Island Report Soundsystem, Marburg


Dieses Soundsystem-Interview ist ein Teil einer Reihe. Weitere Interviews findest du fortan in unserer Kategorie Soundsystem Culture.


Island Report Soundsystem

2012 wurde in Mittelhessen das Island Report Soundsystem gestartet. Über die Jahre wurde am Equipment gebastelt und der Stack nach und nach erweitert. Mit dem “Dub Club” hat die Crew zudem eine Reihe ins Leben gerufen, die im Marburger Café Trauma ihre Homebase hat. 12 Jahre Soundsystem-Kultur in Marburg also – ein Grund, dem Team mal ein paar Fragen im Rahmen unserer Soundsystem-Reihe zu stellen. 

Kürzlich habt ihr eine schöne Bilderserie unter dem Titel „Evolution Of Island Report Soundsystem“ gepostet. Eine Zeitreise von 2012 bis heute. Woher nehmt ihr den Enthusiasmus, euch stetig weiterzuentwickeln?

Seit der Gründung des Soundsystems hat sich vieles verändert. In vielen Bereichen haben wir wichtiges dazu gelernt und es gab oft „Aha-Momente“, die uns dann schnell weitergebracht haben. Jetzt zurück zu blicken, wie in besagtem Post, ist immer sehr lustig und wir denken uns dann, wie verrückt manche Erlebnisse waren und wie wir das so alles durchgezogen haben. Aber es sind eben alles Erfahrungen, die die Crew und den Sound haben wachsen lassen. Ohne Misserfolge und Fehler geht’s auch nicht. Wenn dann nach stundenlangem Aufbau und Vorbereitung nur 10 Gäste erscheinen oder die Polizei nach einer Stunde die Session crasht, dann fragt Mensch sich schon mal, wozu der ganze Aufwand. Am Ende bleibt aber immer die Liebe zur Musik und die Überzeugung, dass diese mit ihrer positiven Botschaft unter die Leute gebracht werden muss. Das war seit der Gründung immer die Motivation.

Konsequenterweise habt ihr den „Dub Club Marburg“ ins Leben gerufen. Der findet im Trauma im G-Werk Marburg statt. Was war der Impuls, eine derartige Reihe zu starten?

Wie für viele andere Kulturschaffende auch, war es lange Zeit schwer für uns, in Marburg einen geeigneten Ort für Veranstaltungen zu finden – insbesondere mit einer eigenen großen Anlage, die wir eben auch so spielen wollen, wie wir das für angebracht halten. Im Trauma hatten wir durch einzelne Veranstaltungen bereits gute Erfahrungen gemacht und uns dann versucht langfristig einzubringen. Das war ein längerer Prozess, aber es hat sich gelohnt! Uns war es wichtig einen Ort zu haben, an dem regelmäßige Sessions stattfinden können, damit es für Interessierte einen Anlaufpunkt gibt und sich eine lokale Szene aufbauen kann. Wir wollten auch immer gerne andere Sounds einladen und konnten das in der Location jetzt auch schon mehrfach umsetzen.

An dieser Stelle wirklich mal tausend Dank an das Trauma im G-Werk, das uns und einigen anderen Gruppen ermöglicht ein vielfältiges kulturelles Programm jenseits von wirtschaftlichen Interessen umzusetzen! Wir fühlen uns dort super wohl.

Wo bzw. wie seid ihr das erste Mal mit dem Thema Soundsystem in Berührung gekommen?

Dazu hat jede Person in unserer Crew eine ganz eigene Story, da wir auch zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten mit dem Thema in Berührung kamen und zur Crew gestoßen sind. Für die einen war es eine gemeinsame Reise nach Jamaika oder auch ein Besuch beim Nottinghill Carnival in UK vor der Gründung des Sounds. Für andere waren es Reggae-Festivals mit Soundsystem-Area oder auch unsere Sessions in Marburg, bei denen sie dann „gedubbt“ wurden und selbst mitmachen wollten.

Haben euch spezielle Events oder andere Soundsystems dazu inspiriert, ein eigenes System in Angriff zu nehmen?

Die eben schon erwähnten Eindrücke der Jamaika-Reise und des Nottinghill Carnivals waren für die Gründung auf jeden Fall ausschlaggebend. Daher auch der Name, denn von diesen Erlebnissen auf den Inseln musste berichtet werden. Aber auch Events wie das Rootsbase Festival oder die Dub Stories in Münster haben uns immer weiter motiviert, uns zu verbessern und am Sound zu feilen. Wer diese Musik liebt und sie einmal über ein passendes Soundsystem gehört und gespürt hat, will sie nicht mehr anders hören. Ich denke da sprechen wir vielen Leser*Innen aus der Seele. Who feels it knows it!

