
Poor Man’s Friend Records
(english version below)
Poor Man’s Friend ist aus einer sehr konkreten Situation heraus entstanden – mit viel Zeit, einem Soundsystem, einer gemeinsamen Leidenschaft für Musik und dem Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen. Das Label bewegt sich bewusst zwischen Bewahrung und Weiterentwicklung: tief verwurzelt in der Geschichte von Roots Reggae, aber mit klarem Blick auf die Gegenwart. Im Interview spricht Jed, der Kopf hinter Poor Man’s Friend, über die Anfänge während des Lockdowns, über die Bedeutung von Foundation Artists, die Herausforderungen unabhängiger Labelarbeit und darüber, warum physische Musikformate heute wichtiger sind denn je.
Wie hat Poor Man’s Friend begonnen?
Es war ganz am Anfang des ersten Covid-Lockdowns. Ich hatte in Bristol bereits seit ein paar Jahren ein Label betrieben (Earthtrax), und einige Jahre zuvor hatte ich endlich mein eigenes Soundsystem fertig gebaut. Zu der Zeit lebte ich mit ein paar engen Freunden und meiner Partnerin zusammen. Plötzlich hatten wir – zum ersten Mal in unserem Leben – einen Überschuss an freier Zeit.
Eines Abends saßen wir zusammen und haben reasoning gemacht – mein Freund Dan, mein Bruder Joe und ich. Wir sind alle leidenschaftliche Musikliebhaber und -sammler und hatten uns intensiv mit den aktuellen Veröffentlichungen von Labels wie Daptone, Big Crown, Colemine, DKR, Pressure Sounds, Dub Store und anderen beschäftigt. Wir sprachen darüber, wie großartig es wäre, wenn es ein Label gäbe, das in diesem Geist authentischen, originellen, vintage-inspirierten Reggae veröffentlicht.
Gleichzeitig haben wir viele Dubs für das Soundsystem aufgenommen. Und da machte es plötzlich Klick: Warum nicht genau diese Künstler ansprechen und sie 45s einsingen lassen? Dieses Gespräch war der Funke. Poor Man’s Friend war geboren.
Was zieht dich persönlich zu Roots Reggae, und warum ist diese Musik heute noch relevant?
Roots Reggae ist ein direkter Spiegel des Lebens, das normale Menschen zu dieser Zeit geführt haben. Zwischen etwa 1970 und 1984 durchlief Jamaika eine Phase extremer politischer Polarisierung, Regierungsreformen, gewaltsamer Einflussnahme aus dem Ausland, wirtschaftlichen Niedergangs, massiver Armut und Ungleichheit, sozialer Gewalt sowie tiefgreifender religiöser und spiritueller Veränderungen. Das waren die glühenden Kohlen, die das Feuer der Reggae-Musik entfacht haben.
Aus diesen Härten heraus entstanden, ist der beste Roots Reggae die Stimme eines Volkes, das auf Selbstbestimmung, Freiheit und den langen Kampf gegen koloniale und imperiale Strukturen besteht.
Als Arbeiterklasse-Mensch im heutigen Großbritannien, umgeben von Menschen unterschiedlichster Herkunft, sehe ich viele Parallelen zwischen den Erfahrungen jener Künstler damals und der Welt, in der wir heute leben. Andere Geografie, dieselben Kräfte: Ungleichheit, politische Inszenierung, externe Interessen, die den Alltag bestimmen, und Menschen, die sich von echter Mitbestimmung ausgeschlossen fühlen.
Als Geschichtsinteressierter glaube ich, dass wir dazu verdammt sind, Fehler zu wiederholen, wenn wir nicht aus der Vergangenheit lernen. Reggae bietet Menschen die Möglichkeit, diese Geschichte in ihrer rohesten Form zu hören – direkt aus den Stimmen derjenigen, die sie erlebt haben.
Kurz gesagt: Ich liebe diese Musik. Sie begleitet mich seit frühester Jugend. Poor Man’s Friend ist ein Revival-Label, aber wir versuchen, diese ursprüngliche Linie weiterzuführen und dieselben Künstler zu unterstützen, deren Platten wir selbst gesammelt haben.

