Shanti Powa “‘Til Insanity” (S. P. Records) & Tourdaten!

Shanti Powa
“‘Til Insanity”
(Shanti Powa Records – 2018)

Auf dem Weg dahin, dass einer oder mehrere Mitglieder der Gruppe von der Musik ihren Lebensunterhalt bestreiten können, zeigen Shanti Powa mit ihrem dritten Longplayer eine entscheidende Voraussetzung: Sie können sich mehrmals “neu erfinden”.

Nach einem Interview mit der Band hatte ich in Erinnerung, dass sie ein Hiphop-Album planen. Naja, kein Hiphop-Album, aber eines mit Hiphop-Elementen oder dem Hiphop zugewandt. Mehr als zuvor, denn schon auf den ersten beiden Alben gingen einzelne Songs oder zumindest Songteile in diese Richtung. Umso überraschter war ich, dass Hiphop nun eine untergeordnete Rolle auf “‘Til Insanity” spielt.

“Hit You With That!”, eine Single vom Album – und ein richtig guter Song!

‘Reinkommen in die Musik

Eine Vorbemerkung: Dieses Album hat bei mir im Lauthören gar nicht “gezündet” und im MP3-Player via Kopfhörer auf Anhieb. Das ist nun nur meine subjektive Hörerfahrung; erklären kann ich mir das nicht so wirklich. Vielleicht fühlt man sich via Kopfhörern der Musik näher? Und das ist eine Voraussetzung, damit dieses Album wirkt?

Oder man muss sich auf die Texte konzentrieren, damit einen diese Songs erreichen können, und das klappt über Kopfhörer besser?

Oder das Album ist sehr höhenlastig abgemischt, und im Raum geht von den Sounds vergleichsweise viel verloren, während sehr viele Kopfhörer heute den Bass bzw. die Tiefen verstärken?

Eine weitere Vorbemerkung: Dieses Album hat in Bewegung auch mehr bei mir ausgelöst als im Sitzen. Und es hat mehr mit mir “gemacht”, wenn ich keine geistigen Aktivitäten damit verknüpft habe. Für Multitasking ist es unter Umständen zu “voll” bepackt mit Ideen. Der Sound und die Texte unterstreichen ein Freiheitsgefühl; das entfaltet sich in Bewegung (z.B. beim Aufräumen, Putzen, Spazierengehen, Sport, Tanzen im Konzert) mehr als am Computer.

Die Verbindung zur Musik habe ich hingegen z.B. sofort verloren, wenn ich mir parallel beim Hören Notizen gemacht habe – was für dieses Review natürlich eine fast schon zwingende Voraussetzung war. Also, schön nacheinander, und erst mal ein paar Worte zur Biographie.

Quelle/Source: Shanti Powa

Introducing: Die Band Shanti Powa aus Südtirol

Shanti Powa Peaceful Warriors Cover Artwork

Das zweite Album, “Peaceful Warriors” (2016) mit den Singles “Be Wise”, “One Day” und “Tout Le Monde”

Shanti Powa sind ein gutes Dutzend Leute, zwölf bis 15 Mitglieder. Zu ihren Instrumenten auf den ersten beiden Alben “The Orchestra” (2013) und “Peaceful Warriors” (2016) zählten Didgeridoo, Saxophon, DJ-Special-Scratch-Effects.

Shanti Powa the orchestra Cover Artwork

Das Debütalbum machte mit der Betitelung “The Orchestra” der Größe der Band alle Ehre.

Was machen sie?

Shanti Powa lassen sich mit einem zugedrückten Auge im Genre “Ska” einordnen. Neben Ska verwenden sie zahlreiche Einflüsse aus Soul & Funk, Indie-Rock, (post)modernem Jazz, Hiphop, Fusion-Sounds, Folkpop, Rocksteady und Dancehall – sehr kreativ. Ein weiterer Einfluss ist Patchanka, eine von Ska-Punk und Latin-Rock geprägte und in Frankreich, aber z.B. auch Argentinien praktizierte Musik. Der Begriff wurde von der Band Mano Negra (vor Manu Chao) als Albumtitel gewählt und gilt seitdem als “Genre”.

Welche Sprachen verwenden sie?

Shanti Powa singen, toasten & rappen auf Englisch, Italienisch, Deutsch, in Südtiroler Mundart (da gibt es – glaube ich – kein “A” sondern nur “Ä” und “Ø” und “Ω”). Und ab und zu haben sie noch Französisch drin, wobei das auf “‘Til Insanity” nicht vorkommt.

Wer, wie schnell & wie lang?

Alice von Shanti Powa, Foto: Philipp Kause

Bertrand von Shanti Powa auf dem Sunrise Reggae & Ska Festival 2017, Foto: Philipp Kause

Neben einer weiblichen Sängerin, Alice – das ist die Dame unten links auf dem Foto – verfügt die Band noch über mehrere männliche Stimmen im Wechsel, darunter die von Band-Organisator Bertrand – rechts unten im Bild -, Michael und Simone.

Generell sind Shanti Powa eine Uptempo-Band, die auf Mittanzen setzt, das durchaus aber mit nachdenklichen oder nachdenkenswerten Texten, teilweise auch einfach mit Slogans. Dieser Uptempo-Grundrichtung stehen einige wenige sehr meditative einzelne Stücke entgegen. Also eine Band der Kontraste.

Bei den Angaben zu der sie beeinflussenden Musik äußerst offen und unter mehreren Mitgliedern sehr unterschiedlich, decken ihre bisherigen beiden Alben auch sehr viel Bandbreite ab. Dieses dritte Album ist in sich enger gefasst, wobei fast alle vorherigen Bausteine wieder zusammenkommen – nun aber neu zusammengesetzt und mit einem Ska-bezogeneren Fokus. Das betrifft vor allem den Rhythmus und die Länge der Songs.

Während sie ihre Vorliebe für sehr lange Songs auf dem ersten Album noch breitflächiger exerzierten (klar, man muss ja viele Instrumente unterbringen), verteilt sich kurz vs. lang jetzt neu: Vorne die kürzeren, hinten die längeren (Tracks 6, 7, 9, 11 und 12 sowie der Dub, Track 13). Naja, ein kürzerer schaffte es doch nach hinten, “Hit You With That”. Aber, Achtung für das Album ist er recht untypisch… Das Video zeigt ganz gut den Aufwand, der hinter der Musik steckt, deshalb möchte ich es hier einbinden:

Was erwartet einen auf dem Album “‘Til Insanity”?

Der Rhythmus ist – dieses Mal klar erkennbar und durchgängig – TwoTone-Ska. Der auf den Beat gelegte Inhalt bleibt aber bunt. Ob Didgeridoo-Solo, Soul- oder Rhythm’n’Blues-Gesang, E-Gitarren-Solo, Toasting-Einlage, Rap, Call-and-Response-Gesang oder jede Menge Scratchings – wo im Two Tone anderenorts einzig ein Saxophon- oder Trompetensolo für Abwechslung sorgen darf, ist hier ein riesiges Puzzle an Zutaten entstanden, die wenig vorhersehbar angeordnet worden.

“Zutaten” ist ein Stichwort. Ich möchte das ungewöhnliche Songwriting, Arrangement und Mastering, also die verschiedenen Schritte auf dem Weg zur Song-Zusammensetzung, am Beispiel von “Cooking” beschreiben. Das ist der fünfte Song auf “‘Til Insanity”.

Your ‘Music Instructor’ showing you: The Shanti Powa Puzzle

0.00 – 0.07 eine Gitarre, 0.07-0.09 ein Scratching zur Gitarre, 0.09-0.12 die Gitarre wieder, 0.12-0.18 Gitarre, 2 x das Wort “Yeah” und Scratching, 0.18-0.36 ein interessantes Pattern aus Gitarre, Drums, dem Wort “Yeah”, gescratchten Vocals und nach meinem Gefühl auch irgendwo dem Didgeridoo, 0.36-0.45 Rap (männlich), 0.45-0.55 Rap (weiblich), dazu jeweils Didgeridoo & Drums, 0.55-1.03 Toasting im Dancehall-Stil (männlich), schon nicht mehr ganz die trockene Rap-Intonation, 1.03-1.13 Soul-Rap (weiblich), auch etwas weicher nun in der Intonation als 20 Sekunden zuvor, 1.13-1.31 Klanggewitter im Rap-Metal-Stil, Gitarren dominieren, Raggamuffin-Tonlage (männlich), also Intonation jetzt im “Each one teach one”-Stil, sehr nah am Mikrofon bzw. nach vorne gemischt, für einen Chorus fehlt die Melodie, dennoch ist es der erste Chorus; 1.31-1.49 Gitarren-Riff (erstes Solo) im Stil von Bands wie Red Hot Chili Peppers oder Bush, 1.49-2.17 Acid Jazz-Atmosphäre, Soul-Rap (weiblich), Schlagzeug & Scratchings im Duell miteinander, unruhiges Musikbett, fiebrig, betriebsam, 2.17-2.34 “Yeah” wiederholt (weiblich), Scratchings gewinnen das Duell mit den Drums und übernehmen die Takt gebende Funktion, 2.34-3.08 dritte gerappte Strophe (männlich), 3.08-3.43 wie 1.13-1.49, 3.43 Schlussakkord von der Gitarre gezündet. “Money and fame, let it drop rain”, davon träumen sie am Anfang.

