Uwe Banton “Wir weigern uns” (Ancient Mountain Records)

Uwe Banton
“Wir weigern uns” – 7 Inch
(Ancient Mountain Records – 2021)

Roots Reggae mit deutscher Sprache oder überhaupt einer anderen Sprache hinzukriegen ist nicht leicht. Die Vibes sind einfach sehr auf den lebendigen Ausdruck des Jamaikanischen angewiesen; andererseits ist es wichtig, die Botschaft möglichst gut rüberzubringen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass jederleut Jamaikanisch oder Englisch versteht. Außerdem muss sich Roots Reggae auch weiterhin weiterentwickeln. Aber Uwe Banton kriegt das doch gut hin! Und ja auch nicht erst seit gestern, das muss man ihm ja lassen: Wenn auch nicht als erster oder einziger, so hat er doch schon lange vor Gentleman deutschen Reggae gemacht.

Uwe Banton und der Tune

Musikalisch ist “Wir weigern uns” sowieso ganz herrliche Kost, weil die Instrumente in einem daunenweichen Federbett liegen. Der Sound insgesamt ist so seidig, manchmal auch synthetisch, aber immer rund. Die Drums rollen im Two-Drop unterm Bass durch und der Riddim nimmt dabei keine Geiseln, ohne Reggae neu erfinden zu wollen. Aufgenommen im Ancient Mountain Studio mit Martin Musch und Markus Dassmann, von denen auch die beiden exzellenten “Ghetto Dub” und Pacey-Veröffentlichungen stammen, die hier auch bereits besprochen wurden. Insgesamt ist der Riddim minimalistisch, vor allem verschiedene Synthie-Linien und Echo-Effekte verzieren das Fundament, ein Gitarren-Skank wird nur gelegentlich angedeutet, meist durch eine verhallte Snare ersetzt. Der Gesang reitet gekonnt ohne große Überraschungen den Riddim und fügt sich schneidig, aber angenehm in den Gesamtsound ein.

Uwe Banton, der Tune und Ich

Als ich mich mit einem befreundeten Reggae-Produzenten mal unterhalten und mich dabei wohl über deutschsprachigen Reggae mokiert habe, sagte er sinngemäß: “Mein guter Freund Uwe Banton kriegt das aber gut hin!” Ich muss gestehen, dass der Name mir zwar wohl bekannt war, ich mich aber nie näher mit ihm beschäftigt habe. Das ist aber nur der gewaltigen Menge an I-Grade Reggae geschuldet, die im Vergleich zur vorhandenen Lebenszeit existiert. Der Name ist ja schon gut, schöne Auflösung einer ironischen Brechung von deutscher Heimeligkeit und jamaikanischem Flow. Banton heißt übrigens Geschichtenerzähler, hab ich jetzt auch gelernt.

Der Text ist in traditioneller Lesart klassischer Widerstand gegen “das System”. Gesellschaftskritik und politische Kritik war und wird immer wichtig und richtig sein. Was mir in diesem und in ähnlichen Texten allerdings sauer aufstößt ist einerseits die unspezifische Adressierung und andererseits der Mangel an Lösungsvorschlägen. “Wir weigern uns, so zu sein, wie ihr uns haben wollt” singt Uwe Banton. Wer aber ist dieses “Ihr”? Die Politiker? Alle Politiker? Das System? Unsere Eltern? Die andere Seite? Die Extremen oder die Gemäßigten? Interpretationsspielräume sind offen. Eigentlich ja eine gute Sache in der Kunst. Texte, die einem diktieren wollen, was man glauben, wissen, wie man handeln soll, sind platt, eindimensional und mir zuwider. Dieser Text schafft es, beides miteinander zu vereinen: So offen zu sein, dass sich die Meisten ihrer Interpretation nach davon angesprochen fühlen können und gleichzeitig direkte Handlungsanweisungen zu geben: verweigern, aufstehen, Kooperationsverweigerung. Eine gefährliche Sache.
Jamaikanischer Roots Reggae mit seiner identitätsbildenden Haltung gegen das System Babylon war da selten präziser und die Lösung bestand dabei schon immer darin, sich innerlich abzuwenden, sich durch spirituelle Hingabe von der Vergangenheit und den weltlichen Zuständen zu befreien und dies im Kollektiv zu ritualisieren. Für die Nachfahren von Sklaven, die in einer aufoktroyierten Gesellschaft leben kann das auch Sinn machen und vor allem Sinn stiften. Als Deutscher in der deutschen Gesellschaft finde ich das allerdings schwierig, dieses Prinzip unangepasst zu übernehmen. Wenn ein jamaikanischer Rasta von Babylon spricht und sich gegen “das Shitstem” wendet, ist der Gegner ziemlich klar umrissen. Wen meint aber Uwe Banton hier?

Ich habe einem Freund, mit dem ich oft sozialpolitische Reasonings führe, “Wir weigern uns” vorgespielt, um seine Meinung zu hören. Er hat mich auf eine andere Dimension dieses Textes aufmerksam gemacht. Wir leben in Zeiten von Corona und von nicht wenigen Menschen, die gemeinsam mit Rechtsextremen auf den Straßen demonstrieren, Diktatur und Faschismus schreien im Zusammenhang von neuen Regeln, die versuchen, Leben zu retten. Es bleibt offen, ob der Schreiber überhaupt die aktuelle soziopolitische Dimension im Sinn hatte. Aber das Timing ist denkbar ungünstig für ein solches Lied zu solcher Zeit: “Mit euren Lügen könnt ihr uns keine Angst machen. So viele Menschen werden sehr bald aufwachen. … Drum steht auf, rafft euch auf und überlasst die Dinge nicht nur ihrem Lauf.”  Ein Schelm, der nicht an die aktuellen Geschehnisse auf der ganzen Welt denkt? Schlafschafe, die aufwachen? “Wir brauchen keinen globalen, digitalen Totalitarismus. Das einzige, was wir nicht brauchen ist ein neuer Faschismus.” Das trifft ziemlich genau die Diktion von Coronaleugnern hierzulande. Spätestens an dieser Stelle möchte ich meine Position klarstellen: Es ist sehr wichtig, politisches Handeln zu hinterfragen und zu kritisieren. Ich bin auch mit vielen Entscheidungen nicht einverstanden. Wenn sich eine junge Frau aber heutzutage auf eine Bühne stellt und sagt, sie fühle sich (verfolgt und unterdrückt) wie Sophie Scholl, wird mir schwindelig. Ich musste mir das Video auf YouTube leider persönlich ansehen; nur gehört habe ich vor kurzem von einem kleinen Mädchen, das sich wie Anne Frank gefühlt habe, weil es seinen Geburtstag heimlich mit seinen Freunden zu Hause feiern musste, in Angst, entdeckt und verraten zu werden. Ich lasse das weiter unkommentiert, wer in diesen Zeiten seine sechs Sinne noch beisammen hat, kann sich den Zusammenhang herstellen. Wenn ein Lied in diesen Zeiten so interpretationsoffen Faschismus und “Aufwachen” thematisiert, fällt es mir schwer, dies in traditioneller Lesart zu akzeptieren.

Ihren schwächsten Moment haben die Worte, wenn es heißt: “Ihr teilt die Menschen ein in Freund oder Feind.” Der ganze Subtext des Liedes macht nichts anderes, als dass er eine Front aufbaut, er unterteilt in “Ihr” und “Wir”, fordert zum Widerstand und indirekt zum Kampf auf. Überzeugend finde ich das nicht, solche inneren Widersprüche sollte eine gute Botschaft auflösen können, da reicht es nicht zu sagen: Aber wir sind ja die Guten, wir dürfen das. Die Botschaft von Reggae war von jeher, Inity und One Love herbeizuführen.
Das Niedersingen von Babylon haben Vertreter wie Peter Tosh durchaus realpolitisch gemeint und das ist natürlich absolut legitim, solange die eigene Position und das Unrecht des Gegners klar und argumentativ benannt ist. In diesem Text kann ich aber nichts davon wiederfinden. Im Allgemeinen ist die Formel “bun babylon” aber als spirituelle Reinigung, als innere Abkehr vom Übel zu verstehen – und beinhaltet nicht die Absicht, dem Gegenüber zu schaden. Das widerspräche auch der gewaltnegierenden Kernbotschaft von Rastafari.
Mit der hier vorliegenden neuen, politischen Attitüde wird ein ganz anderes Kapitel aufgeschlagen. Man kann die spirituelle Einkehr und das Abwenden von realen Einmischungen im sozialpolitischen System kritisch sehen und auch den alten Marx bemühen und vom Opium (Ganja?) für’s Volk sprechen. Für mich ist die Botschaft von Roots Reggae aber eine Haltung, die man in die Gesellschaft tragen und leben kann. One Love, auch und gerade für Uwe Banton. Vielleicht tue ich Dir, Uwe, auch Unrecht und es ist alles ganz anders gemeint, aber diesen meinen Argumentationsstrang möchte ich erst mal gebrochen sehen.

Wichtig ist noch, zu betonen, dass es hier nicht darum geht, jemanden zu diffamieren oder ins Abseits zu stellen. Jeder darf glauben und sagen was er/sie will, zur Meinungsfreiheit gehört aber auch, Gegenmeinungen auszuhalten und offen für andere Argumente zu bleiben. Kunst soll auch frei interpretierbar bleiben. Ich möchte vor allem auf die Gefahren hinweisen, wenn die Dinge nicht klar benannt werden und Begrifflichkeiten umgedeutet werden, denn Faschismus ist eine tödliche, menschenfeindliche Ideologie, die in “ihr” und “wir” trennt. Ich freue mich auf Beiträge in den Kommentaren.

Fabian

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Schreibe, singe, spiele, produziere, höre, schaue, tanze und jetzt kommentiere ich auch Reggae inna Roots-Style mit aktuellem Anspruch.