Solid Mojo Soundsystem, Hamburg


Dieses Soundsystem-Interview ist ein Teil einer Reihe. Weitere Interviews findest du fortan in unserer Kategorie Soundsystem Culture.


Solid Mojo Soundsystem, Hamburg

Die Soundsystem-Kultur greift national und international um sich. Wir von IrieItes.de sind schon seit Jahren immer an dieser Szene interessiert und berichten engagiert über alte und neue Crews, ihr persönliches Engagement und die dazugehörigen Tunes. Grund genug, mit ein paar Fragen euch diverse Soundsystems vorzustellen. Den Beginn dieser neuen Serie bei uns macht das Solid Mojo-Soundsystem aus Hamburg. Eine muntere Truppe, die mit privaten und öffentlichen Sessions von sich Reden macht, zugleich gerade ein eigenes Label an den Start gebracht hat und zudem am “Soon Come”-Studio in der Hansestadt beteiligt ist. Hier die Antwort von Jan auf unsere Fragen….

Seit wann existiert euer Soundsystem und wo wart ihr bislang aktiv? Habt ihr reguläre Dances, womöglich in einer Homebase?
Die Idee, ein eigenes Soundsystem zu bauen, kam im Herbst 2011. Dann wurde lange gebaut und ausprobiert. Etwa anderthalb Jahre später war unser erster offizieller Dance: in einem Vereinsheim in Cuxhaven, eingeladen von den I-Quality-Sound-Rockaz.

Darauf folgten Sessions an verschiedenen Orten: Outdoor Festivals im Raum Cuxhaven und Magdeburg und Indoorveranstaltungen in Hamburg u.a. in der Soulkitchen, im Nachtasyl und in der Roten Flora. Die zahlreichsten Sessions starteten „underground style“ in unserer Homebase, allerdings nicht in einem regelmäßigen Rhythmus.

Wo bzw. wie seid ihr das erste Mal mit dem Thema Soundsystem in Berührung gekommen?

Ich bin auf dem Reggae Jam 2011 quasi vor das Rootsplague Soundsystem gestolpert – eine Offenbarung. Russ Disciples hat es in „Musically Mad“ sehr gut ausgedrückt. Sinngemäß sagte er: „Ich weiß nicht, wie man jemandem „Soundsystem“ erklären sollte, ohne sie/ihn einfach vor ein großes Stack von Speakern zu zerren.“ – Who feels it, knows it.

Haben euch spezielle Events oder andere Soundsystems dazu inspiriert, ein eigenes System in Angriff zu nehmen?

Das war eigentlich genau dieses Ereignis auf dem Reggae Jam vor der roten Wand von Rootsplague. Alles an dieser Dubstation hat mich fasziniert und inspiriert. Ich hatte vorher schon regelmäßig mit Lautsprechern und Soundequipment zu tun und auch schon sporadisch mal aufgelegt. Jetzt ergab alles Sinn. Ab diesem Zeitpunkt fing ich an, mich so richtig „rein zu nerden“ und begann Stück für Stück die Kultur dahinter kennenzulernen. Während dieser Phase war ich regelmäßig auf Sessions in Münster, wo mich das Kunterbunt Soundsystem nachhaltig beeindruckte und somit auch die Wahl unseres Scoop Designs beeinflusste. Die lokale Szene in Hamburg lernte ich erst etwas später, also mit Umweg über Münster, kennen.

Was begeistert euch an der Soundsystem-Kultur?

Die Reggae/Dub Soundsystem Kultur bringt viele Dinge zusammen, die mich begeistern.

Ich mag zuerst einmal den DIY-Aspekt der Kultur. Jedes Soundsystem klingt anders und sieht anders aus. Alle Beteiligten haben ihren eigenen Style, Dinge anzugehen. Aber DIY geht weiter als nur die Technik: Lagerfläche, Transport, Promotion, Bar- und Tür-Schichten … nicht selten wird auch noch gekocht oder es gibt kulturelle Beiträge. Alles selbstgemacht und selbst organisiert. Auch die Musik ist sehr DIY-lastig. Überall auf der Welt pressen Menschen Kleinstauflagen von Soundsystem Tunes auf Vinyl oder verschicken Wavs ihrer Riddims an andere Soundleute. Und auf Sessions ist immer open Mic für Vocalist*innen und Instrumentalis*innen.