Wer und was haben den Sound des Labels geprägt?
Ganz klar die US-amerikanischen Labels – Daptone, Big Crown, Colemine und andere. Was ich an ihnen schätze, ist, dass sie das Alte nicht über Bord geworfen haben, nur um zwanghaft das Neue zu verfolgen. Sie arbeiteten mit Künstlern aus den 60er- und 70er-Jahren, nutzten zeittypisches Equipment und respektierten den Sound und den Produktionsprozess dieser Ära.
Als Produzent und Toningenieur bin ich stark beeinflusst von Menschen wie Phil Pratt, Sid Bucknor, Glen Brown, Clement „Coxsone“ Dodd, Leslie Kong, King Tubby, Lee „Scratch“ Perry, Joe Gibbs und vielen anderen. Es gibt so viele unglaubliche Produzenten und Labels aus dieser Zeit, dass eine vollständige Aufzählung unmöglich wäre.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen beim Betrieb des Labels?
Ganz klar die praktischen Realitäten. Seit dem Brexit ist es extrem schwierig geworden, verlässliche europäische Distribution zu finden – wir sind immer noch auf der Suche. Die Wartezeiten in den Presswerken sind lang, und kleine Auflagen zu pressen ist nach wie vor wahnsinnig teuer.
Wir haben das große Glück, eine treue Unterstützerbasis zu haben, die unsere Platten und unser Merch trotz steigender Portokosten, Importgebühren und all dem Drumherum weiterhin kauft.
Welche Rolle siehst du für Poor Man’s Friend innerhalb der Reggae-Kultur?
Bewahrung – dazu beizutragen, etwas Schönes am Leben zu erhalten. Wir tun unser Möglichstes, um die verbliebenen Foundation Artists zu unterstützen, und werden das auch in Zukunft fortsetzen.
Musikalisch versuchen wir, die Musikalität der frühen Tage zu bewahren und lassen uns dabei von Jazz, R&B, Doo-Wop, Mento, World Music und anderen Genres inspirieren, die frühen Reggae beeinflusst haben.
Archiviert ihr Geschichte oder schreibt ihr neue Kapitel?
Beides. Als DJ versuche ich ständig, Musik und Künstler zu archivieren und sichtbar zu machen, die ich für wichtig halte. Als Labelbetreiber stelle ich laufend Projekte zusammen, die Lücken schließen oder die Geschichte eines Künstlers oder einer bestimmten Phase erzählen.
Unser aktuelles Album Icho Candy and Friends hat zum Ziel, das Bild eines Künstlers zu korrigieren, der meiner Meinung nach zu Unrecht auf die Rolle eines bloßen Horace-Andy-Imitators reduziert wurde.
Wie stehst du zu Streaming und zur modernen Musikindustrie?
Ich glaube, Streaming hat die durchschnittliche Qualität von Musik gesenkt und der Branche enorme Geldbeträge entzogen. Dieser Verlust trifft Künstler, Labels, Studios und alle dazwischen.
Finanziell verdienen wir mit dem Verkauf von drei physischen LPs mehr als mit 40.000 Spotify-Streams. Die Hörer*innen bekommen eine gut klingende, schön gestaltete Platte, und wir erhalten die Mittel, um neue Projekte zu realisieren und Veteranen zu unterstützen – für viele von ihnen ist Musik die einzige Einnahmequelle.
Was bedeutet Erfolg für dich persönlich?
Wenn sich ein Kollege meldet, ein Fan eine Nachricht schreibt oder jemand eine Platte kauft, bedeutet mir das unendlich viel mehr als irgendwelche Branchenkennzahlen. Streams und Views sind in Ordnung, aber sie sind kein verlässlicher Maßstab für Qualität.
Was sind deine langfristigen Hoffnungen für das Label?
Für mich geht es um Kontinuität. Wachstum ist natürlich wichtig, und ich würde unsere Reichweite gern vergrößern, aber meine größte Hoffnung ist, über viele Jahre hinweg konstant großartige Musik mit unglaublichen Künstlern zu veröffentlichen.
