Banda Senderos im Interview

Banda Senderos – Reggae-Pop-Vibes aus Essen

“Der Ruhrpott hat Groove!” stand weit vorne im Infotext zum Album “Oase” von Banda Senderos. Nach dem erfolgreichen Debütalbum “Mobulu” von 2015 legte die Band aus Essen  bei dem neuen Wurf noch eine weitere Schippe Reggae-Pop oben drauf, präsentierte sich erneut musikalisch vielseitig und zudem noch frischer als zuvor. “Oase” ist ein facettenreiches Album geworden, das auf jeden Fall die Messlatte höher gelegt hat… “Oase” erschien am Anfang eines Sommers, der wieder einmal nicht mit Hitze geizte. Insofern passte der Tune “Sonne in die Stadt” prima zu einem (sommerlichen) Lebensgefühl, das sich leicht, weltoffen, urban und insgesamt tolerant zeigt. Nach wie vor ist der Song im Radio zu hören. Etliche Konzerte und Festival-Auftritte später (u.a. beim Summerjam und der Fusion) ist nun der Herbst eingezogen. Zeit also, zusammen mit Julian Kühn, dem Drummer von Banda Senderos, auf ein sehr bewegtes Jahr 2019 zurückzublicken.

An einem Hitzerekord verdächtigen Tag in diesem Sommer befand ich mich mit kaputter Klimaanlage in einem Stau kurz vor Berlin. Im Radio lief euer Song „Sonne in die Stadt“, eine Zusammenarbeit mit den 257ers, den ich da zum ersten Mal gehört habe. Ein Sommerhit, der den Weg in die Programme von etlichen Mainstreamradios fand. Da ihr jetzt ja so etwas wie Experten seid, welche Zutaten gehören unbedingt zu einem Sommerhit?

Wir glauben stark daran, dass sich die Sonne, die von allen hier in Deutschland den ganzen Winter über so sehr herbeigesehnt wird, auch in der Musik wiederfinden muss. Was assoziiert jeder mit Sommer? Im Ruhrpott kommst du nicht um den Baggersee herum. Dann noch ein bisschen Cocktail-Stimmung mit Schirmchen, einige feinste Prisen alkoholischer Spezialitäten, gepaart mit etwas Leichtigkeit, und zur Deko die grüne Wiese drum herum. Unsere Reggae-Pop-Vibes dazu und fertig ist der luftige Hit, der den Soundtrack zum Sommer liefert.

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Beim Hören von eurem Album „Oase“ kommen mir Bands wie Seeed, Culcha Candela, Jamaram und Les Babacools als Vergleiche in den Sinn. Habt ihr für euren Stilmix klare Vorbilder? Und, wodurch grenzt ihr euch als eigenständig ab?

Danke für die Komplimente! In einem Atemzug mit diesen großen Bands genannt zu werden, ist für uns etwas Besonderes! Klar sind wir als Musiker und auch als Menschen beeinflusst durch die Musik mit der wir aufgewachsen sind und die sich um uns herum abspielt. Für uns sind unsere Roots etwas ganz Eigenes. Da macht es sich bemerkbar, dass in der Band neun verschiedene Charaktere mit Wurzeln im Kongo, in Chile, Polen und Deutschland mitmischen. Da sind Sprachen und Traditionen von zumindest drei Kontinenten im Kochtopf – und das alles in einer Banda aus Freunden, die gemeinsam eine Richtung festlegen. Wir haben live und bei den Konzerten eine ganz eigene Dynamik und Energie, die spürbar ist. Das ist ein Partystrudel, der süchtig macht und dabei befreit. Jeder bei uns hat eigene musikalische Helden, aber wir treffen uns immer wieder gemeinsam bei den Themen Reggae, Pop, der spanischen und der deutschen Sprache und wir kreieren daraus diesen eigenständigen „Bandasound“ hier bei uns im Ruhrgebiet, unserer gemeinsamen Heimat.

Gerade bei dem Tune „Es Wird Gut“ schimmert Seeed deutlich durch. Auch und vor allem bei dem Sound der Bläsersätze sowie den Drumparts. Liegt diese Nähe daran, dass ihr mit Guido Craveiro einen Produzenten gewählt habt, der auch bei Seeed seine Finger mit im Spiel hat?

Wir haben nie danach gesucht, jemanden zu finden, der uns so klingen lässt, wie Seeed. Aber: klar hat Guido irgendwo selbstverständlich einen musikalischen Fingerabdruck hinterlassen, den er ja selber geschaffen hat und der mit seiner Arbeit mit den Jungs aus Berlin und auch mit anderen Größen der Musik gewachsen ist. Unser gemeinsamer Anspruch an das zweite Banda Senderos Studioalbum „Oase“ ist gewesen, unsere Live-Atmosphäre so überzeugend wie möglich auf Platte zu bannen und das hat Guido mit seiner Erfahrung als Produzent beeindruckend hinbekommen. Wir sind sehr dankbar für diese Zusammenarbeit, denn wir haben so als Band endlich ein Zahnrad gefunden, das in den letzten Jahren noch im Motor gefehlt hat.

Die Gruppenstärke von neun Musikern auf der Bühne legt ja bereits einen Vergleich mit Kombos wie Seeed oder Querbeat, Moop Mama, etc. irgendwie nahe, zumal die Bläser ein entscheidendes Element in all diesen Bands darstellen. Jeden einzelnen Act, der Bläser und tanzbare Beats im Portfolio hat, mit Seeed in Vergleich zu bringen, spricht für Seeed’s Status als Urgestein und, zurecht, Primus in der deutschen Branche, ist uns aber ehrlich zu kurzgefasst und zu einfach. Soundmäßig sehen wir uns noch traditioneller an unseren Roots in Südamerika und Afrika. Das Entscheidende ist für uns, dass die Musik aus uns spricht, wie wir sie wirklich fühlen. Das ist jetzt endlich der Fall!

