KI-Locke – Gefangen in der Matrix

Ende letzten Jahres hast du das Album „Gefangen in der Matrix“ bei Soundcloud veröffentlicht. Im Infotext schreibst du dort, dass du seit 18 Jahren Musik machst. Warum also erst jetzt der vorsichtige Gang an die Öffentlichkeit?

Ich hatte bis jetzt einfach nicht die klangliche Qualität erreicht, um meine Kunst zu veröffentlichen. Ich war meistens mit dem Output zufrieden, aber nur für meine private Playlist. Da ich die finanziellen Mittel für professionelle Produktionen nicht hatte, habe ich mir alles selber angeeignet. Daher habe ich diese Zeit zum Erlernen meiner Skills gebraucht. Veröffentlichungen waren erst einmal nicht wichtig für mich, da ich den Fokus auf die Musik gelegt hatte. Jetzt fühle ich mich reif genug, die ich für meinen ersten Output brauchte.

https://soundcloud.com/user-172068856/10-gefangen-in-der-matrix-mp3

Du schreibst bei Soundcloud weiter, dass du „Gefangen in der Matrix“ deinem Opa Locke widmest, der als professioneller DJ viel bei Partys aufgelegt und dich sehr inspiriert hat. Mit dem Song „Kapitän Locke“ zollst du deinem Opa Respekt. Ein sehr persönliches Lied, das von einer tiefen Verbundenheit zeugt. Welche waren die wichtigen Inspirationen, ja vielleicht auch Passionen, die du von ihm bekommen hast?

Ein wichtiges Verständnis, dass er mir gleich bei meinem ersten Set mit 12 Jahren beigebracht hat, war Crowd-Control. Das heißt man beobachtet das Publikum und legt die nachfolgenden Songs so auf, wie es dem Verlauf der Stimmung an dem jeweiligen Abend entspricht. Da ich oft in der Prime Time aufgelegt hatte, konnte ich aber erstmal in meiner Komfortzone bleiben und einen Knaller nach dem anderen spielen, weil die Crowd schon warm war. Das Verständnis von Crowd-Control war dann später als Musiker auf der Bühne hilfreich, um auf die Dynamik vom Publikum eingehen zu können. Mein Opa hatte mir auch gezeigt, weltoffen zu sein, mich von der Natur inspirieren zu lassen und mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Reggae dominiert ohne Zweifel deine Produktionen. Wie bist du zu dieser Musik gekommen?

Da Locke am liebsten Techno und Reggae gehört hatte, bin ich sehr früh zum Reggae gekommen. Mit sechszehn Jahren war ich dann mit einem Freund auf meinem ersten Livekonzert bei Damian Marley auf seiner „Welcome To Jamrock“-Tournee im Kesselhaus in Berlin. Ich habe gemerkt, dass ich die Vibez und die Messages vom Reggae einfach liebe und keiner meiner Freunde diese Leidenschaft so wirklich teilte. An meinen siebzehnten Geburtstag, Anfang Mai, ging ich dann alleine zum Konzert von Chuck Fender. Ich habe sofort nette Leute kennengelernt und wir sind im Juni gemeinsam zur Summer Jam in Köln gefahren. Mit achtzehn bin ich dann mit Muttis Auto alleine zum Reggae Jam in Bersenbrück gefahren. Mit zwanzig war ich dann alleine auf Jamaika. Ich konnte glücklicherweise den unbeschreiblichen fünfzigsten Independence Day von Jamaika miterleben. Es ging beim Sonnenuntergang um 18 Uhr los und pünktlich zum Sonnenaufgang um sechs Uhr kam dann Queen Ifrica, Tony Rebel, Capleton und viele weitere Bekannte auf die Bühne. Um acht Uhr war die Party vorbei und ich ging total glücklich und erschöpft ins Bett und die Rastas sind anschließend zur Soundsystem Aftershow-Party an den Strand gefahren. Eineinhalb Jahre später war ich nochmals auf Jamaika und habe auf dem New Years Festival mit Beenie Man, Coco Tea, Sizzla, Vibez Kartel und viele mehr ins neue Jahr gefeiert. Dann war ich eine lange Zeit nicht mehr auf großen Festivals. Ich war dann sehr oft im alten Yaam und auf der Hoppetosse und anderen schönen Locations in Berlin unterwegs. Mich haben die Live Konzerte von Ganjaman, Junior Randy, Klabautermann, Dr. Ring Ding, Dr. Volkanikman, Uwe Banton, Raggabund, Nosliw, Longfingah, Hans der Kleingärtner, Mono und Nikitaman, Gunjah Deluxe, Sara Lugo, Ephrain Juda, Berlin Boom Orchestra, Seeed sowie die vielen Konzerte von den jamaikanischen Stars, die mich musikalisch sehr stark geprägt haben. Damals hatten wir in Berlin sehr viele Reggae- und Dancehall-Partys, zum Beispiel war einmal im Monat Pow Pow Movement aus Köln im alten Yaam am Start, oder mindestens einmal im Jahr der bekannte und etablierte DJ David Rodigan aus UK.