Wie siehst du die Zukunft von Roots Reggae?
Roots Reggae war schon immer zu einem großen Teil grassroots-orientiert und unabhängig. Große Labels hatten in den 70er- und 80er-Jahren kurze Berührungspunkte mit dem Genre, aber größtenteils wurde es immer von unabhängigen Akteuren produziert und vertrieben. Ich sehe nicht, dass sich das so bald ändert.
Was sich allerdings verändert, ist das Interesse. Wir erleben gerade eine starke Wiederbelebung der Soundsystem-Kultur, und das stimmt mich zuversichtlich, dass wir insgesamt wieder mehr Verkäufe und mehr Aufmerksamkeit für Reggae sehen werden.
Warum sind Foundation Artists heute noch so wichtig?
Ich glaube zutiefst an diese Musik und an die Künstler. Viele Foundation Artists sind immer noch aktiv, kreativ und haben viel zu sagen – und ihre Perspektiven sind heute vielleicht wichtiger denn je.
Während das Leben härter wird und wir uns zeitlich immer weiter von Ereignissen wie dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg oder Vietnam entfernen, sehen wir ein Wiedererstarken von Nationalismus, Faschismus und extrem rechten Ideen, insbesondere rund um Migration und Identität. Stimmen aus der Vergangenheit, die diesen Entwicklungen etwas entgegensetzen können – Stimmen, die vor Social Media, Algorithmen und Echokammern geprägt wurden – sind von unschätzbarem Wert.
Was sollen Menschen letztlich mit Poor Man’s Friend verbinden?
Ich hoffe, dass die Menschen die Leidenschaft, die Arbeit und die Hingabe erkennen, die in diesen Projekten stecken. Vor allem aber hoffe ich, dass sie einfach die Musik genießen.
Jed, ich danke dir für dieses Interview.
Poor Man’s Friend Records
Poor Man’s Friend grew out of a very specific moment — with time on hand, a sound system, a shared love of music, and the urge to create something meaningful. The label consciously positions itself between preservation and progression: deeply rooted in the history of roots reggae, yet firmly engaged with the present. In this interview Jed, the founder of Poor Man’s Friend, talks about the label’s beginnings during lockdown, the importance of foundation artists, the realities of independent label work, and why physical records matter more than ever.
How did Poor Man’s Friend begin?
It was early in the first Covid lockdown. I’d already been running a label in Bristol for a few years (Earthtrax), and a couple of years before that I’d finally finished building my sound system. At the time I was sharing a flat with a couple of close friends and my partner. Suddenly, for the first time in our lives, we had an excess of free time.
One night we were sitting down reasoning — me, my friend Dan, and my brother Joe. We’re all lovers and collectors of music, and we’d been deep into the latest releases from labels like Daptone, Big Crown, Colemine, DKR, Pressure Sounds, Dub Store, and others. We started talking about how sick it would be if there was a label doing authentic, original, vintage-inspired reggae in that same spirit.
At the same time, we were voicing a lot of dubs for the sound system. That’s when it clicked — why not start reaching out to some of those same artists and get them to voice 45s? That conversation was the spark. Poor Man’s Friend was born.
What draws you to roots reggae, and why does it still matter today?
Roots reggae is a direct reflection of the lives regular people were living at the time. Between roughly 1970 and 1984, Jamaica went through extreme political polarisation, government reform, violent interference from foreign powers, economic decline, widespread poverty and inequality, intense social violence, and deep religious and spiritual change. These were the coals that stoked the fire of reggae music.
Forged from hardship, the best roots music is the voice of a people insisting on their right to self-determination, freedom, and the long struggle to be free from colonial and imperial rule and influence.
As a working-class man living in the UK alongside people of all nationalities and colours, I can’t help but draw parallels between the experiences of those artists in Jamaica then and the world we’re living in now. Different geography, same forces — inequality, political theatre, outside interests shaping daily life, and people feeling locked out of self-determination.