Was begeistert euch an der Soundsystem-Kultur?

Diese besondere Art, die Frequenzen der Musik spürbar zu machen und auch der Live-Charakter durch zusätzliche Instrumente, MC’s und Effekte faszinieren uns. Außerdem steckt viel Empowerment im DIY-Charakter und Mensch lernt in diesem ganzen Prozess so viel Neues, das fordert uns immer wieder heraus neue Ideen zu entwickeln und den Sound zu verfeinern. Wir verstehen das Soundsystem auch als Sprachrohr für viele gesellschaftliche Themen, die alle auch schon in der Musik zu finden sind. Dass diese Messages oft so zeitlos sind, begeistert uns ebenfalls, zeigt uns aber auch, dass noch viel Auseinandersetzung damit gefragt ist. Reggae spricht harte Themen auf eine besondere Weise an und verleiht marginalisierten Gruppen eine Stimme. Das wollen wir pushen.

Letztes Jahr wart ihr beim Dub Hangar in Bersenbrück mit eurem Soundsystem zu Gast. Was waren die zwei, drei schönsten Erlebnisse?

Das ist schwer auf einzelne Erlebnisse zu reduzieren. Es war wirklich toll, an einem Ort so viele andere Crews und Künstler*Innen kennenzulernen, woraus auch Freundschaften und viel weiterer Austausch entstanden sind. Dass so viele Menschen in so kurzer Zeit im Regen und Schlamm so etwas auf die Beine stellen war schon völlig verrückt zu sehen, zeigt aber auch was zusammen alles möglich ist. Nach den anfänglichen Anstrengungen dann alle mit breitem Grinsen vor unserem Sound tanzen zu sehen, war für uns wahnsinnig schön! Dass wir manche mit unserem vergleichsweise „kleinen“ Sound aus den Campern und Zelten hin zur Tanzfläche vibriert haben, war dann nochmal eine besondere Freude…

Wir haben hier bei IrieItes.de schon öfter mal die Frage gestellt bzw. diskutiert, ob Soundsystems bei Parties zu laut sein können? Wie steht ihr zu Lautstärke und Klangästhetik?

Ja, Soundsystems können auf jeden Fall zu laut sein! Uns ist selbst oft aufgefallen, dass es uns auf manchen Sessions einfach irgendwann zu viel wurde und die Ohren geschmerzt haben. Natürlich will Mensch druckvoll spielen und die Musik spürbar machen, aber wir finden es wichtig, die Balance zu halten, damit der Sound ausgewogen klingt. Es bringt auch nichts eine geringere Anzahl Boxen mit mehr Lautstärke wettmachen zu wollen. Achtet auf eure Gäste. Wir versuchen immer den Sound an den Raum angepasst zu spielen, so dass alle Freude daran haben. Einfacher Gehörschutz steht unseren Gästen aber auch immer an Bar und Einlass zur Verfügung.

Habt ihr bei euren Selections Vorlieben? Welche Musik ist bei euren Dances zu hören?

Für uns liegt ein großer Fokus auf der Message, strictly positive & conscious! Dabei nehmen wir in unserer Selection auch Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Themen. Wir hören immer genau hin und entdecken dann leider auch immer noch hier und da Lyrics, die wir nicht vertreten wollen oder können. Das landet dann natürlich nicht auf den Plattentellern.

Wir spielen Roots, Altes und Neues, Ska, aber auch Stepper und selten mal ein wenig deepen Dubstep. Versions mit zusätzlichen live-Einlagen von MC’s und z.B. Melodica sind auch immer Bestandteil. Mittlerweile spielen wir auch eigene Produktionen und Tunes von Freund*Innen, was eigentlich am meisten Freude macht!

Gibt es besondere Künstler*Innen, Produzent*Innen oder Labels, die ihr besonders mögt und dementsprechend auch häufiger spielt?

Da hat auch jede Person in der Crew eigene Vorlieben. Oft zu hören sind z.B. Produktionen von Moa Anbessa, Echo Roots, Riddim Conference, Shanti-Ites, Disciples oder auch King Earthquake. Klassiker von Burning Spear, Twinkle Brothers, Hugh Mundell oder Frankie Paul spielen wir immer gerne. Inhaltlich mögen wir vor Allem Tunes von Künstler*Innen wie Daman, Ali Roots, Conscious Youth oder Dan I Locks, die mit ihren Lyrics aktuelle Themen bearbeiten.

Es gab sicher bei euren bisherigen Veranstaltungen schon viele Gäste? Andere Soundsystems und/oder Künstler*Innen/ Produzent*Innen etc.. Welche Gäste würdet ihr als Highlights bezeichnen?

