Mit Miriam Makeba war er eine kurze Zeit lang verheiratet. Doch die beiden ehrgeizigen Exilanten waren zu viel mit Reisen und mit Musik beschäftigt – so ließen sie sich scheiden, weil sie sich fast nie sahen. Diese Zeit liegt weit zurück, ist über fünf Jahrzehnte her. Bei einem der ersten namhaften Rock-, Pop- & Soul-Festivals weltweit trat er auf, dem legendären Monterey Pop von 1967. Auch das – über 50 Jahre her. Ein rundes Jubiläum feiert sein großer Instrumental-Hit “Grazing In The Grass”.

Der südafrikanische Trompeter spielte noch andere Blechblasinstrumente, die in Pop oder Reggae seltener gebraucht werden, z.B. Flügelhorn oder Kornett. Doch es war weit mehr, was ihn auszeichnete. Für mich drückt die folgende Aufnahme von “Stimela (Coal Train)” eine Menge von dem aus, was sein Vermächtnis war: Charisma/Ausstrahlung, Lautmalerei, Kampfeswille, Kooperationsfreude, Kreativität, Spannungsbögen, Panafrikanismus.

Nie werde ich den Anruf vergessen, als vor vielen Jahren, während ich den Song in einer 10-Minuten-Fassung nachmittags im Radio spielte, ein beeindruckter Hörer nach Interpret und CD fragte. Mit Hugh Masekela konnte man Menschen begeistern. Die hier nun ausgewählte Live-Aufnahme, unten eingebunden, dürfte der 2012 erschienenen DVD-Bonus Disc des Paul Simon-Albums “Graceland” entnommen sein. Sie hat einen hohen symbolischen Wert, denn die Durchführung dieses Konzerts war mit Risiken verbunden.

Paul Simon koordinierte die Aktion in Simbabwe; das Land galt damals als präsidentielle Vorzeigedemokratie. Die traurige Ironie der Geschichte war: Als die Bevölkerung Südafrikas sich endlich erfolgreich emanzipiert und die rassistische und gewalttätige englische Kolonialverwaltung hatte – kippte die Lage ausgerechnet im zuvor liberalen Simbabwe und der kürzlich zurückgetretene Robert Mugabe zwängte große Teile der Bevölkerung in Armut und Auswanderung, genau, nach Südafrika – und viele Aktiven der lebendigen Musikszene Simbabwes folgten den südafrikanischen Vorbildern von einst, wie Letta Mbulu, Miriam Makeba oder Hugh Masekela, flüchteten sich ins Exil.

Wäre das Apartheids-Regime in Südafrika nicht wenige Jahre nach diesem kampagnenhaften Konzert vom 14.02.1987, im Rufaro Stadium, zusammengebrochen … – wer weiß, wo Hugh Masekela heute an seinem Todestag gewesen wäre? Er starb in seiner Heimatstadt Johannesburg an den Folgen eines Prostatageschwürs. Seit zehn Jahren soll er deswegen in Behandlung gewesen sein. Mit seinem Tod habe ich trotzdem nicht gerechnet. Er hinterlässt uns knapp 50 Studio- und Live-Alben, die ersten davon auf dem Jazz-Label Verve, Zusammenarbeiten z.B. mit Herb Alpert, daneben Einsätze als Session-Musiker u.a. für Bob Marley.

Entsprechend viel gäbe es über Hugh Ramopolo Masekela vorzutragen. Seine frühe Pubertät – das mag prägend gewesen sein- verbrachte er als Dunkelhäutiger, vom Regime Stigmatisierter, im Stadtgebiet Johannesburgs, im Bezirk Alexandra. Dieser Stadtteil im Nordosten (siehe Karte, vor der 2006 reformierten Stadtgliederung, Ziffer 7, die untere Hälfte der beigebraun gefärbten Fläche) war einer der ganz wenigen, aus denen die dort zuvor wohnhafte Zulu-Bevölkerung nicht in die “Homelands”, erfundene Bezirke zwangsumgezogen wurde.

Dort lebte er eine Zeitlang bei seiner Großmutter. Sie betrieb eine illegale Bar für Bergbau-Arbeiter. Er selbst lernte Klavier. Dort bei ihr in der Kneipe nahm er wohl wahr, wie wichtig Musik für die Gäste war, wie sie den Zusammenhalt stärkte, wie sie die kulturelle Identität spürbar machte, wie sie das Selbstbewusstsein stärkte und Abgrenzung von der Fremdherrschaft war.

Als Hugh 20 war, begannen die Gewaltaktionen der Regierung landesweit bekannt zu werden. Er scheint nicht lange überlegt zu haben, was zu tun war, und fand in New York viel (musikalischen) Anschluss. Für uns gut, denn so veredelte er die Musik der Funkgruppe The (Jazz) Crusaders oder befeuerte andere Südafrikaner, die auch dort im Exil waren (z.B. den Pianisten Abdullah Ibrahim).

Empfehlen möchte ich neben dem “Klassiker” “Stimela” aus dem Jahr 1976 noch seine Cover-Version “Khawuleza” aus der Feder der simbabwischen Komponistin Dorothy Masuka und aus dem 1997er-Album “Black To The Future” und eine 12”-Maxi-Single von 1984, die Disco & Jazz zusammenbringt und einen Vorgeschmack auf der “Worldbeat”-Welle der danach folgenden Jahre bietet. Später bescherte ihm diese Stilflexibilität einen zweiten von zwei Grammy Awards.

Bis ins hohe Alter pendelte Masekela zu seinem zweiten Wohnsitz in den USA, die ihn einst als jungen Mann aufgenommen hatten. Und bis ins hohe Alter zeigte er sich in Deutschland zu mitreißenden Konzerten, auf die Schnelle nenne ich hier gerade diejenigen bei mir in der Region, beim Würzburger Africa Festival im Mai 2016 und beim Würzburger Hafensommer im Juli 2015.

Ich verneige mich vor Hugh Masekela. Rest in peace & in rock’n’roll heaven! And thanks for the music in that time!

Philipp Kause

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