theWALL+
OFFBEAT im Interview
“theWALL+” ist ein kuratiertes Wandbild-Format, das die Grenzen zwischen Subkultur und Kunst mit dem Ziel auslotet, neue Horizonte zu öffnen. Aktuell ist im Gängeviertel eine Arbeit von OFFBEAT zu sehen. Im folgenden Interview gibt der Künstler Antworten zu den Hintergründen seiner künstlerischen Entwicklung, eigenen Gestaltungsprinzipien, dem aktuellen Werk in Hamburg und mehr.
Wie bist du zum Graffiti gekommen, und welche Einflüsse haben dich geprägt?
Meine ersten bewussten Wahrnehmungen von Graffiti hatte ich durch eine legale Wand direkt gegenüber unserer Wohnung. Da dort häufig gemalt wurde, habe ich schon recht früh einige Berührungspunkte gehabt. Ein tieferes Verständnis davon, was Graffiti wirklich bedeutet, kam erst später, als ich begann, intensiv Hip-Hop und Rap zu hören. Besonders prägend war ein Klassenkamerad, der schon etwas weiter war. Von da an begann ich, mich aktiv mit Graffiti zu beschäftigen und selbst zu malen.
Gibt es Künstler*Innen oder Bewegungen, die dich besonders inspiriert haben?
Ich war von Anfang an fasziniert von unkonventionellen und experimentellen Styles. Besonders spannend finde ich den Gedanken, dass durch das bewusste Loslassen von „Graffiti-Regeln“ völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten entstehen können. Dieser Ansatz hat mich dazu motiviert, viele Dinge auszuprobieren und meinen eigenen Weg zu finden, abseits der gängigen Normen.
Wie siehst du die Entwicklung der Graffiti-Szene in den letzten Jahren?
Um ehrlich zu sein, empfinde ich die Graffiti-Szene inzwischen als etwas eintönig – das liegt aber vor allem an meinen persönlichen Interessen. Ich vermisse oft wirklich innovative Ansätze und wünsche mir, dass die Szene insgesamt mutiger wird. Natürlich gibt es Entwicklung und Kreativität, aber ich denke, es gibt noch viel ungenutztes Potenzial, insbesondere im konzeptionellen Bereich. Vielleicht hat meine Vorstellung von Graffiti mittlerweile auch nicht mehr viel mit dem klassischen Writing zu tun. Ich bemerke jedenfalls, dass ich mich zunehmend von der Szene entferne, weil mich andere künstlerische Ausdrucksformen mehr ansprechen.
Was bedeutet „Style“ für dich, und wie drückst du ihn in deiner Kunst aus bzw. wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?
Für mich ist „Style“ der sichtbare Ausdruck einer gestalterischen Idealvorstellung. Er spiegelt den kreativen Prozess wider, der zu dieser Vorstellung führt, und macht die künstlerische Handschrift einer Person erkennbar. Jemand hat einmal gesagt, dass man in einem Style die Schönheit der Seele erkennen kann. Diese Verbindung zwischen persönlichem Stil und der eigenen Persönlichkeit finde ich spannend – sie lässt mich immer mal wieder darüber nachdenken, wie individuell wir alle sind.
Auf der anderen Seite sehe ich auch, dass Menschen mit einem eher unscheinbaren Graffiti-Stil durch andere künstlerische Ansätze plötzlich große Spannung in ihre Werke bringen können. Style ist für mich mehrdimensional. Neben dem rein visuellen Ausdruck spielt auch eine konzeptionelle Herangehensweise eine wichtige Rolle.
Inwieweit beeinflusst deine Perspektive als Architekt deine Arbeit?
Die Architektur hat einen großen Einfluss auf meine Arbeit. Neben der visuellen Gestaltung sind für mich auch Faktoren wie Materialität, Kontext, Konstruktion und die Verantwortung gegenüber dem eigenen Handeln wichtig. Durch meine architektonische Arbeit habe ich gelernt, wie verschiedene Elemente harmonisch zusammenwirken können, um ein stimmiges Gesamtkonzept zu schaffen. Dieses Verständnis übertrage ich auch auf meine künstlerischen Projekte, bei denen ich darauf achte, dass jedes Detail zum Gesamtwerk beiträgt.

Was möchtest du mit deinem aktuellen Werk hier ausdrücken bzw. was bedeutet Dir das aktuelle Projekt und wie passt es in den Kontext dieses Ortes?
