Dre Tosh feat. Peter Tosh “Coming In Hot” (Calibud / House of Congress)

“Rastashock”-Singles des Jahres 2017: Platz #214 (Ranking)- Punkte wurden gesammelt in den Kategorien “Verbindung von Generationen”, “Samples”, “Coverversion” (jeweils 5. pro Kategorie) und “Video”. Pre-nominated ohne Gewinn war der Song auch für “Retro / ’80er”, “Roots”, “Dubbige Effekte”, “Future Generation of Jamaica”, “National Newcomer Jamaica / Male”.

Es lohnt sich dem Song in dieser Version eine Chance zu geben. Dre Tosh, geboren am 1. Juni 1994, kennt seinen Großvater nur aus Erzählungen, von Tonträgern und Massenmedien. Als Legende.

Der Cassetten-Walkman aus dem Intro des Videos ist mir auch noch in Erinnerung und ein typisches Produkt aus Dre Toshs Geburtsjahr.

Seinen Opa zu covern ist eine zunächst mal mittelspannende Idee. Doch das Video ist trickreich, der Sound einigermaßen frisch und Dre Tosh wohl nicht der schlechteste Interpret.

Die Coverversion baut u.a. auf Samples aus dem Original auf. Die erste offizielle Fassung war 1981 auf Peter Toshs LP “Wanted Dread Or Alive” erschienen.

Um das Sample herum werden mehrere Erzählstränge auf geschickte Weise in einer Synthese verwoben: Der Stadtteil Trenchtown ist Symbol für Waffenbesitz, wobei das Video – ab dem Einsetzen der Musik –  mit starken Bildern, in Halbtotale-Einstellungen, die in der Luft liegende Spannung suggeriert. Damit ist bereits die zweite, aber die ursprüngliche Idee gesetzt, das Thema des Originals. Bereits zuvor wechseln Motive des Alltags mit Erinnerungsauslösern, die um Peter Toshs frühen Tod kreisen. Redeschnippsel, vom Walkman abgespielt, sind in das lange Intro geschnitten. Peter Tosh wurde am 11.09.1987 in seinem Haus erschossen.

Seine bis heute intensive Nachwirkung, auch die Bedeutung von Bunny Wailer, Großonkel von Dre Tosh, werden in diesem ersten Themenstrang des Videos eingeführt und im Chorus des Songs aufgegriffen. Der Grad an Bewaffnung und das Risiko für Gewaltausbrüche wird mit der Illegalität des Marihuana-Handels unterschwellig kausal verknüpft.

Die Zusammenschaltung aller drei Aussagen läuft am Ende in die Feststellung, dass schon Peter Tosh die Legalisierung von Marihuana gefordert hatte. Offen bleibt, ob Dre Tosh damit auch Kritik übt im Sinne dessen, sein Opa wäre vielleicht noch am Leben, hätte es in einem der potentiell größten Produktionszweige Jamaikas legale Einnahmequellen gegeben. Denn Peter Tosh wurde von Bewaffneten erpresst, Geld herauszurücken –  hatte aber keines zu Hause oder wollte es nicht hergeben.

“Coming In Hot” erschien auch auf dem 1984er-Live-Album “Captured Live”. Und Anthony B hatte bereits anno 2011 die Idee umgesetzt, Samples aus dem Original in eine neue Version einzubauen. Eine etwas “bouncendere” Version, um es Denglish zu sagen – leider nicht in der besten Klangqualität auf “Rasta Love” von Anthony B veröffentlicht.

Dre Tosh ging es laut eigener Aussage darum, “a nice sound” durch das Remix-Mastering zu erreichen. Einziges Manko für mich: die weiße Kaffeetasse, die im Video über die Notebook-Tastatur gehalten wird – das Standard-Motiv jedes Werbefilms für Versicherungen, Bahnreisen und Stromtarife. Ist das so, trinken wir alle unsere Heißgetränke über Notebook-Tastaturen? Wie macht ihr das, geschätzte Leser/innen? Mich würde das wirklich interessieren.

Darüber hinaus jedoch ist das Video voller visueller Stilmittel: Satelliten und GPRS-Fahndung treffen auf Uralt-Grammophon und das wiederum auf die Grammy-Statue. Verrosteter VW-Bus in Großaufnahme trifft auf Helikopterbilder der auf der Insel verbreiteten weißen Toyotas und die modernen Autos wiederum aufs Einrad. Menschen auf Hausdächern werden in flinkem Tempo gegen dieselben Menschen auf der Straße geschnitten, ein wildes Auf und Ab. Zoom, Grau-Einfärbung der Bilder, Überwachungskamera-Style, alles ist hier möglich. Das souverän gestaltete Video wertet die Single auf. Bisher sein einziger Track, bleibt Dre Tosh hoffentlich kein “One Hit Wonder”.

Philipp Kause

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.