Aus beruflichen Gründen kam ich dann 2016 nach Hamburg und war dann sofort in der Soundsystem Reggae Dub Szene angekommen. Ich war und bin immer noch von den vielen Soundsystem in Hamburg überwältigt. Danke an alle, die die Dub Familie in Hamburg so gut unterstützen und aktiv dabei sind!

In deinen Songs, wie etwa dem Titeltrack des Albums, geht es oft um die Cyber-Welt. „Alle Stimmen bei dem Album ‘Gefangen in der Matrix’ sind mit KI generiert“, heißt es im Infotext. Hast du auch bei den Lyrics auf Künstliche Intelligenz gesetzt oder stammen sie aus deiner Feder?

Als ich mich mit siebzehn Jahren gegen das Deejaying und für das Erlernen der Gitarre entschieden habe, fing ich an meine eigenen Songs zu schreiben. Meine Lieder sind immer ein Spiegel meiner Seele. Ich habe erst vor ca. einem Jahr mitbekommen, dass man mit KI relativ gute Texte erzeugen kann. Im Kern sind alle Texte zu 90 – 100 Prozent von mir. Manchmal nutze ich die KI um meine Texte zu verfeinern.

Wie kommst du auf die Themen deiner Songs?

Ich widme mich gerne Themen, die mir sehr nahestehen. Neben persönlichen Inhalten und deren Verarbeitung, wird auch meine Liebe und Sehnsucht zu Jamaika thematisiert. Da ich am liebsten meine Songtexte auf Partys schreibe, um die Vibration direkt vor Ort lyrisch einzufangen, ist das Thema meistens die Soundsystem Kultur.

Bei „Gefangen in der Matrix“ habe ich mich auf die Cyberwelt, die KI in der Musik und verschiedene Charaktere und ihren Scheinwelten gewidmet. Man kann sich fragen, wie nun die Danksagung an meinen Opa in das Konzept hineinpasst. Als mein Opa verstorben ist, bin ich um zwei Uhr nachts plötzlich hellwach und voller Energie aufgewacht. Ich habe diese Energie genutzt und dann den Text „Kaptain Locke“ geschrieben. Es hört sich vielleicht etwas komisch an, aber es hat sich wirklich so angefühlt, als ob der letzte Atemzug meines Opas in mir steckte. Wegen meiner tiefen Trauer konnte ich aber keinen Ton singen. Stattdessen habe ich die KI den Text singen lassen. Als ich meiner Familie den Song vorspielte, war diese so berührt von dem Song, dass dieser Song auf der Beerdigung von Locke in der Kapelle gespielt wurde. Daher ist das letzte Lied „Kapitän Locke“ der Anfang von der intensiven Beschäftigung mit den KI generierten Stimmen gewesen und der Namensgeber meines Künstlernamens „KI-Locke“.

https://soundcloud.com/user-172068856/21-kapitaen-locke-mp3

Da die Stimmen mit KI generiert sind wird es doch sicherlich schwer, dich auch mal live auf der Bühne zu erleben, oder?

