Abiodun „Break Free“ (Ajazco Records/Believe Digital)

Abiodun
„Break Free“
(Ajazco Records/Believe Digital – 2018)

Abiodun (© Mirko Polo)

 

Er lässt sich ausrauben, sich schlagen und foltern. Viele Hände zerren ihn durch den Staub und zerreißen seine Kleider. Für seine Musik ist Abiodun offenbar bereit alles zu tun. Dies stellt er unter Beweis in dem abenteuerlichen Video für den Song „Alarm Down Blow“, der vorab veröffentlicht wurde und der den Weg für das neue Album „Break Free“ ebnen sollte. Nicht, dass es einer besonderen Einführung für diesen exzentrischen nigerianisch-deutschen Künstler bedürfte, der als Don Abi in den Neunzigern zur Bekanntheit gelang als einer der Pioniere des deutschen Reggae und Hip-Hops. In den Nullerjahren engagierte er sich dann in der Gruppe Brothers Keepers weiter.

Musik und Aktivismus standen schon damals im Mittelpunkt und ist bei Abiodun Odukoya auch so bis heute geblieben. Aber er hat sich, wie er sagt, seitdem weiterentwickelt. Vor allem hat er dabei seinen musikalischen Horizont beträchtlich erweitert. Das, was unverändert geblieben ist, sind seine Direktheit und Kompromisslosigkeit, auch wenn er nun mit einem viel höherem Anspruch antritt. Er gibt sich zielgerichtet und sicher wie ein Battle-Rapper, der ausgezeichnet singen kann. Kein Wort wird verschwendet, keine Strophe ist ein Filler. Wie sein offensichtliches Vorbild, der große Fela Kuti, lässt er durch seinen Gesang viel Energie und Dynamik fließen, urtümlich wild – stellenweise fast ekstatisch. Die Wortwahl ist meistens schneidig, kurz und bündig; die Texte werden teilweise in Pidginenglisch gesungen (‚if youh be human/why youh fight like animal‘).

(© Mirko Polo)

 

Die meisten seiner Stücke sind dramaturgisch aufgebaut. Jeder Song ein kleiner Film mit Wendungen, die oft ins völlig Unerwartete einschlagen. In seiner eindrucksvollen Liebeserklärung an Afrika „Take A Look“ wird somit aus einer akustischen Reggae/Rock-Balade, eine zutiefst afrikanische und absolut tanzbare Angelegenheit mit überschwänglichen Beats und spielfreudiger Gitarre in der Tradition eines King Sunny Ade. Abiodun schreitet hier sehr eklektisch zur Tat. Er bedient sich des Soul und Jazz, wo es einer stärkeren Harmonie bedarf mit ruhigeren Passagen, die wie ein tiefes Luftholen erscheinen, mit großlungigen Chören und minimalistischen Arrangements. Afrobeat – und zwar viel davon – sowohl als auch Reggae und Rock kommen da zum Zug, wo es zur Sache geht. Wo es rau und ungeschliffen sein soll. Auch wenn der Sound des Albums dabei verhältnismäßig etwas zu aufpoliert wirkt. Das Geordnete weicht dann den schrillen, typisch afrikanischen Xylofon-Klängen und synkopierten Rhythmen.

Abiodun sieht sich ja selbst als Bindeglied zwischen Europa und Afrika, und diese Rolle spielt er in dem neuen Album, das zugleich der erste unter seinem richtigen (Vor)Namen ist, bis zum letzten Akt aus. Klavier- und gitarrenlastige Baladen wie „Go Ahead“ haben dann hier ihren Platz genauso wie die treibende Afrobeat-Schleudermaschine „The Way You Do Me“. Mal geht es dabei um Missstände in seiner zweiten Heimat Nigeria („Alarm Down Blow“), mal wird es selbstermächtigend – und nicht ohne Pathos (‚I believe in magic/I believe in you‘) – wie in „Go Ahead“. Doch ganz gleich auf welchem Breitengrad er sich gerade musikalisch befindet, Abiodun behält dabei immer sein übergeordnetes Ziel vor Augen: Freiheit durch individuelle Verwirklichung – und das nicht nur für ihn selbst.

Zvjezdan Markovic

Zvjezdan Markovic

About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben.