
Ostróda Reggae Festival
Nach einem gelungenen Auftakt des Festivals, der bereits in einem vorherigen Bericht zusammengefasst wurde, ging es am 3. und 4. Tag auf hohem Niveau weiter. Neben bekannten polnischen Acts, wie Bakshish und Vavamuffin, standen etliche internationale Künstler*Innen auf dem Programm – u.a. Alborosie, Burning Spear, Marcus Gad und Weeding Dub.
Samstag, 25.7.26
Für Menschen, die entspannt in den Tag starten wollten, gab es zwischen 10 und 12 Uhr wieder eine Yoga-Session am See. Von dort ging es zum “Positive Vibration March”, der anläßlich des Jubiläums an der “weißen Kaserne” begann, wo das Festival auf einem stillgelegten Militärgelände seinen Ursprung hatte, dann die “roten Kaserne” streifte, den späteren Standort, und letztendlich an der Mole sein Ende fand. Eine witzige, quietschbunte Idee, die tatsächlich funktionierte und viele Einwohner*Innen Ostródas an die Straßen lockte.

Im Municipal Stadium OCSiR, dem aktuellen Ort des Festivals, ging es ab 16 Uhr mit dem Programm weiter. Nach Yelram, Gang Bawarii und der Paraliż Band betrat Bakshish die Red Stage. Bakshish ist eine der dienstältesten Bands des Landes und wurde 1982 um den charismatischen Leadsänger Jarosław „Jarex“ Kowalczyk gegründet. Bis heute begeistert Bakshish, was ursprünglich “Geschenk” bedeutet, mit einem stilsicheren Mix aus Reggae, Ska und Dub. Bei dem Jubiläumsauftritt kamen überraschend Piotr Kolaj, der Gründer und Leiter des Festivals, und Brinsley Forde an Bass bzw. Gitarre als Gäste auf die Bühne.

Um 21 Uhr war Frauenpower angesagt. Samora war zusammen mit Yeza, Ammoye und Zoe Mazah angereist, um “Samora presents Female Reggae Voices” zu feiern. Die in Suriname geborene, in den Niederlanden aufgewachsene und jetzt in der Schweiz lebende Samora brachte selbst unglaublich viel Energie auf die Bühne und präsentierte sich als charmante Leiterin durch das Programm. Mit Ammoye (Kanada), Yeza (Jamaika) und Zoe Mazah (Deutschland) hat sie sich drei Künstlerinnen dazugeholt, die mit ihren unterschiedlichen Stimmen und Styles ein breites Spektrum abdeckten. Das Publikum feierte begeistert mit und würdigte die “Queens”, dem gleichnamigen, gemeinsamen Song von Samora und Zoe Mazah entsprechend.

Als absolutes Highlight des Abends stand der Altmeister Burning Spear auf der Bühne. Es ist schier unglaublich, wie ruhig und gleichzeitig energetisch Winston Rodney auch mit 81 Jahren die Menschen in seinen Bann zieht. Begleitet von seiner sehr souverän aufspielenden Band glich sein Auftritt eher einer Roots-Messe als einem normalen Auftritt. Mit relativ wenigen Worten, ausgiebigen Perkussion-Parts und gelegentlichen Dancemoves entwickelte er mitsamt Band einen nahezu hypnotischen Sog.

Den Abschluss des Abends bestritt Alborosie zusammen mit dem Shengen Clan in seiner gewohnt professionellen Art und Weise. Mich hatte es zu dem Zeitpunkt bereits zu Ondubground aus Frankreich in die Green Stage gezogen. Die beiden Brüder Paul und Simon Lafourcade aus Tours lieferten ein äußerst digitales Klangspektrum ab, das es so in Frankreich öfter zu hören gibt. Zuvor traten das Panda Dread Soundsystem und das Roots Revival Sound System aus Polen sowie Weeding Dub, ebenfalls aus Frankreich, dort auf. Eigens für diesen Festivaltag hatten die beiden polnischen Sounds ihre Stacks in dem Zelt der Green Stage aufgebaut – ein klasse Move.
Sonntag, 26.7.26
Der letzte Tag des Festivals begann u.a. mit einem sehr spannenden Gespräch mit Marcus Gad im Rahmen der Reggae University (Uniwersytet Reggae) in einem Hörsaal des Amphitheaters. Der Sänger sprach über seine Weltanschauung, das neue Album “For All”, die Geschichte Neukaledoniens und die aktuelle Lage vor Ort sowie viele weitere Themen. Ein außergewöhnlicher Artist, der sich viel mit Spiritualität und dem allgemeinen Weltgeschehen auseinander setzt.
Auf der Red Stage haben mich persönlich vor allem Ministry Of Echology, Vavamuffin, Marcus Gad und, ganz am Schluss, Nadia McAnuff und Blvk H3ro zusammen mit K-Jah Sound berührt. Doch nun der Reihe nach…

Ministry of Echology ist eine Band aus Vilnius in Litauen. Sie selbst beschreiben sich als “a dubby reggae singy band for you to hear, come, dance, sing, smile, cry to”, was irgendwie auch ganz gut passt. Ihr Sound ist etwas exzentrischer als das, was man ansonsten auf Reggae Festivals zu hören bekommt. Spontan fiel mir das Duo Stereo Total als Vergleich ein, auch wenn von Ministry Of Echology musikalisch andere Wege beschritten werden. Die Haltung erscheint mir aber ähnlich, da die Litauer eine Melange aus Lo-Fi-Sounds, Reggae und Dub mit einer kleinen Prise Unangepasstheit vermengen. Ein überraschendes und interessantes Konzert also.

Vavamuffin ist eine Band aus Warschau und gehört ebenfalls zu den Veteranen des polnischen Reggaes. Ganz dem Namen nach vermengen sie seit 2003 Raggamuffin mit Reggae- und Dancehall-Anteilen. Ihre Hits, wie “Jah Jest Prezydentem” oder “Hooligan Rootz”, sind in Polen auch über die Reggae-Szene hinaus bekannt, so dass es nicht verwunderlich ist, wenn hunderte von Menschen ihre Songs mitsingen und abfeiern. Beim Ostróda Reggae Festival ist Vavamuffin nicht ohne Grund immer wieder im Lineup zu finden.

Marcus Gad & Tribe betraten gegen 22:30 die Haupbühne und der Sänger bezauberte erwartungsgemäß mit seiner sehr charmanten Präsenz, seinem schönen Gesang und den tiefgreifenden Texten. Im Zentrum der Show standen Songs des aktuellen Albums “For All”, aber auch Klassiker wie zum Beispiel der zauberhafte Song “River” von 2019. “Like the river. Hold on to nothing and flow to the sea. What I am was not born, it is eternally. Forever it has been, forever it will be. One drop to the day, tomorrow in the sea”. Pure Magie und eine richtig gute Performance des Künstlers mitsamt seiner Band, die das Publikum begeisterte.

Der Abend wurde von Blvk H3ro und Nadia McAnuff zusammen mit K-Jah Sound auf der Hauptbühne beendet. Leider setzte kurz vor der Show ein heftiger Dauerregen ein, der das Publikum auf die wirklichen Fans schrumpfen ließ. Schade, aber trotzdem eine sehr sympathische Show der beiden Artists aus Jamaika. Mich persönlich hat vor allem die Performance von Nadia, der Tochter von Winston McAnuff, bezirzt, die mit ihrem Humor und der quirligen Lebendigkeit schon Backstage ansteckend war. Mit dem Titeltrack ihres Albums “Shelter From The Storm” und vor allem dem ruhigen und extrem schönen Song “So Jah Seh” hat sie die Rootsreggae-Fahne hochgehalten. Blvk H3ro legte deutlich mehr Dampf auf die Bühne und kam ebenso bei den wenigen Hardcore-Fans an, die trotz Regen ausgeharrt haben.
Damit ging wieder einmal ein rundum schönes und vielseitiges Festival zu Ende. Mich wundert allerdings immer wieder, dass nur eine Handvoll Reggaefans aus Deutschland den Weg nach Ostróda findet. Da wäre auf jeden Fall noch viel Luft nach oben, denn so weit weg ist der Ort auch wieder nicht – zumindest dann nicht, wenn man weiter im Osten lebt, zum Beispiel in Berlin.
Text: Karsten Frehe (und Fotos von Nadia McAnuff), Rest der Fotos: Tomasz Misztal













































