Ja das stimmt! Als ich damals mit dem Gitarrespielen und Texte schreiben angefangen habe, habe ich aus Spaß und um die Angst vor Leuten zu singen abzubauen, auf U-Bahnstationen oder am See gespielt und gesungen. Als ich dann intensiv im Home Studio meine Beats und meine Vocals aufgenommen habe, habe ich diese Leidenschaft nicht mehr ausgelebt. Nun habe ich mein Album auf Soundcloud veröffentlich und bin jetzt total motiviert, die Songs vom Album auf der Gitarre zu spielen und zu performen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich meine Basic Beatbox Skills ausbaue und trainiere, um dann Songs mit einer Loopstation Live einzuspielen. Mike Love, Mellow Mark, Dub FX haben unter anderem die Technik perfektioniert. Ich habe nicht vor auf großen Bühnen zustehen. Ich mag eher die kleinen familiären Veranstaltungen.

Deine Riddims produzierst du mit Cubase. Kommen neben digitalen Klängen auch analog gespielte Instrumente zum Zug?

Damals habe ich oft Gitarre und Bass analog aufgenommen. Nun habe ich diverse hochwertige Plugins dafür, die meinen Sound anreichern und meinen Workflow beschleunigen.

Hast du bei deiner Musik stilistische Vorbilder?

Ich habe schon viele Musiker aus Berlin erwähnt, nun muss ich die Hamburger Garde mal benennen. Ich bin ein großer Fan von Reggae Demmi, I-Fire, Sleng Tang, Sprudy One, Ras Seven, Wortfetzen, Paulig, Pensi, Dendemann Sammy Deluxe und D-Flame. Als ich 2017 Sleng Tang das erste Mal im Fundbüro bei der Sternbrücke gesehen und gehört habe, war ich total überwältigt. Ich habe nur ein Video aufgenommen, aber was ich nicht erwartet habe war, dass der Riddim mit Variationen über 20 Minuten lang war und zehn Sänger am Mic sich ausgetobt haben. Ich habe es dann über Ostern Locke vorgespielt und er hat dann kurz danach einen Flug mit meiner Oma nach Jamaika gebucht.

Wenn du die Möglichkeit hättest, mit irgendeinem Artist – lebend oder bereits verstorben – ein Treffen zu haben: wer wäre es dann und warum?

Ich habe öfter über diese Frage fantasiert und konnte mich nie auf einen Künstler limitieren. Nun fällt es mir total leicht und es ist die lebende Legende Linton Kwesi Johnson! Ich würde gerne wissen, wie er zum kontroversen Thema KI-Stimmen in der Musik steht und ob wir etwas genieren können, was unseren Vorstellungen entspricht. Des Weiteren interessiert mich, ob eine kleine Jam Session mit ihm entsteht, wenn ich Gitarre spiele und dazu beatboxe. Ein Treffen mit ihm würde einen Kreis für mich schließen. Denn als Locke Mitte der 70er Jahre in Bayern gearbeitet hatte, ist er durch LKJ zum Reggae gekommen! Ich erinnere mich noch sehr deutlich daran, wie er mir mit einem Grinsen auf dem Gesicht in einem Sommer davon erzählt hat, wie er damals mit lauter Musik von LKJ dort durch die Straßen gefahren ist und sich viele davon provoziert fühlten. Haha.

Was steht zur Zeit an? Was hast du in der Pipeline?

Wie bereits erwähnt, bin ich momentan sehr motiviert meine Songs auf der Gitarre zu spielen. Um meine Musik wortwörtlich sichtbarer zumachen, erstelle ich gerade passende Videos, die ich regelmäßig auf Youtube hochlade.

Das Jahr hat vor kurzen begonnen, was sind deine Wünsche für das Jahr 2025?

Ich wünsche mir, dass Reggae- und Dub-Partys in Hamburg nicht erst wie gewöhnlich um 22/23 Uhr beginnen, sondern zum Beispiel ein Zeitfenster von 16-22 Uhr oder 18-0 Uhr gewählt wird. Ich bin nach Soundsystem Partys immer sehr inspiriert von den vielen schönen Vibrations, sodass ich danach immer bei mir im Homestudio direkt neue Riddims baue. Im Sommer ist es kein Problem, weil die Sessions draußen oft zwischen 13 und 15 Uhr starten. Ich bin mal gespannt wie es sich entwickeln wird.

Vielen Dank, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast mich in diesem Interview vorzustellen und ich hoffe ich konnte das Interesse an „Gefangen der Matrix“ wecken.

Interview: Karsten Frehe (01/2025)

https://soundcloud.com/user-172068856/11-grossstadt-kind-mp3

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