Wie kam die Zusammenarbeit mit Guido zustande und was schätzt ihr besonders an ihm?

Wir haben ihm geschrieben, uns gegenseitig unsere Ideen vorgestellt, uns getroffen, super nett geschnackt und dann im Ping-Pong-Verfahren losgelegt. Da spielen natürlich auch Faktoren wie eine gemeinsame Philosophie und Sympathie füreinander eine Rolle. Guido ist ein feiner Typ und wir verstehen uns einfach gut. Seine Stärke ist definitiv, zu erkennen, welche Schräubchen man drehen muss, um das Ganze bestmöglich zum Laufen zu bekommen. Er haut Dinger raus, da hast du einfach Bock, dich auf diesen Bass draufzuschmeißen!

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Wie läuft es bei euch mit den Songs? Entstehen sie in einem gemeinsamen Prozess oder gibt es so etwas wie ein, zwei Bandleader?

Es passiert oft, dass innerhalb der Banda-Family jemand mit einer Idee im Kopf an die anderen herantritt und dann daraus in vielen Sessions ein Songkonstrukt entsteht, das dann auch mal ein bisschen herumliegt und irgendwann wieder ausgegraben wird. Wenn wir konkrete Ideen haben und das Stück dann richtig anfassen, gibt es immer eine federführende Gruppe, die sich herauskristallisiert. Das ist ein ganz natürliches Ding bei uns.

In euren Songs geht es viel um die sonnigen, leichteren Momente im Leben. „Es muss ja nicht immer um gesellschaftliche, soziale oder politische Themen gehen“, heißt es etwa in der Info zu „Sonne in Die Stadt“. Sind euch kritische Themen zu sperrig?

Definitiv nicht. Gesellschaftliche Kritik und auch der politische Diskurs sind uns wichtig, aber wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, in reißerische oder polemische Diskussionen einzusteigen. Wir finden, dass wir schon durch unsere Historie von mittlerweile über sieben gemeinsamen Jahren auf der Bühne und als Familie im Tourbus in unserer Konstellation von neun Männern aus unterschiedlichen Regionen der Welt ein Statement setzen, das keiner weiteren Erklärung bedarf.

Die Sache ist auch, dass es in „Sonne in die Stadt“ thematisch zwar einmal um etwas anderes geht, als um die gerade vorherrschenden politischen Themen. Kopf frei machen. Gut drauf sein, das Leben und den Sommer genießen. Das ist auch eine Message, die man politisch verstehen kann.

Wir haben einige Songs, die auch politische Messages haben. Das kommt in deiner Fragestellung nicht so rüber. Wer sich mit dem Song “44 Bullets” auseinandersetzt, findet zum Beispiel die Lebens- und Todesgeschichte von Victor Jara porträtiert. Gut die Hälfte der Songs des Albums „Oase“ setzen sich auch ernsthafter mit aktuellen Themen auseinander. Man muss nur ein wenig zuhören..

Neben Jamaram und den 257ers ist die Band Doctor Krápula aus Kolumbien als Gast vertreten. Da war ich dann doch überrascht. Wie kam es denn zu dieser Kooperation?

Mit Doktor Krápula waren wir auf Cosmo Odyssee Tour unterwegs. Daraus ist eine Bandfreundschaft entstanden. Eine super schöne Sache, weil wir uns mit den Jungs bestens verstanden haben und sie trotz ihrer riesigen Popularität in Südamerika total auf dem Teppich geblieben sind. Wir sehen uns seitdem regelmäßig, wenn sie auf ihren Touren in Deutschland gerade in der Nähe sind.

Die Sommersaison ist vorbei. Ihr ward viel unterwegs, u.a. beim diesjährigen Summerjam. Gab es besonders schöne Erlebnisse auf Tour?

Die Tour als Ganzes war ein schönes Erlebnis, weil sie mit noch mehr Highlights gespickt war, als in den letzten Jahren. Ganz besonders in Erinnerung sind uns allen die Shows beim Heimspiel in Essen-Werden beim Pfingst-Openair vor ca. 17000 Leuten beim Summerjam und beim Sound of the Forest-Festival, weil unsere Zuhörer noch mehr als sonst ohnehin schon bei uns waren und nicht wir sie, sondern sie uns mit ihren Emotionen und der Atmosphäre abgeholt haben. Das waren Gänsehaut-Momente. Die nimmt uns in unserem Leben niemand mehr!

Was liegt jetzt an? Ist etwas in der Pipeline?

Wir beginnen schon wieder mit den nächsten Produktionen. Wieder mit Guido Craveiro. Soviel können wir schon mal verraten. Es kommen sicher noch die ein oder andere Persönlichkeit für ein Featuring und als Support dazu, die man jetzt nicht unbedingt von uns erwarten würde. Das macht alles noch viel spannender und wir freuen uns schon tierisch auf die nächste Zeit. Live ist die Festivalsaison jetzt gerade vorbei, aber im Herbst und im Winter geht es ja mit den Clubshows weiter. Der Bandabus rollt!

Interview: Karsten Frehe (09/2019)

Banda Senderos Homepage

Booking: www.agents4music.com

Karsten

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM.