wieder! Da hab ich auch ein neues Album am Start, mit dem ich dann touren will, auf den großen Festivals… diesen Sommer bin ich viel im Ausland unterwegs und spiele auf so mittelgroßen Festivals bis Mitte September, dann geht’s ins Studio.”

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Inzwischen ist es dunkel geworden und Natty King legt los. Boom! Selbstverliebt wie so viele jamaikanische Artists fegt er über die Bühne, interagiert charmant mit Band und Publikum und haut einen Song nach dem nächsten raus. Am Ende seiner energiegeladenen Show holt er Cali P zu sich auf die Bühne, und zu zweit liefern sie einen schönen Freestyle ab, der von der Massive entsprechend gefeiert wird. Als er sich gegen Mitternacht verabschiedet, geht die Feierei nahtlos in die After-Show-Party über – Risin’ High, Rebel Sound und Reggae 2 Rumble geben sich halbstündlich den Controller in die Hand und spielen die ganze Nacht durch Lieblingsriddims, zu denen auch die noch anwesenden Artists das Tanzbein schwingen. Natty King zieht es vor, ins Hotel zu fahren, aber vorher verrät er uns noch: “I have an album coming out next year and new single called “Asking”. We’ll do a video for that song, too. So I won’t be here for all the big festivals, but we plan a tour next year with my own band.”

Was für ein angenehmes, entspanntes und musikerfülltes Wochenende! Wir brauchen mehr davon. Mehr mutige Veranstalter, die einfach mal loslegen und Reggae in jeden Winkel der Nation bringen, aber auch mehr abenteuerlustige Leute, die Zelt, Kind und Kegel einpacken und diese Mini-Festivals zu dem machen, was sie sind: einem kleinen Stück Heimat. Denn home war mein heart heute auf jeden Fall hier in Petersfehn!

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Text & Fotos: Gardy Stein

 

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Gardy

About Gardy

Gemini, mother of two wonderful kids, Ph.D. Student of African Linguistics, aspiring author...