Als erstes wäre hier auf jeden Fall Familienbetrieb Soundsystem aus dem Allgäu zu nennen, denn das ist ein weiteres Projekt von zwei Gründern unseres Sounds und uns verbinden einfach viele gemeinsame Erfahrungen. Das macht die Conferences einfach sehr persönlich und schön. Wir haben uns allgemein immer gerne Freunde eingeladen, gerade auch aus unserem räumlichen Umfeld. Grüße an Peifen Sound, Irie Ites, Shine Ya Light, Roots Pressure und Gaia Vibration! Die Session mit Roots Plague war auch super, bei der uns außerdem die liebe PiyaZawa live mit wunderschönen Melodien unterstützt hat.

Das Betreiben eines Soundsystems hat neben der Musik viel mit Technik zu tun. Stellt bitte eure aktuelle Hardware für die technisch interessierten Leser*Innen vor.

Wir haben ein 4-Wege Soundsystem bestehend aus:

4x Mogale Super Scooper (PD.185C003 ) Amps: 4x Kind XT4000 bridged bei 8 Ohm

4x HD15 (PD.154 ) Amps: 2x Kind XT4000 parallel bei 8 Ohm

3x Modified MT-130 (Mid: PD.121/Tweeter: Beyma TPL-150H) Amps: Crest Audio Pro 8200 & Crest Audio CA4

Im Rack findet ihr bei uns:

Sounds & Pressure 5-Wege Custom Growl-Preamp

Effekte: RasEfx-20 Space Echo RE-201, Alesis Microverb 3, Vesta Kaza RV-3 Spring Reverb

Technics 1210er, CDJ, Rigsmith SGE1 Siren

Alleine schon logistisch ist ein Soundsystem herausfordernd. Wer macht bei euch was? Wer legt auf, wer macht die Flyer, wer baut auf etc.?

Wir sind im Kern zur Zeit ca. 4-5 Personen plus 3 Crewmitglieder im „Exil“, die nach Möglichkeit auch immer mal wieder am Start sind. Die Selection und das Operating gestalten ca. 4 Personen, wobei wir gerne möglichst wenig Wechsel und längere Selections einzelner Personen anstreben. Unser MC kocht immer mega lecker für alle, big up! Werbung und Location-Orga versuchen wir möglichst auf uns zu verteilen. Jede*r hat eigene Schwerpunkte gefunden, aber da sind wir nicht besonders fixiert drauf. Für Bar und Einlass greifen wir mittlerweile auf einen wachsenden Pool an Supporter*Innen zurück, was uns total freut. Danke an euch alle! Aber wir springen hier und da dann selbst ein, wenn der Schichtplan Lücken hat. Es gibt einfach immer viel zu tun…

Welche Visionen habt ihr für euer Soundsystem? Was steht demnächst an?

Wir arbeiten weiter daran, eine stabile Szene in Marburg aufzubauen und freuen uns aber auch, dass so viele Freund*Innen immer wieder etwas weitere Wege für den DUB CLUB Marburg auf sich nehmen.

Wir möchten uns gerade wieder ein bischen auf uns selbst fokussieren und unsere Strukturen etwas öffnen, denn es braucht einfach viele Leute mit kreativen Ideen und Motivation für die Sessions. Wir freuen uns also über Support für den DUB CLUB Marburg, kommt vorbei! Es gibt noch viele Möglichkeiten in der Location, von Kino und Vorträgen über Workshops und Ähnliches. Wir haben also Ideen über eine reine „Party“ hinaus, das Angebot auszuweiten und schauen, wie wir das schaffen können. Mehr eigene Produktionen und auch weiterhin Musik von Freund*Innen promoten bleibt uns außerdem wichtig. Und wir würden gerne wieder mehr Outdoor-Sessions starten, denn das macht eigentlich am meisten Spaß.

Welche besonders wichtigen Tipps habt ihr an diejenigen parat, die derzeit darüber nachdenken, selbst aktiv zu werden?

Einfach loslegen, auch wenn es am Anfang keine eigenen Boxen sind oder es nur ein kleines zusammengewürfeltes Soundsystem ist. Nach dem Anfang geht es Schritt für Schritt voran und ihr werdet stetig dazulernen. Schließt euch zusammen, alleine geht das alles nicht, und kümmert euch gut um euch als Crew. Bleibt euch selbst dabei treu – mehr Vibe, weniger Hype! Baut Boxen, sammelt schöne Tunes, macht selbst Musik! Und im Zweifelsfall immer dran denken: mehr Amps schaden nicht…

Interview: IrieItes-Crew/Karsten Frehe (02/2024)

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM.