Alborosie „Back-A-Yard Dub“ (VP Records)

Alborosie
„Back-A-Yard Dub“
(VP Records – 2021)

Er ist ideale kulturelle Aneignung, Multiinstrumentalist, Sänger und Produzent in Person – und stolz darauf. Der Italiener, oder noch besser gesagt, Sizilianer Alborosie ist wie kein anderer Außenstehender in die jamaikanische Kultur eingetaucht, um sich schließlich mit ihr vollkommen zu identifizieren. Nirgendwo wird dies deutlicher, als in seinen Dub-Alben, die fast wie ein naturgegebenes Gesetz immer in gewissen Abständen (die übrigens immer kürzer zu werden scheinen) seinen Vokal-Alben folgen. Von den Besten, wie King Tubby, hat sich Alborosie stets leiten lassen und mit den besten King Jammy („Dub of Thrones“) gemessen. Die unterschiedlichen Sounds der 70er und 80er, die verschiedenen Herangehensweisen hat er darin bestens vereinnahmt. Auch wenn es hin und wieder trocken und wie auswendig gelernt klingen mag, so wie es bei übereifrigen Schülern manchmal der Fall ist.

Alborosie

Der Alborosie-Effekt

Wie auch immer, nun ist es an der Zeit gekommen, die letzte Kollaboration mit den Wailing Souls, das Album „Back A Yard“, Dub-mäßig aufzuarbeiten. Alborosie ist auf dem genannten Longplayer als Produzent und Instrumentenspieler vertreten, dabei hat er sich auch nicht nehmen lassen, in der Neuauflage des großen Wailing Souls-Hits „Shark Attack“, selbst kurz zum Mikro zu greifen.

Kurzum gesagt, Alborosie ist der Mann hinter dem ganzen Projekt gewesen und seine Unterschrift ist darin überall zu finden. Mehr noch ist das der Fall auf diesem Dub-Zwillingsalbum „Back-A-Yard Dub“, auch wenn ihm dabei der Kult-Bassist von den Roots Radics, Flabba Holt und andere Foundation-Player wie Tyrone Downie zu Rat standen. Der typische Klang seines Shengen Studios, den Pupa Albo mit altem oder nachgebautem Vintage-Equipment und selbst entwickelten Plug-Ins ausgestattet hat, ist wie eine Kreuzung zwischen der blechernen Wucht von Mad Professors Ariwa Studio und der raumfüllenden Masse des Channel One hin und her schwankend zu verorten.

Genauso ungreifbar und antischwerkraftmäßig verhält es sich mit dem Mix des Albums selbst. Die (retro)futuristischen Synth-Kollagen lässt Pupa Albo hier bis zur völligen Selbstauflösung im Raum rotieren, so wie es nur noch der britische Dub-Master Gussie P gewagt hätte und hatte. Die Drums peitschen unerbittlich durch die Luft wie seinerzeit in Tubbys Studio, lediglich durch geschmeidige Bläser- und Klaviereinlagen abgemildert. Mal prescht er mit Dampfwalzen-Steppers wie in „Eyes On Dub“ nach vorn, oder legt ein extended Intro wie in „In The House Of Dub“ hin und steigert die Anspannung bis zum Siedepunkt bevor er alles in einem Strudel aus aufgeladenen, grandios auftretenden Bläser-Salven auflöst. Ganz im Sinne der alten Meister, die ja auch bekanntlich seine Vorbilder sind. Doch so rückwärtsgewandt ist Alborosie auf dem Album ganz und gar nicht. Mit für ihn untypischen Sound- und Klangkombinationen führt Alborosie einige Neuheiten in seinen Stil ein. Die spacigen Sci-Fi-Kanonen in „This Is Dub Time“ schießen wie außerirdische Laserstrahlen umher. In „All About Dub“ hüpft über ausgedehnte Sonarklänge, die wie Walgesänge anmuten, eine luftleichte Akustikgitarrenmelodie.

Einfach meisterlich, wie Alborosie in „Chalice Dub“ den anfänglichen kitschigen Gitarrensoli, bei dem man denkt, man ist in einem Bon-Jovi-Album gelandet, in etwas sehr Atmosphärisches und Komplexes verwandelt. Und dabei auch noch veraltete Atari Computerspielklänge verarbeitet, die so aus dem Kontext zu fallen scheinen, dass es wieder top-modern ist. Den Spagat hinzukriegen, frisch und dennoch oldschool zu wirken ist die eigentliche Leistung Alborosies hier, obwohl er das wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt hat.

Zvjezdan Markovic

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About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit über 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben. (E-Mail zvjezdan[at]irieites.de)