Was bedeutet ihnen Musik und wie bedeutsam sind sie für die Musikgeschichte?

Autobiographisch erfahren wir im sechsten Track, “Music Is Our Weapon”:

“My life is fulfilling with my band on my side […] on stage I’m killing with the mic”.

Für ihre moderne Weiterentwicklung von Ska wie auch von Hiphop bekamen sie von mir in meiner Radiosendung bereits 2017 den Preis für das “Development of Genres (2016)” verliehen. Sowohl Ska als auch Rock, “World Music” und Hiphop eröffnen sie neue Wege. Mit der Single-Auskopplung “Be Wise” (Anfang 2017) landeten sie in meinen Single-Jahrescharts 2017 mit 117 Punkten (Platz 2 kam mit Abstand auf 96 und Platz 3 auf 89 Punkte).

Auf dem neuen Album wird das Mikrofon öfter als zuletzt Sängerin Alice Yéoué überlassen. Das wird der Band ein weiteres Markenzeichen neben ihren wilden Sounds, ihrem disziplinierten Arbeiten, ihren ansprechend gestalteten CD-Verpackungs-Artworks und ihrer Multilingualität bescheren. Alice klingt recht unverwechselbar und auf dem Musikmarkt relativ einzigartig.

Ich finde das Album insgesamt sehr schön und kann keine besonders schwächeren oder stärkeren Songs erkennen. Jeder hat eine neue Geschichte zu erzählen und kommt mit individuellem neuen Schwung daher. Und Schwung kann Europa brauchen, allgemein und in der Reggae-Festival-Landschaft gerne auch!

Tourdates!

In diesem Sinne, hier noch die Tourdaten Frühjahr/Sommer 2018 der zur Zeit 13-köpfigen Shanti Powa:

18.05. (Fr.)  Club Vaudeville, Lindau (Bodensee)
19.05. (Sa.)  Surfhostel, Ummanz
25.05. (Fr.)  Musik & Frieden, Berlin
26.05. (Sa.)  Weltmusiktage, Salzgitter

15.06. (Fr.)  Klong Open Air, Toblach (Südtirol)
06.07. (Fr.)  Stadtfest, Kempten
14.07. (Sa.)  Overjam Festival, Tolmin (Slowenien)

21.07. (Sa.)  Kultival, Schweinfurt
22.07. (So.)  AKF, Afrika Karibik Fest, Wassertrüdingen
23.07. (Mo.)  Hoffest am Stein, Würzburg
26.07. (Do.)  Hill Vibes Festival, Telfs (Österreich)

02.08. (Do.)  Free & Easy, Backstage, München  –  Dieses Konzert ist gratis!
04.08. (Sa.)  Sommer in der Stadt, Amberg
05.08. (So.)  Kulturina, Gersthofen

Philipp Kause

Link: http://shantipowa.com/ (dort auch weitere Tour-Termine in Italien)

PS: Und so ist das Album entstanden…

Philipp Kause

About Philipp Kause

Philipp hat Musikethnologie studiert und verschiedenste Berufe in Journalismus, Marketing, Asylsozialberatung und als kaufmännischer Sachbearbeiter ausgeübt – immer jedenfalls stellt er Menschen Fragen. Er lebt zurzeit in Nürnberg, wo er die Sendung „Rastashock“ präsentiert, die seit 1988 auf Radio Z läuft.