Dieser DIY-Vibe sorgt für ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Szene, was nicht nur die Crews untereinander, sondern auch die Gäste auf Sessions spüren. Dieses Gefühl von Unity begeistert mich immer wieder. Wir sind ziemlich gut vernetzt und ich habe nahezu alle meiner guten Freund*innen über die Musik kennengelernt.

Und mich begeistert natürlich die Musik. Sie bietet eine so große Bandbreite von Styles, die es mir erlauben, je nach Vibe, sehr unterschiedliche Selections zu spielen und trotzdem ein und dieselbe Massive zu erreichen. Die Musik hat zudem eine weitere Eigenschaft: sie hat eine große gesellschaftspolitische und auch spirituelle Komponente. Oft ist sie Musik des (gewaltfreien) Kampfes, der Reflektion und des Empowerments. Roots Music ist Sufferers-Music. Antirassistisch, solidarisch und gegen Unterdrückung. In einer globalisierten, kapitalistischen Welt voller Diskriminierung und Ungerechtigkeit, in der die herrschenden Machtverhältnisse immer noch auf den Kolonialismus zurückgehen, bietet sie eine Möglichkeit, Gedanken und Gefühle zu verarbeiten und Protest zu zeigen. Sie ermöglicht, einen Teil der Geschichte zu erzählen, den man nicht in den Geschichtsbüchern findet. Für mich, der als weißer, deutscher Cis-Mann in ziemlich privilegierter Lage aufgewachsen ist, ist dies ein Weg mich reflektiert mit diesen Themen auseinanderzusetzen – und das Soundsystem bietet dafür die Plattform. Die Herangehensweisen und Meinungen gehen hierbei natürlich ziemlich auseinander. Für einige ist Rastafari der zentrale Punkt, für andere politischer Aktivismus, für wieder andere beides oder nichts von beidem. Das sorgt immer wieder für Diskussionen… aber die bringen uns weiter. Und es tut sich einiges.

Beispielsweise gibt es immer mehr Frauen (bzw. FLINTA* Personen), die in dieser stark männlich geprägten Kultur, aktiv werden. Und neben wichtigen Themen, wie Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus rücken auch andere Themen in den Fokus: Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und weitere Formen von Diskriminierung.

Warum habt ihr überhaupt ein Soundsystem gebaut und nutzt nicht einfach Standard-PA-Komponenten?

Streng genommen besteht eigentlich jedes Soundsystem aus Standard-PA-Komponenten. Nur, dass diese im Reggae/Dub Soundsystem Bereich etwas anders ausgesucht, verbaut und genutzt werden, als bei normalen PAs. Diese Vorgehensweise ermöglicht es jeder Crew, ihr Equipment für ihren Musikstil und Geschmack zu optimieren. Man bekommt so einen besseren Sound und spart dabei auch viel Geld im Vergleich zur fertig-gekauften, „professionellen Lösung“. In unserem Fall war es genauso. Mit viel Liebe für Selbstbau- und Vintage-Lautsprecher und Equipment on top.

Habt ihr bei euren Selections Vorlieben? Welche Musik ist bei euren Dances zu hören?

Auf unseren Sessions läuft Roots Music in verschiedenes Styles. In meiner persönlichen Selection ist immer viel Roots Reggae mit einer Tendenz zu den 80s, Rub-A-Dub und viel UK Soundsystem Music aus den 90s. Zur späteren Stunde gern viele meditative Instrumentals.

Gibt es besondere Künstler*innen, Produzent*innen oder Labels, die ihr besonders mögt und dementsprechend auch häufiger spielt?

Da gibt es einige. Zum Beispiel Don Carlos, Israel Vibration, Twinkle Brothers, Sly & Robbie, viele Jah Shaka und Mad Professor Produktionen, Manasseh, Disciples, Iration Steppas, Dubkasm, …

Gab es bei euren bisherigen Veranstaltungen schon Gäste? Andere Soundsystems und/oder Künstler*innen/ Produzent*innen?