Das Gängeviertel ist für mich ein Symbol dafür, wie gesellschaftliches Engagement Mehrwert für die Gemeinschaft schaffen kann. Hier wird nicht nur bezahlbarer Wohn- und Arbeitsraum geboten, sondern auch kulturelle und soziale Projekte werden aktiv gefördert. Solche Orte sind in der heutigen Stadtentwicklung leider nicht selbstverständlich.
In meinem Werk greife ich die Architektur des Gängeviertels auf – also die Formensprache, in der diese wichtigen gesellschaftlichen Funktionen sichtbar werden. Der Erhalt von Bestandsgebäuden und ihre Ergänzung durch soziale Nutzungen sind für mich zentrale Themen, die sich in meiner Gestaltung widerspiegeln. Das Gängeviertel ist ein Vorbild für modernes, nachhaltiges Bauen, und genau das möchte ich in meinem Werk betonen.
Wie reagiert die Öffentlichkeit auf deine Arbeiten, und wie wichtig ist dir diese Resonanz? / Welche Rolle spielt das Publikum, die Rezipient*Innen, für deine Arbeit?
Da meine Arbeiten oft einen hohen Abstraktionsgrad haben, ist mir bewusst, dass sie auf den ersten Blick nicht immer selbsterklärend sind. Sie erfordern eine intensivere Auseinandersetzung, die über die sichtbaren Formen und Farben hinausgeht. Genau diese tiefergehenden Reaktionen und Anregungen sind mir jedoch besonders wichtig.
Ich sehe meine Kunst als Beitrag für andere Menschen. Ich möchte mit meinen Werken positive Impulse setzen und Werte wie Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit fördern. Meine Arbeiten sollen Symbole sein, die Menschen bei der Gestaltung einer besseren Zukunft inspirieren und bestärken.
Wie beeinflusst dich in deinem Werk die Location und Umgebung: Nimmt dies Einfluss auf den Entwurf bzw. das Ergebnis? Und speziell hier theWALL+ im Gängeviertel?
Die Umgebung spielt eine zentrale Rolle für meine Entwürfe. Jeder Ort hat seine eigene Atmosphäre und Anforderungen, die sich direkt auf mein Werk auswirken. Im Gängeviertel habe ich die Architektur und die dichte Baustruktur in mein Bild integriert. Die Kompaktheit der verschiedenen Flächen und Formen spiegelt die Enge des Viertels wider. Zugleich findet ein Wechselspiel zwischen den symmetrischen Fassaden der umliegenden Bürogebäude und der Vielfalt des Gängeviertels statt.
Die Farbgestaltung orientiert sich an den warmen Brauntönen des Mauerwerks, den gelblichen und grauen Putzfassaden sowie der Farbigkeit der sanierten Gebäude. Ergänzende schwarze Flächen sind ein wiederkehrendes Element in meinen Werken, die eine Verbindung zu anderen Orten schaffen, an denen ich ebenfalls gearbeitet habe. Der blaue Balken wirkt als Kontrast und symbolisiert die Kraft und den Widerstand des Gängeviertels – eine Hommage an die Geschichte und Zukunft dieses einzigartigen Ortes.
Welche Ziele oder Träume hast du für deine Zukunft als Künstler?
Mein Ziel ist es, meine Kunst noch enger mit der gebauten Umwelt zu verbinden. Besonders interessieren mich „Kunst am Bau“-Projekte, bei denen ich Materialien aus Bauprozessen wiederverwende und sichtbar mache. Solche Projekte sehe ich als ideale Ausdrucksform für meine Werte.
Langfristig möchte ich mit meiner Kunst Menschen erreichen und einen Beitrag zu einer klima- und sozialgerechten Baukultur leisten. Ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit positive Veränderungen anstoßen kann – sowohl im urbanen Raum als auch im Denken der Menschen.
Welche aktuellen Projekte hast du in der Pipeline?
Derzeit arbeite ich an Skulpturen aus wiederverwendeten Materialien. Dabei lege ich besonderen Wert darauf, dass die einzelnen Komponenten kreislauffähig bleiben, also lösbar miteinander verbunden werden. Parallel dazu schreibe ich Blog-Beiträge über die Ästhetik nachhaltiger Architektur, da die Erforschung dieses Themenfeldes eine zentrale Rolle in meiner Arbeit einnimmt.
Interview: Zonenkinder (11/2024)
www.cargocollective.com/zonenkinder
Instagram: @studio_offbeat, @thewallplus.hamburg






























