Julian Marley „As I Am“ (Ghetto Youths International)

Julian Marley
„As I Am“
(Ghetto Youths International & Zojak World Wide – 2019)

Dass er schon mal für den Grammy nominiert war, ist keine große Überraschung. Für diesen werden alle Marley Clanmitglieder quasi in vorauseilendem Gehorsam nominiert. Alles was sie machen müssen, ist lediglich ein Album aufnehmen. Für Julian Marley, einen der Söhne von Bob Marley, war es das Album „Awake“. Obwohl er dafür 2010 nominiert war, ging der Preis – welch eine unerwartete Wendung! – an seinen Bruder Stephen Marley für das Album „Mind Control (Acoustic)“. Seitdem hat man von Julian nichts mehr gehört. Aber er hat die Zeit nicht im Selbstmitleid verbracht, sondern an neuen Songs gearbeitet. Die lange Zeitspanne erklärt er damit, dass gute Musik eben ihre Zeit braucht und er sich auch nicht genötigt sah, sich zu hetzen.

Für das siebzehn neue Songs umfassende Werk namens „As I Am“ hat er als Produzenten seine Grammy-Brüder Damian ‚Junior Gong‘ und Stephen Marley engagiert. Dazu hat er wohlbekannte, auch zum Teil mit Grammys ausgezeichnete Namen wie Shaggy, Beenie Man, Snoop Dogg und Spragga Benz mit ins Boot geholt. Alles Typen, die nicht gerade für ihre Conscious-Ausrichtung bekannt sind, obwohl sich Julian Marley gerne anders präsentieren möchte. Aber was soll’s. „As I Am“ sollte jedenfalls ein authentisches Gesamtwerk sein, das den Julian Marley so zeigt, wie er ist oder sich gerne sieht – Künstler, Visionär und Wohltäter. Als einen (weiteren) Marley-Sprössling, der die Reggae-Musik lebt und atmet.

Julian Marley

Aber wenn man sich erst einmal durch all den Dickicht aus typischem Marley-esquen Vokabular, bestehend aus Gemeinplätzen wie universal love, love is what we need, love is what the world needs und love is the answer, durchgekämpft und dabei das ganze Pathos ausgeblendet hat, wird klar, dass unser Julian neben Reggae auch andere musikalische Vorlieben hat. Er zelebriert den Siebziger-Funk in „Chalice Load“ und noch ältere Ska-Antiquitäten in „Baby Lotion“. Aber auch Elvis Presley-artiger Flirt-Gesang befindet sich in seinem Repertoire (‚girl show me love/ show me some romance‘), sowie Shaggy-sche Dancehall-Akrobationen in „Too Hot to Dance“. Stadion-Rock Plattitüden à la U2 mit aufgeblasenen Keyboards und seicht melodischen Gitarrenbegleitung sind dem Julian Marley auch nicht fremd, wie er es bei „Magic of Love (Compassion)“ nach allen Regeln der Kunst demonstriert.

Er feiert auch gerne Hip Hop und Dance Musik, wie er es uns mit „Can‘t Cool The Fire“ zu wissen gibt. Doch zwischen den gespielten Kopulationsversuchen und Love-Heraufbeschwörungen, findet Julian auch genügend Zeit in einer Vielzahl von Songs die aktuelle Weltlage zu kommentieren. Er findet es ist ‚too much war and bloodshed‘ bei „War Zone“, einem dieser Songs, die eher zu der besseren Seite des neuen Albums gehören. Genauso wie die, ja doch sehr gelungene, Eröffnung des Albums mit „Are You The One“, in der er tatsächlich zeigt, dass guter Reggae doch irgendwo in seinen Genen steckt. Diese kann sich nämlich mit Bobs besten One-Drop Balladen durchaus vergleichen lassen. Es ist halt für jeden was dabei, wie in einem Supermarkt. Zumal Julians Stimme wirklich an die seines Vaters erinnert.

Doch kann eine Musik, eine Kunst von Nostalgie allein leben? Allein dadurch, dass sie an etwas erinnert? Nun ja, offensichtlich kann sie das, wie uns der Marley-Klan von Grammy zum Grammy unter Beweis stellt. Vielleicht werden sie, neben Reggae, auch selbst irgendwann zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt werden. Das wäre doch wiederum einen neuen Grammy wert, oder?

Zvjezdan Markovic

Zvjezdan Markovic

About Zvjezdan Markovic

Langjähriger Reggae Enthusiast, der in Vergangenheit für diverse Musik Portale im Ausland geschrieben hat.