As a lover of history, I believe we’re doomed to repeat our mistakes if we don’t learn from the past. Reggae gives people a way to hear that history in its rawest form, directly from the voices of those who lived it.
To summarise: I love this music. It’s been the soundtrack to my life from early on. Poor Man’s Friend is a revival label, but we’re trying to carry on that original lineage and support the same artists who gave us the records we grew up on.
Who and what have influenced the label’s sound?
Most definitely the stateside labels — Daptone, Big Crown, Colemine, and others. What I loved about them was that they didn’t throw away the old in order to endlessly pursue the new. They worked with artists from the 60s and 70s, used period-correct equipment, and really respected the sound and process of that era.
As a producer and sound engineer, I’m hugely influenced by people like Phil Pratt, Sid Bucknor, Glen Brown, Clement “Coxsone” Dodd, Leslie Kong, King Tubby, Lee “Scratch” Perry, Joe Gibbs, and many more. There are so many incredible producers and labels from that period it would be impossible to list them all.
What are the biggest challenges you face running the label today?
Very much the practical realities. Since Brexit, it’s been extremely difficult to find reliable European distribution — we’re still looking. Pressing plant wait times are long, and pressing smaller runs is still insanely expensive.
We’re very fortunate to have a strong support base that continues to buy our records and merchandise despite rising postage costs, import charges, and all the rest.
What do you see as Poor Man’s Friend’s role in reggae culture?
Preservation — contributing to keeping something beautiful alive. We do our utmost to support our remaining foundation artists and will continue to do so for the foreseeable future.
Musically, we try to keep the musicality of the early days, drawing inspiration from jazz, R&B, doo-wop, mento, world music, and other genres that fed into early reggae.
Are you archiving history or creating new chapters?
Both. As a DJ, I’m always trying to archive and showcase music and artists I feel are important. As a label owner, I’m constantly putting together projects that help fill in missing pieces or tell the story of an artist or a specific period.
Our latest album, Icho Candy and Friends, aims to set the record straight on an artist I feel was unfairly characterised as simply a Horace Andy imitator.
How do you feel about streaming and the modern music industry?
I believe streaming has lowered the overall quality of music and removed a huge amount of money from the industry. That loss directly affects artists, labels, studios, and everyone in between.
Financially, we make more money selling three physical copies of an LP than we would from 40,000 Spotify streams. The listener gets a great-sounding, great-looking record, and we get the resources to invest in future projects and support veteran artists — for many of whom music is their only source of income.
What does success look like to you?
Anytime a peer reaches out, a fan sends a message, or someone buys a record, it means infinitely more to me than industry milestones. Streams and views are fine, but they’re not the best indicator of quality.
What are your long-term hopes for the label?
For me, it’s about continuity. Of course growth is important, and I’d love to increase our reach, but my main hope is to consistently deliver great music with incredible artists for many years to come.
Where do you see roots reggae going in the future?
Roots reggae has always been, to a large extent, grassroots and independent. Major labels had brief forays into the genre during the 70s and 80s, but for the most part it has continued to be produced and distributed by independents. I can’t see that changing anytime soon.
What is changing is the level of interest. We’re seeing a huge resurgence in sound system culture at the moment, and that makes me fairly confident we’ll see increased sales and engagement with reggae music across the board.
Why do foundation artists still matter today?
I believe deeply in the music, and I believe in the artists. Many of the foundation artists are still active, still creating, and still have a lot to say — and their wisdom feels more necessary now than ever.
As life gets harder and we move further away from the lived memory of events like WWII, the Cold War, and Vietnam, we’re seeing renewed interest in nationalism, fascism, and far-right ideas, particularly around immigration and race. Having voices from the past that can challenge these ideas — voices shaped before social media, algorithms, and echo chambers — is incredibly important.
What do you ultimately hope people take away from Poor Man’s Friend?
Ultimately, I hope people see the passion, effort, and dedication that go into these projects. But most of all, I hope they simply enjoy the tunes.
Jed, thank you for the intervew.
Interview: Christian Bautze-Boeke (2/2026)
