Wir haben bei jeder Session Gäste – aber eher aus unserem Umfeld. Ich finde, dieser „Community-Dance“ Stil ist wichtig und macht die Soundsystem Kultur besonders. Ich freue mich immer, wenn andere Sounds „große Namen“ booken, aber meine eigene Vision ist eher lokal. Wir haben meistens eine recht hohe MC Dichte: I-Rebel, Ras Seven, Highn’B, Pensi (IRE-Hifi), Annananda, Wortfetzen, I-Lioness und Mighty Howard. Und Selections von Irie Bird, Ras Cass, Idren Anbessa, der Step-By-Step und der Hibration Crew und vielen mehr. Wobei hier echt die Grenzen zwischen Freund*innen und Crew verschwimmen.

In unserem Headquarter hatten wir auch schon Besuch von anderen Sounds mit ihrem eigenen Stack: Bootsmann Sound, Dubsalute und Step-By-Step.

Das Betreiben eines Soundsystems hat neben der Musik viel mit Technik zu tun. Stellt bitte eure aktuelle Hardware für die technisch interessierten Leser*Innen vor.

Hard facts – sehr gern. Nach einigen Jahren und Evolutionsstufen ist das aktuelle Solid Mojo Soundsystem ein 5-Wege Stereo System mit ca. 20 KW Leistung. Davon ca. 14KW für den Subbass. Wir haben 10x 18“ Hog Scoops im Einsatz, dazu 8x HD15 Kicks, 4x Vintage 12“ Mittenhörner, 2x Hörner mit Schall-Linsen und 2“ JBL Treibern und 4x Beyma Slot-Tweeter. Das System wird von 10 ziemlich schweren Amps betrieben, teilweise 90er Jahre BGWs und Crests. Die Trennfrequenzen, EQs und Hornlängen-Delays werden digital mit einem DSP gelöst.

Diese Kombination von Equipment ermöglicht sehr breite Abstrahlwinkel und in Verbindung mit dem 2-Stack Aufbau in Stereo einen raumfüllenden Klang. Meine Idealvorstellung ist immer, dass man „tief im Sound versinken“ kann. Der Bass muss so tief und so heftig sein, wie es geht … und alles darüber „High-Fidelity“ bis zur oberen Hörgrenze. Dank der Membranfläche der 10 Scoops und den fetten Netzteilen der Amps, schaffen wir 30Hz mit Vollgas. Da lohnt die Schlepperei.

Zum Auflegen benutzen wir einen analogen Allen & Heath Mixer, 1-2 Technics Plattenspieler und eine ganze Reihe von Sirens, Syndrums, Lickshots, Reverbs und Delays.

Allein schon logistisch ist ein Soundsystem herausfordernd. Wer macht bei euch was? Wer legt auf, wer macht die Flyer, wer baut auf etc.?

Das Solid Mojo Soundsystem Projekt ist nicht aus einem Kollektiv entstanden. Ich habe damals für mich selbst entschieden, loszulegen – hatte aber immer vollen Support in meinem engsten Umfeld aus Familie und Freund*innen. Daraus ist dann über die Jahre eine echte Crew gewachsen, die man aber gar nicht so einfach definieren kann. Besonders, weil einige auch noch in anderen Crews aktiv sind. Der aktuelle „harte Kern“ besteht aus Mariane, Torsten, Martin, Antke, Marcus, Irie Bird, Ras Cass und Idren Anbessa. Sie und viele andere der Hamburger „Dubheads“ und Aktivist*innen sind Teil bei der Planung und Durchführung der Sessions.

Ich selbst mag besonders den technischen Part des Soundsystems: Konzipieren, Bauen, Einstellen. Und genauso das Auflegen, „Dubben“ und das ganze Thema Artwork.

Welche Visionen habt ihr für euer Soundsystem? Was steht demnächst an?

In erster Linie: wieder Sessions machen. Hoffentlich geht das bald wieder … besonders in der großen Halle der Roten Flora. Das ist einfach der richtige Ort für große Soundsystems in Hamburg. Für 2020 hatten wir einige Sessions geplant, die dann nicht stattfinden konnten.

Corona hat dann den Fokus auf all das gelenkt, was man abgesehen von Sessions noch machen kann, um sich mit der Kultur auseinandersetzen. Ich habe beispielsweise meine Reihe von Mini-Comics und Illustrationen weitergeführt. Das werde ich in Zukunft weiter vorantreiben und habe noch ein paar andere Ideen, wie man die weiter oben bereits erwähnte, gesellschaftspolitische Komponente der Kultur stärker mit der Soundsystem-Arbeit verbinden kann.

