The Bittermen „Reverb and Alcohol“ (Fake Aunt Records)

the bittermen album cover

The Bittermen
„Reverb and Alcohol“
(Fake Aunt Records – 2019)

Sie sind down und sie sind under. Dass das Debütalbum dieser dreiköpfigen Band aus dem australischen Melbourne bislang völlig unter dem Radar geblieben ist, liegt vielleicht auch daran, dass sie selbst ihren Musikstil als von Reggae und Dub beeinflussten Indie Rock beschreiben. Also irgendwo dazwischen und nirgendwo so richtig. Dazu sind sie auch nicht gerade die typischen Reggae-Musiker. Sie sehen nicht so aus und reden auch nicht so. Anderseits haben auch The Police damals nicht ins Reggae-Milieu gepasst. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, die Bittermen mit den berühmten Briten teilen, sondern auch dieselbe musikalische Gratwanderung.

Nicht mal singen sie über die üblichen Sachen – weltbewegende Themen sind auf dem „Reverb and Alcohol“ nicht zu finden. Stattdessen haben wir hier drei ganz normale Jungs, die versuchen irgendwie über die Runden zu kommen. Und deren Leben sich an Wochenenden abspielt. Dazwischen tun sie, was sie tun müssen. Also arbeiten, eventuell Studium und so. Ernüchternd stellen sie fest: ‚Its‘s not gonna be allright / everything‘s not gonna be fine‘. Sie trinken viel Alkohol, rauchen den einen oder anderen Joint und verbringen ihre freien Abende in abgelegenen Bowlingzentren, Bars und sonstigen Schuppen, die lediglich an vergangene Größe erinnern. Genauso wie der Melbourner Stadtteil St Kilda, wo die Gruppe beheimatet ist, in dem glamouröse Restaurants und Cafés von besseren Zeit zeugen. Und das nun zum Surferparadies geworden ist, wo sich das Leben am Meer abspielt und die Partys dort an post-apokalyptische Lagerfeuer am Strand erinnern.

The Bittermen (Quelle Facebook)

Und vielleicht ist gerade diese Melancholie, die sich so passend zur Psychedelika von The Bittermens Musik fügt, das Eigentliche, die Kernaussage dieses Album, das als Sinnbild für den aktuellen Gemütszustand der westlichen Gesellschaft stehen könnte. Die Leere aber, die nach dem überbauten und nun vor sich hinsiechenden Turm von Babel geblieben ist, ist bei diesen Australiern einer neuen Lebensfreude gewichen, die es sich weiter unten, am Bodensatz der gesellschaftlichen Mitte gemütlich gemacht hat. Die Gosse hinter der glitzernden Fassade teilen sie sich dann auch mit The Clash, jedoch haben The Bittermen deren Idealismus nicht (mehr) und nehmen sich nicht so ganz für wichtig. In ihrem Video zum Song „On All Sides“ geben sie eine Parodie im Stile von Foo Fighters ab. Nur dass der Sänger und Gitarrist Andy Watkins darin keine Pippi-Langstrumpf-Zöpfe trägt, wie der Dave Grohl in „Learn to Fly“, sondern einen desinteressierten Service-Mitarbeiter mimt, der nur darauf wartet, endlich Feierabend zu machen.

Im Gegensatz dazu, krachen bei ihm immer wieder enthemmte Gitarrenriffs und chillige Stakkato-Folgen durch, zwischen all den tief-melodiösen Bässen. Oder es kommen dazu geschmeidige Bläser, die wie von einem auf Überresten von Fast Food und Plastikmüll herumtrampelnden Satyr hinausposaunt werden. Dazwischen erstrecken sich unterschwellig lang anhaltende Synth-Tepiche, die wie bekiffte Satellitensignale aus dem All klingen. Aber spätestens wenn Watkins in „Back of the Barina“ anfängt, sich nach John Holt in „Police in Helicopter“ anzuhören wird klar, dass diese Australier dem Reggae-Virus restlos verfallen sind. Und es ist nämlich eher andersrum: Sie spielen einen vom Indie-Rock beeinflussten Reggae. Und das ist auch gut so.

Zvjezdan Markovic

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About Zvjezdan Markovic

Immer auf der Suche nach neuen und alten Sounds, hat aber auch seit über 10 Jahren die schlechte Angewohnheit, darüber zu schreiben. (E-Mail zvjezdan[at]irieites.de)