Tenah meets Oddy
“Do No Hurry”
(Odyssee Records – 2024)

Ein analoger Herzschlag im digitalen Zeitalter.

Manche Platten schreien nicht nach Aufmerksamkeit – sie vibrieren einfach. „Do No Hurry“, eine EP von Tenah (aka Tena Irie) in Zusammenarbeit mit dem französischen Producer Oddy, ist genauso ein Werk: Eine Einladung zum Loslassen, Zuhören und tiefen Eintauchen. Kein Hype, kein Zwang – nur authentischer Dub und Reggae, wie er heute nur noch selten zu finden ist. Zwar erfolgte der Release bereits vergangenes Jahr, aber wem die Scheibe entgangen sein sollte, hier eine Review.

Tenah (oft als „Tena Irie“ bekannt) bringt auf dieser EP seine volle Ausdruckskraft zur Geltung: Seine Vocals sind klar, bewusst, und doch angenehm roh – ein bisschen wie ein Walkie-Talkie aus einer anderen Zeit, das uns Weisheiten aus dem Roots-Kosmos zuflüstert. Er singt nicht nur, er trägt Themen: innere Ruhe, Widerstand, Beharrlichkeit. Und vor allem: Vertrauen in den eigenen Rhythmus. „Do no hurry“ ist nicht nur der Titel – es ist Tenahs Haltung zur Welt.

Oddy, bekannt für seine minimalistisch-trockenen Produktionen, liefert hier eine Art moderne Hommage an das digitale Rub-a-Dub der 80er-Jahre. Die Drums sind knackig, die Basslines tief wie U-Bahn-Schächte, Synths blubbern psychedelisch und die Mixtechnik lässt Raum zum Atmen. Die Dubs auf der B-Seite sind keine bloßen Versionen – sie sind Meditationen. Besonders „Dub No Hurry“ und „Dub Of Freedom“ zeigen, wie man mit Reduktion Spannung aufbaut. Kein Effekt zu viel, kein Element zu wenig.

Was diese EP besonders stark macht: Es fühlt sich an wie ein gemeinsames Werk, nicht wie ein Vocal-Album mit Producer im Hintergrund. Tenah und Oddy begegnen sich auf Augenhöhe. Beide scheinen dieselbe Mission zu verfolgen: Klang als Haltung, nicht als Pose.

„Do No Hurry“ ist keine EP für Eilige – und genau das macht sie so kostbar. Sie entschleunigt, ohne zu langweilen. Es ist retro, ohne Nostalgie-Kitsch. Es ist rootsy, ohne zu predigen. Tenah und Oddy beweisen, dass man auch 2024 noch ehrliche, handgemachte Dubmusik machen kann, die tief geht. Keine große Geste – aber ein großer Wurf für alle, die Musik fühlen, nicht nur hören wollen.

Christian Boeke

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