Ein anderes, wichtiges Zukunftsthema ist das Produzieren von eigenen Tunes. Ich habe das Gefühl, dass es grad so richtig anfängt, Spaß zu machen. Nachdem ich mich jahrelang in Soundsystem-Technik und Auflegen reingefuchst habe, ist Studio-Technik und Produzieren für mich der nächste Schritt. Es gibt so viel cooles Zeug zu lernen…

Welche besonders wichtigen Tipps habt ihr an diejenigen parat, die derzeit darüber nachdenken, selbst aktiv zu werden?

Lasst noch Geld für Kabel über! … Spaß beiseite: Wer Fragen hat, sollte sich einfach direkt an Leute wenden, die schon dabei sind. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es überall offene Ohren für Fragen und Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch gibt.

Kürzlich erschien die 7 Inch von Danniella Dee auf eurem neu gegründeten Label Solid Mojo? Wie seid ihr dazu gekommen, ein eigenes Label zu starten? Und welche Veröffentlichungen stehen in der Zukunft an?

Wie schon gesagt, ist für mich der nächste Schritt als Soundsystem, auch eigene Musik zu machen. Ich hatte also schon länger mit diesem Gedanken gespielt. Und dann haben wir auf einer Session per Zufall Danniella kennengelernt. Sie hat uns alle sehr mit ihrer Stimme begeistert und wir haben uns vernetzt. Zwei Wochen später war ich mit Torsten und Pensi zum Riddims checken im Headquarter verabredet und Torsten hatte Danniella einfach mal eingeladen. Ich fühlte mich mit meinen Riddims noch ziemlich unsicher und hätte das wohl nie gemacht … aber sie kam vorbei, mochte einen Riddim und schrieb kurzerhand Lyrics, die wir direkt vor Ort unter „field conditions“ aufgenommen haben. Wir haben dann noch als Sahnehäubchen eine echte Hihat über den ansonsten digitalen Riddim aufgenommen, die Torsten (Drummer bei Fischfell Sound) eingespielt hat. Quasi fünf Minuten Hihat Solo – bis heute ungeschnitten im Tune.

So kamen wir also zu unserem ersten Tune. Es sind weitere Releases geplant und ein paar Tunes in der engeren Auswahl, aber es gibt noch keinen festen Plan dafür. Es wird viel experimentiert und sobald etwas Schönes dabei rauskommt, wird’s konkreter.

Seit einiger Zeit betreibt ihr zusammen mit Pensi und anderen Mitstreiter*innen das „Soon Come“-Studio in Hammerbrook. Könnt ihr kurz erzählen, was das Besondere an diesem Studio ist?

Dieses Studio ist etwas sehr Besonderes. Es ist geboren aus Pensis Vision, einen kreativen Treffpunkt für die Hamburger Reggae- und Soundsystem Szene zu schaffen. Einen Ort, mit den technischen und räumlichen Möglichkeiten, eine größere Band zu recorden – direkt über einem Vinyl-Presswerk. Und on top ist auch eine Dubplate-Schneidemaschine in Arbeit. Praktisch die gesamte Infrastruktur, die man benötigt, um Soundsystems mit frischem Material zu versorgen. Das klingt alles schon fast zu gut, um wahr zu sein! Und es lief während der ziemlich ausgedehnten Bauphase auch alles andere als optimal. Die Crew wechselte durch und es kam aus unterschiedlichen Gründen immer wieder zu Verzögerungen. Und auch heute ist noch nicht alles fertig. Es gibt noch einiges zu löten und zu verkabeln. Der Name „Soon Come“ ist also mehr als verdient! Aber die Crew und die Musiker*innen sind motiviert und erste Testaufnahmen mit der Sleng Tang Band waren sehr vielversprechend.

Interview: Karsten Frehe (12/2021)

About Karsten

Founder of the Irie Ites radio show & the Irie Ites Music label, author, art- and geography-teacher and (very rare) DJ under the name Dub Teacha. Host of the "Foward The Bass"-radio show at ByteFM.